Archive for Juli 2012

Bobby und Marty

22. Juli 2012
Marty & Bob, Photo Credits: flickr.com, Bob Edwards

Marty & Bob, Photo Credits: flickr.com, Bob Edwards

Hier nun der angekündigte kurze Bericht über die Beziehung von Bob Dylan zu Marty Stuart. Beide kennen sich seit vielen Jahren und haben besonders Ende der 90er Jahre viel Zeit miteinander verbracht. Dylan beschäftigte sich damals intensiv mit dem Bluegrass. Er spielte einige Klassiker in seinen Konzerten und sang auf Platte ein Duett mit der Bluegrass-Legende Ralph Stanley. Bereits einige Jahre vorher hatte Marty für Bobby ein Autogramm des Vaters der Bluegrass-Musik, Bill Monroe, besorgt.

Zu dieser Zeit zeigte im Marty Stuart seine enorme Sammlung von Country-Memorabilia. Seitdem enthält Martys Sammlung auch einige Bühnenoutfits von Dylan. Und bei einem Konzert am 1999 in Antioch, Tennessee, spielte Marty einen ganzen Abend in der Begleitband von Bob.

Es fand also ein fruchtbarer Austausch statt und Dylan nahm auch die Musik von Marty wahr. Er war ganz begeistert von Martys Album „The Pilgrim“. Bei Kritikern und Kollegen hochgelobt, floppte das Album kommerziell allerdings völlig.

Dylans „Things Have Changed“ ist von der Melodie her ziemlich beeinflusst durch Martys „Observations Of A Crow“. Und Marty spielt live oder im TV immer wieder mal Songs von Bob und spricht mit höchstem Respekt von ihm. Und auch auf seiner Website findet sich die eine oder andere Erwähnung von His Bobness.

Die Songwriter-Legende und Folkrock-Ikone aus Minnesota und der Country-Rockabilly-Boy aus Mississippi verbindet also mehr als manche denken.

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Woody & Marty

15. Juli 2012

Eine kleine Notiz zu Woody Guthries 100.Geburtstag

Zum 100. Geburtstag des großen Folkhelden Woody Guthrie  – an dieser Stelle herzlichen Glückwunsch, Woody! – wird in diesen Tagen immer wieder dessen Einfluss auf die Folkszene, auf Dylan, Baez oder Bragg genannt. Doch Guthrie wird auch breiter in der Musikszene anerkannt. Marty Stuart, Spiritus Rector der Country-Szene und zugleich ein großer Kritiker des heutigen Nashville-Business hat vor einigen Jahren mal versucht, die Leute in Nashville dazu zu bewegen, Woody in die Country Music Hall Of Fame aufzunehmen. Erfolglos.

Marty hat nämlich registriert dass Woody auch Vorlagen zu Country Songs wie „Oklahoma Hills“ und „Philadelphia Lawyer“ geschaffen hat. Und ist „This Land Is Your Land“ nicht der größte „Countrysong“ überhaupt? Auf sein neuestes Album hat Marty übrigens – eine versteckte Würdigung zu Woodys hundertstem Geburtstag? – den Song „A Picture Of Life’s Other Side“ genommen. Geschrieben hat ihn Woody, gesungen aber auch Hank Williams. Auf letzteren bezieht sich Marty auf seinem neuen Album „Tear The Woodpile Down“, aber wie oben erwähnt: Marty weiß um die Bedeutung Woodys für die amerikanische Populärmusik.   

Übrigens gibt es auch eine Verbindung zwischen Marty Stuart und Bob Dylan. Doch dazu mehr zu einem späteren Zeitpunkt.

Unten gelangen wir über den ersten Link zu meiner Woody-Geburtstagsstory auf country.de, mit dem zweiten Link zu Marty und Hank III mit ihrer Version von „A Picture Of Life’s Other Side“, und darunter hören wir direkt Woodys Originalversion.

http://www.country.de/2012/05/14/zum-100-geburtstag-von-woody-guthrie/

http://www.youtube.com/watch?v=SWtEyLbZcSg

Captainsdinner mit Uncle Bob

8. Juli 2012

Gut gelaunt, zärtlich und mit Tiefgang: Bob Dylans fantastisches Konzert in Bad Mergentheim

Bob Dylans Mannheimer Konzert im Herbst letzten Jahres wurde von uns als Kontrastprogramm zu Mark Knopfler gewertet. Denn während uns der erste Teil des Konzert-Doppelpacks ins Nirwana zupfte, pickte und perlte, spielte der damals 70jährige Altmeister ein krachiges Konzert mit Punk-Attitüde.

 Dass bei Bob Dylan keine Tour gleich und kein Konzert so ist wie das andere, machte uns nun vor wenigen Tagen Dylans Auftritt im hübschen Städtchen Bad Mergentheim in sehr angenehmer Weise deutlich. Denn der 71jährige Dylan spielte ein facettenreiches Konzert mit viel guter Laune, einigen zärtlichen Tönen und voll von tiefem Verständnis für seine Songs, kurzum: Er schenkte dem Publikum an diesem Abend eine überragende Performance seiner Musik. Dylan begann auf Nummer sicher mit „Leopard Skin Pill Box Hat“ hinterm Keyboard, doch schon nach wenigen Takten war klar, dass dieser Dylan heute nicht seinen Autopiloten eingestellt hatte, sondern jeden Song so spielte, als er hätte er ihn eben erst entdeckt.

Bei „To Ramona“ nimmt er dann Platz am Flügel, den er fortan nur für wenige mit Mundharmonika bewaffnete Ausflüge zur Bühnemitte verlassen sollte. Zu einer Gitarre griff Bob Dylan an diesem Abend nicht ein einziges Mal. Gekleidet wie ein Kreuzfahrt-Rentner beim Captainsdinner, ließ er nie einen Zweifel, wer der Kapitän an Bord ist. So entwickelte sich der erste Teil des Konzerts zu einer wahrhaft lustigen Seefahrt. Selten hat man ihm soviel gute Laune versprühen sehen. Und dabei gar nicht die unzähligen Male mitgerechnet, bei dem er an seinem breiten Grinsen nur seine Band teilhaben ließ. Dem Publikum schenkte er immer wieder ein Lächeln und posierte oftmals eine Sekunde, als wenn er Gelegenheit zu den eigentlich verbotenen Foto-Schnappschüssen geben wollte. Verbote, die in Zeiten von Fotohandys eigentlich eher trollig und wohl einfach nur als spielerische Rituale anzusehen sind.

So spielte er sich leichtfüßig u.a. durch „Things Have Changed“, „Tangled Up In Blue“ und „Honest With Me“. Der stärkste Teil und tiefste des Konzerts begann dann mit einer wunderschönen Version von „Sugar Baby“. Ihm folgte das im Amerika der Naturkatastrohen immer aktuellen „The Levee’s Gonna Break“. Eine zärtlich hingehauchte Version von „Make You Feel My Love“ zeigte Dylan als Romantiker am Klavier. Aus „High Water“ wurde dann eine Art „Partipication Song“, als die Zuschauer Dylans mehrmals wiederholten dreitönigen Mundharmonikasoli stets mit einem Lauten „Huuuuuuuuh!“ antworteten. Völlig irre! Wunderbare Versionen von „Desolation Row“ und „Highway 61“ folgten. Dabei war Dylan immer bemüht, eingängige Klavierfiguren zu finden, mit der er die Melodie variieren und umspielen konnte. Der Höhepunkt des Konzerts war dann „Love Sick“. Den Song hatte ich bislang sowohl auf Platte, als auch im Konzert eher als eindimensional dunklen Liebesschmerz-Song wahrgenommen. Dylans Klavierversion vom 6. Juli in Bad Mergentheim war jedoch mehrschichtiger. Er zeigte nämlich auch noch die weiteren Dimensionen von Liebeskummer auf. Nicht nur traurig, sondern auch wütend, begehrend, eifersüchtig und lasziv äußert sich der Herzschmerz.

