„Do re mi“ oder: Ein Jahresrückblick

 Zu guter Letzt, nachdem alle relevanten Kritiken – ob positiv oder negativ – zum umstrittenen „Christmas in the heart“ erschienen sind und das Werk mittlerweile zur Bescherung in vielen Familien von Dylanfans weltweit bereit liegen dürfte, legt Dylan im Dezember noch mal nach. Der Film „People speaks“, eine Art amerikanischer Geschichtsschreibung von unten, und der dazugehörige Soundtrack erscheinen. Dylan ist dabei mit einer im Oktober live mit Ry Cooder und Van Dyke Parks eingespielten Version von Woody Guthries „Do re mi“ vertreten.

Für einige ein versöhnlicher Abschluss:  Dylan spielt wieder Woody, klasse! Es zeigt wieder einmal: Dylan ist der lebendige Schmelztiegel der amerikanischen Populärmusik, ohne dabei beliebig zu sein. Seine Version des „Dust-Bowl-Songs-Klassikers ist langsam und getragen. Der zornig-fatalistisch-spöttische Impuls des Originals ist nur als Nachhall vernehmbar. Das Lied ist Geschichte, weiß Dylan, und so liegt auch ein großes Stück Wehmut in seiner Interpretation. Wehmut auch darüber, dass die Verhältnisse immer wieder zu den Verwerfungen führen können, wie sie dem Song als Thema dienen. Damals waren es Wirtschaftskrise und Naturkatastrophen wie die großen Sandstürme, die das Leben von Millionen Menschen negativ beeinflusste. Bankenkrise, das Sterben der Autokonzerne, die Klimakatastrophe, Hungersnöte, weltweite Kriege sind es heute. Dass Dylan einem Projekt wie „People speaks“ mitwirkt – ebenso übrigens wie beim Wasserprojekt zur Weltausstellung 2008 oder bei der Hungerhilfe in diesem Jahr – zeigt, dass der alte Bob durchaus noch sensible Antennen für die Widersprüche der Zeit besitzt. Er will halt nur – und das ist eins der Themen seines Lebens – nicht als Politkünstler oder gutes Gewissen der Welt – wie Bono oder Bob Geldof – wahrgenommen werden. Und nimmt man die widersprüchlichen Signale auf, die im Moment von Barack Obama ausgehen, ist Dylans Zurückhaltung zu diesem Thema mittlerweile einleuchtend.

Mit der vorzüglichen Interpretation von „Do re mi“ schließt ein in jederlei Hinsicht spannendes und produktives Dylan-Jahr. Im Frühjahr die Kunde, Dylan hat Filmmusik für „My own love song“ mit René Zellweeger eingespielt, dann die Nachricht, es ist soviel dabei entstanden, dass es für ein ganzes eigenes neues Album reicht. „Together through life“ – im Gegensatz zu den in sich geschlossenen und perfekt ausgeklügelten „Love and Theft“ und „Modern Times“ – eher eine Skizze, der noch die qualitätssteigernden Konturen und Scharfzeichnungen fehlen – bricht wieder Chart-Rekorde. Unser Lieblingssong heißt „I feel a change is comin’ on“, weil er auf einer fast belustigt stoischen Art und Weise und mit einer leichtfüßig hüpfenden Melodie ziemlich unverblümt vom Älterwerden und der Sterblichkeit handelt. Im Frühjahr wieder eine Europatournee mit mehreren Stationen in Deutschland. Das Saarbrücker Konzert deutlich besser als Alicante 2008 und fast so gut wie Frankfurt und Mannheim 2007. Allein wie er „Blowin’ in the Wind“ neu arrangiert ist grandios.

Und wer im Musikbusiness – und nicht nur in der kulturellen Rezeption – wieder eine große Nummer ist, der findet den Weg zurück in die Klatschspalten. Und Bobby gab doch einige Steilvorlagen. Schaute sich inkognito die Elternhäuser von Neil Young (allein) und John Lennon (inmitten einer Touristengruppe!) an, wurde von der Polizei wegen verdächtigem Verhalten in einem Wohngebiet aufgegriffen, meldete sich mit Bedauern über die Art und Weise der Trennung von Joan Baez vor fast 35 (!) Jahren zu Wort und machte auch entgegen seinen sonstigen Gepflogenheiten seine karitative Ader öffentlich: Seine Einnahmen des Weihnachtsalbums gehen direkt 1:1 an die Hungerhilfe.

Uff, der Alte schlägt wieder Haken wie ein Junger. Und das ist die eigentlich gute Nachricht dieses Jahres: Dylan verzückt, Dylan belustigt und Dylan verstört mal wieder kräftig. Die qecksilbrige Unruhe scheint wieder zurück. Freuen wir uns auf ein neues Bob-Jahr 2010!

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