Einmal fragil, einmal vital

Beobachtungen bei zwei Dylan-Konzerten in BerlinBobDylan_Logo_Komplett

Selbe Stadt, selbe Halle, selbe Setlist und doch schaffte es Bob Dylan an zwei Abenden in Berlin zwei völlig verschiedene Konzerte zu geben.

Dem Bob Dylan, der am Freitagabend (25.10.) auf der Bühne des Tempodroms stand, sah man seine 72 Jahre an. In der Physis: Fragil und zerbrechlich wirkte er. Schien angestrengt vom langen Stehen. Von seiner Haltung in der Performance: In sich gekehrt und zurückhaltend wie lange nicht. Stürmte er im Herbst 2011 fast schon mit einer Punk-Attitüde durch seine Songs, und gerierte er sich im Sommer 2012 fast schon als fröhlicher Entertainer, so war dieser Dylan an diesem Herbstabend 2013 so unzugänglich wie lange nicht mehr.

Und dennoch gelang ihm ein schönes Konzert. Zart war es, gedämpft und leiser als noch vor wenigen Monaten. Und die Songauswahl – die auch momentan noch genau die Gleiche ist – ist genial, die Stücke stark in Aussage und Arrangement. Am Freitag hangelt er sich sehr routiniert durchs Programm. Ein gutes, solides Konzert. Aber mit Luft nach oben.

Am Samstag kommt ein ganz anderer Dylan auf die Bühne. Frisch, stark und vital wirkt er. Seine Stimme ausdrucksvoller. Er durchlebt jetzt wieder die Songs. Überirdisch gute Versionen – für mich die Highlights des Konzerts – von „Simple Twist Of Fate“ und „Long And Wasted Years“.  „Twist Of Fate“ – veröffentlicht 1975  und eine Reflexion über flüchtige und langlebige Liebe – paart in der 2013er Version die leidenschaftliche, fragende Beobachtung des damals 34-jährigen Mannes mit dem abgeklärten altersweisen Wissen des heute 72-jährigen.

Das ganze Konzert steuert unaufhaltsam – und so hat es Dylan auch geplant – auf den Höhepunkt zum Schluss hin: Das bitterbös, gallig-traurige „Long And Wasted Years“. All die vergeudeten Jahre! Feine Ironie für einen, der eine 50 Jahre andauernde Weltkarriere vorzuweisen hat. Wie er den Song und dessen unangenehme Wahrheiten regelrecht „aufführt“, die Verse wunderschön böse zerdehnt, ironisch verlängert oder gar rotzig ausspuckt, ist faszinierend. Man fiebert der Auflösung all dieser Fragen, Vorwürfe und Erinnerungen entgegen: „Long And Wasted Yeaaars!“ singt/ruft Dylan. Tusch und Schluss. Perfekt!

Die Zugaben sind wirklich nur noch hinten dran geklebt. Wobei das 2013-Arrangement von „All Along The Watchtower“ nun wieder näher an seiner Originalversion von 1968 ist, als an der von Jimi Hendrix. Und „Blowin‘ In The Wind“ bleibt in bestens bewährten Gospel-Soul-Version.  Würdiger Abschluss eines tollen Konzertes.

Nun steht noch ein dritter Konzertbesuch in Luxemburg an. Und wieder ein anderer Dylan? Alleine diese Frage lässt schon das Reisefieber steigen.

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