Forever Willie!

22. Juni 2016

willie_headshot2„Forever wi – ah- ah – ah – ah – ah – ah – ah -ild, Forever wild!“, tönt es seit Tagen aus meinem Lautsprechern und ich tanze durchs Zimmer. Ja, Wille meldet sich zurück und es ist schön wie immer. Die Songs klingen wie immer wohlbekannt und doch ganz neu und frisch. Die Lyrics sind so einfach wie genial, also einfach genial. Der Mann und seine Musik machen einfach gute Laune und ich erinnere mich an ein Konzert von ihm im Frankfurter „Nachtleben“, da haben wir stundenlang durchgetanzt.

Er hat Haltung, keine Attitüde, und verbindet Folk-Rock mit Ramones, The Clash und Tom Petty, vereint in sich Dylan, Springsteen und Lou Reed. Also das Beste, was die schon oftmals totgesagte Rockmusik zu bieten hat. Denn Willie lebt die Ideale des Rock, ist Humanist und besitzt Selbstironie. Da schenken wir uns die Nörgelei am komischen Albumtitel „World War Willie“ samt Cover und erfreuen uns am schon erwähnten „Forever Wild“, der Hymne „Let’s All Come Together“, „When Levon Sings“, dem Song für Levon Helm, dem Herz und der Seele von The Band, und überhaupt allen Songs und tanzen und singen und summen und tanzen und singen und…..

Melancholy Mood

5. Mai 2016

Melancholy MoodJetzt hat er uns doch wieder drangekriegt. Als Anfang des Jahres durchsickerte, Bob Dylan nehme in den legendären Capitol-Studios in Los Angeles auf, hofften viele auf etwas Neues. Nach dem Sinatra-Album nun vielleicht Bluegrass, Gospel oder Country? Die Anwesenheit von Marty Stuart und seinen Jungs im Nachbarstudio befeuerte das Wunschdenken. Doch es ist wieder einmal anders gekommen.

Dylan schlägt derzeit seine Haken, indem er sie unterlässt. Er ist unberechenbar berechenbar geworden. Also doch Great American Songbook/Frank Sinatra-Tribute Nr. 2. „Fallen Angels“ heißt das neue Werk, das am 20. dieses Monats erscheinen wird. Vorab erschien die Vier-Track-EP „Melancholy Mood“. Vier Songs, die dann auf „Fallen Angels“ enthalten sein werden und die er teils bereits in seinen Konzerten in Japan gesungen hat. Beide Tonträger basieren wohl Großteils auf Material von den Sessions zu „Shadows In The Night“.

Und sie sind noch besser als das bisher erschienene. Die Band hat einen erstaunlichen Jazz-Groove gefunden und streut sogar einen Tempowechsel ein. „This Old Black Magic Calles Love“ ist sensationell, gerade auch wegen Dylans Stimme. Wir erinnern uns an das grässliche Bellen mit dem er auf Tempest „Pay In Blood“ eröffnete. Nun säuselt und croont er sanft, hält die hohen Töne, ohne dass die Stimme bricht.

Der alte Wolf hat viel Kreide gefressen. Doch ein Schaf ist er deswegen noch lange nicht. Seine Konzerte erzählen in ihrer klaren Dramaturgie und in all ihrer Doppelbödigkeit und Schärfe von den Veränderungen innerhalb eines Lebens, von der Verwunderung über eine geliebte Frau, von Verlust, Schmerz, dem Nebeneinanderherleben, vom Tod und von der Frage nach dem Warum, deren Antwort der Wind fortgetragen hat und dessen Antwort doch nur Liebesschmerz ist.
Und Dylan bleibt der Meister der Doppelbödigkeit. „Fallen Angels“ würde natürlich zu dem Sujet der gefallenen Frau passen, zu den Filmen der „Schwarzen Serie“, an die sich auch sein Video zu „The Night We Called It A Day“ anlehnt. Aber nein, das Coverfoto des neuen Album führt uns auf eine andere Fährte. Dylan bleibt im Gangstergenre der 1930er und 1940er Jahre. „Fallen Angels“ ist ein Spielkartentrick.

Und Bob Dylan bleibt so bei allen ewigen und ernsten Themen mit dem er sich in der Maske des 40er Jahre-Crooners befasst, doch der ewige Trickster. Erleichterung macht sich da breit.

