Die Wiederentdeckung der Hinterwäldler

16. September 2017

Seit ich diesen Blog betreibe habe ich immer mal wieder betont, dass die Küstenstreifen der USA nicht typisch sind für das Land, sondern das weite Land dazwischen. Dass der Mittlere Westen (Heartland) und der Süden sowohl spannend und faszinierend aber auch erschreckend zugleich sein können. Der Süden steht für die Kulturschätze Blues, Jazz, Country, Gospel und Rock’n’Roll, aber auch für Rassismus und Gewalt. Und dort wie auch im ländlichen Raum des Mittleren Westens ist man besonders konservativ, patriotisch, anti-intellektuell und religiös.

Während über lange Jahre die liberalen Küstenautoren wie Ford, Auster oder DeLillo die Helden des amerikanischen Feuilletons waren, sind erst in den letzten Jahren Schriftsteller wie Daniel Woodrell oder Donald Ray Pollock in den Fokus gerückt, die Geschichten aus dem Leben der Hillbillys erzählen. Im Kriminalroman waren und sind es James Lee Burke, Joe R. Lansdale und James Sallis, die ihre Stories in den Bayous, den verödenden Orten und den weiten Landschaften des sogenannten „Fly Over Country“ ansiedeln.

Wer diese Bücher aufmerksam gelesen hat, der las über Gewalt, religiöse Eiferer, Elend in den Trailerparks und die Perspektivlosigkeit ganzer Landstriche. Diese latent vorhandene unheilvolle Melange hat Trump erst möglich gemacht. Nur – die liberalen Eliten der Küstenstreifen haben zu lange die Augen davor verschlossen, haben sich im Gegenteil sogar ein bisschen erhoben über die Hinterwäldler.

Nun, nachdem das Kind in den Brunnen gefallen ist, erscheinen gleich mehrere Bücher, die sich mit den Zuständen dieses Hinterlandes beschäftigen. Auf zwei wollen wir hier kurz Blicken:

Fremd in ihrem Land
Die Soziologin Arlie Russel Hochschild hat den Süden bereist und festgestellt – Achtung: das sind ja ganz nette Menschen! Sorry, scheinbar sind die Bayous von Lousiana weiter entfernt von Berkeley als von Bickenbach. Die Gastfreundschaft, die Höflichkeit und der Humor der Menschen des Südens sind legendär. Und nicht jeder weiße Südstaatler ist ein Rassist. Einmal mit den Menschen reden und man stellt fest, dass sie schon vieles verstanden haben, aber eben die objektiv falschen Schlüsse daraus ziehen. „Fremd in ihrem Land“ ist gerade wegen der Neugier und der Überraschung der Autorin so lesenswert. „Wer ihr Buch liest, versteht die Wähler Trumps, weil sie auf Augenhöhe mit ihnen und nicht über sie spricht“, heißt es in der Rezension der FAZ. Sie arbeitet dadurch heraus, dass diese einfachen, konservativen Menschen ihre Freiheit über ihre Arbeit definieren. Nur wenn sie Arbeit haben, können sie frei und unabhängig vom Establishment in Washington und der mittelmäßigen Bürokratie ihrer Nachbarschaft leben: Heiraten, Kinder kriegen, jagen, fischen, feiern. Dass sie mit der Arbeit bei den Chemo- und Petro-Konzernen, die die größten Arbeitgeber Louisianas sind, und ihrem Votum für Trump mithelfen, ihr Leben, ihre Landschaft und ihre Kultur zu zerstören, bildet eine Zwickmühle, die unentrinnbar scheint und zu einer Ausweglosigkeit führt, die die Menschen im Süden zunehmend depressiv und Teile davon auch aggressiv macht.

Die alte amerikanische Linke hatte Woody Guthrie, der bei den Menschen lebte und für sie Lieder sang. Heute scheinen viele Linke abgekoppelt von der Lebenswirklichkeit der arbeitenden Menschen. Da ist das Buch von Arlie Russel Hochschild eine wichtige Erinnerung: Die Linke muss zu den Menschen gehen!

Hillbilly Elegie
J.D. Vance dagegen ist ein Kind des Rust Belt. Der Rust Belt („Rostgürtel“), früher Manufacturing Belt, ist die älteste und größte Industrieregion der USA und erstreckt sich im Nordosten über mehrere Staaten: Illinois, Indiana, Michigan, Ohio, Pennsylvania, New York und New Jersey, auch West Virginia wird wegen des Bergbaus dazugezählt. Vance erzählt in „Hillbilly Elegie“ die Geschichte seiner Familie und seiner Heimatregion. Hier wurde in den Wohlstandsjahren nach dem Krieg die Arbeiterklasse zur Mittelschicht. Als dann der Niedergang der US-Industrie einsetzte, standen die Leute plötzlich massenweise vor dem Nichts. Armut führt zur Perspektivlosigkeit, führt zu Drogen, zu Apathie, zu Gewalt. Plötzlich ist der amerikanische Traum ausgeträumt. Vom stolzen Arbeiter zum Arbeitslosen, der froh ist sich mit Handlanger-Jobs über Wasser zu halten. Doch da die Demokraten seit Clinton des Spiel des Neoliberalismus mitmachen, sind diese Leute allein gelassen, völlig desparat und eben anfällig für Demagogen wie Trump.

Vance hat seinen individuellen Aus- und Aufstieg aus den prekären Verhältnissen seiner Heimat geschafft. Dass er sie uns in Erinnerung ruft ist löblich. Dass er selber an der Elite-Uni Yale studiert und heute in San Francisco als Investor genau zu dem gesellschaftlichen Establishment gehört, das die Strukturen befördert, die eine Problemlösung für diese Menschen verhindern, ist eigentlich die böse Pointe dieses lesenswerten Buchs.

Es bleibt zu hoffen, dass die amerikanischen Demokraten, die gerade von den Erinnerungen der Wahlverliererin Hillary Clinton gequält werden, sich mehrheitlich zu einer Politik á la Bernie Sanders entschließen. Trump absägen ist das eine, die Ursachen seines Aufstiegs und des irrwitzigen gesellschaftlichen Risses, der quer durch Amerika geht, zu bekämpfen ist das andere, noch Schwierigere. Aber das eine braucht das andere, will man am Traum eines demokratischen und vielfältigen Amerika noch festhalten können.

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Which Side Are You On?

9. September 2017

Der Abschlußsong des neuen Longplayers „Free Spirit“ von Wolf Schubert-K., der aus vielerlei Gründen ein sehr schönes Album ist (Besprechung folgt demnächst auf country.de), lautet „Which Side Are You On?“, und ist einer der legendärsten amerikanischen Workers Songs schlechthin.

Geschrieben wurde es 1931 von Florence Reece, der Ehefrau des Gewerkschafters Sam Reece. In diesem Jahr streikten die Bergleute in Harlan County, Kentucky gegen die schlechten Arbeits-und Lebensbedingungen unter der Herrschaft der Minenbesitzer. Wie so oft in dieser Zeit kaufte die Bergbaugesellschaft sich den örtlichen Sheriff, der die Familie Reece brutal quälte. In frischer Erinnerung dieser Qualen schreibt Florence diesen Song, der seitdem zu einer festen Größe unter den amerikanischen Protestsongs geworden ist.

Er wurde bei allen großen Streikbewegungen gesungen und immer mit neuen Strophen dem aktuellen Anlass angemessen, versehen. Zudem haben ihn viele bekannte Künstler in den vergangenen Jahrzehnten gespielt: Von Pete Seeger und den Almanac Singers bis hin zu Ani DiFranco und Billy Bragg. Und auch diese haben der klassischen Version immer wieder neue Strophen hinzugefügt. Diesem klassischen Muster der Entstehung und Weiterentwicklung von Folksongs folgt auch Wolf Schubert-K. , indem er bei seiner der „Free Spirit“-Version ebenfalls eine neue Strophe hinzufügt: Gegen Hass, Gewalt und Ausgrenzung!

Apropos Folksongs und wie sie entstehen: Auch schon die Melodie des Originals entnahm Florence Reece der traditionellen Baptistenhymne „Lay the Lily Low“, die die Arbeiter aus ihren Kirchen kannten. Diesem Prinzip folgten auch Folk- und Country-Ikonen wie die Carter Family und Woody Guthrie. So basiert die Melodie von „This Land Is Your Land“ auf der Melodie des Gospels „Oh, My Loving Brother“, den die Carter Family als „When the World’s On Fire“. aufgenommen hat und dessen Melodie sie dann auch für den Song „Little Darlin’, Pal of Mine“ nutzten.

Progressive Songs entstanden so auf der Basis von Kirchenliedern oder andere populären Musikstücken. Keine schlechte Strategie, um die Massen zu erreichen. Und vom Text und seiner Fragestellung her ist „Which Side Are You On? eindeutig. Und daher in den Zeiten von Trump, dem immer größer und obszöner werdenden Gefälle von Arm und Reich, globalen Fluchtbewegungen und Atomkriegsgefahr aktueller denn je.

Die Zeiten der postmodernen Ironie ohne Haltung scheinen endgültig vorüber zu sein. Denn jetzt wird es wirklich ernst.

„Indie, Woody, Country“

24. August 2017

„Americana im Pädagog“ bleibt auch im zweiten Halbjahr 2017 abwechslungsreich und vielfältig

„Americana im Pädagog“-Kurator Thomas Waldherr

Die Darmstädter Konzertreihe „Americana im Pädagog“ versucht immer wieder die große Bandbreite dieser Musik darzustellen und auszuloten. Nach dem erfolgreichen ersten Halbjahr mit fünf (!) bestens besuchten Veranstaltungen – „Lovesongs For The Other America“ (Folk- und Protestsong), „Mississippi“ mit Richie Arndt (Blues), The Lasses & Sue Ferrers (American Mountain Music & ihre schottisch-irischen Wurzeln), Sonia Rutstein (Folk & Folkrock) und „Bob Dylan: Planetenwellen“ mit Heinrich Detering und Dan Dietrich (Lesung mit Musik) wird auch im Herbst ein abwechslungsreiches und vielfältiges Programm im Theater im Pädagog geboten.

Kurator Thomas Waldherr, Musikjournalist sowie Americana- und Bob Dylan-Experte: „Die Spanne reicht diesmal von jungem Indie-Folk mit dem Duo Kenneth Minor am 28.9. über das humorvolle Americana-Programm der Lucky Wilson Band am 26.10 sowie einem Vortragsabend zur amerikanischen Folk-Ikone Woody Guthrie am 8.11. bis hin zum vorweihnachtlichen ‚Classic Country & Christmas‘-Abend mit der Texas House Band am 30.11.“ Beginn der Veranstaltungen ist jeweils 20 Uhr.
Auch TIP-Direktor Klaus Lavies ist voller Vorfreude: „Gut, dass es wieder losgeht, die Americana-Reihe ist eine wichtige Säule im Programm und erfährt durchweg einen sehr guten Zuschauerzuspruch.“

Hier die Veranstaltungen im Einzelnen:

Kenneth Minor (Donnerstag, 28. September, Eintritt 8 Euro)
Indie-Folk
Das Publikum darf sich auf ein ganz besonderes Duo-Paket voller neuer Geschichten und Folk-Songs freuen, die das Leben schreibt. Vorgetragen mit einer Gitarre und zwei Stimmen von Jörg Christiani und Athena Isabella. Mit Melodien, „die“, so der Rolling Stone, „von Mark Everett, Ray Davies oder They Might Be Giants“ stammen könnten. Die neue Platte “Phantom Pain Reliever“, zu der jüngst Jakob Friedrichs (Element of Crime) mit den Worten: „Tolle Songs, toller Sound und auch die Instrumentierung ist schön“ gratulierte, haben Kenneth Minor natürlich mit im Gepäck.

The Lucky Wilson Band (Donnerstag, 26. Oktober, Eintritt 12 Euro)
Finest Americana Music
Blues-Rock-Country-Swing der Marke LUCKY WILSON BAND ist 100% handmade, authentisch amerikanisch und für hiesige Breitengrade ziemlich unverwechselbar. „Grandpa“ Lucky Wilson (Git./Voc.) und seine vier „Geschwister“ Virginia Wilson, geb. Woolfe (Geige/Voc.), Willie Wilson (Baß/Voc.), Phil „the Kid“ Wilson (Git.) und Santa Claus Wilson (Drums) stehen für virtuose Spielfreude und vielstimmige Gesangsparts mit einem gezielten Schuß Entertainment. Unter einer Bedingung: die Sheriffs müssen draußen bleiben.

Woody Guthrie – Leben und Wirken (Mittwoch, 8. November, Eintritt 10 Euro)
Multimediavortrag von und mit Thomas Waldherr
Woody Guthrie ist eine Legende der Folkmusik und eine kulturelle Ikone der US-amerikanischen Linken. Mit „This Land Is Your Land, This Land Is My Land“ schrieb er die Hymne des „anderen Amerika“ und beeinflusste Musiker wie Pete Seeger, Joan Baez und Bob Dylan. Aus Anlass seines 50. Todestages – Guthrie verstarb am 3. Oktober 1967 im Alter von 55 Jahren an den Folgen der Nervenkrankheit Chorea Huntington – hält Thomas Waldherr im Rahmen einer Kooperationsveranstaltung der Volkshochschule Darmstadt mit „Americana im Pädagog“ einen Vortrag über Werk und Wirkung Woody Guthries vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen Entwicklungen in den USA von den 1930er bis 1960er Jahren. Der Multimediavortrag mit vielen Musikbeispielen soll einen spannenden Einblick in dieses Kapitel der amerikanischen Gesellschafts- und Kulturgeschichte geben.

TeXas House Band (Donnerstag, 30. November, 12 Euro)
Classic Country & Christmas
Das abwechslungsreiche Programm der TeXas House Band reicht von traditionellen Cajun-, Blues- und Bluegrass-Songs über kernige Country-Klassiker und Western Swing hin zu gefühlvollen Balladen und teils poppig-melodischen Eigenkompositionen von Songwriter Helt Oncale. Charakteristisch für die TeXas House Band sind eine große Spielfreude und Musikalität, ein authentischer Sound und eine lockere, entspannt amerikanische Atmosphäre, die sich automatisch auf das Publikum überträgt. Beim Darmstädter Konzert läuten sie mit Country-Klassikern und Country-Christmas-Songs kurz vor dem 1. Advent die Vorweihnachtszeit ein. Die TeXas House Band sind: Helt Oncale (Gitarre, Fiddle, Gesang), Dave Schömer (Bass, Gesang), Christian Schüssler (Drums) und Dietmar Wächtler (Pedal Steel, Gesang)

Karten für die Veranstaltungen können im Vorverkauf online unter http://www.paedagogtheater.de erworben werden. Vorbestellungen sind unter 06151 – 66 01 306 telefonisch und unter theaterimpaedagog@gmx.de per E-Mail möglich.</strong

Conor Oberst und die Felice Brothers

16. August 2017

Es war ein inspiriertes, energiegeladenes, kraftvolles Konzert, das Conor Oberst da gestern Abend in der Frankfurter Batschkapp gegeben hat. Der Künstler, nicht immer berechenbar in Laune, Zustand und Tagesform zeigte sich wach und spielfreudig. Mit dabei in der Backing Band waren auch zwei Felice Brothers, James Felice an den Tasteninstrumenten und Greg Farley an der Geige. Zwei, die selber Teil einer erfolgreichen Band sind, fügen sich hier ein, um Conors musikalische Begleiter zu sein. Unprätentiös sind die Jungs und die Musikerschar auf der Bühne wirkt da fast schon familiär. Kein Wunder, kennen sich die Felice Brothers und Conor Oberst nun auch schon zehn Jahre, seit sie Vorgruppe seiner Bright Eyes waren.

Vielleicht ist es genau das, was das einstige Wunderkind, der in den letzten Jahren immer wieder großartige Musik mit mal divenhaftem, mal verpeilten Gehabe gemischt hat, braucht. Nicht mehr die Fanfare, der Leuchtturm, das Wunderkind zu sein, sondern Teil einer musikalischen Freundeskreises.
Und so erleben wir ein perfektes Americana-Folk-Rock-Konzert mit viel Akustik-Gitarre, Geige, Akkordeon und Mundharmonika plus E-Gitarre und Schlagzeug. Oberst spielt viele seiner Klassiker wie „Four Winds“ von den Bright Eyes und vieles vom neuen Album wie den Schunkel-Abräumer „Afterthought“ und das großartige „Barbary Coast“.

Fanfare, Leuchtturm, Wunderkind – all das spielt keine Rolle an diesem wunderschönen Konzertabend. Vielleicht ein Zeichen dafür, dass Conor Oberst diese ewigen Bürden hinter sich lässt und weiter befreit aufspielt.

Photo Credit: Conor Oberst, Twitter

Sam Shepard (1943 – 2017)

2. August 2017

Natürlich habe ich Sam Shepard über die Beschäftigung mit Bob Dylan kennengelernt. Er reiste mit Dylans-Wahnsinns-Tross 1975 durch die Neu-England-Staaten und sollte das Drehbuch für des Meisters verkanntes Filmwerk „Renaldo & Clara“ verfassen. Seine Ideen wurden nicht umgesetzt, stattdessen verfasste er das „Rolling Thunder Logbook“ und setzte damit der Tour ein literarisches Denkmal. Er schrieb mit Dylan einen der wenigen guten Dylan-Songs der 1980er Jahre: „Brownsville Girl“. Und er schrieb über Dylan das Stück „True Dylan“. Was natürlich Ironie ohne Ende war. Denn auch dieses Bühnenwerk kam dem „wahren“ Dylan so nah oder so fern, wie alle sonstigen Biographien über den Meister. Aber keiner verstand es wie Shepard, aus den Facetten der öffentlichen Figur Bob Dylan eine Bühnenfigur zu erfinden, die so viele richtige Fragen über Dylan aufwarf.

Erst danach habe ich seine Kurzgeschichten gelesen, habe ihn als Schauspieler wahrgenommen und seine Bedeutung für Wim Wenders in „Paris, Texas“ erfasst und den wunderbar selbstironischen „Don’t Come Knocking“ gesehen. Vielleicht jetzt erst habe ich seine Bedeutung für das „andere Amerikas“ richtig einzuschätzen gelernt.

In jedem Film, in jeder Rolle, in all seinen Stücken und Geschichten, arbeitete er sich an Amerika ab. An dessen Glücksversprechen, an den Hoffnungen der Menschen, es möge ihnen irgendwann besser gehen und an den unendlich vielen Situationen, in denen die Hoffnungen dieser Menschen enttäuscht werden: Von den Umständen, von den anderen Amerikanern, von Amerika. Denn genau so großzügig wie Amerika mit seinem Glücksversprechen ist, so großzügig ist es auch mit seiner Gewalt, ist es darin, dass es Menschen ins Bodenlose stürzen lassen kann, dass es Menschen um ihre Existenz bringen kann.
Shepard hat dies immer in einer unheimlichen Weite und Lakonie beschrieben. Der Weite der amerikanischen Landschaft, der Lakonie seiner Menschen, die in dieser Weite darum kämpfen müssen, wahrgenommen zu werden. Um am Ende dann oftmals zu scheitern. An den falschen Plänen, an ihren Ängsten, an ihrem Versagen oder an ihren moralischen Maßstäben.

Sam Shepard hat über die alltägliche Zerstörung des amerikanischen Traums geschrieben. Mit ihm ist nun ein weiterer unserer großen amerikanischen Träume gestorben. Rest In Peace, Sam Shepard!

Gegen individuelle und historische Demenz

23. Juli 2017

J. Paul Hendersons „Letzter Bus nach Coffeeville“ zeichnet auch Amerikas Geschichte des 20. Jahrhunderts nach

Immer mal wieder bespreche ich in meinem Blog Bücher, die für mich echtes „Americana“ sind. Schon vor geraumer Zeit – weit vor dem Trump-Desaster – habe ich hierbei darauf hingewiesen, dass mir die Autoren, die in kritischer Sympathie und echter Empathie für die Menschen aus dem Heartland über deren Leben und Probleme schreiben, mir näher sind, als die liberal-elitäre Nabelschau der Großschriftsteller von den Küstenstreifen.

Während meines Urlaubs waren es die Bücher von zwei Schriftstellern, die sich mit dem besagten „inneren Amerika“ beschäftigen, die mich gefesselt haben. Zum einen die Hackberry Holland-Saga des hier bereits ausführlich erwähnten James Lee Burke, zum anderen „Letzter Bus nach Coffeville“.

Letzteres war so ein typischer „kurz vor dem Urlaub-Kauf“. In der Bahnhofsbuchhandlung gesehen, und als wohl recht unterhaltsam eingestuft, entpuppte es sich am Ende als riesengroße positive Überraschung. Denn beim Modethema „Demenz“ kann man sich natürlich auch ganz dem Generationenthema hingeben, kann sich ganz auf ein belletristisches, humorvolles Gegenstück zur überbordenden Ratgeberliteratur beschränken. Doch genau das wollte Henderson nicht.

Zwar war der Antrieb für diesen Roman die Alzheimererkrankung der Mutter des Autoren, doch mit der in der Luft liegenden Mutter-Sohn-Geschichte beschäftigt sich Henderson überhaupt nicht. Was er stattdessen schafft, ist ein zutiefst menschliches Panorama der amerikanischen Geschichte des 20. Jahrhunderts von einem eindeutig fortschrittlichen Standpunkt aus. Die individuelle Demenz einer der Hauptpersonen des Romans ist nur der Anlass, die Geschichten der Protagonisten so zu erzählen, dass das Buch zum Mittel gegen die historische Demenz Amerikas, gegen das Vergessen der Geschichte des fortschrittlichen Amerikas wird.

Mittels einer linearen Geschichte, sowie durch Rückblenden, um die Geschichte der zueinanderfindenden Charaktere zu erzählen, erzählt Henderson vom ungewöhnlichen Personal eines aberwitzigen Road-Trips, der dazu dient, um den letzten Wunsch der an Alzheimer erkrankten Nancy zu erfüllen. Auf beiden Erzählebenen erfahren wir nicht mehr und nicht weniger als wichtige Geschichten und Zusammenhänge aus der Historie des anderen Amerika. Von den Streikbewegungen der Bergarbeiter in Kentucky und der schwarzen Bürgerrechtsbewegung über die Anti-Vietnam-Kriegsbewegung bis hin zu subkulturellen Entwicklungen der 1970er Jahre.

Auf beste amerikanische, nämlich unterhaltsame Art, übt Henderson immer wieder Kritik an den Mächtigen und deren Organisationen und beschreibt den lebenslangen Kampf des Individuums, um unter den herrschenden Verhältnissen einigermaßen den Kopf über Wasser halten zu können.

Dabei zeichnet er natürlich auch ein Panorama der amerikanischen Populärkultur und ihrer Chiffren und Mythen, die hier u.a. Hersheys Schokolade, Waltons Mountain, Nashville oder Memphis heißen. Nebenbei spielt der typisch amerikanische religiöse Fundamentalismus genauso eine Rolle wie der US-Militarismus oder das modische esoterische New Age-Hipstertum des neuen Bürgertums.

Und so entsteht aus all diesen Ingredienzen ein außerordentlich intelligentes, anrührendes Buch, das allem Unbill zum Trotz, den Leser mit Hoffnung erfüllt. Individuelle und gesellschaftliche.

J. Paul Henderson, Letzter Bus nach Coffeeville, Diogenes-Verlag, 13 Euro.

Dämonen, die nicht vergehen wollen

5. Juni 2017

Rassismus und rassistische Gewalt als Thema der Roots Music in den USA

„Das Vergangene ist nicht tot; es ist nicht einmal vergangen.“
William Faulkner

So wie die Deutschen den Juden nie den Holocaust vergeben hätten, so das alte, böse Bonmot, hat wohl das weiße Amerika den Schwarzen die Sklaverei eigentlich nie vergeben. Deren Schreckensherrschaft nicht, deren Aufhebung nicht und nicht den Bürgerkrieg, der nicht ursächlich wegen ihrer Beseitigung ausgebrochen war, aber dazu beitrug.

Bob Dylan hat in einem Interview dazu einmal gesagt: „Dieses Land ist einfach zu fucked up, wenn es um die Hautfarbe geht. Die Leute gehen sich gegenseitig an die Gurgel, weil sie eine andere Hautfarbe haben. Es ist der Gipfel des Wahnsinns und würde jede Nation – sogar jede Nachbarschaft – von einer gesunden Entwicklung abhalten. Die Schwarzen wissen, dass es einige Weiße gibt, die die Sklaverei beibehalten wollten, dass sie noch immer unter dem Joch wären, wenn diese Leute die Oberhand behalten hätten…Es ist fraglich, ob Amerika dieses Stigma je abschütteln kann. Es ist nun mal ein Land, das auf dem Rücken der Sklaven aufgebaut wurde. Das ist das Grundübel. Wenn man die Sklaverei auf friedliche Art und Weise aufgegeben hätte, wäre Amerika heute bereits viel weiter.“

Abgesehen vom echten latenten Rassismus, den es nicht nur im Süden gibt, verzeiht das kollektive amerikanische Unterbewusstsein den Schwarzen die 500.000 Toten des Bürgerkriegs wohl nicht. Und so ist das Vergangene im Faulkner’schen Sinne wirklich nicht tot, sondern nicht einmal vergangen.

Der Rassismus beherrscht die US-amerikanische Gesellschaft noch immer und ebenso die Staatsgewalt. Folgende Zahlen belegen das: Junge schwarze Männer (im Alter von 15 bis 34 Jahren) werden – so ein Bericht und eine Untersuchung des britischen Guardian aus dem Jahr 2015- neunmal so oft Opfer von tödlicher Polizeigewalt wie der Durchschnitt der Bevölkerung. Auch mit Bezug auf gleichaltrige Männer sind die Unterschiede frappierend: Schwarze junge Männer werden fünfmal so oft von Polizisten erschossen wie weiße junge Männer. Schwarze und Hispanics machen 25 Prozent der Gesamtbevölkerung aus, doch sie stellen gut sechzig Prozent der Gefängnisinsassen. Die Bürgerrechtsbewegung hat die völlige Entrechtung der Schwarzen gelindert, aber die Dämonen wollen einfach nicht vergehen.

Die Wahl Trumps zum US-Präsidenten hat die Lage noch einmal verschärft. Die Zahl der rassistischen Übergriffe gegen Muslime, Schwarze und Hispanics stieg in den Monaten nach der Machtergreifung von Trumps Clique aus weißen Millionären und Milliardären noch einmal an. Und diese Clique würde die Zeit zu gerne zurückdrehen. Vor die Zeit der Bürgerrechtsbewegung und den Gesetzen zur Rassengleichheit.

Rassismus und kulturelle Befruchtung
Das menschliche Zusammenleben ist widersprüchlich. Mehrere hundert Jahre Sklaverei in den USA brachten Rassentrennung, Unterdrückung und rassistische Gewalt hervor. Gleichzeitig aber vermischten sich die Ausdrucksformen der weißen Einwanderer aus Europa und der schwarzen, eingeschleppten Menschen aus Afrika. Im Süden veränderten sich weiße und schwarze Musik und näherten sich an. Neben den „weißen“ Instrumenten Gitarre, Mandoline und Geige etablierte sich das „schwarze“ Banjo. Zusammen gingen wie in den „String Bands“ auf. Afrikanische Tänze und Gesänge mischten sich mit weißen religiösen Inhalten und musikalischen Ausdrucksformen und es entstanden sowohl religiöse Gospels, als auch die Blues- und Workingsongs. Und die Weißen adaptierten die Gospels mit der Folge, dass dasselbe Liedgut sowohl in schwarzen, als auch in weißen Kirchengemeinden gesungen wird. Und während die schwarzen Unterhaltungsmusiker nach der Sklaverei sowohl die weiße Hillbilly-Musik als auch den schwarzen Blues sangen, entstand aus der Zusammenführung beider die Countrymusik, die zwar als „Blues des weißen Mannes“ gilt, aber ihre schwarzen Wurzeln hat, die viel zu oft übersehen werden.

Von „Run, Nigger, Run“ bis „Freedom Highway“
In der Musik der Schwarzen war Rassismus und Gewalt natürlich seit jeher Thema. Eines der bekanntesten frühen Beispiel aus der amerikanischen Folkmusik ist der Song „Run, Nigger, Run“, der Mitte des 19. Jahrhunderts erstmals dokumentiert ist und von der Flucht vor den weißen „Slave Patrols“ handelt. Als die ländliche Musik des Südens in den 1920er Jahren erstmals auf Platten aufgenommen wurde, waren es eine ganze Reihe von weißen Interpreten, die dieses Lied sangen, wie Uncle Dave Macon (1925) oder Gid Tanner and the Skillet Lickers (1927). Längst hatte sich der schwarze Song ins kollektive Gedächtnis auch der weißen Südstaatler eingebrannt.

„They sellin‘ Postcards of The Hangin'“ singt Bob Dylan in seinem epischen „Desolation Row“. Was auf den ersten Blick als eine treffende böse Metapher auf den amerikanischen Verkaufsgeist daherkommt, ist in Wirklichkeit eine Reminiszenz an einen rassistischen Lynchmord in Dylans Geburtsstadt Duluth in den 1920er Jahren. Was im nördlichen Bundesstaat Minnesota eher die Ausnahme darstellte, war in den Südstaaten bis in die jüngere Vergangenheit Gang und Gebe und hat in die Populärkultur Einzug gehalten. Wir begegnen ihm beispielsweise als Versuch in Harper Lees „Wer die Nachtigall stört“.

Das abgründigste und berührendste Lied über die Lynchmorde an Schwarzen ist sicher „Strange Fruit“. Der Song wurde 1939 durch Billie Holiday weltweit bekannt. Das von Abel Meeropol komponierte und getextete Lied ist eine der stärksten künstlerischen Aussagen gegen Lynchmorde in den Südstaaten der USA. „Strange Fruit“ wurde zu einer Metapher für Lynchmorde. Eine ganze Reihe von schwarzen und weißen Musikern haben es gesungen: Josh White, Pete Seeger oder Nina Simone. Letztere hat zudem einen eigenen Song als Anklage des Rassismus in den Südstaaten legendär werden lassen: Mississippi Goddam von 1964 war ihre Antwort auf die Ermordung des schwarzen Bürgerrechtlers Medgar Evers und dem Bombenanschlag auf eine schwarze Baptistenkirche in Birmingham, Alabama.

Die weiße Jugend entdeckt das Leiden der Schwarzen
Auch in der Bürgerrechtsbewegung befruchteten sich das weiße und das schwarze Amerika. Die junge weiße Generation empfand sich Ende der 1950er/Anfang der 1960er als gegängelte Jugend, die noch dazu die Welt wegen des Ost-West-Konflikts in Kriegsgefahr sah. Man adaptierte die schwarze Leidensgeschichte und deren kulturelle Ausdrucksform für die eigene Zwecke des Aufbegehrens gegen die Elterngeneration. Man fand den Blues und sang im Folk gegen Rassismus und Gewalt. Gerade der junge Bob Dylan hatte eine ganze Reihe von antirassistischen Songs im Repertoire: „Only A Pawn In Their Game“, The Death Of Emmett Till, „The Lonesome Death Of Hattie Caroll“ oder auch „Oxford Town“.

Der schwarze Blues verarbeitete zwar die tägliche Diskriminierung in seinen Texten, aber Songs mit eindeutig politischer Dimension wie der von Billie Holiday waren bis Mitte des letzten Jahrhunderts eher selten. Genauso selten wie in der weißen Folkmusik vor Woody Guthrie. J.B. Lenoir bildete mit eindeutigen Songs wie „Alabama Blues“, „Down in Mississippi“ und „Vietnam Blues“ hier eher die Ausnahme. Erst die Bürgerrechtsbewegung änderte das. 1965 schrieb Pops Staples für seine Staples Singers als Reaktion auf den Marsch von Selma nach Montgomery den Song „Freedom Highway“.

Selbstredend war die die Problematisierung von Rassismus kein Thema in der weißen Countrymusik. Man sang einfach nicht darüber. Schwarze Countrymusiker wie Charley Pride und Darius Rucker bleiben die Ausnahmen, hatten und haben aber immer wieder mit rassistischen Ausfällen von Teilen des Publikums zu rechnen. Und das, obwohl Lichtgestalten der Countrymusik, wie A.P. Carter, Hank Williams oder Bill Monroe, ohne ihre schwarzen Helfer oder Lehrer gar nicht vorstellbar wären. Ausgerechnet jedoch der Ende der 1960er Jahre als Sänger der Rednecks verschriene Merle Haggard war es, der das Thema Rassismus erstmals in einem Countrysong aufgriff. „Irma Jackson“ über die Liebe zwischen einem weißen Mann und einer schwarzen Frau wollte er als Single-Nachfolger für seinen als Anti-Hippie-Spottlied verstandenen 1969er Hitsong „I’m An Okie From Muskogee“ veröffentlichen. Doch seine Plattenfirma Capitol Records ließ das nicht zu.

Immer und immer wieder Thema
Bob Dylan indes sollte auch nach Ende seiner kurzen Protestsongphase das Thema immer wieder einmal aufgreifen. So setzte er 1970 mit „George Jackson“, einem ermordeten Black Panter-Führer ebenso ein Denkmal wie 1975 mit „Hurricane“ dem schwarzen Boxer Rubin Carter, der ein Opfer der amerikanischen Rassenjustiz wurde.

Vier aktuelle Beispiele für die Thematisierung von Rassismus und rassistischer Gewalt seien hier genannt. Heartland-Rocker John Mellencamp hat auf seinem neuen Album den Song „Easy Target“ aufgenommen, der rassistische Gewalt thematisiert und die großartige Rhiannon Giddens hat nicht nur ihr jüngstes Album „Freedom Highway“ genannt und hat damit den Pops Staples-Song angemessen ins heute verfrachtet, sondern ihr Longplayer enthält mit „At The Purchaser’s Option“ auch einen der eindringlichsten Songs über die menschlichen Tragödien als Folgen des Sklavenhandels, der je geschrieben worden ist. Alynda Lee Segarra wiederum kehrt mit ihrem Bandprojekt „Hurray For The Riff Raff“ zu ihren hispanischen Wurzeln zurück und begehrt auf „The Navigator“ gegen Gentrifizierung, Homophobie und Rassismus auf. Und jüngstes Beispiel ist der Song „White Man’s World“ von Südstaaten-Roots-Rocker Jason Isbell, der überhaupt auf seinem neuen Album „The Nashville Sound“ einen scharfen Blick auf die verstörenden Entwicklungen in den USA hat.

Die amerikanische Musikszene hat seit der Wahl Trumps eine Hinwendung zu gesellschaftlichen und politischen Themen vollzogen. Man darf gespannt sein, wie sich Amerika und seine Roots Music angesichts der problematischen Herausforderung durch die Trump/ Bannon-Clique, deren jüngster Affront die Kündigung des Pariser Klimaschutzabkommens war, in nächster Zeit entwickeln werden.

Bob Dylan im Jahr 2017

29. April 2017

Der US-Sänger gefällt diesmal auch der Kritik/ Berührendes Konzert in der Frankfurter Festhalle

Es fällt richtig auf: Unter den jüngsten Konzertkritiken sind einige, die nicht immer den gleichen Müll reproduzieren, die gleichen Klischees und Vorurteile totreiten: Genuschel, mürrisch, dem Publikum abgewandt und so weiter. Das blieb in diesem Jahr HR1 vorbehalten, dessen merkwürdiges Dylan-Special an Karfreitag eher unter die Rubrik „die Konzertpräsentation haben wir bezahlt, dann müssen wir halt auch was von Dylan bringen, obwohl der sonst für unser Programm keine Rolle spielt!“ einzuordnen ist. Da wurden dann Kunststückchen vollführt wie dieses: Im Hintergrund läuft ein Song von „Triplicate“, bei dem man jede Silbe einwandfrei verstehen kann, und im Vordergrund faselt jemand was von „genuschelten Versionen von Sinatra Songs“. Wow!

Viele Kolleginnen und Kollegen der schreibenden Zunft waren da aufmerksamer. Es scheint also auch Berichterstatter zu geben, die sich nicht von Dylans Karrierebrüchen und seiner Distanz zum Showbusiness persönlich beleidigt fühlen oder eben Dylan in der Schublade „mürrisches Faktotum“ abgelegt haben. So liest man in der Frankfurter Rundschau:

„Bob Dylan and his band (so steht es auf dem Ticket), das sind diesmal eindreiviertel Stunden Countryrock, ein bisschen Blues, ein bisschen Bluegrass, ein bisschen Folk, sind Schwung und Schmelz und herrliches Gitarren-Wahwah, his band könnte auch eine stolze Begleitung für einen echten Crooner sein.

Das würde von Dylan niemand behaupten wollen. Aber diese gezeichnete, raue, manchmal krähenkrächzende Stimme sich doch um ein melancholisches Kleinod wie „Autumn Leaves“ bemühen zu hören, durchaus mit Erfolg bemühen zu hören, das hat doch Charme, Tiefe, ja, Seele.

Da steht er dann in der (nicht ganz ausverkauften) Festhalle, lässt den Mikroständer mal baumeln, stellt sich mal breitbeinig hin, weil er vielleicht auch nicht mehr so sicher auf den Beinen ist, und lässt die letzten Blätter ganz sachte sinken, fallen.“

Und tatsächlich, plötzlich ist die Kritik Dylan deutlich zugewandter, man lässt sich auf seine Konzerte, seine Musik ein. Und wer das gemacht hat – beispielsweise eben in der Frankfurter Festhalle – konnte tatsächlich einen fast 76-jährigen Mann erleben, der fest im Kanon der amerikanischen Musik verwurzelt ist. Der jetzt im Moment die Musik macht, die ihm gefällt. Die Musik, über die er sich ausdrückt, sein Vehikel, das transportiert, was er uns als Künstler sagen will. Und daher auch uns, sein Publikum berührt. Und das auch ganz im Sam Cooke’schen Bonmot, dass eine Stimme nicht gut sei, wenn sie schön ist, sondern wenn sie einen glauben lässt, das sie von der Wahrheit singt.

Dylan im Jahr 2017 geht ganz zurück auf seine Wurzeln in den 1940er Jahren. Die Musik, der Bühnenaufbau – man sieht sich in einem Club in den vierziger Jahren zurückversetzt. Seine Band ist immer noch die Cowboy Band, die sich irgendwo im ländlichen Süden am urbanen Pop-Schlager versucht. Und das mittlerweile mit einer Perfektion, die ihresgleichen sucht. Wer hätte das vor 25-30 Jahre gedacht, als Dylan-Konzerte manchmal klangen wie Garagenrock meets Kindergeburtstag, als Höhepunkte und Abstürze auf der Bühne nur Minuten voneinander entfernt waren.

Dagegen präsentieren sich Dylan und seine Band fast schon als routinierte Entertainer, wenn dem nicht Dylans Person entgegenstünde, der einfach nicht nach Perfektion, sondern nach Inspiration sucht. Und diese Inspiration braucht er für seinen Gesang, der ihm viel wichtiger ist als vor einigen Jahren. Seine Stimme ist milder geworden, er schafft auch wieder einige Höhen mehr als in der ganz großen Krächz- und Bell-Zeit. Und so scheint er gerade deswegen Abend für Abend dass gleiche zu spielen. Damit er die immer gleichen Worte noch einmal anders prononcieren, noch einmal anders klingen lassen kann.

Er spielt nicht ein einziges Mal Mundharmonika an diesem Abend. stattdessen vollführt er wilde ungelenke Tänze mit dem Mikrofonständer. Und wenn er sich nicht dort oder am Klavier festhält, läuft er manchmal scheinbar etwas orientierungslos über die Bühne. Dabei aber stets in enger Kommunikation mit seinen Musikern.

Die Höhepunkte des Abends sind ein kraftvolles „Desolation Row“, ein mitreißendes „Tangled Up In Blue“ und die große Zirkusnummer „This Old Black Magic Called Love“. Und wie immer endet der Abend in der Bandaufstellung und dem spöttisch-grimmigen Blick in die Menge. Der Bob Dylan im Jahr 2017 ist auch einer, der die Rituale auskostet.

Und er ist doch ein Dichter!

15. April 2017

Heinrich Deterings neues Buch „Planetenwellen“ entdeckt den Lyriker und Textautor Bob Dylan wieder – eine lohnende Erinnerung! – Detering liest aus den Texten von Dylan am 20. April im Darmstädter Pädagogtheater

Klar, Bob Dylan ist der bedeutendste lebende Singer-Songwriter der Rock-Ära. Für seine Songpoesie hat er den Literatur-Nobelpreis bekommen. Auf diesem Feld hat er einzigartiges geleistet, als er die Tradition des amerikanischen Folksongs erst mit Tempo, Rhythmus und Bildern der Beat-Generation und dann mit Rockmusik zusammenbrachte. Doch Dylan hat auch immer wieder Gedichte und Prosagedichte veröffentlicht. Zumindest in seiner Anfangsphase. Da verstand er sich sowohl als Songwriter, als auch als Lyriker. Seinen Schallplatten gab er Lyrik und Gedichtzyklen dazu und in Zeitschriften veröffentlichte er Langgedichte. Heinrich Detering, bedeutendster Dylan-Experte hierzulande, ruft dies mit dem eben erschienenen Buch „Planetenwellen“ (Hoffmann und Campe) wieder in Erinnerung. Detering hat für dieses Werk die bislang verstreuten Texte erstmals systematisch zusammengefasst, neu übersetzt und kommentiert.

Bekanntestes frühes Langgedicht ist sicher „My Life In A Stolen Moment“, das zuerst im Programm zu seinem Konzert im Oktober 1963 in der New Yorker Carnegie Hall veröffentlicht wurde. Hier strickt er an seiner Legende und schmückt sie aus. Wäre angeblich mehrmals ausgerissen und rumgetrampt, bei den Indianern gewesen usw. Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, dass Authentizität keine künstlerische Kategorie ist, hier ist er. Dylans Poem ist unterhaltsam und mit seiner Lakonie und seinem Beat-Rhythmus eines seiner ersten Roadmovies für den Kopf. Aber der Wahrheitsgehalt verschwindend gering. Dylan mag in Hibbing, Minnesota, ein Außenseiter und Eigenbrötler gewesen sein, aber richtig auf den Weg gemacht hat er sich erst im Winter 1961.

Das Stricken an der eigenen Legende und das im Unklaren lassen, was wahr und was Fiktion ist, das behält er in seinem Werk sein ganzes Leben und seine ganze Karriere bei. Und selbst in den Werken, die am ehesten als autobiografisch eingestuft werden – die Platte „Blood On The Tracks“ und der Song „Sara“ – können nicht als eins zu eins Realitätswiedergabe angesehen werden. Wie kaum ein anderer Autor versteht es Dylan, mit Personen, Persönlichkeiten, Zeitebenen, Sichtweisen, Realitäten und Bedeutungsebenen zu spielen. Wer erzählt da jetzt? Eine Frage, die man sich oftmals stellt, schaut man sich seine Texte an.

Deshalb Obacht bei der allzu schnellen Bewertung von Dylans Texten. Und das gilt auch für seine Prosa. Die „Chronicles Vol.1“ beispielsweise lesen sich wunderbar süffig und klingen einleuchtend. Aber hat es sich wirklich so zugetragen? Und es geht hier nicht darum wie Autobiografien aufgehübscht werden können, sondern darum, dass möglicherweise Robert Zimmerman eine Biografie der Kunstfigur Bob Dylan geschrieben hat. So könnte sie passen, die Konstruktion der Frühzeit von Dylan oder der Zeit von „Oh Mercy“, die in diesem Band ausführlicher behandelt werden. Und das schmälert nicht den literarischen Rang. Authentizität? Siehe oben!

Heinrich Detering

Was uns nun Heinrich Detering in seinem kenntnisreich zusammengestellt und kommentierten Band liefert, ist ein letzter wichtiger Mosaikstein in der Betrachtung des Dylan’schen Gesamtwerks. Endlich sind Dylans Gedichte, Prosatexte, Liner-Notes und Reden in einem Band zusammengefasst. So entdeckt man den schlüpfrigen Text zur Platte „Planet Waves“ ebenso wieder wie Dylans coolen und parodistischen Liner-Notes zu „World Gone Wrong“, die tolle Wort-Bilder zeichnen und viel Wissen und Liebe zu den Songs und deren Schöpfer und Interpreten offenbaren. Aber auch eine spöttisch-negative Sicht auf die neoliberale Postmoderne. Und man kann die wirklich sensationelle „MusiCares“- Rede von Dylan nachlesen. Seine Schilderungen über Vorbilder und Zeitgenossen sind teilweise wirklich überraschend. Und wie kenntnisreich und engagiert er da ist. Und wie er scheinbar Verletzbarkeit zeigt. Trifft es ihn wirklich, wenn Kritiker schreiben, er singe wie ein Frosch?

Und doch geht das Buch über die Entdeckung solcher Schätze hinaus. Denn Detering wäre nicht Detering, wenn er nicht wieder kongenial die Zusammenhänge herstellt, die ihm seine Dylan-Deutungen möglich machen. Indem er noch einmal mit der Lupe auf den historischen Augenblick der Geburt des Künstlers und Kunstfigur Bob Dylan schaut, zeigt er die Schnittstelle, die Dylan besetzt. Dieser führt die Beat-Poety und die rurale Folkmusik, die ihm beide im Greenwich Village begegnen, zusammen. Beides sind damals Ausdrucksformen der Linken. Die eine mehr eine eskapistische antibürgerliche im Habitus, die andere eine seit Woody Guthries Zeiten politisch-strategisch orientierte, kulturelle. Dylan vereinigt zwei ganz eigene Musik- und Sprachuniversen und entwickelt damit etwas ganz neues. Bis er sich selber als Rock’n’Roll-Dandy in der Sackgasse eines immer opulenteren Sprachgestrüpps verirrt. Nachdem er sich mit seinem Motorrad auf die Straße gelegt hat, kehrt er dann mit einfacheren Songs zurück, die eher an Hank Williams als an den Beatniks orientiert sind.

Und doch bleibt Dylan bis heute in dieser surrealen Sprache und Schreibweise verbunden. Sie findet sich, so arbeitet Detering fein heraus, bis hinein in die jüngsten Veröffentlichungen. Und so ist dieses Buch allen empfohlen, die sich mit Dylan tiefer beschäftigen wollen. Und es ist eigentlich auch ein cooler, lässiger Fingerzeig in Richtung manch bräsiger Bildungsbürgernase, die meinte, sich über die Verleihung des Literaturnobelpreises echauffieren zu müssen. Für diese Leute gilt auch noch nach mehr als 50 Jahren unverändert: „Something is happening here, but you don’t know what it is, do you Mr. Jones?“.

Heinrich Detering liest aus seinem Buch am Donnerstag, 20. April, um 20 Uhr, im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Americana im Pädagog“ im Darmstädter Theater im Pädagog. Karten für die Veranstaltung können im Vorverkauf online unter http://www.paedagogtheater.de erworben werden. Vorbestellungen sind unter Telefon +49 (0) 6151 / 66 01 306 sowie per E-Mail theaterimpaedagog@gmx.de möglich.

Der Protestsong in den Zeiten von Trump

7. April 2017

Während ich diese Zeilen schreibe, entwickelt sich ein kleines Anti-Trump-Spottlied von Joan Baez zum viralen Hit im Internet. Wow, der Twitter-Präsident gestellt von Joanie auf Facebook. Sie selbst sagt dazu, es wäre kein wirklich gutes Lied. Da mag sie recht haben, aber erstens hält so mancher Protestsong der Qualitätskontrolle nicht stand und ist trotzdem wirkungsvoll, und zweitens ist Joan Baez eben nicht die große Songwriterin, sondern die große Stimme und Interpretin des politischen Folksongs. Woody Guthrie, Pete Seeger, natürlich Bob Dylan, dann Donovan usw. – deren Lieder hat sie immer wieder gesungen und deshalb ihren Anteil an deren Unsterblichkeit. Apropos unsterblich: Natürlich haben die Songs der alten Helden auch ihren Platz im Widerstand gegen die Trump-Herrschaft. Aber es sind auch viele neue Songs entstanden, die entstanden sind, um gegen die Clique der Millionäre und Milliardäre, die sich US-Regierung nennt, zu protestieren.

„Old Man Trump“
Alles begann quasi mit der Synthese aus alt und neu. Als im letzten Sommer so langsam klar wurde, das Trump doch eine Chance hat, US-Präsident zu werden, da gruben Ryan Harvey, Tom Morello und Ani DiFranco einen alten Text von Woody Guthrie aus und vertonten ihn: „Old Man Trump“. Es geht darin um Donalds Vater. Der hatte mit Hilfe öffentlicher Gelder Mietshäuser gebaut, in denen er keine Schwarzen wohnen ließ. Woody bemerkte dies zu spät und wohnte eine Zeit lang in einem der Häuser Trumps. Und hatte darum einen Song voller Wut über den rassistischen „Old Man Trump“ geschrieben.

„1000 Days, 1000 Songs“
Als dann die heiße Wahlkampfphase lief und Trump plötzlich sich anschickte, das Rennen zu machen da startete die Aktion „30 Days, 30 Songs“. Bands wie Death Cab for Cutie, Franz Ferdinand und R.E.M. veröffentlichten nach einer Idee des Schriftstellers Dave Eggers über 30 Tage bis zum Wahltag in den USA je einen neuen Song gegen Trump. Weiter ging es dann mit dem Projekt „Our First 100 Days“ mit Indie-Künstlern wie Bonnie ‚Prince‘ Billie, How To Dress Well, Toro Y Moi, The Range, The Mountain Goats, Jim James, Jens Lekman, Cherry Glazerr, Mitski, Ty Segall oder Waxahatchee. Kurz darauf weitete Eggers sein Projekt auf 1000 Days, 1000 Songs aus. In jeder Woche der Präsidentschaft Donald Trumps wird montags bis freitags im Internet je ein Song der Playlist hinzugefügt. Waren die 2016er Songs mehrheitlich neue Songs, so überwiegen derzeit ältere Stücke, gesungen von Mavis Staples, Crosby, Stills & Nash oder Pete Seeger.

Die Countryszene hält die Füße still
Interessant ist, dass der Protest gegen Trump die Popwelt fast gänzlich erfasst. Codes, Inhalte, Selbstverständnis, Rollen- und Geschlechterdefinitionen der modernen Popmusik und Trumps überkommene Vorstellungen von Gesellschaft, Frauen, Rassen, Religionen oder Homosexualität stehen sich völlig konträr gegenüber. Da war es zwangsläufig, dass Trump für Inauguration nur zwei bekannte Countrysänger für sich gewinnen konnte. Und tatsächlich halten sich die Countrymusiker im Gegensatz zu ihren Pop-, Rock- und Folkkollegen politisch bedeckt. Zwar sind Toby Keith und Lee Greenwood als offizieller und lautstarke Trump-Unterstützer allein auf weiter Flur. Aber im Gegensatz zu Oscar- und Grammy-Verleihungen fiel bei der Preisverleihung der Academy of Country Music dieser Tage kein einziger politischer Satz. Man hält dicht, auch wenn bei einigen Countrymusikern sicher Trump nicht so hoch im Kurs ist. Aber an fürchtet die negativen Sanktionen von Publikum und Musikbusiness. Die Dixie Chicks äußerten sich kritisch über George W. Bush und wurden fortan von den konservativen Radiosendern nicht mehr gespielt. Die Folge: Karriereknick. Ebenso wie bei Chely Wrigt als sie sich als lesbisch outete. Ihre Plattenverkäufe halbierten sich. Und die Wogen der rassistischen Entrüstung gingen hoch, als Beyoncè zusammen mit den Dixie Chicks bei den Country Music Awards im letzten Herbst auftrat.

Americana-Musikerinnen engagieren sich gegen den Trumpismus
Wichtig ist, dass der Protestsong im 21. Jahrhundert in den verschiedensten musikalischen Gewändern daherkommt. Und er ist oftmals weiblich. Und bunt. Denn Trumps Agenda gegen die Rechte von Homosexuellen, und gegen Latinos und Schwarze und seine Frauenfeindlichkeit fordern diese Gruppen natürlich besonders heraus. So waren bislang die beiden stärksten und engagiertesten politischen Alben in diesem Jahr von einer lesbischen Latina und der Tochter eines weißen Mannes und einer schwarzen Frau. Und beide aus dem Americana-Genre. Dem Genre, wie ich schon vor einigen Jahren schrieb, „das wie kein anderes die Wurzeln, die Träume, und den Zusammenhalt der amerikanischen Gesellschaft beschwört“. Alynda Lee Segarra, Sängerin mit puerto-ricanischen Wurzeln und Kopf des Projekts „Hurray For The Riff Raff“ singt gegen die Diskriminierung von Latinos und Homosexuellen sowie gegen die Gentrifizierung. Und Rhiannon Giddens, ein „Southern Girl“, singt auf „Freedom Highway“ die Songs der Bürgerrechtsbewegung und beschwört in ihren Statements zum Album die Einheit Amerikas und ihrer bunten Bevölkerung gegen alle Spaltungsversuche des Trumpismus. Nun hat „Father John Misty“ mit „Pure Comedy“ ein explizit politisches Album herausgebracht, dass über die Kritik an Trump hinaus eine umfassende Gesellschaftskritik zum Inhalt hat und auch Altmeister John Mellencamp, der ebenfalls Erfahrung damit hat, wegen eines Anti-Bush-Songs vom Radio boykottiert zu werden, greift auf seinem demnächst erscheinenden Album „Sad Clowns & Hillbillies“ politische Themen auf. Sein Song „Easy Target“ prangert die rassistische Gewalt gegen Schwarze an.

Und Bob Dylan?
Politisch engagierte Songs – der Terminus gefällt mir besser als „Protestsong“ – erleben in den Zeiten von Trump einen neuen Aufschwung. Und was macht der, der gerade mal zwei Jahre Protestsänger war, und dennoch dieses Etikett auch nach 50 Jahren Karriere und vielfältigen Reisen in die unterschiedlichsten musikalischen Genres nicht los wird? Nun, Bob Dylan schreibt schon seit Jahren keine engagierten dezidiert politischen Lieder mehr. Davon hat er ja ohnehin eine ganze Menge hinterlassen. Warum sich also wiederholen? Sie haben eine universelle Gültigkeit und bis vor wenigen Jahren auch ihren festen Platz im Konzertprogramm gehabt. Songs aus der jüngeren Vergangenheit wie „Workingman’s Blues #2“ oder „Heartland“ zeugen zudem davon, dass der Alte schon immer noch einen scharfen Blick auf die gesellschaftliche Ungleichheit hat. Im Moment allerdings singt er melancholische Popsongs aus den 1930er und 1940er Jahren. Also aus den New Deal-Zeiten, als Amerika im Kampf gegen Armut und Arbeitslosigkeit geeint war und die Linke einen bis dato nie wieder erreichten kulturellen und politischen Einfluss hatte. Dies und eine abgeklärte gospel-soulige Version von „Blowin In The Wind“ sind aber auch ein Statement.