Zwischen „Americanarama“ und „Another Self Portrait“

Nie war Dylan so sehr „Vater des Americana“ wie in diesen TagenAmericanarama

So, nun ist sie schon wieder Geschichte: Die von uns Dylan-Fans so gehypte Americanarama-Tour. Gehypt und das mit Recht: Wilco, My Morning Jacket, Ryan Bingham, Richard Thompson, Bob Weir, Garth Hudson, Nancy Sinatra, Jackson Browne  – sie alle spielten im Vorprogramm oder als Gäste Bob Dylans auf dieser Tour. Dazu noch historisch zu nennende Song-Darbietungen, deren absoluter Höhepunkt „The Weight“ vom Trio Dylan/Tweedy/James war. Ein toller Packen Musik mit einem gut inspirierten Meister mittendrin.

Eine Tour – Drei Lead-Gitarristen

Soweit so gut. Doch Bob Dylan wäre nicht Bob Dylan, wenn er nicht auch im 51. Karrierejahr Kontroversen und Irritationen auslösen würde. Da war die Sache mit den drei Lead-Gitarristen, die diese Tour verschlungen hat. Irgendetwas zwischen Dylan und Robillard passte nicht. Ob da wirklich einmal hineinklimpern ins Mundharmonika-Solo als Trennungsgrund reicht? Wir wissen es nicht. Dann kamen mal Charlie Sexton und mal Colin Linden zum Einsatz. Warum und nach welchem System der eine hier, der andere dort spielte, wurde nie recht klar. Der Qualität der musikalischen Performance tat dies keinen Abbruch und so sind wir gespannt, wer uns dann in Europa an der Gitarre beehren wird.

Das alte Presselied

Noch ärgerlicher dann aber die Lust mancher Journalisten, Dylan nieder zu schreiben. Nach dem Motto „Anti-Klimax“, „sollte sich ein Beispiel an seinen jungen Bühnenpartnern nehmen oder eben abtreten“. Uih, da waren einige richtig gut bei der Sache. Doch Dylan war vielleicht nicht so gut wie beispielsweise im Sommer 2012, aber so schlecht, wie dargestellt, war er nicht. Er kommt halt schlecht weg, wenn Künstler vor ihm auftreten, die konventionellere Performances abliefern, nett „Danke“, „Bitte“ und How Are you?“ sagen. Dylans Live-Musik ist bei den schnellen Stücken mitunter Hau drauf-Mucke, aber bei den Mid-Tempo und langsamen Sachen entfalten sich schöne Arrangements, die Dylans alte Rabenstimme wunderbar zur Entfaltung bringt.  Wer das nicht hört, ist selber schuld.

Another Self PortraitDer logische Weg von Self Portrait zu Americanarama

Mit seiner Americanarama-Tour hat sich Dylan erstmals ganz offensiv als Americana-Künstler verortet. Dabei war er derjenige, der es als „Vater“ mit seinen Kumpels von „The Band“ 1967 im Keller von Big Pink aus der Taufe gehoben hat. Weil er sich nach dem Ausstieg aus dem Rock-Pop-Zirkus wieder festen Boden unter den Füßen verschaffen wollte. Und diese Aneignung der traditionellen amerikanischen Musik inmitten von Avantgarde, Psychedelic und Rebellion nahm man ihm übel. Man suchte halt dringend nach Anführern für eine kulturelle Rebellion. Das wusste Dylan und wollte dies partout nicht sein.

Sein Schwenk zur Countrymusik wurde daher achselzuckend und verstört, sein Album „Self Porträt“ fast schon hasserfüllt aufgenommen.  Denn da sang Dylan einfach nur Folk-, Country-, Blues- und Popsongs. Mit angenehmer Stimme. Aber: Im musikalischen Zuckerguss der Postproduktion ertränkt. Ohne Overdubs und Background-Gesang entdecken wir wunderbare Songversionen.  Wir werden „Another Self Portrait“ hören,und wenn das stimmt, was derzeit zu lesen ist, so dürfen wir Dylan nur eines vorwerfen: Er hat den Produzenten damals seine Aufnahmen zukleistern lassen. Ob er das so wollte oder nicht, lässt sich momentan immer noch nicht sagen. Nur: Mit der Gesamtschau der Aufnahmen von 1969 – 71, mit „Another Self Portrait“ lässt sich Dylans musikalischer Weg dieser Jahre, der auf dem Original-Album „Self Porträt“ so seltsame Wendungen zu machen scheint, endlich deutlich erkennen. Es lohnt sich, denn es war ein guter und wichtiger Weg für den Künstler und schaffte Grundlagen für manch großes Werk späterer Jahre. Und eben auch für Americanarama.

Und hier geht’s zum Video der „Another Self Portrait-Perle“ „Pretty Saro“:

http://www.rollingstone.de/news/meldungen/article457530/bob-dylan-videopremiere-zur-archivperle-pretty-saro.html

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