Archive for Oktober 2011

Junger Köter trifft alten Dudel-Sack

26. Oktober 2011

Foto Credits: http://www.mlk.com

Was Bob Dylan und Mark Knopfler in Mannheim voneinander unterscheidet

Nach dem dritten Lied hört sich alles gleich an. Lahmer Celtic Pop mit noch lahmeren, dudeligen Gitarrensoli. Mark Knopfler langweilt an diesem Abend. Er war schon immer einer, der mit allzu glatten Produktionen mehr Surrogate als echten Rock in die Welt gesetzt hat. Aber an diesem Oktoberabend in Mannheim „übertrifft“ er sich in dieser Hinsicht selbst. Celtic Pop light und an der Gitarre – ganz entspannt – Mark Knopfler. Und hier geht es gar nicht darum, Erwartungshaltungen des Publikums zu enttäuschen. Denn die Knöpfler-Jünger sind zufrieden mit dem Feierabend-Ethno-Pop. Apropos Feierabend. Eher Lebensabend: Denn dem 60jährigen Knopfler hätte man gerne den Sessel hereingerollt und die Schlappen gebracht.

Ganz anders der 70jährige Dylan. Voller Adrenalin raubautzt und stürmt er durch die Songs, dass es eine wahre Freude ist. Von wegen alter Straßenköter: Zeitweise wirkt er wie ein verspielter junger Hund, eine nicht gerade hübsche Promenadenmischung, aber eine mit Charakter, mit Ecken und Kanten. Und Dylan geht mit einer Punk-Attitüde durchs Konzert, dass einen die Dylan-Figur zeitweise an die 66er Konzerte oder die Rolling Thunder Review 1975 erinnert. Während bei Knopfler jeder Ton perfekt ist und dass ganze deswegen so statisch wirkt, geht bei Dylan auch mal etwas daneben und es passt trotzdem ganz genau in den Augenblick.

Das Fazit des Abends: Aus Entspannung entsteht dahinplätschernde Meditationsmusik, die man im Buchclub kaufen kann. Ein Künstler unter Anspannung schafft Kunstwerke. Knopfler der Kunsthandwerker, Dylan der Künstler.

Setlist Bob Dylan:

1. Leopard-Skin Pill-Box Hat (Mark Knopfler on guitar)
2. Don’t Think Twice, It’s All Right (Mark Knopfler on guitar)
3. Things Have Changed (Mark Knopfler on guitar)
4. Mississippi (Mark Knopfler on guitar)
5. John Brown (Mark Knopfler on guitar, Donnie on banjo)
6. Spirit On The Water
7. Summer Days
8. Desolation Row
9. Highway 61 Revisited
10. Forgetful Heart (Donnie on violin)
11. Thunder On The Mountain
12. Ballad Of A Thin Man
13. All Along The Watchtower
14. Like A Rolling Stone

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Mary Gauthier

23. Oktober 2011

Das erste Mal hörte ich sie in Bob Dylans „Theme Time Radio Hour“. In der Episode „Drinking“ kam sinnigerweise ihr bekanntester Song „I drink“ zum Einsatz. Wie viele Ihrer Songs, und wie ihr gesamtes letztes Album, trägt das Lied autobiographische Züge. Die 1962 geborene bekennt bis 1990 eine harte Trinkerin gewesen zu sein. Zweites autobiographisches Thema ihrer Songs: Die Auseinandersetzung mit der in weiten Teilen der USA immer noch verpönten Homosexualität. Gauthier ist lesbisch, bekennt sich dazu und gibt an, dass es in Nashville viele Country-Sänger gebe, die ihre Homosexualität verschweigen. Drittes Thema ihrer Songs ist die Liebe zum Landstrich und zu den Menschen des amerikanischen Südens. Geboren in Thibodeaux/ Louisiana spielt sich ihr künstlerisches Leben zwischen New Orleans, Nashville und Austin ab.

Nachdem sie ihre Jugendjahre, die von Sucht, Gewalt und Verwahrlosung geprägt waren hinter sich gelassen hatte, lernte sie die – was für eine Geschichte! – hohe Kochkunst und eröffnete in Boston das Restaurant „Dixie Kitchen“. Erst mit 34 Jahren macht Sie die Musik zu ihrer Profession, verkauft ihr Restaurant, benennt ihre erste Platte nach ihm und ist seitdem aus der Americana-Szene nicht mehr wegzudenken.

Marys Stärke sind die poetischen Texte. Mal bildreich und weit ausholend, mal eng und konkret – das merkt man den Einfluss ihrer Vorbilder Woody Guthrie, Hank Williams und Bob Dylan. Dabei verströmen die Songs stets eine ernsthafte Wärme, sind oftmals eher langsame Nummern, ohne aber quälend langwierig zu wirken. Dafür sorgen ihre Lyrik und ihre Gefühl für Timing und den richtigen Spannungsbogen in einem Song.

Mary Gauthier (sprich Go-shay) ist eine der bemerkenswertesten amerikanischen Sängerinnen. Bleibt zu wünschen, Sie hierzulande einmal live zu erleben zu können.

Shotgun Party

23. Oktober 2011

photo by jonbolden.com

photo by jonbolden.com

Knüpfen wir da an, wo wir aufgehört haben. Während also Kitty, Daisy & Lewis in der ausverkauften Centralstation spielen, beschließen Shotgun Party ihre – auch für den Schreiber dieser Zeilen – fast unbemerkten Deutschland-Tour – in einer obskuren Mannheimer Kneipe vor nur etwas mehr als einem Dutzend Interessierter. Aber was wurde denen geboten!

Herzstück der Dreierformation sind die beiden Damen: Jenny Parrot, Gitarre und Leadgesang, und Katy Rose Cox, Gesang und Geige. Dritter im Bunde ist ein männlicher Kontrabassist, der immer mal wieder wechselt. Auf der der Platte, die mit der „Here is what you get-„Tour beworben wurde ist es Andrew Thomas Austin-Peterson. In Deutschland sorgte Jared Engel für den rhythmischen Background für die beiden expressiven Ladies. Diese ergänzen sich wunderbar. Während Jenny das typische ebenso romantische wie laute „all american girl“ gibt, ist Katy Rose eher die kühle Intellektuelle, was sie aber nicht daran hindert mit wahnwitzigen Geigensoli zu begeistern. Geschrieben sind die Songs vorwiegend von Jenny.

Die drei spielen Western Swing mit Anklängen an Rockabilly und Honky Tonk und kommen mitten aus Austin/ Texas. Shotgun Party sind auch an diesem Mannheimer Abend gefährlich schnell, stürmen rasant durchs Programm und machen aus dem Konzert die Abschluss-Party ihrer deutschen Konzertreise. Am Ende kocht der Saal und die Drei hinterlassen ein zufriedenes Publikum. Wer weiß, vielleicht gibt es im nächsten Jahr in Austin ein Wieder sehen?

photo by jonbolden.com