“Just A Picture From Life’s Other Side”

15. März 2015

Seminar untersucht die gesellschaftlichen Hintergründe von Country, Folk & AmericanaBroschüre 1

Ein besonderes Bildungsangebot für Country & Folk-Freunde veranstaltet das Fridtjof-Nansen-Haus in Ingelheim in Zusammenarbeit mit der Atlantischen Akademie Rheinland-Pfalz e.V. und der Hessischen Landeszentrale für Politische Bildung am Freitag, 10. Juli, und Samstag, 11. Juli. Zwei Tage lang beleuchtet der Country.de-Redakteur und Bob Dylan & Americana-Experte Thomas Waldherr unter dem Titel “Just A Picture From Life’s Other Side” die soziokulturellen und politischen Hintergründe von Folk, Country & Americana vom Ende des 19. Jahrhunderts bis in die heutige Zeit.

Wie sich die politische Entwicklung der Südstaaten nach dem Bürgerkrieg, die Politik des New Deal, der Kalte Krieg und der Aufbruch der 1960er Jahre auf die Folk- und Countrymusik ausgewirkt hat, wird dabei ebenso anhand vieler Musikbeispiele nachgezeichnet, wie ein Blick nach vorne gewagt wird, in dem auf die aktuelle Americana-Szene im Zusammenhang mit den derzeitigen gesellschaftlichen Entwicklungen in den USA eingegangen wird.

In Workshops können dann die Teilnehmer ausgewählte Songs besprechen oder selber unter der Anleitung von Country.de-Redakteur und Johnny Cash-Kenner Bernd Wolf und Elisabeth Erlemann (“Sweet Chili) Folk- und Countrysongs schreiben und einüben. Am Samstagabend endet dann das Seminar mit einem Konzert von “Sweet Chili” und Workshopteilnehmern.

Die Teilnahmegebühr beträgt für Erwachsene 55 Euro, ohne Übernachtung 35 Euro. Für Jugendliche, Referendare und Studierende 35 Euro mit Übernachtung und 20 Euro ohne Unterkunft. Die Unterbringung erfolgt in Doppelzimmern, für Einzelzimmer wird ein Zuschlag von 25 Euro berechnet. Anmeldung bei: Anmeldung bei: Stefanie Fetzer, Fridtjof-Nansen-Akademie für politische Bildung im Weiterbildungszentrum Ingelheim, Tel. (06132) 79003-16, Fax (06132) 79003-22, E-Mail fna@wbz-ingelheim.de, Internet http//www.fna-ingelheim.de/Anmeldung.

Und hier geht’s zum detaillierten Programm: http://www.atlantische-akademie.de/folk-seminar-2015

 

“Catfish” – ein Bob Dylan-Roman

9. März 2015

CatfishWas soll man dazu sagen? Mal keine Biographie, keine Textexegese, kein Songbuch und keine dylanologischen Betrachtungen und Reflexionen über Dylans Werk aus musiksoziologischer, gesellschaftspolitischer oder religiöser Sichtweise. Nein, hier geht es um eine ganz subjektive Suche eines Fans nach der Person Bob Dylan. Der Rolling Stone-Autor Maik Brüggemeyer (Jahrgang 1976) hat darüber ein Buch geschrieben. Und das ist gut so. Ist es doch – bei aller Kritik, die wir daran haben und die wir noch äußern werden – ein lobenswertes Unterfangen, eine neue Herangehensweise für eine neue Generation von Dylan-Fans zu proben.

War Dylan in den 90ern noch ein „Has Been“, dessen Konzerte hauptsächlich von langjährigen Hardcore-Fans getragen wurden, ist seit seinem Comeback in den Jahren 1997 – 2006 eine neue jüngere Fangemeinde nachgewachsen. Vorbei die Zeiten, als Dylan im März 1995 die damalige Unterfrankenhalle in Aschaffenburg gerade einmal zur Hälfte füllen konnte. Brüggemeyer ist auf Konzertreise mit Dylan seit Sommer 1995, nachdem er ihm ein paar Jahre vorher in der Kolpingjugend nahegebracht wurde. Einer der älteren Jugendgruppenleiter erzählte von Bob als Catfish. Catfish als Synonym für den Gambler und Trickser, dem Dieb aus Liebe.

Und Brüggemeyer verehrt diesen Catfish/ Dylan so sehr, dass er in seinem Roman sogar wörtlich auf die Suche geht. Er sucht ihn in New York. Das ist naheliegend, doch allzu eindimensional. Man kann Dylan genauso gut suchen und nicht finden in den Highlands (das ist angeblich sein Herz), in Nashville, in Malibu, in Minnesota, in Memphis, Tennessee oder Mobile, Alabama. Gerade im Süden – Birthplace of American Music und Heimat des Catfish, dem Wels als Grundnahrungsmittel dieses Landstrichs – wäre vielleicht mindestens genauso lohnend gewesen.

Die Struktur des Roman ist einfach: Der Autor trifft die verschiedensten Personen, allesamt dylanesk bis er schließlich den wahren Bob findet und mit ihm auf Zirkus-Tour (oder ist es die Rolling Thunder-Review?) geht.

Mit Bob spricht er viel. Dabei ist Bob im wahren Leben gar nicht so gesprächig. Und der Autor ist als großer Dylan-Freund auch ein guter Kenner. Seitenlang gießt er Songtexte, Interviewpassagen und sonstige Dylan-Zitate in Dialogform. Was am Anfang noch interessant, vielversprechend und frisch wirkt, wird mit der Zeit überstrapaziert. Dylan-Fans kennen diese Zitate, andere nicht. Die wundern sich nur. Und die Dialoge sind nur selten lebendig, am Ende wirken sie durchaus auch mitunter gezwungen und ermüdend, hat der Autor den Bogen überspannt.

Sicher, dieser Roman gibt nicht vor, Dylan zu finden. Er stellt nur eine Möglichkeit der Suche dar. Damit bringt Brüggemeyer sicher den einen oder anderen neueren Dylan-Fan zum Nachdenken über das Objekt seiner Obsession und sich selbst. Die Flamme muss schließlich weitergetragen werden.

Viele Dylan-Fans werden den Roman kaufen, weil sie ohnehin alles über Dylan kaufen. Und letztendlich dann ebenso – wie der Verfasser dieser Zeilen trotz aller Kritik – zufrieden sein: Auch dieses Buch belegt – es geht weiter, immer weiter: “Keep on keeping on!”

Maik Brüggemeyer, „Catfish. Ein Bob Dylan-Roman“, Metrolit-Verlag, 22 Euro.

Der Zauberer

3. Februar 2015
Photo Credits: Sony Music, William Claxton

Photo Credits: Sony Music, William Claxton

Ehrlich gesagt kann ich weder mit Zirkus, noch Varieté noch mit Magiern so richtig was anfangen. Da bin ich nie richtig mit warm geworden. Ich respektiere aber schon die Leistungen von Artisten und Bühnenmagiern, da ich weiß wie viel harte Arbeit dahintersteckt.

Was ich mir aber auch stets bewahrt habe, ist der Respekt vor der mythischen Figur des Zauberers. Der – ohne Netz und  doppelten Boden – Dinge macht, die nicht so recht erklärbar sind. Also wirklich zaubert und nicht – anhand von Drähten, Lichteffekten und verborgenen Kammern – reale Handlungen verbirgt und Illusionen erzeugt. Der wirkliche Zauberer ist eine in Sagen, Mythen und Märchen überlieferte Figur. An ihn werden wir – aller Aufklärung zum Trotz – wohl immer, und sei es augenzwinkernd, glauben.

Dylan ist ja stets als Trickser bezeichnet worden. Also als einer, der uns was vormacht. Trickser hat immer eine negative Konnotation. Da ist einer nicht ganz ehrlich, da täuscht uns einer. Aber bitteschön, was macht denn dann ein Magier, ein Illusionist? Er täuscht, verblüfft und begeistert gleichzeitig die Leute. Dylan ist sicher der große Musiker unserer Zeit, dessen Ansehen am umstrittensten ist. Warum? Sicher auch, weil er die Medien stets so bedient, wie er es mag und für richtig hält, weil er nicht kumpanig ist und weil nur er entscheidet, wer ihm wann, wo und überhaupt nahe kommen darf.

Dylan als Zauberer zu sehen, wie es dieser Tage die Frankfurter Rundschau tut, ja, das kann ich voll und ganz nachvollziehen. Zum ersten Mal drängte sich mir dieses Bild beim Frankfurter Konzert 2007 auf. Bei „Nettie Moore“ führte er uns gedanklich ganz weit weg, sang zerbrechlich und prägnant zugleich, flüsterte sehnsuchtsvoll und füllte das Rund der Jahrhunderthalle mit einem Klangteppich, der so berührend, bezaubernd und fesselnd war, dass man atemlos der Darbietung folgte, und trotz aller Lautstärke das Gefühl hatte, eine Stecknadel fallen hören zu können. Reine Zauberei! Dazu kam, dass sein Bühnenoutfit durchaus an manchen Tagen auch einen großen Magier gut kleiden würde.

Und jetzt dieses Album. “Shadows In The Night”. Wie sehnsuchtsvoll, zart und berührend er singt. Wie wunderbar er die Songs arrangiert hat. Wie er das Album komponiert hat und welche Titel er ausgewählt hat. Und wie  er uns mitnimmt auf diese Reise voller Liebe, Verlangen, Niederlagen, Trauer und Einsamkeit, aber mit dem Schlussakkord der Hoffnung. Wieder: Ganz große Zauberei! Was für ein Künstler!

