Die Abwicklung

19. September 2014

Die AbwicklungJa, sie können es, die Amis! Erzählen! Schnörkellos, präzise und gefällig. George Packer beweist dies einmal mehr und hat mit seinem Buch “Die Abwicklung” noch dazu ein Werk geschaffen, das mit journalistischer Sorgfalt, politischer Haltung und großer Empathie für die Menschen sehr deutlich macht was im ““land of the free and the home of the brave” seit Ronald Reagan so alles schief läuft. Die Reaganomics zerstörten die seit dem New Deal einigermaßen gehaltene soziale Balance, höhlten die dafür zuständigen Institutionen, Verbände und Gewerkschaften aus und nahmen den Menschen die reale Möglichkeit, den gleichsam immer noch propagierten amerikanischen Traum überhaupt noch annähernd zu leben.

In Folge immer wahnwitzigerem Reichtums, immer elenderer Armut und immer größerem religiösen Fundamentalismus bricht Amerika auseinander – der amerikanische Traum wird abgewickelt. Packer erzählt anhand der Lebensläufe verschiedener Protagonisten aus allen Schichten: Die Arbeiterin, der Lobbyist und Politikberater, der Silicon Valley-Milliadär, der Unternehmer usw. Es entsteht eine packende Collage von Amerika und den Amerikanern.

Eine der großen amerikanischen Erzählungen unserer Zeit!

Der Holzindianer

5. August 2014

Hank Williams_Sings Kaw-Liga and Other Humorous Songs_LP_frontNeulich beim Neil Young-Konzert. Erst nahm ich ihn gar nicht wahr. Er stand einfach so stoisch auf der rechten Bühnenseite – der Holzindianer. Schaltete sich auch gar nicht ins Geschehen ein. Wobei sein Aktionsradius dennoch am Ende größer schien, als der des Bassisten, der als lebender Indianer im Bühnenzentrum den Stoiker gab.

Stattdessen schaute der alte Neil regelmäßig zwischen den Songs beim Holzindianer vorbei und hielt Zwiesprache, knuffte ihn vor die Brust oder schlug ihn auf die Schulter. Ganz so wie es sich gehört für jemanden, der seit Jahrzehnten mit einer Band namens „Crazy Horses“ unterwegs ist. Der Holzindianer als Bruder im Geiste und als Talisman.

Eben an die Bedeutung anknüpfend, da seine Wurzel ist. Halb Nachfahre der Totempfähle stolzer Indianerfamilien, halb amerikanische Garten- und Verandafigur. Gleichzeitig Zeichen der Unterwerfung der „Native Americans“ wie unschuldiges Folklore-Element – das schaffen nur die Amerikaner!  – wie Respektbezeugung für die stolze Geschichte der amerikanischen Ureinwohner. Neil Young weiß das und daher ist seine Geste eben keinesfalls despektierlich.

Und er kennt seine Geschichte der amerikanischen Populärmusik nur zu gut. Dem Holzindianer wurde ja von keinem Geringeren als dem großen Hank Williams ein Denkmal gesetzt. Und zwar ein ebenso humorvolles wie sentimentales wie charmantes: Kaw Liga. Die Geschichte des einsamen Holzindianers:

KAW-LIGA, was a wooden Indian standing by the door

He fell in love with an Indian maid over in the antique store

KAW-LIGA – A, just stood there and never let it show

So she could never answer “YES” or “NO”.

 

He always wore his Sunday feathers and held a tomahawk

The maiden wore her beads and braids and hoped someday he’d talk

KAW-LIGA – A, too stubborn to ever show a sign

Because his heart was made of knotty pine.

 

[Chorus:]

Poor ol’ KAW-LIGA, he never got a kiss

Poor ol’ KAW-LIGA, he don’t know what he missed

Is it any wonder that his face is red

KAW-LIGA, that poor ol’ wooden head.

Und so ist das Bühnenbild von Neil Young und sein Umgang mit dem Holzindianer nichts anderes als ein popkulturelles Zeichen: Für den Respekt vor den Indianern und der Geschichte der amerikanischen Populärmusik zugleich. Auch hier in dieser kleinen Geste zeigt sich die Größe von Neil Young, einem der wichtigsten nordamerikanischen Künstler unserer Zeit.

 

Hank Williams sings Kaw Liga:

 

Weiser Poet und gewaltiger Erzähler

11. Juli 2014

Bob Dylan in Flensburg

bob-dylan-and-his-bandAuch nach über 50 Jahren Musikerkarriere wird er nicht müde, uns unentwegt andere Gesichter seiner selbst zu zeigen. Ließ er in Mannheim 2011 dem Senioren-Gedudel des gut zehn Jahre jüngeren Mark Knopfler ein Krachkonzert mit Punk-Attitüde folgen, war er 2012 in Bad Mergentheim der launige Entertainer mit Kapitäns-Blazer am Flügel, so stellte er an diesem Juliabend in Flensburg ganz den Poeten und Erzähler in den Mittelpunkt des Konzerts. Selten in den letzten Jahren war er so gut bei Stimme und konzentrierte sich so auf den Gesang und die Worte. So wurde schnell klar: Hier will einer gehört werden.

Seit dem letzten Herbst spielt er sein „Tempest-Programm“ stets gleich bis auf einen oder zwei Songs. Der langjährige und weit gereiste Dylan-Fan hatte zweifellos Recht, als er uns gegenüber argumentierte, diese Gleichförmigkeit zeige, wie wichtig ihm diese Songs seien.

Und noch mehr als das. Das Programm, die Songs und ihre Reihenfolge stellen eine klare Dramaturgie auf. Dies ist keine zufällige Zusammenstellung wie in voran gegangenen Jahren. Mit „Things Have Changed“ stellt er das Manifest des alten Dylan bereits an den Anfang. Mit „She Belongs To Me“ geht er dann ganz weit zurück. Ein wunderschönes Lied über eine Frau, für die nehmen stets seliger denn geben ist. „Beyond The Horizon“ greift dann das ewige Glücksversprechen der Liebe auf.

Mit dem umgeschriebenen „Workingmans Blues #2“ dann der erste absolute Höhepunkt des Abends. Drei Ebenen des Kampfes gegen die Ungerechtigkeit, den „struggle“, umfasst der Song. Der Kampf der Menschheit gegen das Unheil der Geschichte, der des Proletariats gegen Ausbeutung und Verarmung und der persönliche Kampf gegen die Unbill des Lebens. Bei der gegenwärtigen Version des Songs zeigt sich auch wieder einmal welch großartiger Arrangeur er ist. Dylan deklamiert hier wie eine Art Traumerzählung, die sich im Laufe des Liedes vom hoffnungsvollen Kindertraum in den Albtraum verändert. Unheilvoll und schlingernd wirken die beiden Instrumentalpassagen zwischen der gesungenen Erzählung. Gänsehaut entsteht da, wie sie nur große Kunst erzeugen kann.

Nächster Höhepunkt ist dann „Pay In Blood“. Leidet der Songs auf dem Album noch darunter, dass Dylan – besonders zu Beginn – mehr faucht als singt – gewinnt  er hier durch His Bobness‘ starke Gesangsleistung. Wieder ein Song, der beweist: Lasst Euch nicht täuschen, dass die Lautstärke der Konzerte sanfter und der Künstler älter geworden ist – Dylan war, ist und bleibt der Meister des zornigen Songs. Er mag abgeklärter, hier und da auch routinierter, vor allem auch altersweise geworden sein. Ein altersmilder netter Onkel wird er in diesem Leben aber nicht mehr werden.

Nächster großer Höhepunkt nach der Pause: Die schönste Version von „Simple Twist Of Fate“ an die ich mich erinnern kann. Leichtfüßig, zärtlich und romantisch kommt sie daher. Ganz bittersüße Rückschau des 73-jährigen. Ein Klassiker über das alte Thema wie aus einer zufälligen Begegnung für eine Nacht eine lebenslange unerfüllte Erinnerung werden kann.