Ein faszinierender Vortrag. Nun bog er schon in die Zielgerade, machte auf hohem Niveau weiter, wirkte jedoch hier und da scheinbar ein bisschen zurückgenommen. Gesünder und weniger anstrengend beim vom „Möchtegern-Dylan-Stellvertreter“ Niedecken jüngst höchst wichtig ausgeplapperten Rückenleiden wäre das Stehen. Unübersehbar kämpfte er mit der richtigen Sitzposition am Klavier und steht zum Tastenanschlag auch immer mal wieder auf. Überhaupt: Wie Dylan während großer Teile des Konzerts seine Beine in 90 Grad zum Publikum vom Oberkörper abwinkelt, um sich dann immer wieder in Gänze zum Publikum zu drehen und einige Takte einhändig zu spielen, das hat komödiantisches Niveau und macht klar, warum Dylan auch immer wieder mit Chaplin verglichen wurde.

Mit „Like A Rolling Stone“, „All Along The Watchtower“ und „Blowin’ In The Wind“, mit den absoluten Klassikern also, beendet er das Konzert. Bob Dylan 2012 in Deutschland hat richtig Spaß gemacht, es waren einige seiner besten Konzerte. Hoffentlich müssen wir bis zur neuen Platte nicht allzu lange warten.

In Memoriam Andy Griffith

6. Juli 2012

 Andy Griffith ist tot. Andy Griffith… war das nicht Matlock? In der Tat , die 80er-Jahre Gerichtsserie um den listigen Anwalt aus den Südstaaten war Kult. Wegen der pfiffigen Auflösungen, wegen der hübschen Tochter, wegen den verschiedenen, aber immer schwarzen Helfern des Advokaten. Aber vor allem natürlich wegen des ewig gleichen hellen Sommeranzugs, den Matlock trug. Er musste unzählige dieser Modelle im Schrank haben, folgte aber in diesem Setting anderen klassischen Serienbeispielen. Die Cartwrights wechselten schließlich auch nie ihr Outfit.

Aber dieser Andy Griffith hatte ja auch noch ein Leben vor Matlock und das war aufs engste mit der Musik und der Kultur des Südens verbunden. Griffith war ein recht guter Countrysänger und war für Elia Kazan daher wohl auch die bestmögliche Besetzung seines „Lonesome Rhodes“ im Film „A Face In The Crowd“. Griffith spielte hier einen verschlagenen Countrysänger, der zum politischen Radioprediger voller Doppelmoral wird. Die Figur des Lonesome Rhodes war dann auch ein Vorbild für Tim Robbins‘ „Bob Roberts“ (1992).

Und Lonesome Rhodes und Robert Mitchums verschlagener Wanderprediger aus „Die Nacht des Jägers“ beschäftigen auch Bob Dylan bis heute. Sie es in „Highway 61“ oder „Man Of Peace“ („could be the fuhrer, could be the local priest“) oder „Man In The Long Black Coat“. Die Figur des verlogenen und gefährlichen Predigers ist ein amerikanischer Archetypus. Kein Wunder für das Land mit dem „Bible Belt“, dessen Gesellschaft und Alltag weitaus mehr durch die Religion bestimmt werden, als in anderen westlichen entwickelten Ländern.

Und Andy Griffith war über Jahre der Star der Andy Griffith-Show. Sie spielte in einem fiktiven Südstaaten-Nest und hatte eine freundliche, harmlose Komik. Ein Fels in der Brandung der Veränderungen in den Sixties. Wobei die sogenannten Hinterwäldler sich nicht gegen gute Musik sperrten. Einen guten Beatles-Song als Bluegrass-Stück zu adaptieren (wie in der „Lost Episode“) zeigt doch auf, dass der Horizont von Griffith bei weitem nicht so eng war, wie der von vielen seiner Zuschauer.

So ist mit Griffith nicht nur „Matlock“ gestorben, sondern vor allem ein Bindeglied zu Kultur und Alltagsbewusstsein des alten Südens. Im Guten wie im Schlechten. Rest in Peace!