Zartbittere Sehnsuchtslieder aus dem Great American Songbook

31. Januar 2015

Bob-Dylan-Shadows-In-The-Night-2015-Back-Cover-98013Bob Dylan singt auf “Shadows In The Night” in schleppenden Molltönen über Liebe, Verlangen, Verlust und Einsamkeit

Nein, Bob Dylan hat keinen der zehn Songs seines neuen Albums “Shadows In The Night” geschrieben. Ja, alle diese Songs hat Frank Sinatra gesungen, einen davon sogar geschrieben. Und doch: Nein, es ist kein “Dylan goes Sinatra”-Album geworden. Bei aller Sympathie für “Ol’ Blue Eyes”: Ein Sinatra-Cover-Album war nie sein Plan.

Was aber sollen wir nun mit diesen 35 Minuten langsamer, auf das Wesentliche reduzierter, fast schleppender Musik anfangen? Einer Sammlung von Werken, die zwar zum Kanon, aber nicht zur Hitliste des Great American Songbook gehören. Einfach als Nostalgie-Stück eines alternden Barden abtun? Das wäre zu kurz gesprungen.

Dylan lässt uns also keine Wahl. Wir müssen in die Lieder gehen. Beziehungsweise eine Ebene drüber schon mal auf die Songtitel schauen: “I’m A Fool To Want You” – Verlangen. “The Night We Call It A Day” – Verliebtheit. “Stay With Me” – Verlustängste. “Why Try To cHange Me Now” – Beziehungsprobleme. “Full Moon And Empty Arms” – Verlust. “Where Are You?” – Sehnsucht. “What’ll I Do” – Ratlosigkeit und Trauer. “That Lucky Old Sun” – Hoffen. Jedes Lied steht für bestimmte Phasen und Befindlichkeiten. Jetzt sollte der erste Groschen gefallen sein.

Dylan erzählt uns bereits mit seinen Songtiteln eine Geschichte. Wie in seinen letzten Konzerten, bei denen er Abend für Abend die gleichen Lieder in der gleichen Reihenfolge singt. Weil er diese Lieder singen will, und sie nur in dieser Reihenfolge für ihn derzeit einen Sinn ergeben. Vom programmatischen “Things Have Changed” über “She Belongs To Me”, dem Rückgriff auf die eigene Jugend, bis hin zu dem furiosen, bitteren Abgesang auf die Hoffnung auf ein erfülltes Leben, “Long And Wasted Years”.

Die Songtitel von “Shadows In The Night” erzählen nicht anderes als die klassische unglückliche Liebesgeschichte. So wie die Songs allesamt immer melancholisch, fragend, sehnsüchtig, oftmals traurig sind. So seltsam hingehaucht und flüchtig wirken sie. Kaum zu greifen, so wie die Beziehungen zwischen den Menschen von denen sie handeln. Wenn ein Song aus Dylans eigenem Songkatalog hier am besten dazu passt, dann ist das “Simple Twist Of Fate”. Diese alte Geschichte von flüchtiger Liebe, die zu lebenslanger Sehnsucht wird. Doch damals war Dylan im besten Alter. Nun, bald 74-jährig, schwingt die Dimension des Alterns, der drohende Verlust der Vitalität bei den Songs mit. Daher sind die Songs auch alle so reduziert. Bis auf den Kern reduziert sind sie. Bis auf die Melodie und den Gesang, der nur vom aller notwendigsten Instrumentenarsenal begleitet wird.

Und doch ist bei allem Schmerz, der den Songs und dem Album inne ist- und den Dylan mit seiner besten Gesangsleistung der letzten 25 Jahre so verführerisch und zärtlich auskostet – diese Platte keinesfalls etwas für morbide Novemberabende. Nein, denn es gibt – und dann wäre Dylan nicht Dylan, ein Lichtstreifen am Horizont. “That Lucky Old Sun” ist denn auch der versöhnliche Abschluss dieses Albums für blaue Stunden. Es gibt Hoffnung, solange die alte Sonne noch am Himmel steht. Und genau deswegen ereignen sich ja diese Liebesgeschichten immer wieder. Der Mensch lebt sein Leben einfach weiter, auch wenn es mitunter schmerzt, es geht einfach nicht anders. Und so steht Dylan auch immer weiter auf der Bühne, schmerzen auch Rücken oder Seele.

Dylan eignet sich mit diesem Album auf unnachahmliche Weise diese Songs an. Er singt sie nicht einfach nach. Er überführt sie in seine Welt. Er gräbt sie aus, wie er in einem Interview erzählt hat. Er erweckt sie zum Leben, macht aus ihnen Dylan-Songs, indem er sie auswählt und ihre Reihenfolge auf dem Album komponiert – deswegen muss man dieses Album auch ganz bewusst immer wieder von Anfang bis Ende hören – und sie mittels seiner Arrangements und seines Gesangs und seinen Phrasierungen in neue gedankliche Richtungen und neue – Dylan’sche – Sinngehalte lockt.

Bob Dylan ist ein großer Singer-Songwriter. Aber Bob Dylan ist auch ein großer Interpret. Und “Shadows In The Night” ist in dieser Beziehung sein Meisterwerk.

Shadows In The Night – Erste Annäherungen

24. Januar 2015

Bob-Dylan-Shadows-in-the-NightDylan, der alte Unberechenbare, hat nun erstmals seit einigen Jahren wieder ein großes Interview gegeben, um seine Platte „Shadows In The Night“ zu bewerben. Und da er – oder sein Beraterstab – mittlerweile die PR-Maschine perfekt beherrschen, gab er das Interview nicht dem Rolling Stone, sondern dem Magazin der mächtigen US-Interessensorganisation der Senioren, AARP. Dies ist sowohl zielgruppengerecht, als auch vertriebswegorientiert, denn gleichzeitig verteilt Dylan 50.000 Kopien seines Album mittels der Print-Ausgabe des Magazins. Wow! Wieder so in Dylan-Coup.

Doch kommen wir zum musikalischen. Neues über den Menschen Dylan oder seiner Sicht der Welt gibt uns dieses Interview nicht, sondern es zeigt noch einmal sehr schön deutlich auf, welche Wurzeln Dylans Musik hat und vor allem zeigt es seine große Liebe, sein immenses Wissen und sein tiefes Verständnis für alle Formen der amerikanischen Populärmusik.

Ein Freund, ein großer Kenner der texanischen Country-Singer-Songwriter und auch sonst ein kluger Kopf, mahnte in der Beschäftigung mit „Shadows In The Night“ an, dass uns das Sinatra-Ding auf die falsche Fährte locken würde. Der Antrieb für „Shadows In The Night“ wäre ein anderer.

Und in der Tat, er hat nicht ganz Unrecht. Sinatra führt hier der Fragesteller ein. Dylan schafft es, das aufzugreifen und weder zu bestätigen noch zu dementieren, wie es so schön heißt. Natürlich sind die Songs alle schon von Sinatra gesungen worden. Doch sie gehen zum Teil zeitlich weiter zurück. Dylans „Shadows In The Night“  ist vielmehr eine erneute Hommage an „The Great American Songbook“, an den traditionellen urbanen amerikanischen Popsong, verwurzelt im Jazz und Swing der 20er, 30er und 40er Jahre. Erneut deshalb, weil das auch – allem vordergründigen Weihnachts-Sentiment zum Trotz – schon bei „Christmas In The Heart“ mit-swingte.

Dylan hat sich im Laufe seiner Karriere allen seinen Wurzeln gestellt. Er wurde bekannt durch Folk- und Protestsong, berühmt und legendär durch seine Verbindung von Folk-Rock mit surrealen Songtexten. Er sorgte für Verwirrung durch Liaisons mit Country und Gospelmusik. Und schon einmal, in frühen Zeiten Anfang der 70er, verschreckte er seine Anhänger auf „Self-Portrait“ mit dem amerikanischen Popsong. In diesem Interview erzählt er nochmal ausführlich, dass er groß geworden ist mit der Musik, die ihm die Radiostationen im hohen Norden der Vereinigten Staaten boten: Country, also Hank Williams und die Grand Ole Opry, ebenso wie die den frühen Rock’n’Roll, den Blues, Soul und Gospel. Und eben die Musik der großen Big-Bands wie der von Glen Miller.

Nun also die Beschäftigung mit dem Great American Songbook ganz systematisch, kreativ befreit und lässig souverän. Was man bislang im Netz oder live hören konnte klang sehr interessant. „Full Moon And Empty Arms“ konnte mich nicht vollauf begeistern – Dylans Stimme wirkte wie sediert. „Stay With Me“, das schon im letzten Abschnitt seiner Tour stets der letzte Song des Abends war, klingt dagegen berührend, großartig und, wie ich empfinde, überirdisch schön.

Noch wenige Tage, dann ist die Platte raus. Dann können wir uns mit dem Gehörten, mit den Arrangements, den Songtexten und der Song-Reihenfolge des Albums auf die Suche nach dem inneren Zusammenhang des Albums machen. Werkdeutung – die Lieblings-Disziplin der Dylanologen  – ist angesichts von „Shadows In The Night“ nun wieder angesagt. Frisch ans Werk!