Unaufhaltbar strebt das Konzert nun seinem großen Finale entgegen. Dem großartigen doppelbödigen „Soon After Midnight“ folgt die bitterböse Lebensrückschau zweier, die sich erst geliebt, dann eher gemeinsam arrangiert und dann vor allem gemeinsam viel Leid erfahren haben. Mit grimmiger Entschlossenheit und spöttischer Schärfe steuert er auf die bitterböse Lebensbilanz zu: „Long And Wasted Years“. Tusch und Schluss. Ein faszinierender Song, der im Konzert ein markantes Ausrufezeichen setzt.

Diesmal wirken die beiden Zugaben auch nicht dran geklebt. Mit „All Along The Watchtower“ variiert er nochmals das Thema des Kampfes gegen die bedrohlichen Mächte und dem richtigen Weg aus dem falschen Leben, eher er „Blowin In The Wind“ so spielt wie nur es kann. Distanziert und trotzdem bewegend und notwendigerweise verspielt, um dem Song das jugendliche Pathos zu nehmen, ohne die Grundaussage in Frage stellen zu wollen. Genau hier schließt sich der Kreis. Wir leben nicht in der besten aller Welten. Die Sehnsucht nach einer besseren Welt darf man nicht verlieren, den naiven Glauben daran schon.

Während das Konzert endet, zieht draußen das Gewitter auf. Wieder einmal hat uns Bob Dylan „Zuflucht vor dem Sturm“ gegeben. Mit großer Poesie und gewaltiger Erzählkunst ist es ihm diesmal gelungen uns in den Bann zu ziehen. Mal schauen, wie es beim nächsten Mal sein wird.

Boyhood

10. Juni 2014

Boyhood_A4_Hauptplakat_4CJa, natürlich gehört Bob Dylans “Beyond The Horizon” zum Soundtrack des Films. Und ja, natürlich spielt Dylans langjähriger Tourgitarrist Charlie Sexton eine Nebenrolle im Film. Aber das ist wirklich nicht der Grund, warum ich diesen Film des Regisseurs Richard Linklater so sehr schätze. Nein das hat andere Gründe.

Zuerst einmal die Geschichte und wie sie erzählt wird. Voller Empathie für die Protagonisten. Schnörkellos und gerade aus. Und trotz der jahrelangen Entwicklung wirkt die Erzählung bruchlos und nutzt keinerlei Hilfsmittel wie Jahrestafeln oder Zeigefinger-Szenen, die erklären wo wir uns auf der Zeitschiene gerade gefunden. Stattdessen ist der Zeithorizont immer zu spüren, läuft kontinuierlich mit, ist ganz selbstverständlicher Teil dieses Films über das Heranwachsen in den ersten Jahren dieses Jahrtausends. Linklater schildert mit viel Wärme die Entwicklung des jungen Mason (Ellar Coltrane) sowie dessen Mutter und Schwester.

Und dann ist der Film aber auch reinstes Americana. Denn er handelt von einer texanischen Mittelstandsfamilie, die ständig darum kämpfen muss, sich über Wasser zu halten. In der US-amerikanischen Spielart des Kapitalismus sind selbst Hochschullehrer und Staatsbeamte nicht mehr in der Lage ihr Hauseigentum zu finanzieren. Aber auch die US-amerikanischen Militäreinsätze, das Problem der Jugendkriminalität, der christliche Fundamentalismus und die Waffenverliebtheit der Amerikaner sowie die Wahlkämpfe zwischen den Demokaten Obamas und den Republikanern sind selbstverständlicher Teil der Handlung. Ebenso wie Texas und Austin, die liberale Hauptstadt des konservativen Staates mitsamt ihrer Musikszene (und hier kommt dann auch Charlie Sexton ins Spiel).

Es ist ein trotz der mehr fast drei Stunden sehr kurzweiliger Film. Es ist ein erstaunlicher, anrührender, lustiger, realistischer und optimistischer Film. Einer der gesellschaftliche Probleme nicht ausblendet, aber sich davor hütet in allzu dicken Schwarz-Weiß-Schubladen zu operieren. Kurzum: Es ist ein zutiefst menschlicher Film, der auch nochmal klar macht, wofür Amerika außer für NSA, Drohnenkrieg und einen als Kalter Kriegs-Präsident herum irrlichternden ehemaligen Hoffnungsträger auch stehen kann: Für den Willen, auch gegen unliebsame äußere Umstände zu bestehen, für Verantwortung gegenüber dem Nächsten, für eine optimistische Sichtweise der Dinge und dem Talent gute Geschichten sehr gut zu erzählen.

Boyhood ist ein Filmjuwel. Nicht mehr und nicht weniger.

 

Und hier der Filmtrailer:

Jack White

4. Juni 2014

Blunderbuss-cover-image-300x300Der Bluesrock-Star als Musikhistoriker

Ich gebe zu, ich bin kein riesig-großer Bluesrock-Afficionado. Ich höre ihn schon, aber ich höre ihn vor allem gerne inmitten von breiter angelegten musikalischen Konzepten. Daher habe ich mich auch nicht sehr ausgiebig mit Jack Whites aktuellem Solowerk wie “Blunderbuss” beschäftigt, und auch die “White Stripes” habe ich eher mit höflichem Interesse, denn mit schierer Begeisterung gehört. Wobei mein Riesenrespekt der Leistung gilt, mit “Seven Nation Army” bereits Musikgeschichte geschrieben zu haben.

Nein, mein Zugang zu ihm und der Grund dieser Würdigung liegt in den Leistungen Whites als Musikhistoriker und – Bewahrer. White ist einer der ganz wichtigen Leute, die die amerikanische Populärmusik über enge Genregrenzen  hinweg bewahren und erforschen. Mögen die einen Blues spielen oder die anderen Bluegrass oder Old Time – Whites Verständnis ist breiter. So hat er in den letzten Jahren der Coalminer’s Daughter der Countrymusik, Loretta Lynn, ebenso zum Comeback verholfen wie der Rock’n’Roll-Veteranin Wanda Jackson, dem “Hurricane with Lipstick” (Bob Dylan), oder produziert mit Pokey LaFarge, einen Roots-Musiker an der Schnittstelle zwischen Old Time, Swing und Country.

Seinen neuesten Coup hat er nun als Co-Produzent von Neil Youngs neuer Platte “A Letter Home” gelandet. Er hat den Kanadier in die Dose singen lassen. In seinen “Voice-O-Graph”, einem Aufnahmegerät aus den 30er und 40er Jahren. Und zwar Musik aus dem 50er- und 60er Jahren. Entstanden sind knisternde, knarzende Tondokumente von Young mit voller Inbrunst gesungenen persönlichen Songfavoriten.

White und Young haben die Rückbesinnung auf retromäßige analoge Aufnahmetechniken – vorzugsweise an historischen Schauplätzen wie dem Studio A in Nashville oder den Sun Studios in Memphis auf die Spitze getrieben und etwas einzigartiges erschaffen. Nämlich eine Gelegenheit für jeden HiFi-Junkie mal wieder daran zu denken, dass gute Musik direkt in Kopf, Herz und Bauch geht, egal wie der Klang des Tonträgers und des Equipments ist. Die Musik von Jimmie Rodgers und der Carter Family, von den Mississippi Sheiks oder Robert Johnson hat die Menschen erfasst – mit Knistern, Knastern und Rauschen.

Was uns White seit einigen Jahren präsentiert ist lebendige Musikgeschichte. So wie er und Young gibt sich ansonsten so allumfassend nur Bob Dylan der Brauchtumspflege hin. Und in der Countrymusik der wunderbare Marty Stuart. Es bleibt zu hoffen, dass es hilft aus Musikkonsumenten bewusste Hörer zu machen.

