Johnny Cash: Forever Words – The Music

20. April 2018

Texte aus dem Nachlass von Johnny Cash wurden in wunderbarer Weise vertont und liefern einen neuen Blick auf die Legende des „Man in Black“

Wohl dem Künstler, der einen talentierten Nachlassverwalter hat. Bei Woody Guthrie sorgt seine Tochter Nora dafür, dass seine Musik und die Texte immer wieder neuen Generationen von Musikern nahegebracht werden. Die Aufnahmen von Wilco und Billy Bragg haben bereits Kultstatus und Del McCourys Vertonungen lieferten den Beweis, dass Woody tief im Innern ein Hillbilly-Musiker gewesen ist. In Hank Williams Familie war wenigstens jemand so schlau, dessen nachgelassene Texte dem großen Hank-Fan Bob Dylan zu überlassen, der sie dann mit vielen anderen Musikern unter dem Titel „Lost Notebooks“ vertonte. Nur nebenbei: Auch das Hank Williams-Museum in Montgomery, Alabama, das nichts anderes als eine runtergekommene Devotionalien-Rumpelkammer ist, würde einen guten Kurator dringend benötigen. Und Dylan selbst ist wiederum schon jetzt sein eigener Nachlassverwalter, er spielte eigene Texte aus der Basement-Tapes-Zeit T-Bone Burnett zu, der sie dann kongenial von einer Künstlerschar rund um Elvis Costello, Marcus Mumford und Rhiannon Giddens mit Musik unterlegen ließ.

Zu diesen gelungenen Projekten fügt sich nun auch „Johnny Cash: Forever Words – The Music“. In diesem Fall ist John Carter Cash der Nachlassverwalter. Als Singer-Songwriter weit im Schatten seiner Schwestern Rosanne und Carlene stehend, hat er mit der Pflege von Vater Johnnys Nachlass seine Berufung gefunden. Hatte man auch hier und da die Befürchtung, Carter Cash würde den Nachlass – Achtung Wortspiel! – zu sehr als reine „Cash-Cow“ betrachten, legt er mit diesem Album nun sein Meisterwerk vor. Unterstützt vom nordirischen Poeten Paul Muldoon und dem New Yorker Produzenten Steve Berkowitz wurden die Texte der 2016er Buchveröffentlichung „Forever Words“ gesichtet und mit sehr unterschiedlichen Musikern der Country- und Americana-Szene eingespielt. Das Spektrum reicht vom Mainstream Country-Star Brad Paisley über Altmeister wie John Mellencamp und T Bone Burnett bis hin zu den Töchtern Rosanne und Carlene. Am überraschendsten ist sicher die Mitwirkung des 2017 verstorbenen Grunge-Rockers Chris Dornell. Ganz am Anfang der Platte stehen natürlich die beiden Freunde und Weggefährten Kris Kristofferson und Willie Nelson, wunderschöne Beiträge haben auch Allison Krauss, Jewel und „I’m With Her“ beigesteuert.

Die Texte und Themen der Songs sagen einiges aus über Johnny Cashs Blick auf das Leben. Er war gläubig ohne missionarisch oder fanatisch zu sein. Er liebte die Menschen und hasste daher sinnlose Gewalt und Krieg. Rosannes Beitrag „The Walking Wounded“ über das Leiden eines Vietnam-Veteranen legt hiervon Zeugnis ab. Aber auch sehr persönlichen Themen hat sich Cash literarisch gestellt. Dornells Beitrag „You Never Knew My Mind entstand unmittelbar nach Cashs Scheidung von Vivian Liberto 1967.

Das Album zeigt noch einmal auf, wie Cash sich verstand. Auf der Seite der Beladenen auf der Seite der Liebe. Und daher ist Johnny Cash bei all seinen Widersprüchen keiner, den die heutige politische Rechte in den USA für sich reklamieren könnte. Und jeder Versuch wird von der Familie Cash auch in großer Einigkeit abgewehrt. Auch Johnny Cash steht für ein Amerika, das es so derzeit nicht mehr gibt. Umso wichtiger ist dieses Album, das eines der besten seiner Art ist. Respekt, John Carter Cash!

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Betty LaVette: Things Have Changed

20. April 2018

Bettye LaVette hat mit „Things Have Changed“ ein fantastisches Album aufgenommen, das viel mehr ist, als nur ein Dylan-Cover-Album.

