Archive for Februar 2014

Flensburg, Minnesota

25. Februar 2014

„Bob Dylan kommt nach Flensburg“ titelte die SHZ euphorisch. Klar, sie hat die Musiklegende an die Ostsee gelockt. In die Flens-Arena. Oh je, wie die Hallen heute heißen!Dylanconcert

Überraschend für alle Dylan-Fans steuert unser liebster Orgel-Onkel dieses Jahr erneut Deutschland mit vier Konzerten an, obwohl er es letzten Herbst erst ausgiebig bereist hat. Und wieder spielt er zwei Konzerte im hohen Norden. Neben Flensburg geht es nach Rostock. Dann stehen noch Zwickau in Sachsen und München an. Und wieder kein Konzert in der Rhein-Main-Region. 2011 war er in Mainz, 2007 das letzte Mal in Frankfurt. Schade, Dylan in der Jahrhunderthalle war immer ein besonders Erlebnis.

Also zwingt uns der alte Bob wieder mal zum reisen. Diesmal haben wir uns also für Flensburg entschieden. Da oben ist es schön, da kennen wir Leute, da können wir wo andocken. Mal schauen, was er dieses Jahr so spielen wird. Nachdem er im Herbst bis auf zwei Ausnahmen immer die gleiche, von Tempest und dem Spätwerk dominierte Setlist aufgeführt hat, wird er uns bestimmt wieder überraschen. Die Japan-Tour wird richtungsweisend.

Ansonsten ruht still der See. Dylans Jahresanfangsig – in den letzten Jahren Gastauftritte im Weißen Haus, bei den Grammys oder bei einer Martin Scorsese-Ehrung – fiel diesmal aus. Stattdessen hat er in einem Chrysler-Werbespot beim Super-Bow mitgewirkt. Das war natürlich wieder kontrovers. Dylan macht Werbung, er macht es für Chrysler, er macht es mit patriotischen Tönen. Den besten Text dazu hat  Sean Wilentz geschrieben, der nachweist, dass Dylan während seiner ganzen Karriere über immer wieder einmal Partei für die amerikanischen Arbeiter ergriffen hat. Und weil Chrysler nach wie vor trotz italienischem Eigentümer in Detroit fertigen lässt, engagiert er sich hier: http://edition.cnn.com/2014/02/05/opinion/wilentz-dylan-selling-out/

Seine Plattenfirma hat unterdessen mal wieder was neues Altes auf den Markt geschmissen hat. Das Bobfest von 1992 in optimierter Klangqualität mit Bonustracks und auch als DVD und Blue Ray erhältlich. Das freut den Sammler und verkürzt die Wartezeit bis Flensburg, Minnesota.

Advertisements

Nebraska

15. Februar 2014

Nebraska_PosterNicht „Wolf Of Wall Street“ oder „American Hustle“ rühren uns dieser Tage an und erzählen uns Wahres aus Amerika, sondern ein schwarz-weißer Independent-Film voller karger Landschaften und alten Menschen: Alexander Paynes „Nebraska“ mit dem mittlerweile 76-jährigen Bruce Dern in der Hauptrolle.

Er spielt den alten Woody, der tatsächlich einem Reklameschreiben glaubt und denkt, dass er eine Million Dollar gewonnen hätte. Er müsse es sich nur in Lincoln, Nebraska abholen. Also macht er sich trotz Abratens seiner Frau und seiner zweier Söhne mit dem Jüngeren der beiden auf den Weg von Billings, Montana nach Lincoln, Nebraska, über Wyoming und South Dakota, und macht Zwischenstation in seinem Geburtsort Hawthorne.

Hawthorne existiert in der Wirklichkeit nicht, dient dem Regisseur aber als Kristallisationspunkt seiner Geschichte. Nebraska erzählt vordergründig vom letzten großen Traum eines alten, verbitterten Mannes. Im Hintergrund jedoch geht es auch um den Niedergang des großen Traums Amerikas. Nichts wird mehr besser und nicht jeder hat seine Chance. Das Heartland Amerikas, das Woody und sein Sohn durchfahren, ist arm und überaltert. Ein Leben lang haben diese Menschen gearbeitet, um am Ende stumpf vorm Fernsehen oder beim Flaschenbier in der öden Dorfkneipe zu sitzen. Die Jüngeren haben zu kämpfen. Wenn sie nicht einigermaßen Fuß fassen, dann können sie zu Problemfällen werden. So wie die beiden Grenzdebilen Neffen Woodys.