Denn wie alt auch immer Volksmusik, Populärmusik, Country, Folk oder Blues sein mögen – es ist unsere Musik!

Beispiele gefällig? Einmal White mit der alten Folkballade “Wayfaring Stranger”, dann mit Wanda Jackson und dem Dylan-Song “Thunder On The Mountain”:

 

Rubin “Hurricane” Carter (1937 – 2014)

21. April 2014

Den ersten Bob Dylan-Song, den ich je bewusst gehört habe, war “Hurricane”. Im Herbst 1976 muss das gewesen sein, im Deutschunterricht (ja, so war das damals in den 70ern!). Der Song über denhurricane zu Unrecht wegen Mordes verurteilten Profiboxer faszinierte mich. Klasse Ohrwurm-Musik und dazu diese Haltung und dieser Gesang von Dylan: Voller Zorn, Anklage und einem Schuss Bitterkeit.

Es folgte die LP “Desire” (Erschienen 1976/ mit Leadtrack “Hurricane”!) beim Kaufhof in Darmstadt in einer preisgünstigen israelischen Pressung, die Greatest Hits-MC als Weihnachtsgeschenk, der Dylan Konzertfilm von 1976 zu Prime Time in der ARD ausgestrahlt (ja, so war das damals in den 70ern!) und später “Renaldo & Clara” und “The Last Waltz”. Meine Dylan-Anfangsjahre gaben mir so viel faszinierende Musik.

Darunter eben “Hurricane”. Einer der wenigen Songs, die auch heute noch in der Dylan-Originalfassung hin und wieder im Radio gespielt werden. Als wäre dieser Kerl mit seiner Musik immer noch zu verstörend fürs breite Publikum.

Verstörend war allerdings dieser Song “Hurrricane” schon. Weil Dylan, der angebliche Meister der wagen und unverbindlichen Songpoesie, hier es geschafft hatte, zu wohlklingender Musik einen Text zu schreiben, der mit genauester journalistischer Recherche aufzeigt, wie das Lügengeflecht und die Justiz- und Polizei-Intrigen gegen Rubin Carter gesponnen werden.

Rubin “Hurricane” Carters Kampf gegen diese Justizwillkür sollte viele Jahre dauern. Dylan hatte das Lied gemacht, und ein Konzert im Madison Square Garden “The Night Of The Hurricane” organisiert, bei dem auch Muhammad Ali für Carter eintrat. Doch es nutzte nichts, 1976 wurde die Revision abgelehnt.

Wie dieser Mann die Jahre in seiner kleinen Zelle überlebte, ohne zu verzweifeln, zu verbittern oder zu verrohen ist legendär und faszinierend. Erst 1985 wurde er – fast zwanzig Jahre nach dem Fehlurteil von 1967 – frei gesprochen. Immer wieder kam man dann mit Rubin Carter in Berührung. Er setzte sich nun selber wiederum für zu Unrecht verurteilte Menschen ein.

2000 erschien dann ein Hollywood-Film mit Denzel Washington als “Hurricane” in dem natürlich auch die Dylan-Geschichte und der Song vorkommen.

Den Song hat Dylan seit der “Night Of The Hurricane” nie mehr gesungen. Und doch ist dieser Song unsterblich, ebenso wie der Mann, dessen Geschichte er erzählt.

Rubin “Hurricane” Carter hat uns nun verlassen. In unseren Herzen und in unseren Gedanken wird er immer weiter leben. Rest In Peace, Hurricane!

Bob Dylan, “Hurricane”, live 1975:

Haus aus Erde

14. März 2014

Guthrie-Haus-aus-Erde-orgBei einer Recherche zu Bob Dylans Rolling Thunder Review entdeckten der Schauspieler Johnny Depp und der Historiker Douglas Brinkley Hinweise zu Woody Guthries Roman “Haus aus Erde”. Sie machten sich auf die Suche und wurden im Nachlass des Regisseurs Irving Lerner fündig. Eine Sensation! Woody Guthrie, amerikanischer Hobo, Poet  und Sozialist – Ikone des anderen Amerika – hatte nicht nur tausende Songs hinterlassen, sondern auch dieses Stück Literatur.