Bob Dylan hat ein Oeuvre erschaffen, das einen schier unermesslichen amerikanischen Musikschatz darstellt. Jede Spielart der amerikanischen Populärmusik hat er sich im Laufe seiner Karriere angeeignet, sich in ihr ausgedrückt. Vom Folk und Blues zu Rock zu Country bis hin zu Gospel, Jazz, und Great American Songbook. Ja und es gibt auch Rap und Soul in seinem Werk zu finden. Man findet die Dylan-Soulmomente beispielsweise auf „Slow Train Coming“. Klar, denn er spielte ja schwarze Gospelmusik, da ist der Soul ja nahe. Aber auch auf „Infidels“ oder „Empire Burlesque“ gibt es sie. Oder man erinnere sich an seine großartige Version von Sam Cookes „A Change Is Gonna Come“ 2004 zum 70. Geburtstag des New Yorker Apollo Theater.

Daran hat sich Bettye LaVette nur teilweise orientiert. So sind auf ihrem neuen Album „Things Have Changed“ natürlich Coverversionen von „Do Right To Me Baby“ (Slow Train Coming), Don’t Fall Apart on Me Tonight (Infidels) sowie „Seeing The Real You At Last“ und „Emotionally Yours“ von „Empire Burlesque“ enthalten. Doch abseits des Naheliegenden hat sie auch ganz andere Songs in ihr Soul-Universum überführt. Sie hat sozusagen die Dylan-Momente aufgespürt, die in anderen Genres liegen und nur auf die „Ver-Soulung“ warten. Aber sie hat Dylans Songs nicht nur „ver-soult“, sie hat sie sich gänzlich angeeignet.

Denn wer hätte „Things Have Changed“ auf einer Soul-Platte erwartet. Aber warum denn nicht? Ist der Song doch eine Antwort des älteren Dylan auf „The Times They Are Changin“. Und war nicht Cookes Song eine Antwort auf Dylans „Blowin In The Wind“? Und Bettye singt auch das Lied der sich ändernden Zeiten auf dieser Platte. Aber auch „Political World“ oder „It Ain’t Me Babe“ hat sie überführt.

Mrs. LaVette sagt dazu, Sie habe nicht die Absicht gehabt ein Dylan-Tribut zu schaffen. Sie wollte sich die Songs für ihren Mund zurechtlegen. „Gerade als wären sie für mich geschrieben worden“. Und so wandelt sie das ohnehin doch ziemlich wandlungsfähige Dylan-Material – der Meister beweist das ja derzeit wieder Abend für Abend – geradezu genial zu Soul-Perlen. Auch indem sie die Texte für ihren Gebrauch – Geschlecht und Biografie sind hier entscheidend – hier und da umschreibt. Bettye LaVette hatte als junge Künstlerin alle Anlagen für eine große Karriere. Mit 16 Jahren hatte sie 1962 bereits einen US-Hit, danach versandete allerdings ihre Plattenkarriere, obwohl sie durchaus große Bühnenerfolge vorzuweisen hatte. Ihr erstes Album „Child of the Seventies“ wurde 1972 nicht veröffentlicht und sie kam erst im Jahr 2000 wieder ins Rampenlicht als das Debütalbum nachträglich herausgebracht wurde. Seitdem hat sie einige erfolgreiche und mehrfach ausgezeichnete Alben aufgenommen. Sie kennt also das Leben, sein „Auf und Ab“ und seine wundersamen Überraschungen.

„Things Have Changed“ ist eine Platte geworden, an der man einfach hängen bleibt. Sie ist spannungsgeladen, weil Bettye LaVette sich nicht schont und ziemlich tief in ihr Seelenleben blicken lässt, das von Lebensweisheit geprägt ist. Der Longplayer ist musikalisch spannend weil Keith Richards und Larry Campbell die Songs durch ihr perfektes Zusammenspiel in neue, unerwartete Richtungen führen und schon durch kleine musikalische Momente einen faszinierenden Sog schaffen.

Uns so ist es mich ist eines der besten Dylan-Coveralben überhaupt. Mehr noch, eines der besten Soul-Alben der letzten Jahre. It’s her masterpiece!


Zwischen SONiA und Bob

15. April 2018

Mit Sonia Rutstein auf der Bühne, bei Bob Dylan im Publikum – das sind die Dylan-Wochen des Jahres!

Nein, das hatte ich nicht erwartet. Ich hatte es irgendwann wohl mal als Wunsch geäußert, es aber im Eifer des Gefechts rund um das Konzert vergessen. Aber dann passierte es tatsächlich: Sonia Rutstein, die Cousine von Bob Dylan holte mich bei ihrem Konzert im Pädagogtheater zur Zugabe auf die Bühne. „Like A Rolling Stone“ als Duett von SONiA und mir hört sich gar nicht so schlecht an, man kann sich mittels eines Videos, das unten anzuschauen ist, davon überzeugen. Da sang also der „Dylan-Experte“ zusammen mit Dylans Cousine Sonia Rutstein dessen Klassiker „Like A Rolling Stone“. Das war schon toll und ein unvergessliches Erlebnis. So wie jeder Auftritt von Sonia Rutstein bei der immer mal wieder eine gewisse Familienähnlichkeit durchschlägt: Sie ist nicht sehr groß, sie ist quirlig und hat wilde Haare, spielt Mundharmonika und Gitarre. Und setzt die Worte wunderschön.

Sonia Rutsteins Poesie ist mal zärtlich, mal entschlossen, mal verständig, mal anklagend und stets human. Sie ist eine starke Stimme des anderen Amerika, für Frieden, Freiheit, Gleichheit, sexuelle Selbstbestimmung. Wohl auch deshalb nimmt sie sich mittlerweile im Frühjahr eine scheinbar immer länger währende Auszeit von „Trumpland“ und tourt ausgiebig durch die Bundesrepublik. Und hinterlässt eine Spur der Freude, der Wärme, des Mut Schöpfens gegen die Gefahren dieser Welt.

Zeitgleich mit Sonia mit Sonia tourt auch ihr Cousin namens Bob Dylan durch die bundesdeutschen Lande. Der, der von ihrer gemeinsamen Tante Harriet Rutstein, das Klavier spielen lernte. Und es nun Abend für Abend scheinbar immer perfekter zu Intonierung seiner Songs nutzt. Die Nachrichten über seine Konzerte in Österreich hören sich gut an. Er scheint mit großer Form direkt an die Konzerte aus dem vergangenen Jahr anzuknüpfen. Gut bei Stimme, verständlich in der Artikulation, voller Spielfreude. In Madrid hat er Ende März mit dem Publikum das gesamte „Desolation Row“ rhythmisch durchgeklatscht. Wir sehen ihn am 24. April in Baden-Baden. Man darf gespannt sein.

Ansonsten zieht dieser Dylan derzeit mal wieder alle Register. Erschien Ende des Jahres erstmals eine Zusammenstellung mit Live-Mitschnitten seiner Gospel-Jahre bei denen er ja durchaus fragwürdiges predigte, so hat sich Dylan dieser Tage nun an einem ungewöhnlichen Projekt beteiligt. Für einen Sampler mit Wedding Songs für gleichgeschlechtliche Paare hat er den American Songbook-Klassiker „She’s Funny That Way“ als „He’s Funny That Way“ beigesteuert und begeisterte sich richtig für das Projekt, wie man den Ausführungen des Produzenten entnehmen konnte. Auch dies kann man sich unten anhören.

Auch der Dylan im Jahr 2018, fast 77-jährig, schafft es noch, und zu überraschen. Was will man mehr?


Eine starke Stimme des anderen Amerika

11. April 2018

Sonia Rutstein singt gegen Trump und Hass, für Frieden, Freiheit und Gleichheit/ die mehrmals für den Grammy nominierte Singer-Songwriterin ist eine Cousine von Bob Dylan und kommt am 12. April bereits zum vierten Mal nach Darmstadt.

„Im Jahr 2015 hat sie erstmals bei „Americana im Pädagog“ gespielt, seitdem ist sie uns eine gute Freundin geworden und wir begrüßen sie nun am Donnerstag, 12. April, bereits zum vierten Mal in Darmstadt“, freut sich Thomas Waldherr, Kurator der von http://www.country.de präsentierten Konzertreihe im Darmstädter Pädagogtheater. Konzertbeginn im Theater im Pädagog (Pädagogstraße 5) ist 20 Uhr, der Eintritt beträgt 10 Euro. Karten für die Veranstaltung können im Vorverkauf online unter http://www.paedagogtheater.de erworben werden. Vorbestellungen sind unter 06151 – 66 01 306 telefonisch und unter theaterimpaedagog@gmx.de per E-Mail möglich.

Mit politischen Songs rund um den Globus
Sonia Rutstein, unter ihrem Bühnennamen SONiA derzeit unterwegs auf Deutschland-Tournee, singt gegen Homophobie, Kriegstreiberei und Rassismus. Engagiert und immer menschlich, aber nie mit Zeigefinger und Geboten, dazu musikalisch mitreißend. „Seit sie das erste Mal bei uns gespielt hat, hat sich die Welt drastisch verändert. Trump ist US-Präsident und autoritäre politische Bewegungen haben überall Zulauf. Da ist ihre Musik wichtiger denn je. Sie ist eine von Amerikas starken Stimmen für Freiheit, Frieden und Gleichheit“, bringt Waldherr ihre Botschaft auf den Punkt.