Dylan Hour III – Radio Darmstadt – Do,21.04.16- Sendezeit: 21.00-23.00

20. April 2016

bob-dylanbyWilliam ClaxtonModeration: Marco Demel und Thomas Waldherr
Das Spätwerk. Teil1: „Love & Theft“ und Modern Times

103,4 MHz und http://www.radiodarmstadt.de

Die monatliche DylanHour, die die nun über ein halbes Jahrhundert andauernde Karriere von Bob Dylan anlässlich seines bevorstehenden 75. Geburtstag noch einmal Revue passieren lassen und herausragende Schaffensphasen in Erinnerung rufen möchte, wird sich diese Sendung seinem Spätwerk widmen, welches er 2001 mit dem Album „Love & Theft einläutete und 2006 mit Modern Times fortsetzte.

Die DylanHour beschäftigt sich mit der Musik, den Songs und den Lyrics, wirft immer wieder einen Blick auf Dylans Methoden der Textkomposition, untermalt von Übersetzungen der Texte, biographischen und literarischen Hintergrundinformationen. Lebensphilosophie, Weltanschauung, Sinnsuche und die selbstauferlegte Wächterfunktion des American Songbook, das Erinnern an die Wurzeln der amerikanischen Populärmusik spiegeln sich in den Songs dieses Musikers wieder.
Bob Dylan, der Vater des Americana, der er seit den Basement Tapes ist, entlehnt vieles in seinen neuen Stücken uralten Blues oder Countrysongs.
„ Love And Theft“ – so lautet der Titel und damit das Motto des einen Albums.

Das Nachfolger-Album trägt den Titel Modern Times . Auch auf diesem Album gibt uns Dylan wieder die verlorene Einfachheit der alten Songs zurück, die in unseren modernen Zeiten vergessen worden ist.

Dylans Kreativität war im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrtausends überbordend wie zuletzt Mitte der 60er und 70er Jahre. 2003 drehte er den Film Masked & Anonymous. Die Einbettung von Musik und Film, Konzeption von Drehbuchs und Soundtrack , Dylans weit aufgefächerter Kosmos der Themen wie etwa Macht, Verlust und Sehnsucht zeichnet das großartige Spätwerk dieses Musikers aus.

Dylan verströmt auf beiden Alben eine geerdete Stimmung in der Beschreibung der Welt, genauer gesagt Amerikas, ausgehend von Stimmen, die der Vergangenheit dieses Landes entstammen, immer wieder von alten Songs und ihren Strukturen, von Liedtexten, die längst schon in vielen Versionen dargeboten worden sind. Man merkt es deutlich und kann es heraushören. Der Lebensabend ist eingeläutet, der Vertrag mit dem Leben wird schon bald nicht mehr verlängert.
Dylan findet sich damit ab und lässt mit seiner Musik seine Hörer teilhaben an seiner Gefühlswelt.
Diese Sendung beschreibt die erste Phase seines Spätwerks, bevor wir am 19. Mai kurz vor seinem 75. Geburtstag in der Dylan-Neuzeit ankommen und unseren Hörern die aktuellsten Alben Tempest und Shadows in the Night vorstellen werden.

Merle Haggard

17. April 2016

Merle_Box_Cover

Über Mel Haggard sind in den vergangenen Tagen seit seinem Tod sehr viele gute Beiträge zu lesen gewesen, allem voran auf country.de, dem deutschsprachigen
Country-Onlinemagazin. Dem hatte und habe ich nicht viel hinzuzufügen und dennoch dachte ich mir, dass auf einer Seite, die sich nun schon seit fast sieben Jahren mit Bob Dylan und Americana beschäftigt, sich eine Würdigung von Merle Haggard einfach gehört. Also hier ein paar persönliche Gedanken.

Jeder weiß, und das steht ja auch über diesem Blog, dass ich über Bob Dylan musikalisch sozialisiert wurde. D.h. auch, dass ich viele Künstler erst durch ihn kennen- bzw. schätzen gelernt habe. Merle Haggard ist so ein typischer Fall. Ich habe ihn erst spät entdeckt. Für mich war er viele Jahre nicht mehr als ein bekannter Countrysänger, von dem ich eine Best of-Kompilation im Plattenregal hatte. Und was ich von ihm kannte – „Okie from Muskogee“ – war ja auch eher schlecht beleumundet.