Auszüge aus Dylans Interview sind hier nachlesbar:
http://www.aarp.org/entertainment/style-trends/info-2015/bob-dylan-aarp-magazine.html?intcmp=AE-HP-BB1-BOBDYLAN

Und hier kann man sich „Stay With Me“ anhören:
http://www.npr.org/blogs/allsongs/2015/01/19/377744951/song-premiere-bob-dylan-stay-with-me?utm_campaign=storyshare&utm_source=twitter.com&utm_medium=social

Two Ol’ Blue Eyes

10. Dezember 2014

Bob-Dylan-Shadows-in-the-NightJetzt ist es also amtlich. Bob Dylans kommendes Studioalbum heißt „Shadows In The Night“ und erscheint am 3. Februar 2015. Es enthält nur Sinatra-Songs. Wir sind gespannt, inwieweit es geklappt hat, die Arrangements für 30 Personen-Bands auf die Dylan’sche Five Piece Band umzuschreiben und wie zu allem Dylans Stimme harmoniert. Einen kleinen, zu wenig aussagekräftigen Vorgeschmack haben wir schon bekommen. So durften wir doch schon mit „Full Moon And Empty Arms“ als erste Auskopplung sowie „Stay With Me“ als Zugabe auf der letzten Tour hören.

Dylan und Sinatra – da war doch was. Richtig. Auch wenn Bobby Blue Eyes als Singer-Songwriter das Musikbusiness revolutionierte und die Tin Pan Alley gleichsam ruinierte, seine Ehrfucht vor dem Great American Songbook als eine – wenn auch die am wenigsten hörbare – Wurzel seiner Musik begleitet ihn schon über lange Zeit. Die Verehrung für Sinatra ist ehrlich. Ein bewegendes Dokument ist die große TV-Show zu Frankies 80. Geburtstag, bei der Dylan eine wunderschöne Fassung seines „Restless Farewell“ zu Ehren des großen Sängers intoniert.

Musikalisch war von einer Beziehung zu Swing- und Jazzschlager in Dylans Werk bislang wenig zu spüren. Allein das für ihn äußerst ungewöhnliche „If Dogs Run Free“ von 1970 (LP „New Morning“) mit jazziger Melodieführung und mit Frauen-Scatgesang als zweite Stimme lässt sich bis in die jüngste Zeit als Beleg anführen. Seine Weihnachtsplatte „Christmas in The Heart“ 2009 und seine Radio Show waren dagegen echte Zeichen dafür, welche Pläne bei Dylan reiften.

Nun also „Bob sings Frank“. Der erfolgreichste Sänger mit der umstrittensten Stimme der Rockgeschichte singt die Songs von dem, der so unangefochten war, dass man ihn nur „The Voice“ nannte. Ganz schön selbstbewusst, der alte Bob. Dylan spricht davon die „totgecoverten“ Songs wieder auszugraben: „Sie wurden begraben, um ehrlich zu sein. Meine Band und ich graben sie wieder aus. Heben sie aus ihrem Grab und bringen sie zurück ans Tageslicht.“

Wirklich ganz schön selbstbewusst, der alte Bob. Und das ist auch gut so. Es gab Zeiten, da traute er sich gar nichts mehr und am Ende kam auch nur Halbgares raus. Nun traut er sich seit geraumer einfach wieder, seinen Weg mit seiner Vorstellung von Musik zu  gehen. Das kann eigentlich nichts Schlechtes werden.

Hören wir hier nun den Beitrag von Dylan zum Sinatra-Geburtstag sowie „Full Moon And Empty Arms“:

 

 

Deutscher Talking Blues Master

6. Dezember 2014

Was Hannes Wader mit Americana verbindet

Hannes_Wader_Sing„Nein, ich bin nie ein Rocker gewesen“, sagt die mittlerweile 72-jährige deutsche Liedermacher-Legende Hannes Wader über sich. Und tatsächlich ist er auch nie über Bob Dylans „The Freewheelin“ herausgekommen, ist schon der Folk-Rocker ihm fremd geblieben, so dass er schlecht als deutscher Dylan-Epigone durchgeht. Das haben andere später nach ihm gemacht. Leider allzu trivial, doch das wäre ein anderes Thema.

Wenn der Ostwestfale, der schon vor langer Zeit Norddeutschland als seine Heimat entdeckt hatte, nun Anfang nächsten Jahres mit „Sing“ ein neues Album vorlegt, dann lohnt es doch genau hinzuhören. Sicher, die französischen Wurzeln seines Liedermachertums waren stets größer. Eben Francois Villon. Oder das Vermächtnis des Schweden Carl Michael Bellman. Aber schon mit dem zweiten Song auf dem Album beweist er, dass er ein Folkie ist, der unzweifelhaft auch seine Americana-Wurzeln kennt. „Wo ich herkomme“ ist ein meisterhafter Talking Blues. Wader beherrscht dieses Subgenre wie kein zweiter in unseren Landen. John Lee Hookers „Tupelo“, Woody Guthries „Talking Dust Bowl Blues“, oder Dylans “Talking World War III Blues“ – hinter alldem müssen sich Waders „Tankerkönig“ oder „Rattenfänger“ nicht verstecken. Wader entwickelte das Genre weiter, durch politische Konkretheit, irrwitzige Geschichten und seinen derben schwarzen Humor.

