Archive for März 2011

Mehr als ein paar neue Bärte: The Decemberists

30. März 2011

Neo-Folkbands sind schon seit einiger Zeit schwer im Kommen. Mit Bärten und ernsten Weisen verlangen uns Künstler wie „Iron & Wine“ oder „The Low Anthem“ einiges ab. An anderer Stelle auf diesem Blog habe ich schon beschrieben warum ich die „Felice Brothers“ oder Justin Townes Earle“ höher einschätze als die strebsamen Folk-Studenten. Auch hätte ich mir meine Favoriten als Partner bei Dylans Folk-Hommage im Rahmen der Grammy-Verleihung natürlich lieber gewünscht als die steifen britischen Mumford & Sons und die zu vertüftelten Avett Brothers.

Der Neo-Folk der von mir genannten Bands ist zu sehr auf dem Weg zum Kunstlied. Immer nur langsam, sehr oft sphärisch, mit viel Aufwand in Arrangement und Instrumentierung. Da lob ich mir die Instinktmusiker mit „street credibility“ wie eben die Felice Brothers oder Steve Earles Sohn. Packende Themen, nicht nur Nabelschau, Musik die mal langsam, mal schnell aber immer eingängig und –Achtung welch böses Wort! – unterhaltsam ist.

Also war ich auch bei den Decemberists erstmal skeptisch. „Wieder ein paar neue Bärte“, dachte ich und siehe da, der ungläubige Thomas wurde mit „The King Is Dead“ eines besseren belehrt. Der erste Song Don’t Carry I All“ groovt scheppernd und schleppend, der zweite Song Calamity Song rockt und der dritte, „Rise To Me“ erinnert musikalisch an Dylans Lay, Lady , Lay oder „Simple Twist Of Fate“ und so geht es auf dem Album munter weiter.

Die Truppe aus Portland, Oregon hat mir noch einmal die Hoffnung in den Neo-Folk zurückgegeben. Die Indie-Rocker unter britischem Folk-Einfluß sind einfach gute Musiker und haben hier das Americana – Folk, Country, Blues – vortrefflich für ihre Zwecke adaptiert. Hörenswert!

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Emmylou

14. März 2011

Manchmal sind es die kleinem Lichtblicke, die einem durch die Tage der Dunkelheit bringen. In Japan atomisiert sich ein Land aufgrund der verhängnisvollen Verquickung von folgenschweren Naturprozessen mit menschlicher Unvernunft. In Libyen kann sich ein Volk nicht befreien, weil die Welt tatenlos zusieht. Und wäre das alles nicht genug, fährt in Hamburg ein drogenberauschter Autofahrer vier Menschen tot, darunter den Drogen-Forscher und Dylan-Kenner Günter Amendt.

Da kommt die Nachricht, dass die „Große Dame des Americana“, die „Bluegrass-Queen“ und „Country-Nachtigall“ Emmylou Harris zu drei Konzerten nach Deutschland kommt und dabei das Rhein-Main-Gebiet nicht ausspart, wie die Vorahnung eines Auswegs in tiefster Bedrängnis.

Ein Lichtstrahl am Ende des Tunnels. Wir legen ihr überirdisch-schönes „Green Pastures“ auf. Nun haben wir das Paradies endgültig vor Augen. Nun kann es wieder weitergehen.

Günter Amendt, 1939 – 2011

14. März 2011

Lange schon war ein neuer Blogeintrag überfällig. Doch dieser hier hätte es wirklich nicht sein sollen. Denn nach dem Tod von Suze Rotolo ist nun schon wieder jemand gegangen, für den Bob Dylan eine wichtige Rolle im Leben spielte und daher auch für mich bedeutend war.

Günter Amendt war mir natürlich durch das „Sexbuch“ ein Begriff. Aber fasziniert hatte er mich Mitte der 80er Jahre durch „Reunion Sundown“, sein Werk über Dylans Europatournee 1984. Zuerst lernte ich es in der Radiofassung kennen, ließ mich von Amendts sonoren wie auch gänzlich unhippen Stimme mit auf die Reise unseres Rock-Hobos nehmen.

Seine Ansichten waren pointiert und reflektiert, immer unterhaltsam, aber weit vom kurzweiligen Entertainment entfernt. Er setzte sich stets in aller Ernsthaftigkeit mit Dylan auseinander, war spröde und geistreich zugleich. Man spürte, dieser Bob Dylan hatte für Günter Amendt tatsächlich eine wichtige Bedeutung. Dass er drei Jahre früher tatsächlich so etwas wie ein Vertrauter Dylans bei dessen damaligen Europatour war, war da noch nicht bekannt.

Später dann, als ich mich mit Dylan in den Anfangsjahren der Never-Ending-Tour wieder verstärkt beschäftigte, da brachte er mich auf den neuesten Stand der Dylan-Forschung. Seine Bücher, seine Beiträge in „konkret“ waren immer lesenswert. Zweimal durfte ich ihn live erleben, 2005 bei einer Chronicles-Lesung in Ludwigshafen und 2006 beim Dylan-Kongress in Frankfurt.

Günter Amendt war eine deutsche Instanz in Sachen Dylan, ein Dylan-Pionier. Aber er war vor allem ein intelligenter, undogmatischer linker Denker, dessen Auseinandersetzung mit Drogenkonsum, Drogenpolitik und Drogenbusiness die quälend richtigen gesellschaftlichen Fragen jenseits der individuellen Kriminalisierung der Abhängigen stellte.

Auf die bittere Ironie seines Unfalltods, verursacht durch einen Autofahrer unter Drogeneinfluss, ist bereits vielerorts hingewiesen worden. Mit Günter Amendt ist ein Mensch gestorben, der mein Selbstverständnis als Freund der Musik und des kulturellen Wirkens von Bob Dylan erheblich beeinflusst hat und der daher über seinen Tod hinaus für mich immer eine besondere Bedeutung haben wird.

Mit ihm sind weitere drei Menschen getötet worden. Unser Mitgefühl ist bei den Hinterbliebenen.