Doch dann kam ja Anfang des Jahrtausends für mich die Entdeckung der Old Time Music und dann hatte Dylan 2005 den alten Merle für sein Vorprogramm verpflichtet und den Song Workingmans Blues #2 – also ein direkter Merle-Bezug – auf seinem 2006er Album „Modern Times“ veröffentlicht. Und ich dachte mir, was soll das jetzt? Also begann ich zu forschen und zu recherchieren. Ich entdeckte den original „Workingmans Blues“. Ich entdeckte Merles Vorliebe für Jimmie Rodgers und holte mir seine Tributalben zu dem „Singin‘ Brakeman“ und zu den Bristol Sessions. Ich sah eine interessante Doku über ihn und las in einem Interview, wie kritisch er die Politik der Republikaner in den USA sah. Ich staunte über seine Songlyrik und über sein Ansehen bei Musikern wie Joan Baez, Kinky Friedman oder Kris Kristofferson. Ich hatte viel Spaß mit seinen neueren Alben und seiner Zusammenarbeit mit Willie Nelson – Cool Old Cats! Und der Video zu „We’re All Going To Pot, wie ironisch da Merle und Willie am Joint zogen. „We don’t smoke Marihuana in Muskogee“- hahaha!

Dann kam Angang 2015 Dylans atemberaubende Music Cares-Rede und ihre verstörende Haggard-Passage, die Dylan umgehend noch einmal klar stellte. Nein, er hat nichts gegen den Merle von heute. Er ist mit ihm getourt und hätte ihn gerne als Fiddler für sein Jimmie Rodgers-Projekt gewonnen. Aber in den 60er Jahren, da hätte ihn Haggard mit den Hippies, die er damals nicht leiden konnte, in einen Topf geworden. Und dann sagt Dylan dann etwas sehr entscheidendes: „Merle Haggard zählt heute eher zur Gegenkultur“.

Und doch war dieser Merle Haggard, so sehr ich ihn bewundere, stets eine ambivalente Erscheinung. Als wir ihn letztes Jahr in den Staaten in North Carolina noch bei einem Konzert sehen durften, da war das musikalisch großartig, Atmosphäre und Publikum jedoch recht speziell. Alle waren weiß, alle trugen Basecaps und Karohemd, nur wenige Cowboyhut. „America Is Great“ sowie „If you don’t love it, leave it“ waren auf Merles Devotionalien so dick aufgetragen, dass es schwer verdaulich war. Aber wohl eindeutig zielgruppengerecht. Sie haben ihn geliebt, aber sie haben seine Songs sicher nie so ironisch verstanden, wie er den „Okie from Muskogee“ zuletzt gerne verkauft hat. Es waren die weißen amerikanischen Arbeiter und Farmer, die Merle Haggards Konzert in North Carolina besucht haben. Diejenigen, die in ihrer prekären sozialen Situation Zuflucht im rückwärtsgewandten Patriotismus suchen. Und es ist sicherlich nicht zu gewagt anzunehmen, dass viele von denen jetzt auch Donald Trump-Fans sind.

Merle Haggard ist somit einer dieser Künstler, die immer weit toleranter und geistig freier sind als ihr Publikum, und die einfach nicht rauskommen aus ihrer Schublade, so sehr sie sich auch bemühen und somit auch stets gezwungen sind oder sich gezwungen fühlen, ihre alten Fans und deren Lebens- und Gedankenwelt zu bedienen. Und dennoch jeden Respekt verdienen, weil sie künstlerisch großartiges geschaffen haben. Und das hat Merle Haggard. Wie kaum ein anderer in Countrymusik.

Kinky Friedman sang im letzten Jahr auf Tour stets Haggards „Hungry Eyes“ und kündigte den Song mit den Worten „der ist von dem großen amerikanischen Songwriter Merle Haggard“ an. Merle hinterlässt eine große Lücke. Gut, dass ich ihn noch erleben durfte.

SONiA Rutstein

1. April 2016

SONiA1Phil Ochs ist ihr Vorbild, sie ist die Cousine von Bob Dylan und ihre Live-Auftritte sind mitreißend

Ich kann mich noch gut erinnern an ihren ersten Auftritt bei „Americana im Pädagog“ im letzten Jahr. Das Echo hatte im Vorfeld einen großen Artikel über sie veröffentlicht, sie als tolle Songwriterin und Cousine von Bob Dylan gewürdigt und auf ihre Vorliebe für die Songs von Phil Ochs hingewiesen. Der Boden war bereitet.