Doch Payne ist kein Dokumentarfilmer wie Michael Moore und kein Schöpfer klassenkämpferischer Sozialdramen wie Ken Loach. Payne ist ein Hollywood-Regisseur, der gute Geschichten erzählen will. Und so ist „Nebraska“ bei aller Langsamkeit nie langweilig, bei aller Kargheit kein leerer Film und bei aller Verbitterung und Verwitterung seiner Protagonisten nie ein trauriger Film. Skurrile Typen, amüsante Dialoge, starke Nebendarsteller – Woodys Frau! – und das richtige Setzen der Pointen machen Nebraska zu einem höchst unterhaltsamen Film.

Und letztendlich haben wir es ja hier doch mit Amerikanern zu tun. Auch wenn der Traum objektiv ausgeträumt ist und real gebrochen. Sie leben ihn weiter. Und so ist es Woodys wohl letzte Erfüllung, als er in dem ihm vom Sohn geschenkten Pick-Up eine Runde durch seinen Geburtsort fährt. „Ich hab’s geschafft. Ich haben meinen Traum wahr gemacht“, sagt diese Szene. Und balanciert gekonnt auf dem schmalen Grat zwischen erhaben, tragisch und lächerlich.

Aber lächerlich macht sich Payne nie über seine Figuren. Bei aller Skurrilität. Er nimmt sie ernst und zeigt Empathie. Und auch gerade deswegen wird ein kleiner Schwarz-Weiß-Film zu großem Kino!

Bob Dylan und Pete Seeger

5. Februar 2014

Leider spät erst komme ich dazu, hier ein paar Zeilen zu Pete Seegers Tod zu schreiben. Auf sein Ableben und seine Bedeutung für die Musik bin ich ja schon an anderer Stele eingegangen. Nun aber noch ein paar Worte zum Verhältnis von Dylan zu Seeger.

Ich denke, beide wussten um die Bedeutung des anderen, auch wenn sie sich künstlerisch so sehr voneinander entfernt hatten. Dylan steht für große Songpoesie, für Doppelbödigkeit und Fiktion, für Perspektivenwechsel, für das Spiel mit Erwartungen und Mythen. Seeger steht für das politisch engagierte Lied, für Authentizität, für den Künstler, der sich mit dem Publikum eins macht. Beide Konzepte sind legitim, sind notwendig und können Großes entstehen lassen.

Allerdings ist Dylan dadurch, dass er die Kanäle und Mechanismen des Musikbusiness nutzt, der mit der größeren Reichweite. Aber er ist auch der in diesem Musikbusiness, der die größte Autonomie und die größten Freiräume besitzt. Weil er sich nie – oder nur ganz selten – den Erwartungen von Plattenfirmen und Publikum beugte. Dylan ist der autonome Freigeist, der den Widerspruchsgeist beflügelt. Seeger war der musikalische Aktivist, der mit den Menschen gegen Unrecht kämpfte.

Beide waren und sind Stachel im Fleisch der Unterhaltungsindustrie. Hört man sich einfach mal die Formatradiosender an: Kein Dylan, kein Seeger weit und breit. Wenn sie gespielt werden, dann in unterirdischen Coverversionen von Peter Maffay oder Chris de Burgh. Denn Dylan und Seeger – so unterschiedlich sie auch sind – im Freigeist und im Widerstand gegen die herrschenden Verhältnisse – bleiben sie, auch wenn sie Teil davon sind, immer auch Sand im Getriebe der Unterhaltungsindustrie.

Und deswegen sind Sie beide auch große Künstler: Weil sie verstören.

Mein kurzer Nachruf auf Country.de:

http://www.country.de/2014/01/28/pete-seeger-ist-tot/