Auch wenn die Burg Waldeck ein sehr deutsches Phänomen gewesen ist. Auch sie wäre nicht ohne das US-amerikanische Folk-Revival möglich gewesen. Pete Seeger, Joan Baez, Bob Dylan lieferten den musikalisch-politischen Resonanzkörper für Sänger wie Wader oder Hein und Oss. Am entferntesten von der US-Kultur waren sicherlich Leute wie  Degenhardt oder Süverkrüp, schon damals Parteigänger der Kommunisten. Und doch – bei aller berechtigten Amerika-Kritik bezüglich Vietnam-Krieg und Rassismus – war doch Amerika auch – konkret das „andere“ Amerika – ein Einfluss, der schwer zu leugnen ist.

So auch bei Wader. Von ihm gibt es ein paar Dylan-Songs auf Deutsch, vor allem aber die Zusammenarbeit mit den Dylan-Zeitgenossen Deroll Adams und Ramblin‘ Jack Elliott auf den legendären CDs „Folk Friends“. So halten sich die Country, Folk und Blues-Einflüsse sowie die irischen die karibischen (!) – da hat der alte Knorrer bestimmt viel Spaß gehabt – auf „Sing“ auch die Waage.

„So wie der“ ist ein starker Auftakt. Über die Begegnung mit einem alternden Straßensänger gerät Wader in die Erinnerungen seines Folkie-Lebens. „Folksinger’s Rest“ erzählt von einer musikalischen Einkehr in Irland. „Morgens am Strand“ erzählt über fröhlich-karibischen Urlaubsklängen wie eine tote schwarze Frau an den Touristenstrand gespült wird. Und „Arier“ ist dann wieder ganz die einfach nicht totzukriegende – weil immer noch und immer wieder geschehende – Geschichte vom Grauen hinter den idyllischen Fassaden.

„Sing“ ist ein weiteres, schönes Alterswerk von Hannes Wader, der wohl, so zeigt es sein Live-Programm auf, sich immer stärker seinen amerikanischen Einflüssen stellt. Denn immer wieder mal beendet er sein Programm mit einem lupenreinen und für ihn wunderbar programmatischen alten Countryhit: Roger Millers „King Of The Road“.

Bessie Smith sang nie in der Ole Opry

27. November 2014

RhiannonRhiannon Giddens steht für eine Neuentdeckung der schwarzen Wurzeln der Countrymusik

Sie ist so etwas wie die schwarze Musikerentdeckung im Amerika dieser Tage: Rhiannon Giddens. Denn sie erinnert an die schwarzen Wurzeln der Countrymusik. Singer-Songwriter, Rock und Countrymusiker sind weiß, Blues- und Soulsänger in der Regel schwarz – bei den Popstars geht’s bunter zu. Die letzte, die das in Frage stellte, war vor gut 25 Jahren die schwarze Folksängerin Tracy Chapman. Sie veröffentlicht zwar heute immer wieder mal was, aber für irgendetwas prägend zu sein, gelang ihr nicht.

Beim großen Konzert rund um die Musik zum Film „Inside Llewyn Davis“, da brachte es Impresario und Produzent T Bone Burnett fertig, nicht nur mit jungen Künstlern den Graben zwischen Folk und Country zuzuschütten, sondern mit dem denkwürdigen Auftritt von Rhiannon Giddens daran zu erinnern, dass schwarze Rootsmusik viel facettenreicher ist als gemeinhin angenommen, und nicht nur Blues und Jazz, sondern eben auch Country und Old Time umfasst. Bevor die Industrie zwecks Vermarktungsmöglichkeit die Musik in weiße und schwarze Musik aufteilte, gab es vielfältige Verbindungen und Befruchtungen zwischen den Genres und zwischen den Musikern unterschiedlicher Hautfarbe.

Und doch gebührt die Ehre des historischen Augenblicks der oftmals als Hort des konservativen Countrymainstreams verschrienen Grand Ole Opry. Als Rhiannon und ihre Mitstreiter der schwarzen Old Time Band „Carolina Chocolate Drops“ 2011 dort erstmals auf der Bühne standen, dann war das im Grunde eine Wiederaneignung. Denn obwohl der schwarze Countrystar Charley Pride 1993 sogar Member der Grand Ole Opry wurde, blieb doch die Entlassung des schwarzen Gründungsmitgliedes und Old Time Musikers DeFord Bailey 1941 so etwas wie der Verlust der Unschuld dieser Institution der ruralen amerikanischen Volksmusik. Es waren die Hochzeiten der Rassentrennung im amerikanischen Süden und das Business meinte, die Countrymusik sollte weiß sein.