Doch ihr Konzert hätte mehr Zuschauer verdient gehabt, denn es war der erste schöne, laue Frühlingsabend 2015 und die Leute zog es nicht in Massen den Keller hinunter. Die Berichterstatterin des Echos schrieb dennoch eine fabelhafte Konzertkritik, denn wer nicht da gewesen war, der hatte wirklich etwas verpasst.

Mit wie viel Energie und Temperament diese kleine, zierliche Frau die Bühne einnimmt, ist mitreißend. Sie singt Folkmusik mit Rock- und Pop-Appeal und ihre Lieder handeln von der Liebe und von der Menschlichkeit und wenden sich gegen Homophobie, Rassismus und Krieg. Ihre Musik ist lyrisch und packend – vital und sensibel zugleich – ihre klare Stimme mal zart, mal kraftvoll.

Sie ist eine bemerkenswerte Künstlerin, der die ganz große Karriere verwehrt blieb, aber sich dabei stets treu geblieben ist. Und sie ist ein wunderbarer Mensch auf den ich mich einfach sehr freue. Am nächsten Donnerstag, 7. April (20 Uhr/Eintritt 10 Euro), spielt sie erneut im Pädagog. Welcome back, SONiA!

Karten zum Konzert von SONiA können im Vorverkauf online unter http://www.paedagogtheater.de erworben werden. Vorbestellungen sind unter + 49 (0) 6151 – 66 01 306 telefonisch und unter theaterimpaedagog@gmx.de per E-Mail möglich.

Und hier eine kleine Video-Playlist von SONiA:

Bernie oder doch Hillary?

24. März 2016

Wer soll demokratischer Präsidentschaftskandidat werden?

Das fortschrittliche Amerika ist uneins. Wie die Republikaner und Trump besiegen? Bernie Sanders setzt auf eine linkssozialdemokratische Agenda, die angesichtsWhite House der aktuellen Zustände in Amerika schon einer „sozialen Revolution“ gleichkommen. Dabei greift er auf nichts anderes zurück, als dass Amerika einen New Deal braucht. Hillary Clinton spielt die Karte des erfahrenen und vernünftigen in der Mitte des politischen Spektrums angesiedelten Politikprofis. Ihr Makel: Sie gehört zu den Einkommensmillionären und ist schon ewig bei allem dabei gewesen.

Seit 1993 waren die USA 16 Jahre lang von demokratischen Präsidenten regiert. Zwar gab es von Bill Clinton und von Barack Obama immer Ansätze, die US-Gesellschaft sozialer und gerechter zu gestalten. Aber da man dafür den Einfluss von Banken und Konzernen beschneiden müsste und gerade die Wall Street eher demokratisch orientiert ist, ließ man die Verhältnisse und die neoliberale Logik substantiell unangetastet. Also sind Arbeits- und Perspektivlosigkeit für weite Teile der Bevölkerung gestiegen. Das hat nun zur Folge, dass das schon unter Reagan verlorene traditionelle Klientel der amerikanischen Arbeiterklasse und der Süden immer desparater weiter nach rechts driftet. Waren die politischen Auseinandersetzungen bislang immer zwischen den konservativen und liberalen Eliten des Establishments geführt worden, so hat der erbarmungswürdige Zustand weiter Bereiche der amerikanischen Gesellschaft zu Gegenentwicklungen geführt, die nicht einfach, so wie es einige hierzulande tun, als rechts- oder linksradikalen Populismus in einen Topf geworfen werden können.
Denn Trump steht für Hass, Gewalt, Autoritarismus und reaktionärem Roll-Back. Frauenfeindlich und homophob. Sanders steht für soziale Gerechtigkeit, um die Gesellschaft zusammenzuhalten. Wie gesagt: New Deal. Künstler wie Steve Earle, Jeff Tweedy oder die Red Hot Chili Peppers unterstützen ihn. Dieser Tage hat sich jedoch der Gründer des „Rolling Stone“ – ehemalige Postille der Gegenkultur dessen deutscher Lizenznehmer die Axel Springer AG ist – zu Wort gemeldet. Jann S. Wenner hat sich unmissverständlich für Hillary ausgesprochen. Eines der Hauptargumente: Wahlen werden in der Mitte gewonnen. Eine beliebte Denkfigur. Doch was ist da dran?