Und was für eines. Eigentlich passiert nicht viel in diesem Buch. Ein Paar – Tike und Ella May – lebt mehr schlecht als Recht auf gepachtetem Land in einer Holzhütte, die der Bank gehört. Doch bei allen Widrigkeiten des Wetters und den brutalen ökonomischen Fesseln des Großgrundbesitzers, verlieren sie nie ihre Träume, ihren Humor, ihre große Kameradschaft sowie ihren Kampfes- und Überlebenswillen.

Es ist ein ungemein sinnliches Buch, das der große Folksänger Woody Guthrie da geschrieben hat. Er beschreibt die Unbill der Natur so plastisch, dass man den Wind und den Sand auf seiner Haut spürt, die Gerüche in all ihren Ausformungen in der Nase hat, und einem die Weite des Landes wie auch die Enge der Hütte geistig wie körperlich erfasst.  Bedeutende so noch nicht da gewesene Literatur schafft Woody, indem er mit diesen Mitteln und einer geradezu expressionistischen Sprache einen Liebes- und Zeugungsakt über 30 Seiten (!) erzählt.

Die Schwangerschaft von Ella May, die Freude auf ein Kind, das wahrscheinlich in Armut aufwächst, und die Pläne und Träume von Tike, der eine Lehmhütte als zentrale Verbesserung und Emanzipation von Armut, Wetterwidrigkeiten und ökonomischer Unterdrückung ansieht, sowie dessen sexuell aufgeladenen Wortgefechte mit der Hebamme Blanche, bilden die weitere Entwicklung der Geschichte, ehe schließlich das Kind kommt und mit seinen Eltern in eine ungewisse Zukunft blickt.

Woody hat ein kleines, großes Buch geschrieben. Er hat dem klassenkämpferischen Pathos widerstanden und eine realistische Geschichte aus dem nördlichen Texas der 30er Jahre erzählt, als Sandstürme und Armut, die Menschen beschwerten. John Steinbeck hat vor diesem Hintergrund sein “Früchte des Zorns” geschrieben. Doch im Gegensatz zu Steinbecks Romanpersonal bleiben Woodys Leute hier, gehen nicht nach Kalifornien ins gelobte Land.

Woody hat den Roman erst 1947 vollendet. Doch er wurde weder verlegt, noch wie Woody es sich vorgestellt hatte, von Lerner verfilmt. Es mögen der Erfolg Steinbecks, die politische Situation im kalten Krieg und die explizit dargestellte Sexualität sein, die die Gründe waren, dass dieses Werk der Vergessenheit anheim gefallen ist.

Dieses Buch komplettiert das Bild des amerikanischen Volkssängers und Volksschriftstellers Woody Guthrie. Und wie Depp und Brinkley in ihrem Vorwort richtig schreiben, ist das zwar ein amerikanischer Roman, aber die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Mechanismen, die zu Armut, Hunger und Obdachlosigkeit führen, sind auch fast siebzig Jahre später weltweit die Gleichen.

Woody war, so bringt es auch dieses Buch zum Ausdruck, ein Linker, der nicht nur in Diskussionszirkeln überzeugen konnte, sondern wusste, wie die Menschen denken und sprechen, ganz nah bei ihnen war. Jemand wie Woody könnten wir heute so gut gebrauchen.

“Haus aus Erde” ist auf deutsch im Eichborn-Verlag erschienen.