Mit dem Auftritt der Carolina Chocolate Drops, die im „Brauchtumspfleger“ und „Spiritus Rector“ der Countrymusik, Marty Stuart, einen gewichtigen Mentor hatte, war eine Art „Wiedergutmachung“ geleistet worden. Endgültig war die schwarze Rückeroberung der Opry dann, als der schwarze Mainstream-Countrysänger Darius Rucker 2012 als Mitglied aufgenommen wurde. Wobei wohlweislich Rucker weder mit Musik noch mit Texten sich vom derzeitigen weißen Nashville-Sound abhebt. Alleine die Stimme lässt – im Gegensatz zu Charley Pride – ahnen, dass hier ein Afro-Amerikaner singt. Das Rucker wiederum seinen größten Erfolg mit der Adaptierung eines alten Hits der weißen Old Time Band „Old Crow Medicine-Show“, „Wagon Wheel“, hatte, die diese zusammen mit dem so manchem US-Countryfreund immer noch suspekten Bob Dylan geschrieben haben, ist dann ein besonders feiner Zug der Ironie.

Doch zurück zu Rhiannon Giddens. Sie steht in diesem Zusammenhang für nicht weniger als die Wiederentdeckung der Frauenfigur in der ruralen schwarzen Volksmusik. Sie erinnert an Bessie Smith oder Billie Holiday, die den Blues singen konnten, weil sie ihn lebten. Bessie kam aus Tennessee, Rhiannon aus North-Carolina. Beide sind Kinder des Südens. Beide sind schwarz. Und doch gibt es einen Unterschied. Während Bessie eine Instinktsängerin war, hat Rhiannon eine klassische Gesangsausbildung erfahren und sich dann der Volksmusik des Südens akademisch angenähert. Und zwar über Old Time Music-Workshops an der Uni. Doch bald hatte sie diese Musik verinnerlicht, sich in sie verliebt, und mit den Carolina Chocolate Drops eine schwarze Country- und Old Time Band gegründet, die für Furore sorgte. Denn die hat neben alten schwarzen Songs genauso auch „Jackson“ von Johnny Cash und June Carter im Programm!

Anfang nächsten Jahres veröffentlicht Rhiannon Giddens nun ihr erstes Solo-Album. Es wird „Tomorrow Is My Turn“ heißen und ist ebenfalls der Ausdruck von Rhiannons Verständnis der amerikanischen Rootsmusic. Denn es enthält Songs von Elizabeth Cotton (Shake Sugaree) und Sister Rosetta Tharpe (Up Above My Head) ebenso wie Werke von Dolly Parton (Don’t Let It Trouble Your Mind) und Hank Cochran (She’s Got You). Man darf gespannt sein auf dieses Album und auf den weiteren Verlauf von Rhiannon Giddens’ Karriere. Das sie erfolgreich sein möge, ist nicht nur ihr persönlich zu wünschen.

Und hier eine besonders schöne Performance von Rhiannon:

 

On the Road again

2. November 2014
Nashville, Tennessee, Broadway

Nashville, Tennessee, Broadway

Nächstes Jahr ist es dann endlich wieder soweit. Wir machen uns wieder auf die Reise. Wir komplettieren unseren musikalischen Südstaaten-Trip. Nach Memphis (Rock’n’Roll), Mississippi-Delta (Blues), Nashville (Country-Kapitale und “Music City USA”), New Orleans (Jazz und Cajun) und Austin (Texas-Country und “Live-Music Capital of the world”) werden wir uns diesmal in den Appalachen an die Geburtsstätten der Mountain Music in Virginia begeben und Bristol, Tennessee, besuchen, wo 1927 mit der Entdeckung von Jimmie Rodgers und der Carter Family der Big Bang der Countrymusik stattfand. Dann werden wir natürlich noch ein paar Tage in Nashville sein, wo es immer noch neues zu entdecken gibt. Und dann über Montgomery, Alabama, wo sowohl Hillbilly-Shakespeare Hand Williams, als auch die Bürgerrechtskämpferin Rosa L. Parks lebten, und Atlanta nach Charlotte, North Carolina, fahren. Von dort aus fliegen wir dann zurück.