Wir stehen vor einem besonderen Problem. In den kapitalistischen Ländern erodiert nach dreieinhalb Jahrzehnten neoliberaler Herrschaft die Mittelschicht zusehends. Abstiegsängste führen zu irrationalem und rechtsorientiertem Wahlverhalten, weil es als einzige wirkliche Alternative wahrgenommen wird. Dass das Prekariat schon seit langem nicht mehr zur Wahl geht und nun ebenfalls wieder in den neuen Rechten eine Alternative sieht, wird von den sich in der Mitte drängelnden Parteien schlicht ignoriert.

Wer aber die Mittelschicht bewahren will, der muss radikal sozialdemokratische Politik betreiben, der muss Sicherung gegen Abstieg, Aufstiegschance und solidarische Teilhabe ermöglichen. Der muss die fortschrittlichen Teile der Mittelschicht und die Teile des Prekariats gewinnen, die noch nicht auf Trump festgelegt sind. Für die USA kann das nur heißen: Nicht Bernie oder Hillary, sondern Hillary und Bernie. Beide müssen eine Koalition für das fortschrittliche Amerika schließen. Hillary muss ihre Werte Erfahrung und Vernunft mit Demut und partieller programmatischer Neuorientierung ergänzen. Und Bernie muss die Entschiedenheit seiner politischen Agenda und die jugendliche Basis seiner Graswurzel-Bewegung einbringen. Und beide zusammen müssen für den notwendigen neuen New Deal einstehen, der nach außen einhergehen muss mit Befriedung sowie Entwicklungs- und Bildungspolitik anstatt Kriegseinsätzen und Drohnenkriegen in Serie, die zu immer mehr Elend, Unglück und zu noch größeren politischen Problemen führen.

Und das Establishment in den USA hat auch die Wahl. Nämlich zwischen sich einzuschränken und einen zivilisatorisch und sozial gebändigten Kapitalismus durch einen neuen New Deal zu bejahen, auch wenn damit Abstriche an der eigenen Macht verbunden sind oder uneinsichtig und sehenden Auges dem wahnwitzigen antidemokratischen und antizivilisatorischen Trump die Macht im Land zu überlassen. Amerika hat die Wahl. Noch.

Großartig: Deterings dekonstruierende Dylan-Deutungen

20. März 2016

Detering„Die Stimmen aus der Unterwelt. Bob Dylans Mysterienspiele“ stellt Dylans Spätwerk in den Mittelpunkt der Betrachtung

Kongenial! Ja, liebe Leute ich versteige mich zu diesem Begriff, kongenial! Anders kann man Heinrich Deterings intellektuell-vergnügliche Bildungsreise durch Bob Dylans Spätwerk einfach nicht bezeichnen. Mit seinem neuen Dylan-Buch „Die Stimmen aus der Unterwelt. Bob Dylans Mysterienspiele“ liefert er eine Analyse der späten Dylan’schen Songspoesie, die auf lange Zeit unerreicht sein und für alle Dylan-Deuter einen unerlässlichen Bezugsrahmen bilden wird.

Und Deterings Bildungsreise geht nicht im gemächlichen Trab, sondern im Galopp. Voller Freude am Aufspüren und Finden nimmt er uns als gutgelaunter Reiseführer mit auf die Tour durch das Dylan-Universum. Der Autor- man merkt es ihm an – ist offensichtlich begeistert von seinem Objekt des wissenschaftlichen Interesses. Und das ist nicht nur legitim, das ist auch gut so, denn es ist erkenntnisfördernd. Wie er die „geheimen“ Verbindungen von Dylans Spätwerk zu antiken Quellen Quellen wie Homer oder Ovid und zum mittelalterlichen Mysterienspiel freilegt, ist so schlüssig wie tempo- und pointenreich und absolut mitreißend.

Sicher, Dylans Songs – und deswegen ist er so ein großer Songwriter – funktionieren auch, ohne dass der Hörer weiß, aus welchem Werk der Weltliteratur dieses Zitat, oder jener Halbsatz stammt. Aber die Bedeutungsebenen und -Tiefe der Songs werden vervielfacht dadurch. Zwei Songs mögen hier als Beispiel genügen und deutlich machen, welche Horizonte Deterings Deutungen öffnen.

Da ist zum einen „Workingmans Blues #2“ vom Album „Modern Times. In direkter Anspielung auf Merle Haggards Countrysong „Workingmans Blues“ erzählt er eine ganz andere Geschichte als der Countrysänger in den 60er Jahren. Konnte Haggards Workingman noch stolz darauf sein, arbeiten zu können und keine Sozialhilfe in Anspruch zu nehmen, bekommt Dylans Protagonist angesichts von Globalisierung und Konkurrenzdruck keine Arbeit mehr bzw. wenn, dann zu Dumping-Löhnen, von denen er nicht leben kann. Er lebt in tiefer Armut. Hier zeigt sich, dass bei Dylan die konkrete Zeit, in der die Songs spielen völlig nebensächlich wird: „Time Out Of Mind“, wie seine Platte 1997 hieß. Denn die Armut, die da geschildert wird, ist mit modernem ökonomischem Vokabular begründet, aber mit uralten Bluespoesie aus der Zeit der großen Depression beschrieben. Gleichzeitig träumt sich der Protagonist aus seiner Ausweglosigkeit in eine Art romantischer Wild West-Szenerie und in Seefahrer-Phantasien. Die Worte letzterer Phantasie sind nichts geringerem als Ovids Werken „Tristia“ und „Epistulae ex Ponto“ entlehnt.

Am Ende wird dieser „Workingman“ tot sein. Schaurig, aber unaufhaltsam. Und Dylans Song wird zu einer Totenklage eines Sterbenden, in der sich Blues und Ovid, Karl Marx und Country treffen. Dylans Collagentechnik ist verblüffend, belesen und intellektuell ausgereift, aber nie zufällig willkürlich. Dylan, so zeigt es Detering auf, ist ein Großmeister der Textkomposition.

© Sony Music

© Sony Music

Zweites Beispiel ist „Roll On John“. Was beim ersten Hören als sentimentale und bildreiche Hommage an den ermordeten Weggefährten John Lennon wahrnehmbar ist, wird durch Deterings dekonstruierender Deutungstechnik als spannende tiefgründige Text-Collage wahrgenommen, die Lennon zum Odysseus ohne Wiederkehr stilisiert. Denn tatsächlich, so Detering, überblendet Dylan das Leben Dylans mit der Odyssee von Homer. Der Unterschied: Dem Seefahrer John wird die Möglichkeit, nach Hause zurückzukehren, gewaltsam genommen. Wieder ein Protagonist, der das Ende seines Liedes nicht überlebt. Und neben Lennons Leben und Homers Versen, stand auch William Blakes romantisches Poem „Tyger, tyger“ ebenso wie die vielen traurigen Geschichten gescheiterter Westernhelden wie „Billy The Kid“ ( in einer dessen Verfilmungen Dylan als „Alias“ selbst mitwirkte) Pate eines Nachruf und einer bedrückenden Totenklage für denjenigen, der zu bestimmten Zeiten auch einer der schärfsten Kritiker Dylans war.

Deterings Dylan ist ein großer Geist, der aus Liebe Diebstahl begeht, indem er älteste antike Überlieferungen wie die Odyssee und Shakespeare – „Willie, The Shake“ – ebenso plündert wie die mittelalterlichen Mysterienspiele, die Texturen des Blues, die Brecht’sche Dramatik, die Briefe des Ovid oder die Country- und Westernsongs Amerikas, um sie in aussagekräftige Songtexte collagenartig zu transformieren.

Souverän erhebt sich dieser Dylan über Raum und Zeit. Denn ihm geht es um universelle Menschheitsgeschichten. Und so wie Shakespeare und Homer bis heute ihre Bedeutung haben, weil sie universellen Menschheitsfragen auf den Grund gehen, so wird dies im besten Falle auch mit Dylan geschehen.
Warum das so sein sollte, belegt Heinrich Detering in seinem neuen Buch eindrucksvoll und – ich wiederhole mich gern – kongenial. Ein Buch, das nicht nur für Dylan-Freunde interessant ist. Auf Deterings Vorträge und Lesungen kann man sich zu Recht freuen.

Heinrich Detering, Die Stimmen aus der Unterwelt. Bob Dylans Mysterienspiele, C.H. Beck, Gebunden, 256 Seiten, 19,95 Euro.

Heinrich Detering hält am 24. Mai im Rahmen der großen Geburtstagsfeier für Bob Dylan im Darmstädter Pädagogtheater einen Vortrag zu Dylans Spätwerk. Karten kann man hier kaufen:
http://paedagogtheater.de/veranstaltungsprogramm/happydylan/

Markus Berges: Die Köchin von Bob Dylan

13. März 2016

Die Köchin von Bob DylanWieder versucht ein Autor sich daran, einen fiktiven Roman mit der Figur Bob Dylan zu verknüpfen. Was bei Liaty Pisanis „Der Spion und der Rockstar“ gerade noch als bizarr durchging, bei Maik Brüggemeyers „Catfish“ als ernsthaft bemüht aber letztlich zu verkrampft zu werten ist, hinterlässt einen bei Markus Berges‘ neuem Roman „Die Köchin von Bob Dylan“ hingegen sehr positiv gestimmt.

Denn Berges führt Dylan als netten, sonderlichen alten Herrn in den Roman ein, ohne ihn der Lächerlichkeit preis zu geben. Der Respekt des Songwriters Berges vor einem Säulenheiligen seiner Zunft und viel echte Empathie für die unermüdlich tourende bald 75-jährige Musiklegende lässt Berges Schilderungen von Dylan und seinem Leben auf der Tour zu kleinen, wunderbaren Miniaturen werden, die einen guten Kontrast zum tragischen Leben von Jasmin Nickenigs Großvater Florentinius Malsam abgeben.

Berges gelingt hier das Kunststück, in einer Sprache, die in ihrer Menschlichkeit und Wärme für die Figuren an den großen Joseph Roth erinnert, das tragische Leben des deutschstämmigen Ukrainers Florentinius zwischen Stalinismus, Nazismus und Krieg so zu erzählen, dass es realistisch und berührend ist, dass es Grausamkeiten nicht ausspart, aber auch sich nicht daran weidet.

Und so ganz nebenbei gelingt ihm auch am Beispiel von Jasmin Nickenig noch eine realistische Schilderung der Generation der „thirty-somethings“ zwischen der früheren Begeisterung für „Irgendwas mit Medien“ und der späteren Ernüchterung, trotz alledem irgendwie bedeutungs- und perspektivlos in der Sackgasse gelandet zu sein.

Berges, der schon als Songschreiber einer der ungewöhnlichsten im Land ist, bestätigt das auch als Romancier. Schade, sagt man sich bei diesem Buch, dass er sich noch nicht an die ganz große Form gewagt hat. Denn die Geschichte von Florentinius Malsam und seiner Zeit schreit gerade nach einer noch ausführlicheren Behandlung. Vielleicht greift Berges ja Figur und Thema noch einmal auf. Und vielleicht braucht er dann auch Bob Dylan nicht mehr dazu.

Markus Berges, Die Köchin von Bob Dylan, Rowohlt Berlin, Gebunden, 288 Seiten, 19,95 Euro.

Neu: Die „Dylan-Hour“ bei Radio Darmstadt

30. Januar 2016
Photo Credits: Sony Music, William Claxton

Photo Credits: Sony Music, William Claxton

Anlässlich des 75. Geburtstages von Bob Dylan in diesem Jahr haben sich die beiden Darmstädter Dylan-Enthusiasten Marco Demel und Thomas Waldherr etwas Besonderes einfallen lassen: Im Vorfeld der großen Darmstädter Dylan-Geburtstagsfeier am 24. Mai im Theater im Pädagog werden sie ab dem 18. Februar jeden dritten Donnerstag im Monat von 21 – 23 Uhr bei Radio Darmstadt die „Dylan-Hour“ über den Äther schicken.

In der Dylan-Hour – die ganz dylanesk zwei Stunden beträgt – steht in jeder Sendung eine Schaffensperiode der Musiklegende im Mittelpunkt. Los geht es im Februar mit den Basement Tapes, am 17. März folgt die Epsiode „Von Desire zu Hard Rain“, am 21. April fachsimpeln die beiden langjährigen Bobfans über Dylan, Sinatra und das „Great American Songbook“ und am 19. Mai soll sich alles um das Spätwerk des US-Barden mit den Alben „Love And Theft“, „Modern Times“ und „Tempest“ drehen.

Aber auch nach Dylans Geburtstag möchten die beiden ihr Werk fortsetzen. Ideen gibt es genug, die Planungen laufen auch hierfür schon in Kürze an.

Radio Darmstadt: 103,4 MHZ oder Webradio auf http://www.radiodarmstadt.de .

Happy Birthday, Steve Earle!

17. Januar 2016

Steve_Earle_070Steve Earle hier vorstellen zu wollen, hieße wirklich Eulen nach Athen zu tragen. Vor gar nicht allzu langer Zeit war er wieder auf Deutschland-Tour und da er ein unheimlich produktiver Querdenker ist, gibt es auch immer wieder etwas zu vermelden. Wie jüngst auch seinen Song, der offensiv den Staat Mississippi auffordert, die konföderierte Kriegsflagge als Bestandteil der Landesfahne zu entfernen.

Dieser Tage (17. Januar) wurde der Rebell der Countrymusik, der nicht nur wegen seines persönlichen Freiheitsdranges sich gegen den Mainstream stellt, sondern auch, weil er klare politische und gesellschaftliche Ansichten hat, 61 Jahre alt. Und wer ihn in diesen Tagen im Konzert erleben durfte, der hat einen Mann gesehen, der vor Energie und Kreativität nur so strotzt, und der noch dazu auch als Person selten so aufgeräumt wirkte wie heute.

Steve Earles Stern ging Mitte der 1980er Jahre auf. Er war einer der – neben Dwight Yoakam oder Lyle Lovett – die Country mit Rock-Attitüde verbanden, und als große Hoffnungen gefeiert wurden. Sein Debüt-Album „Guitar Town“ von 1986 war ein beachtlicher Einstand und „Copperhead Road“ von 1988 wurde ein großer Erfolg. Doch Earle war wohl vom Lebensstil derjenige, der wirklich am meisten Rock’n’Roll war. Denn der Absturz folgte jäh.

Alkohol- und Heroinsucht brachten ihn in Todesnähe. Doch Earle ging nicht den tragischen Weg anderer großer Musiker wie Hank Williams, Brian Jones oder Janis Joplin. Earle besitzt ein Überlebensgen. ob er seine Dämonen besiegt hat, wissen wir nicht. Er hat sie zumindest im Griff.

Im Gegensatz zu seinem guten Freund Townes van Zandt, der viel zu früh wegen ihnen verstorben ist. Nach ihm hat er seinen Sohn Justin Townes genannt und für ihn wollte er einmal in seinen Cowboystiefeln auf Bob Dylans Kaffeetisch steigen und ihn als „den größten Songwriter der ganzen Welt“ anpreisen. Wobei dieser Großmaul-Attitüde zum Trotz, er auch Bob Dylan seine ganze Karriere immer wieder gewürdigt hat und Dylans Songs ganz selbstverständlich zu seinem Live-Repertoire gehören.

Seit Ende der 1990er Jahre bringt Steve Earle regelmäßig großartige Platten heraus und hat sich in dieser Zeit deutlich politisiert, er definiert sich als Sozialisten und kritisiert die negativen Entwicklungen der US-Gesellschaft scharf. Seine Musik findet Anklang bei Kritik und Publikum gleichermaßen, und er erhielt bereits zweimal einen Grammy für das „Best Contemporary Folk Album“.

Auch auf seiner Deutschland-Tour hat er sich offensiv zum linken demokratischen Präsidentschaftsbewerber Bernie Sanders bekannt. Die Clintons sind für ihn schon zu sehr ein Teil des amerikanischen Problems und nicht dessen Lösung. Dass Steve aber meilenweit von einem wohlfeilen, aber folgenlosen „radical chic“ entfernt ist, sondern mit wirklicher Empathie und Mitgefühl für die Beladenen ausgestattet ist, beweist auch sein Benefizkonzert Ende letzten Jahres, als er zusammen mit Jackson Browne, Justin Townes Earle und „The Mastersons“ zugunsten der McCarton School auftrat, die eine Spezialeinrichtung für autistische Kinder und Jugendliche ist. Steve Earles 5-jähriger Sohn John Henry ist Autist und besucht diese Schule.

So bleibt dieser Steve Earle auch weiterhin ein amerikanisches Phänomen: Musikalisch verortet in der Countrymusik, politisch bei der Linken beheimatet, meint es das Schicksal trotz überstandener Drogenprobleme auch weiterhin nicht immer gut mit ihm. Doch auch die Krankheit seines Sohnes zeigt noch einmal auf: Steve Earle ist ein großer Kämpfer und ein großer amerikanischer Humanist. Happy Birthday, Steve Earle!


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