SONiAs musikalischer Werdegang begann 1987 mit der Gründung von „Disappear Fear“ einer Folk-Rock-Band mit ihrer Halbschwester Cindy. Nachdem sich Cindy aus familiären Gründen aus der Musik zurück, zog startete SONiA 1996 ihre Solokarriere. Ihre Texte haben oft progressive politische Themen wie Frieden und Völkerverständigung oder die Rechte von Homosexuellen, Bisexuellen und Transsexuellen, handeln aber auch von der Liebe und ihrem Leben in Baltimore. Ihr Bühnenleben führte sie bereits um den gesamten Globus. So gab sie Konzerte in Israel und Palästina, wo sie während des zweiten Libanonkrieges ihr Konzert in einem Schutzraum vor Bomben spielte, auf den Fidschi-Inseln, aber auch im Opernhaus von Sydney, Australien. SONiA überzeugt als Musikerin und Singer-Songwritern dank ihrer Passion für ihre Themen, der Ehrlichkeit ihrer Liedtexte sowie wegen ihrer warmherzigen, positiven und ausgewählten Mischung von Folk, Pop, Rock, Blues, Weltmusik und Americana. Mehrere ihrer Alben waren bereits für den Grammy nominiert.

Gegen Trump und Hass
Die Wahl von Donald Trump zum US-Präsident hat sie betroffen und wütend gemacht und so war sie damals natürlich beim „Women’s March To Washington“ dabei und hat sich jetzt auch solidarisch mit der Bewegung „March For Lives“ gezeigt. Einer ihrer neueren Songs heißt „Abraham“. Ohne Trump dabei beim Namen zu nennen stellt sie ihm positive politische Persönlichkeiten der Geschichte wie Abraham Lincoln, Mahatma Gandhi oder Martin Luther King entgegen. Ebenfalls eine Reaktion auf die politischen Verhältnisse in den USA ist ihr kombinierter Vortrag aus ihrem eigenen Song “Sink the Censorship,” und „Blowin In The Wind“, dem Klassiker ihres Cousins Bob Dylan. Ihre gemeinsame Tante Harriett Rutstein brachte dem jungen Robert Zimmermann übrigens die ersten Musiktöne am Klavier bei.

Erneutes Gastspiel in Darmstadt
Ihren Optimismus, ihre Hoffnung und ihre Menschlichkeit überträgt SONiA auf ihre Musik. Und dies macht sie auch als Künstlerin so einzigartig. Ihre Musik ist lyrisch und packend – vital und sensibel zugleich – ihre klare Stimme mal zart, mal kraftvoll und immer engagiert! Darmstadt kann sich mit Fug und Recht auf das erneute Gastspiel einer einzigartigen Künstlerin freuen.

Mehr Infos:
https://www.soniadisappearfear.com/

Karten:
https://paedagogtheater.de/sonia/

Trouble No More? Von wegen!

31. März 2018

Der Film zum Gospel-Bootleg ist nicht Fisch, nicht Fleisch, passt aber zu Ostern/ Dylan kommt auf Frühjahrs-Tournee nach Deutschland

Irgendjemand hat geschrieben der Film „Trouble No More“ wäre satirisch zu betrachten und meinte damit die überflüssigen Predigt-Sequenzen, die die Sehens- und Hörenwerten Dylan-Live-Passagen immer wieder unterbrechen. Ich habe damals, als die aktuelle Gospel-Bootleg-Zusammenstellung mit Film rausgekommen ist, sinngemäß geschrieben, dass das gut sei, da die Predigten, die Dylan damals wirklich gehalten hat, alles andere als rühmlich für ihn gewesen seien. Engstirnig, Borniert, Rachsüchtig. Da traf sich der frisch begeisterte Konvertit, der mit seinem neu gefundenen Glauben wohl eine große Lebenskrise für sich löste, sich ansonsten aber irgendwie sowohl getrieben als auch angefeindet fühlte, mit dem Gott des Zornes. Irgendwie mehr altes als neues Testament. Die Texte, die der Schauspieler nun im Film aufsagte waren so allgemein, wie klischeehaft, dass man sie nicht wirklich ernst nehmen kann. So war dann aber dieser Film auch irgendwie ein Überraschungs-Ei und passte ins Fernsehprogramm kurz vor Ostern. Dylans Passionsspiele sozusagen.

Dylan expressiv wie selten
Die Konzertbilder vermitteln, dass Dylan damals sein neu gefundener Glaube Kraft, Sicherheit und Spielfreude gegeben hat. Selten hat man Dylan, den Meister der performativen Reduktion, so expressiv und dem Publikum zugewandt gesehen. „Natürlich“ will man sagen, hatte er doch eine Botschaft. Und die Texte sind bekannt fragwürdig, wenn sie nicht eine gewisse Ambivalenz in der Antwort auf die Frage besitzen, wer denn da jetzt voller Liebe angesungen wird. Gott? Eine Frau? Oder ist Gott eine Frau? Anyway. Dass die Frauen in dieser Phase für Dylan eine besondere Bedeutung hatten, zeigen auch die fünf (!) schwarzen Backgroundsängerinnen. Mit denen soll er was gehabt haben, munkelt man. Man mag es glauben, sieht man dann ganz am Ende des Films das großartige Duett von Bob und Clydie King, das eben seine große Energie aus der Beziehung der beiden zu ziehen scheint.

Ärger und Sorgen kamen wieder
Aber spekulieren wir nicht weiter. Bobs Performance dieser Jahre war beseelt, seine Band und er waren richtig stark. Aber der Ärger und die Sorgen waren nicht weg, nur kurze Zeit verflogen. Denn kurz nachdem er mit „Infidels“ 1984 die „Born Again“-Phase hinter sich gelassen hatte, stürzte er in die künstlerische Krise, die außer den zwei Jahren mit Tom Petty ihn die ganzen 1980er Jahre in Beschlag nehmen sollte. Und wer ihn Anfang der 1990er auf einer Bühne sah, der hatte schon den Eindruck, dass da jemand ganz schön mit sich und seiner Musik zu kämpfen hatte. Erst die beiden Folk-Platten „Good As I Been To You“ und „World Gone Wrong“ scheinen ihn wieder in die Spur gebracht zu haben. Seit Mitte der 1990er Jahre sind seine Konzerte klar strukturiert und Dylan ist ein routinierter Bühnenkünstler geworden.

Wieder auf Deutschland-Tour
Mittlerweile bleiben die ganz großen Überraschungen im Konzert aus, im Gegensatz zu früheren Jahren ist die Setlist fast immer gleich. Aber: Dylan schafft es immer wieder, magische Momente zu zaubern, dann wenn der Text und die Performance wie im Augenblick entstanden wirken und ihre ganze Macht entfalten – dann ist die Musik-Legende Bob Dylan wieder der große Geschichtenerzähler, der Songwriter, dessen Lieder berühren.

Jetzt sind diese magischen Momente wieder live zu erleben, denn Bob Dylan beginnt am 12. April in Neu-Ulm seine Deutschland-Tournee, die ihn u.a. auch nach Krefeld, Nürnberg und Baden-Baden führen wird.

Trouble No More ist bis zum 28. April auf arte.tv zu sehen:
https://www.arte.tv/de/videos/079444-000-A/bob-dylan-trouble-no-more/

Ry Cooder

6. März 2018

Er ist eine wirkliche Musiklegende. Wobei er weniger als Solokünstler in der ersten Reihe, denn als Soundtrack-Komponist (Paris, Texas), Weltmusik-Projektförderer (Buena Vista Social Club u.a.) und Slide-Guitar Sidekick der Extraklasse für so berühmte Kollegen wie Eric Clapton oder Bob Dylan bekannt geworden ist.

Es gibt da dieses schöne Video in dem Bob Dylan Woodys „Do Re Mi“ singt. Er macht es großartig. Aber er macht das auf einem Klangteppich, der sehr fein von Van Dyke Parks und eben Ry Cooder gewebt wird. Ry Cooder ist einer der wichtigsten Musiker und stillen Stars der US-Musikszene und auch einer, der schon Americana gemacht hat, als dieser Begriff noch kein Label war.

Seine letzte Platte datierte aus dem Jahr 2012. Sein Album „Election Special“ hat schon damals vorweggenommen was bei einem republikanischen Wahlerfolg zu erwarten ist: Die Zerschlagung der staatlichen und sozialen Gemeinschaft der USA zugunsten der Interessen der Wirtschaft und eines christlich-fundamentalistischen Sozialdarwinismus. Donald Trump hat diese negativen Erwartungen noch einmal übertroffen.

