Archive for Juni 2010

On The Road Again

22. Juni 2010

Willie Nelson begeistert in Stuttgart

Punkt 19.30 Uhr öffnet sich ein Tor zur Freilicht-Arena, rechts oberhalb der Bühne. Ein schmächtiger Mann mit Cowboyhut nimmt die vielen Treppenstufen, die nach unten führen, sorgfältig, aber bestimmt. Neben ihm wird eine Frau die Stufen hinuntergeführt. Es sind Willie Nelson und seine Schwester Bobbie, die mit einer Handvoll Musikern verstärkt, als Willie Nelson & Family wieder auf Tour sind, an diesem Abend gastieren sie in der Stuttgarter Freilichtbühne Killesberg.

Noch einmal Willie Nelson sehen, dachten wir uns, als wir davon erfuhren dass der 77-jährige Ausnahmekünstler nun endlich wieder einmal in Deutschland unterwegs ist. Also hieß es am 19. Juni: Auf in die Schwabenmetropole! Während den ganzen Tag über in Stuttgart Sprühregen angesagt war und wir auf der Fahrt immer wieder durch Regengebiete kamen, war es bei der Ankunft am Höhenpark Killesberg trocken und so blieb es auch den ganzen Abend lang.

Die Freilichtbühne Killesberg ist eine kleine schmucke Freiluftarena, vergleichbar mit der Bühne im Hamburger Stadtpark, Kapazität 3.000 bis 4.000 Zuschauer, von jedem Platz aus gute Sicht und relativ nah dran. Die Atmosphäre an diesem Abend: Gelassen, aber mit Vorfreude. Und: Heute darf man Hutträger sein. Wir haben tolle Plätze in der ersten Reihe des zweiten Blocks, unverstellbare Sicht und los geht’s mit oben beschriebener Szene.

Willie ergreift seine abgeschabte Gitarre namens „Trigger“ und nimmt uns mit auf einen 90minütigen Schnelldurchlauf durch die Geschichte der Countrymusic, in der er als Protagonist des „Outlaw-Conutry“ bekanntermaßen eine wichtige Rolle einnimmt. Doch heutzutage nimmt er sich zurück, geht völlig in den Songs auf und tritt hinter sie. Seine eigenen Klassiker, wie „On The Road Again, „Whiskey River“, It’s Funny How Time Slips Away“, lässt er neuere folgen wie „Whiskey For My Men And Beer For My Horses”. Doch dann blättert er das große Liederbuch auf. Singt Songs von Waylon Jennings, gibt mehre Stücke von Hank Williams („Hey Good Lookin’“, „Jambalaya“) zum besten und geht sogar bis zu den Genrewurzeln zurück, in dem er die Traditionals „Will The Circle Be Unbroken“ und „I’ll Fly Away anstimmt.

Immer wieder fordert er uns zum Mitsingen auf, was wir auch gerne tun. Da aber Willies Gitarrenspiel und die Songarrangements immer wieder mal ins jazzige gehen – er spielt mehr Jazz- als Westerngitarre – ist das aufgrund der mitunter verschnörkelten Melodieführung nicht ganz einfach. Zum Hören ist diese Musik aber immer ein Erlebnis. Willies Gitarre, Bobbies mit Boogie-Woogie-Figuren durchtränktes Klavierspiel und Mickey Raphaels feine Mundharmonikasoli prägen unverwechselbar den Sound, während der Bassist solide begleitet und die beiden Percussionisten doch etwas abfallen.

Die Stimmung ist prächtig und als Willie dann „I Saw The Light“ zum Abschied intoniert, springt alles auf und es weht ein Hauch von Südstaaten-Gospel-Gottesdienst durch die pietistische Landeshauptstadt und der Country-Veteran wird sicher für so manchen im Publikum in diesem Augenblick zu Prediger und Messias in einem. 21.05 Uhr geht Willie ab und hinterlässt eine beglückte Gemeinde!

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Aus der Tiefe des Raumes

14. Juni 2010

Bob Dylan interpretiert in Linz seine Rolle als Spielmacher neu

Jahrelang fand er seine Verwirklichung darin, das  Spiel von den Flügeln aus anzukurbeln. Wahlweise klebte er am linken oder rechten Spielfeldrand an der Saitenauslinie und bearbeitete dort das Spielgerät in seiner typischen unorthodoxen, die Mitspieler und das Publikum stets überraschenden Spielweise, die aber letztlich aber immer unterhaltsam und erfolgreich ist.

Gerade kam erste Kritik auf, seine letzten Auftritte seien zu statisch gewesen und dass er nicht mehr dahin gehe, wo es wirklich weh tut. Da raffte sich die Spielmacher-Legende wieder einmal auf und erfand ihr Spiel nochmals neu.

Rechtzeitig zur WM kommt er nun verstärkt aus der Tiefe des Raumes und nimmt wieder das Zentrum des Spielfeldes ein, um dort auch den Applaus der Galerie zu ernten.

Wer Bob Dylan bei seinem Auftritt dieser Tage in Linz sehen konnte, der durfte eine gut aufgelegte, vor Spielwitz nur so sprühende Musiklegende erleben. Immer wieder tänzelt er von hinten nach vorne in die Mitte und spielt dort an dem Platz, den er so lang verwaisen ließ, mal Gitarre, mal Mundharmonika und crooned und posed vor allem, dass es nur so eine Freude ist. Dylan freut sich, hat Spaß mit sich, der Musik, den Mitspielern und dem Publikum und gibt ein fast perfektes, gut zweistündiges Konzert.

Eingerahmt von Rythm & Blues-Nummern wie Leopard Skin Pill-Box Hat, Highway 61, Thunder On The Mountain oder Jolene sind es die langsamen Erzählstücke, die begeistern: Tangled Up In Blue in einer ungewohnten neuen Fassung, The Lonesome Death Of Hattie Caroll sehr anrührend, Ballad of Hollis Brown als Bluegrass-Ballade, Not Dark Yet als dunkler Todes-Monolog oder What Good Am I als vertonter Selbstzweifel. Dazu als Abschluss und Höhepunkt ein fast schon hymnisches Ballad Of A Thin Man.

In der Nachspielzeit griff er mal wieder tief in die Trickkiste und zauberte mit Forever Young eine zuletzt selten gespielte Pretiose hervor, die wieder einmal deutlich machte, welch spielerische Ausnahmeerscheinung, dieser letzte Libero im mittlerweile so perfekt durchorganisierten Spielbetrieb eigentlich ist. Abpfiff und die Arena tobt!

Setlist:

1. Leopard-Skin Pill-Box Hat
2. The Man In Me
3. I’ll Be Your Baby Tonight
4. Tangled Up In Blue
5. The Levee’s Gonna Break
6. The Lonesome Death Of Hattie Carroll
7. I Don’t Believe You (She Acts Like We Never Have Met)
8. Ballad Of Hollis Brown
9. Honest With Me
10. What Good Am I?
11. Highway 61 Revisited 
12. Not Dark Yet
13. Thunder On The Mountain
14. Ballad Of A Thin Man
   Zugabe:
   
15. Like A Rolling Stone
16. Jolene
17. Forever Young