Flensburg, Minnesota

25. Februar 2014

“Bob Dylan kommt nach Flensburg” titelte die SHZ euphorisch. Klar, sie hat die Musiklegende an die Ostsee gelockt. In die Flens-Arena. Oh je, wie die Hallen heute heißen!Dylanconcert

Überraschend für alle Dylan-Fans steuert unser liebster Orgel-Onkel dieses Jahr erneut Deutschland mit vier Konzerten an, obwohl er es letzten Herbst erst ausgiebig bereist hat. Und wieder spielt er zwei Konzerte im hohen Norden. Neben Flensburg geht es nach Rostock. Dann stehen noch Zwickau in Sachsen und München an. Und wieder kein Konzert in der Rhein-Main-Region. 2011 war er in Mainz, 2007 das letzte Mal in Frankfurt. Schade, Dylan in der Jahrhunderthalle war immer ein besonders Erlebnis.

Also zwingt uns der alte Bob wieder mal zum reisen. Diesmal haben wir uns also für Flensburg entschieden. Da oben ist es schön, da kennen wir Leute, da können wir wo andocken. Mal schauen, was er dieses Jahr so spielen wird. Nachdem er im Herbst bis auf zwei Ausnahmen immer die gleiche, von Tempest und dem Spätwerk dominierte Setlist aufgeführt hat, wird er uns bestimmt wieder überraschen. Die Japan-Tour wird richtungsweisend.

Ansonsten ruht still der See. Dylans Jahresanfangsig – in den letzten Jahren Gastauftritte im Weißen Haus, bei den Grammys oder bei einer Martin Scorsese-Ehrung – fiel diesmal aus. Stattdessen hat er in einem Chrysler-Werbespot beim Super-Bow mitgewirkt. Das war natürlich wieder kontrovers. Dylan macht Werbung, er macht es für Chrysler, er macht es mit patriotischen Tönen. Den besten Text dazu hat  Sean Wilentz geschrieben, der nachweist, dass Dylan während seiner ganzen Karriere über immer wieder einmal Partei für die amerikanischen Arbeiter ergriffen hat. Und weil Chrysler nach wie vor trotz italienischem Eigentümer in Detroit fertigen lässt, engagiert er sich hier: http://edition.cnn.com/2014/02/05/opinion/wilentz-dylan-selling-out/

Seine Plattenfirma hat unterdessen mal wieder was neues Altes auf den Markt geschmissen hat. Das Bobfest von 1992 in optimierter Klangqualität mit Bonustracks und auch als DVD und Blue Ray erhältlich. Das freut den Sammler und verkürzt die Wartezeit bis Flensburg, Minnesota.

Nebraska

15. Februar 2014

Nebraska_PosterNicht “Wolf Of Wall Street” oder “American Hustle” rühren uns dieser Tage an und erzählen uns Wahres aus Amerika, sondern ein schwarz-weißer Independent-Film voller karger Landschaften und alten Menschen: Alexander Paynes “Nebraska” mit dem mittlerweile 76-jährigen Bruce Dern in der Hauptrolle.

Er spielt den alten Woody, der tatsächlich einem Reklameschreiben glaubt und denkt, dass er eine Million Dollar gewonnen hätte. Er müsse es sich nur in Lincoln, Nebraska abholen. Also macht er sich trotz Abratens seiner Frau und seiner zweier Söhne mit dem Jüngeren der beiden auf den Weg von Billings, Montana nach Lincoln, Nebraska, über Wyoming und South Dakota, und macht Zwischenstation in seinem Geburtsort Hawthorne.

Hawthorne existiert in der Wirklichkeit nicht, dient dem Regisseur aber als Kristallisationspunkt seiner Geschichte. Nebraska erzählt vordergründig vom letzten großen Traum eines alten, verbitterten Mannes. Im Hintergrund jedoch geht es auch um den Niedergang des großen Traums Amerikas. Nichts wird mehr besser und nicht jeder hat seine Chance. Das Heartland Amerikas, das Woody und sein Sohn durchfahren, ist arm und überaltert. Ein Leben lang haben diese Menschen gearbeitet, um am Ende stumpf vorm Fernsehen oder beim Flaschenbier in der öden Dorfkneipe zu sitzen. Die Jüngeren haben zu kämpfen. Wenn sie nicht einigermaßen Fuß fassen, dann können sie zu Problemfällen werden. So wie die beiden Grenzdebilen Neffen Woodys.

Doch Payne ist kein Dokumentarfilmer wie Michael Moore und kein Schöpfer klassenkämpferischer Sozialdramen wie Ken Loach. Payne ist ein Hollywood-Regisseur, der gute Geschichten erzählen will. Und so ist “Nebraska” bei aller Langsamkeit nie langweilig, bei aller Kargheit kein leerer Film und bei aller Verbitterung und Verwitterung seiner Protagonisten nie ein trauriger Film. Skurrile Typen, amüsante Dialoge, starke Nebendarsteller – Woodys Frau! – und das richtige Setzen der Pointen machen Nebraska zu einem höchst unterhaltsamen Film.

Und letztendlich haben wir es ja hier doch mit Amerikanern zu tun. Auch wenn der Traum objektiv ausgeträumt ist und real gebrochen. Sie leben ihn weiter. Und so ist es Woodys wohl letzte Erfüllung, als er in dem ihm vom Sohn geschenkten Pick-Up eine Runde durch seinen Geburtsort fährt. “Ich hab’s geschafft. Ich haben meinen Traum wahr gemacht”, sagt diese Szene. Und balanciert gekonnt auf dem schmalen Grat zwischen erhaben, tragisch und lächerlich.

Aber lächerlich macht sich Payne nie über seine Figuren. Bei aller Skurrilität. Er nimmt sie ernst und zeigt Empathie. Und auch gerade deswegen wird ein kleiner Schwarz-Weiß-Film zu großem Kino!

Bob Dylan und Pete Seeger

5. Februar 2014

Leider spät erst komme ich dazu, hier ein paar Zeilen zu Pete Seegers Tod zu schreiben. Auf sein Ableben und seine Bedeutung für die Musik bin ich ja schon an anderer Stele eingegangen. Nun aber noch ein paar Worte zum Verhältnis von Dylan zu Seeger.

Ich denke, beide wussten um die Bedeutung des anderen, auch wenn sie sich künstlerisch so sehr voneinander entfernt hatten. Dylan steht für große Songpoesie, für Doppelbödigkeit und Fiktion, für Perspektivenwechsel, für das Spiel mit Erwartungen und Mythen. Seeger steht für das politisch engagierte Lied, für Authentizität, für den Künstler, der sich mit dem Publikum eins macht. Beide Konzepte sind legitim, sind notwendig und können Großes entstehen lassen.

Allerdings ist Dylan dadurch, dass er die Kanäle und Mechanismen des Musikbusiness nutzt, der mit der größeren Reichweite. Aber er ist auch der in diesem Musikbusiness, der die größte Autonomie und die größten Freiräume besitzt. Weil er sich nie – oder nur ganz selten – den Erwartungen von Plattenfirmen und Publikum beugte. Dylan ist der autonome Freigeist, der den Widerspruchsgeist beflügelt. Seeger war der musikalische Aktivist, der mit den Menschen gegen Unrecht kämpfte.

Beide waren und sind Stachel im Fleisch der Unterhaltungsindustrie. Hört man sich einfach mal die Formatradiosender an: Kein Dylan, kein Seeger weit und breit. Wenn sie gespielt werden, dann in unterirdischen Coverversionen von Peter Maffay oder Chris de Burgh. Denn Dylan und Seeger – so unterschiedlich sie auch sind – im Freigeist und im Widerstand gegen die herrschenden Verhältnisse – bleiben sie, auch wenn sie Teil davon sind, immer auch Sand im Getriebe der Unterhaltungsindustrie.

Und deswegen sind Sie beide auch große Künstler: Weil sie verstören.

Mein kurzer Nachruf auf Country.de:

http://www.country.de/2014/01/28/pete-seeger-ist-tot/


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