Es ist einfach uramerikanisch das große Land zu bereisen. Die Pioniere taten es, die Opfer der Sandstürme in den 1930er Jahren taten es, die Hobos taten es, Woody Guthrie tat es und Bob Dylan tut es noch heute. Auch der große John Steinbeck, der mit “Früchte des Zorns” den von Natur- und Kapitalgewalt gleichermaßen Deklassierten ein Denkmal setzte, bereiste das Land. 1960 mit seinem treuen Hund Charley an der Seite. Mehr als 50 Jahre später machte sich Geert Mak auf exakt denselben Weg. Und fand ein völlig verändertes Land vor. Amerika ist gespalten: Wirtschaftlich, sozial, politisch, ethnisch, religiös. Diese nicht so neue Diagnose – gerade wiesen wir an dieser Stelle auf George Packers “Die Abwicklung” hin – wird von Mak aber unter verschiedenen Blickwinkeln und literarisch sehr unterhaltsam vorgetragen. Wir erfahren viel über John Steinbeck, erlangen nicht nur politisch-historische, sondern auch mentalitäts- und religionsgeschichtliche Einblicke in die Entwicklung der Vereinigten Staaten. Geert Maks “Amerika!” ist das Buch eines verzweifelten Amerika-Liebhabers. Die Perspektive kennen wir nur zu gut.

Wenn wir nächstes Jahr in die USA fahren, dann interessiert uns die Welt der einfachen Menschen. Uns interessieren nicht die reichen Rentner in Florida oder Disneyworld. Wir brauchen keinen Grand Canyon-Nationalpark und keine Harley-Träume auf der Route 66. Dorfkneipen, Honky-Tonks und Tanzböden im armen Süden vermitteln einen guten Eindruck über dieses Land. Und die Musik: Folk, Country und Americana als Musik des armen und des anderen Amerika. Country als Musik der Klasse an sich und Folk und Americana als Musik der Klasse für sich. Darum ist jede unserer Reisen durch die USA auch ein bisschen eine politische Bildungsreise.

In den nächsten Wochen wird also recherchiert, Routen geplant, Stationen und Stopps gecheckt. Und die Vorfreude wächst. So kommt man durch den Alltag.

Und hier ein bisschen Musik für unterwegs:

Frühzeitig den Nachlass ordnen

11. Oktober 2014

Bob Dylan LyricsWir gehen mal davon aus, dass es Bob Dylan derzeit gesundheitlich gut geht. Er startet in wenigen Tagen eine Herbsttour durch den Nordosten der USA mit 33 Terminen, die aber stetig noch ergänzt werden. Also kein Grund zu Sorge um den jetzt 73-jährigen Altmeister. Aber dennoch beschleichen einen ambivalente Gefühle derzeit. Stichwort: Nachlassverwaltung.

Alle Dylan-Fans freuen sich auf die Veröffentlichung der kompletten Basement Tapes von 1967. Dazu hat er unveröffentlichte Texte aus dieser Zeit seinem Freund T-Bone Burnett zur Vertonung übergeben, der daraus mit einem All-Star-Ensemble die “New Basement Tapes” gemacht hat, die ebenfalls in diesem Herbst erscheinen. Und die nächste frohe Nachricht folgt auf dem Fuß: Dylans gesamte Lyrics inklusiv aller bislang unveröffentlichten Texte kommen nun noch vor Weihnachten in einem fast tausendseitigen Mammut-Schmöker auf den Markt.

Wirklich nur frohe Botschaften? Oder will er vielleicht doch bald abtreten? Verfasst er sein Testament? Nun, dass er abtreten will, da spricht derzeit nichts dafür – siehe oben. Eher ist da einer dabei, schon mal zu rechten Zeit – schnell kann was passieren – seinen Nachlass zu ordnen. Er will bestimmen, was von Ihm nach seinem Tod bleibt. Denn trotz aller Sprünge, Haken, Wandlungen und Masken. Seit der Trennung von Manager Albert Grossman hat Dylan stets die Fäden seiner Karriereplanung und seiner Veröffentlichungspolitik in der Hand gehabt und wenn schon nicht alles so richtig geplant war, er allein hat es stets nüchtern entschieden. Selbst im tiefsten Tal Ende der 80er/ Anfang der 90er Jahre konnte er bestimmen, was er veröffentlicht: Ob obskure Songsammlungen wie “Down In The Groove” oder großartige wie “Good As I Been To You”. Nur einmal, bei MTV Unplugged, musste er dem Druck nachgeben und “Greatest Hits” spielen.

Dylan wird nicht gemanagt, keiner schreibt ihm was vor, Dylan wird beraten. So kommen dann wohl diese zwar auf den ersten Blick merkwürdigen, aber dann richtigen Entschlüsse zustande, das neue (Sinatra-?)Album zurückzuziehen und erstmal voll auf die Basement Tapes zu setzen.

Nein, Angst, dass hier bald was zu Ende gehen könnte habe ich nicht. Nur, dass es wirklich endlich ist und dies in einem absehbaren Zeitraum, den ich noch erlebe, passieren könnte, lässt einen schon nachdenklich zurück. Zumindest bis wieder die ersten Töne und Bilder seiner aktuellen Konzerte auftauchen. Denn: “His tour is never- ending!”


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