Archive for Juni 2014

Boyhood

10. Juni 2014

Boyhood_A4_Hauptplakat_4CJa, natürlich gehört Bob Dylans „Beyond The Horizon“ zum Soundtrack des Films. Und ja, natürlich spielt Dylans langjähriger Tourgitarrist Charlie Sexton eine Nebenrolle im Film. Aber das ist wirklich nicht der Grund, warum ich diesen Film des Regisseurs Richard Linklater so sehr schätze. Nein das hat andere Gründe.

Zuerst einmal die Geschichte und wie sie erzählt wird. Voller Empathie für die Protagonisten. Schnörkellos und gerade aus. Und trotz der jahrelangen Entwicklung wirkt die Erzählung bruchlos und nutzt keinerlei Hilfsmittel wie Jahrestafeln oder Zeigefinger-Szenen, die erklären wo wir uns auf der Zeitschiene gerade gefunden. Stattdessen ist der Zeithorizont immer zu spüren, läuft kontinuierlich mit, ist ganz selbstverständlicher Teil dieses Films über das Heranwachsen in den ersten Jahren dieses Jahrtausends. Linklater schildert mit viel Wärme die Entwicklung des jungen Mason (Ellar Coltrane) sowie dessen Mutter und Schwester.

Und dann ist der Film aber auch reinstes Americana. Denn er handelt von einer texanischen Mittelstandsfamilie, die ständig darum kämpfen muss, sich über Wasser zu halten. In der US-amerikanischen Spielart des Kapitalismus sind selbst Hochschullehrer und Staatsbeamte nicht mehr in der Lage ihr Hauseigentum zu finanzieren. Aber auch die US-amerikanischen Militäreinsätze, das Problem der Jugendkriminalität, der christliche Fundamentalismus und die Waffenverliebtheit der Amerikaner sowie die Wahlkämpfe zwischen den Demokaten Obamas und den Republikanern sind selbstverständlicher Teil der Handlung. Ebenso wie Texas und Austin, die liberale Hauptstadt des konservativen Staates mitsamt ihrer Musikszene (und hier kommt dann auch Charlie Sexton ins Spiel).

Es ist ein trotz der mehr fast drei Stunden sehr kurzweiliger Film. Es ist ein erstaunlicher, anrührender, lustiger, realistischer und optimistischer Film. Einer der gesellschaftliche Probleme nicht ausblendet, aber sich davor hütet in allzu dicken Schwarz-Weiß-Schubladen zu operieren. Kurzum: Es ist ein zutiefst menschlicher Film, der auch nochmal klar macht, wofür Amerika außer für NSA, Drohnenkrieg und einen als Kalter Kriegs-Präsident herum irrlichternden ehemaligen Hoffnungsträger auch stehen kann: Für den Willen, auch gegen unliebsame äußere Umstände zu bestehen, für Verantwortung gegenüber dem Nächsten, für eine optimistische Sichtweise der Dinge und dem Talent gute Geschichten sehr gut zu erzählen.

Boyhood ist ein Filmjuwel. Nicht mehr und nicht weniger.

 

Und hier der Filmtrailer:

Jack White

4. Juni 2014

Blunderbuss-cover-image-300x300Der Bluesrock-Star als Musikhistoriker

Ich gebe zu, ich bin kein riesig-großer Bluesrock-Afficionado. Ich höre ihn schon, aber ich höre ihn vor allem gerne inmitten von breiter angelegten musikalischen Konzepten. Daher habe ich mich auch nicht sehr ausgiebig mit Jack Whites aktuellem Solowerk wie „Blunderbuss“ beschäftigt, und auch die „White Stripes“ habe ich eher mit höflichem Interesse, denn mit schierer Begeisterung gehört. Wobei mein Riesenrespekt der Leistung gilt, mit „Seven Nation Army“ bereits Musikgeschichte geschrieben zu haben.

Nein, mein Zugang zu ihm und der Grund dieser Würdigung liegt in den Leistungen Whites als Musikhistoriker und – Bewahrer. White ist einer der ganz wichtigen Leute, die die amerikanische Populärmusik über enge Genregrenzen  hinweg bewahren und erforschen. Mögen die einen Blues spielen oder die anderen Bluegrass oder Old Time – Whites Verständnis ist breiter. So hat er in den letzten Jahren der Coalminer’s Daughter der Countrymusik, Loretta Lynn, ebenso zum Comeback verholfen wie der Rock’n’Roll-Veteranin Wanda Jackson, dem „Hurricane with Lipstick“ (Bob Dylan), oder produziert mit Pokey LaFarge, einen Roots-Musiker an der Schnittstelle zwischen Old Time, Swing und Country.

Seinen neuesten Coup hat er nun als Co-Produzent von Neil Youngs neuer Platte „A Letter Home“ gelandet. Er hat den Kanadier in die Dose singen lassen. In seinen „Voice-O-Graph“, einem Aufnahmegerät aus den 30er und 40er Jahren. Und zwar Musik aus dem 50er- und 60er Jahren. Entstanden sind knisternde, knarzende Tondokumente von Young mit voller Inbrunst gesungenen persönlichen Songfavoriten.

White und Young haben die Rückbesinnung auf retromäßige analoge Aufnahmetechniken – vorzugsweise an historischen Schauplätzen wie dem Studio A in Nashville oder den Sun Studios in Memphis auf die Spitze getrieben und etwas einzigartiges erschaffen. Nämlich eine Gelegenheit für jeden HiFi-Junkie mal wieder daran zu denken, dass gute Musik direkt in Kopf, Herz und Bauch geht, egal wie der Klang des Tonträgers und des Equipments ist. Die Musik von Jimmie Rodgers und der Carter Family, von den Mississippi Sheiks oder Robert Johnson hat die Menschen erfasst – mit Knistern, Knastern und Rauschen.

Was uns White seit einigen Jahren präsentiert ist lebendige Musikgeschichte. So wie er und Young gibt sich ansonsten so allumfassend nur Bob Dylan der Brauchtumspflege hin. Und in der Countrymusik der wunderbare Marty Stuart. Es bleibt zu hoffen, dass es hilft aus Musikkonsumenten bewusste Hörer zu machen.

Denn wie alt auch immer Volksmusik, Populärmusik, Country, Folk oder Blues sein mögen – es ist unsere Musik!

Beispiele gefällig? Einmal White mit der alten Folkballade „Wayfaring Stranger“, dann mit Wanda Jackson und dem Dylan-Song „Thunder On The Mountain“: