Archive for Oktober 2009

Neue Sterne – The Felice Brothers

28. Oktober 2009

Felice_Long_06bManchmal soll man bewusst die Superlative sein lassen. Manchmal ist das verdammt schwer. So auch in diesem Fall. Bringen wir es so nüchtern wie möglich auf diesen Satz: „The Felice Brothers“ sind die neuen viel versprechenden Sterne am Americana-/Folk-Rock-Himmel.

Wer sie in diesem Herbst live in Deutschland live erlebt hat – so wie am Dienstagabend in der Frankfurter Batschkapp – der hat keine Musiker gesehen, sondern echte Musikanten. Die Jungs haben ihr Handwerk auf den Straßen und in den Metrostationen New Yorks gelernt. Und ihr Musikkonzept ist überzeugend, denn so bleibt Americana frisch, behält seine Rauheit und stirbt nicht als Kunstlied.

Erst einmal steht Truppe eindeutig in der Tradition von Bob Dylan & The Band, vielleicht mit einem Schuss Tom Waits. Das wäre nichts besonderes, wenn sie es nicht mit einer überzeugenden Kunstfertigkeit an den Instrumenten verbinden würden. Zudem haben sie drei fast archetypische Frontleute in ihren Reihen. Leadsänger und Gitarrist Ian Felice ist die dylaneske charismatische Zentralfigur, spindeldürr und zerbrechlich wirkend. James Felice besetzt die Rolle des Virtuosen an den Tasteninstrumenten und ist zugleich der freundliche Tanzbär, ein Garth Hudson unserer Tage. Greg Farley an Waschbrett und Geige spielt die Rolle des Joker. Während die in den Traditionen wurzelnde Musik der Gruppe deutlich macht, dass hier klassisches Americana  um Einflüsse des Punk, New Wave und Indie-Rock erweitert wurden, bricht der Joker gleichzeitig mit dem traditionellen Habitus des weißen Rockmusikers, indem er sie mit Ausdrucksformen der schwarzen Hiphop-Künstler kombiniert. Ergänzt werden Musik und Performance durch eine fast schon Irish-Folk-mäßige berauschte Spielfreude.

Das alles zusammen ergibt eine wundervolle, mitreißende, explosive Musikmischung und Live-Performance. Es gibt im Moment niemand Anderen, der im Americana-Bereich so geschickt und selbstverständlich die Fallen der ehrgeizlosen Traditionalisierung auf der einen– Bluegrass und Old Time  wie anno dunnemals, sehr schön aber so what? – und der Weltmusik-Kunstklang-Schönspielerei auf der anderen Seite umgeht und das Genre dadurch weiterentwickelt.

Vor kurzem konnte ich mit der Nitty Gritty Dirt Band und Rosanne Cash Künstler erleben, die bereits Jahrzehnte im Geschäft sind. Die Felice Brothers sind – hoffentlich – am Anfang einer großen Karriere. Spannend wird in den nächsten Jahren sein, zu beobachten, ob sie in der Lage sind, auch auf Dauer ihre Versprechen zu erfüllen.

Anspieltipp: CD „The Felice Brothers“, Song „Frankies Gun!”.

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New York, New York 2

17. Oktober 2009

NY2009-II 168Eine prall gefüllte Woche New York liegt hinter uns. Eine Entdecker-, Lauf-, Essen und Trinken-, Wohlfühl-, Musikwoche, von der wir lange zehren werden.

Den Auftakt der Musikwoche bildete die legendäre Nitty Gritty Dirt Band im B.B. King’s Blues Club am Times Square. Ein fabelhaftes Konzert der Country-Rock-Pioniere. Und im Gespräch sind die total locker und umkompliziert. Mit Ihnen zu sprechen war ein ganz großer Moment. Mit Jeff Hanna und Bob Carpenter über „Oh Brother, where art thou?“ und Bob Dylan zu fachsimpeln – Wahnsinn!

Weiter ging es am nächsten Tag mit John Wesley Harding. Der Bob Dylan-Apologet – Nomen est Omen – ist ein ausgesprochener Sympath und ein toller, literarisch beschlagener Musiker. Nur spielt er momentan ein Programm, das von seinen Gästen lebt. Doch leider haben die nicht die Qualität, um wirklich den Abend zu einem ganz großen Vergnügen werden zu lassen. So bleibt von dem Event im „Le Poisson Rouge“ im Herzen von Greenwich Village vor allem der druckvolle, eingängige Folk-Rock von John Wesley-Harding und das lustige Spottlied über die Delta Airlines – „Delta, Delta, Delta, nothing rhymes on Delta, the stones play gimme shelter…“ im Gedächtnis haften.

Auch am eigentlich geplanten musikalischen „day-off“ zog es uns dann wohl instinktiv in den New Yorker Ableger der „Rock’n’Roll Hall of Fame“. Dort wird im Moment eine Ausstellung über „John Lennon in New York“ gezeigt. Eine sehr interessante und bewegende Schau. Die Dauerausstellung fällt dagegen etwas ab. So kommt Dylan meines Erachtens nach zu kurz weg gegenüber der (über-)breiten Würdigung von Bruce Springsteen. Dass als Hörprobe ausgerechnet „House Of The Rising Sun“ gespielt wird und nicht beispielsweise „Like A Rolling Stone“ ist unerklärlich. Schade!

Am nächsten Tag waren wir dann beim „World Premiere Concert“ von Rosanne Cashs „The List“. Hier traf sich wohl vor allem die New Yorker intellektuelle und Medien-Szene. Während wir bei den Nitties zwischen dem Lehrertyp zur Linken und den amerikanischen Mittelklasse-Hausfrauen zur Rechten uns in einem gemischten Publikum wieder fanden, waren unsere Nachbarinnen in der Lobby von St. Ann’s Warehouse deutlich als Medienleute zu identifizieren. Dass ich selber so einer bin, macht mir das leichter (lol!). Doch zum Konzert: Rosanne ist eine interessante Künstlerin, hat eine tolle Stimme und eine große Bühnenpräsenz. Es war eine sehr schöne, sehenswerte Show. Rosanne Cash überzeugte, auch weil jederzeit zu spüren war, welches Herzensanliegen ihr die Liste ihres Vaters ist.

Blieb als Abschluss dann noch die Bob Dylan-Weinprobe. Und die war eigentlich ein Ärgernis. Man nehme drei nervende, inhaltslos schnatternde Moderatoren (besonders der, der geradezu eine Parodie auf einen Rockjournalisten gab), ein überfordertes Personal, das asynchron zur Erklärung der Weine, die leider unaufregenden Tropfen ausschenkt – ein Wein fehlte gar völlig – und einen „Bob Dylan-Look Alike“, der Dylans Musik so beflissen wie unoriginell nachahmt: Leider eine Chance vertan. Dass man dabei in der Band „Highway 61“ live Rob Stoner (Desire, Rolling Thunder Review) die große Scarlet Rivera (Hurricane!) sowie Winston Watson (Never Ending Tour-Band 1993-97) erleben konnte, war das Beste und das positiv Unvergessliche am Abend.

Was bleibt sonst? Ins Village kommen ist immer so ein bisschen wie nach Hause kommen. Die Eichhörnchen im Washington Square Park wieder zu sehen. Und ich schwöre, dass uns am ersten Tag Greil Marcus am Waverly-Restaurant über den Weg gelaufen ist. Dass man wunderbar in New York laufen kann. Dass es vom Village nicht weit zum Hudson River ist. Dass am Hudson River eine wunderschöne Promenade entstanden ist. Dass wir in der Vandam Street Kinky Friedmans Loft nicht gefunden haben. Dass wir die White Horse Tavern überlebt haben. Dass wir von Willie Nile leider keine Spur gefunden haben, dafür sein Geist überall in den „Streets of New York“ zu spüren war. Dass wir eine lehrreiche Ausstellung über Lincoln and New York“ besucht haben. Und dass wir endlich ein Restaurant in New York mit „authentic southern and cajun food“ gefunden haben. Und so vieles mehr…

Jetzt sind wir tatsächlich so mutig: Nächstes Jahr fahren wir den Highway 61 runter!