Sein neues Album „The Prodigal Son“ vermisst nun das moderne Amerika mittels traditioneller Songs von den Pilgrim Travellers, den Stanley Brothers, Blind Willie Johnson sowie eigenen Kompositionen von Cooder. „Es ist“, so Cooder, ein rascher Kommentar zur unserer von kränkelnder Moral gekennzeichneten Lage…Ich verbinde die politisch-ökonomische Dimension mit dem Seelenleben der Menschen, denn die Menschen werden in unserer heutigen Welt von allen Seiten gefährdet und unterdrückt.“

Es ist also eine sehr dunkle, ernste Lagebeschreibung, die Cooder da abliefert. Und so spürt Cooder beim Hören und spielen dieser Songs Ehrfurcht und Respekt. Denn ganz nach der Krankenpflege-Ausbilderin seiner Enkelin, die aus Kaschmir stammt, soll nicht Religion gelehrt werden, sondern Respekt und Ehrfurcht.

Und so verlässt Cooder trotz seines lupenreinen Americana-Albums den typisch-amerikanisch-konservativ-gottesfürchtigen Referenzrahmen zugunsten eines wahren Humanismus. Und bleibt so auch mit 70 Jahren. ein unbequemer weltoffener Mahner.

„The Prodigal Son“ erscheint am 11. Mai bei Caroline (Universal Music).



Love Songs

9. Februar 2018

Woody Guthrie Tribute in Darmstadt

Dreimal hat nun schon ein Musikernetzwerk aus dem Rhein-Main-Gebiet mit großem Line-Up die Songs des anderen Amerika auf die Bühne gebracht. Was aus der Wut über die Präsidentschaft Donald Trumps zum ersten Mal im Januar letzten Jahres bei „Americana im Pädagog“ unter dem Titel „Love Songs Für The Other America“ so hervorragend angenommen wurde, ist in diesem Jahr beim großen Woody Guthrie-Tribute erneut im Darmstädter Pädagogkeller und mit den „Love Songs For Freedom & Equality“ im Frankfurter „Bett“ fortgeführt worden. Zweimal ausverkauftes Haus im Darmstädter TIP und ein gut gefülltes „Bett“ zeigen: Die Lieder treffen den Nerv der Menschen.

In Zeiten, in denen Autokraten und Rechtsextreme auf dem Vormarsch sind und die SPD – bzw. besser gesagt ihr Führungspersonal – die Partei inhaltlich nicht erneuern will (Absolute Ignoranz gegenüber den politischen Ansätzen von Jeremy Corby, Bernie Sanders oder den portugiesischen Sozialisten) – und sich stattdessen mit dem „Weiter so!“ mit ein paar Pflastern auf den neoliberalen Wunden in eine erneute großen Koalition flüchtet, sind die Lieder für eine andere, bessere und gerechtere Gesellschaft aktueller denn je.

Sichtlich ergriffen und bewegt lauschen die Menschen der Musik und geduldig und interessiert hören sie dann im Pädagogkeller und im Bett auch den Vorträgen zu. Wissend, dass diese Musik für etwas steht. Für eine Haltung, für eine gesellschaftliche Sichtweise, die eben auch ausgesprochen werden muss, genauso wie es sich lohnt auf die Umstände der Entstehung dieser Songs hinzuweisen. Die Linie führt von den Arbeitskämpfen der Bergarbeiter in Kentucky über die gewerkschaftliche Organisierung in den 1930er und 40er Jahren und den Songs gegen Kriegstreiberei und Rassismus aus den 1960ern bis zu den heutigen Liedern gegen Sexismus und Umweltzerstörung. Der enthemmte Kapitalismus hat für kein Problem dieser Zeit eine Lösung, denn er ist ihre Ursache.

Musikalisch sind die Konzerte vom feinsten. Da treffen „alte“ Fahrensleute von Folk und Americana in Deutschland wie Markus Rill, Wolf Schubert-K. und Helt Oncale auf Newcomer wie Brian Kenneth oder Dana Maria. Allen gemeinsam ist das Americana als ihr musikalischer Ausdruck. Country, Blues, Folk, Gospel. Harmoniegesang, Fiddle, Banjo. Fingerpicking und Gitarren-Duelle. Liebe und Respekt für alte und neue Songs. Dazu eigenes Songwriting auf höchstem Niveau. Da tut sich was in der deutschen Americana-Szene! Verbreiten wir es weiter, lassen wir nicht locker. Wir sind auf dem richtigen Weg!

Mandoline Orange

9. Februar 2018

Photo by Scott McCormick

Es war ein ganz feines, ruhiges, intensives, wunderschönes Konzert, das Mandoline Orange da vor wenigen Tagen in der Frankfurter Brotfabrik gespielt haben. Andrew Marlin und Emily Frantz sind seit 2009 als Duo unterwegs, ihre Folkmusik fußt auf Mountain Music und Bluegrass ihrer Heimat North Carolina.

Ihre Musik war auch an diesem Abend nie schnell, sondern langsam und höchstens Midtempo. Aber instrumentell und vom Songwriting her auf höchstem Niveau, und daher keine Sekunde langweilig. Insbesondere Andrews Mandolinen- und Emilys Geigenspiel verzaubern, verzücken und entführen die Hörerinnen und Hörer. Sie verstehen es, gut eineinhalb Stunden das Publikum in der gut gefüllten Brotfabrik auf eine melancholische Reise mitzunehmen.

Sie spielen dabei eine ganze Menge Songs ihres aktuellen Albums „Blindfaller“. Das großartige „Wildfire“, die traurige Ballade über die ewige amerikanische Wunde Bürgerkrieg oder „Gospel Shoes“ über die Instrumentalisierung der Religion zu politischen Zwecken. Die Magie, die sich an diesem Abend aufbaut, beruht auch auf der engen musikalischen Verbindung von Andrew und Emily, die im Zusammenspiel beinahe blind harmonieren. Ihr wunderschöner Harmoniegesang – auch eine Appalachen-Tradition – ist dann das Sahnehäubchen auf dem großartigen Vortrag.

Und als sie dann wiederkommen, nachdem die Rausschmeißermusik schon gestartet wurde, und die vielleicht schönste Coverversion von Bob Dylans „Boots Of Spanish Leather“, die man je gehört hat, dem Publikum zum Abschied mit auf den Weg geben, kann dieses Konzert dann endgültig nur mit dem Begriff „legendär“ bezeichnet werden. Wer dabei war kann sich glücklich schätzen!

Yannick Monot: Cajun und Zydeco

3. Februar 2018

Cajun ist die Musik der französisch-stämmigen Bewohner Louisianas, Zydeco ihre Fusion mit afro-kreolischer Musik. In Deutschland hat sich Yannick Monot um ihre Popularisierung verdient gemacht. Sein neues Album „Encore On Tour“ ist absolut hörenswert.

Yannick Monot, Foto: Promo

Cajun ist die ganz eigentümliche Volksmusik der französisch-stämmigen Einwohner Louisianas, der Cajuns. Gepaart mit afro-kreolischer Musik wird sie zum Zydeco. Kaum ein anderer Musiker hat sich um die Popularisierung in Deutschland so verdient gemacht wie Yannick Monot.

Anfang der 1970er entdeckte der Bretone und Weltenbummler Monot diese Musik für sich. 1976 gründete er dann in Deutschland seine erste Cajun-Band mit dem Namen „Le Clou“. 1987 folgte dann das Bandprojekt „Yannick Monot & Nouvelle France“. Der amerikanische Cajun-Sänger Johnnie Allen sagte damals über ihn: „Mein Freund Yannick Monot erweist sich als echter europäischer Botschafter des Cajun & Zydeco. Unsere Österreich-Tour war ein Riesenerfolg. Das Publikum hat ihn geliebt.“

Und in der Tat: Es ist schon verdammt schwer, den schnurrbärtigen, temperamentvollen Musiker nicht zu mögen. Ob auf der Bühne oder im Studio: Seine sympathische und beschwingte Art öffnet die Herzen für seine Musik. Mit „Encore On Tour“ hat er vor kurzem anlässlich des 30-jährigen Bühnenjubiläums der Formation ein packendes Live-Album veröffentlicht. 11 Songs sind darauf, die die ganze Bandbreite der Musik von „Yannick Monot & Nouvelle France“ darstellen. Cajun-Walzer, Two Steps, aber auch Zydeco und Blues. Sowohl Standards dieser Musikrichtungen, als auch Eigenkompositionen. All das haben die Jungs um Yannick Monot drauf.

Und wie sie das haben! Auf dem Live-Album spürt man förmlich wie Monot und seine Mitstreiter Michael Schmelzer (Schlagzeug), Eckehard Limberg (Geige, Gesang), Fred Böhle (Gitarre Gesang) und Gerd Vieluf (Bass) das Publikum einfangen und mit auf die Reise von Kanada – da wo die Cajuns ursprünglich lebten, bevor sie von den Briten dort vertrieben wurden – bis in die Sümpfe von Louisiana und in die Metropole New Orleans nehmen.

Es ist ein großartiges „Gute Laune-Album“ und macht Appetit auf mehr. Und das ist auch gar nicht so schwierig. Denn Yannick spielt immer irgendwo. Ob mit Nouvelle France, im Duo mit Helt Oncale, im International Cajun Trio (hier stößt Biber Herrmann dazu) oder mit der Louisiana Band – Yannick Monot ist immer unterwegs als Botschafter für Cajun & Zydeco.

Das Album ist zu beziehen über die Webseite http://www.yannick-monot.de.

„Street Rock“: Hip Hop und Protestkultur

19. Januar 2018

Die Themen „Protestsongs“ und „politische Lieder“ werden mich das ganze Jahr über begleiten. Nach dem großen Woody Guthrie-Tribute in Darmstadt und den „Lovesongs For Freedom & Equality“ am 27. Januar im Frankfurter „Bett“ später im Jahr u.a. auch wieder bei Seminaren für die Volkshochschule Darmstadt und die Fridtjof Nansen-Stiftung.

Die amerikanische Folkmusikerin Ani DiFranco hat in einem starken Interview für die Zeitschrift „Folker“ u.a. auch gefordert, „unsere Vorstellung von dem zu erweitern, woher die Protestkunst kommt“ und damit auch viele Hip Hop-Künstler gemeint.

Hip Hop als emanzipatorische Bewegung gegen Ungleichheit und Rassismus
Und in der Tat viele denken bei Hip und Rap leider vor allem an Goldkettenbehängte „Gangsta“-Rapper, die voller Stolz ihre Gewaltbereitschaft, ihre Geldgeilheit und ihre Frauenfeindlichkeit zur Schau stellen. Dies ist der tragische Teil der Geschichte des Hip Hop, der eigentlich als emanzipatorische Bewegung gegen soziale Ungleichheit und Rassismus in den schwarzen Ghettos Ende der 1970er entstanden ist und so etwas wie eine Nachfolge des Black Power Soul & Funk der frühen 1970er Jahre war.

Das Musikbusiness ist aber oftmals unerbittlich und hat vorwiegend das Vermarktungsinteresse im Blickpunkt. Und als man in den 1990er Jahren bemerkte, das die simpleren, Gewalt, Obszönität und Kriminalität verherrlichenden Rap-Texte sich bei Jugendlichen besser verkaufen ließen, als anspruchsvollere und gesellschaftskritische Texte, da baute sich jedes Label seinen „Gangsta“ auf und man förderte die Konkurrenz im Plattenverkauf und in der Fan-Community durch eine mal inszenierte, mal echte, mal richtig mörderische Konkurrenz im echten Leben. Anstatt sich kollektiv für die gesellschaftliche Gleichheit der Schwarzen in den USA einzusetzen, bedienten die Gangsta-Rapper weiße Vorurteile und boten dem weißen Publikum gleichzeitig das altbekannte ambivalente Faszinosum des „animalischen Schwarzen“. Das Musikbusiness hatte die gesellschaftskritische Wurzel des Hip Hop zumindest phasenweise erfolgreich getilgt.

Mittlerweile ist der absolute Siegeszug des Gangsta-Rap längst gebrochen und die Hip Hop Kultur als soziale Protestbewegung wieder in den Vordergrund gerückt. In den USA zieht sich eine Linie von Kurtis Blow über Public Enemy, Arrested Development und den Black Eyed Peas hin zu aktuellen Acts, die immer wieder den Hip Hop gesellschaftskritisch und nicht hedonistisch begründen. In dieser Art hat sich auch eine Spielart von Hip Hop in den französischen Banlieues von Paris und Marseille etabliert.

Trifft der „Hip Hip-Godfather“ den „Songwriter-Papst“
Hip Hop ist heute eine globale Musik und daher ihr Einfluss auf andere Musikgenres beträchtlich. Da passt es doch, nochmal in die frühen Jahre des Hip Hop zu gehen und an eine besondere Zusammenarbeit zu erinnern. Kurtis Blow, „Godfather“ des Hip Hop und Bob Dylan haben 1986 zusammen einen Song namens „Street Rock“ aufgenommen. Bob Dylan, der ja 1965 mit „Subterranean Homesick Blues“ einen Song aufgenommen hat, der durchaus Rap-Gesang-Qualitäten hat und gleichzeitig immer noch als Protestsänger wahrgenommen wird, scheint für Kurtis Blow ein Wunschpartner für diesen „Protestsong“ gewesen zu sein. Gleichzeitig war Bob Dylan in den 1980er Jahren sehr an der neuen Sprechgesangspoesie interessiert. Während für viele Dylan-Afficionados dieses Duett als Symptom von Dylans künstlerischer Krise in den 1980ern angesehen wird , halte ich es für eine Verbeugung Dylans vor dieser afroamerikanischen Musikkultur und bestätigt für mich wieder einmal seine offene und interessierte Haltung gegenüber allen Musikstilen, die ihn seit jeher ausgezeichnet hat.

Hören wir hier also nun „Street Rock: