Weiser Poet und gewaltiger Erzähler

Bob Dylan in Flensburg

bob-dylan-and-his-bandAuch nach über 50 Jahren Musikerkarriere wird er nicht müde, uns unentwegt andere Gesichter seiner selbst zu zeigen. Ließ er in Mannheim 2011 dem Senioren-Gedudel des gut zehn Jahre jüngeren Mark Knopfler ein Krachkonzert mit Punk-Attitüde folgen, war er 2012 in Bad Mergentheim der launige Entertainer mit Kapitäns-Blazer am Flügel, so stellte er an diesem Juliabend in Flensburg ganz den Poeten und Erzähler in den Mittelpunkt des Konzerts. Selten in den letzten Jahren war er so gut bei Stimme und konzentrierte sich so auf den Gesang und die Worte. So wurde schnell klar: Hier will einer gehört werden.

Seit dem letzten Herbst spielt er sein „Tempest-Programm“ stets gleich bis auf einen oder zwei Songs. Der langjährige und weit gereiste Dylan-Fan hatte zweifellos Recht, als er uns gegenüber argumentierte, diese Gleichförmigkeit zeige, wie wichtig ihm diese Songs seien.

Und noch mehr als das. Das Programm, die Songs und ihre Reihenfolge stellen eine klare Dramaturgie auf. Dies ist keine zufällige Zusammenstellung wie in voran gegangenen Jahren. Mit „Things Have Changed“ stellt er das Manifest des alten Dylan bereits an den Anfang. Mit „She Belongs To Me“ geht er dann ganz weit zurück. Ein wunderschönes Lied über eine Frau, für die nehmen stets seliger denn geben ist. „Beyond The Horizon“ greift dann das ewige Glücksversprechen der Liebe auf.

Mit dem umgeschriebenen „Workingmans Blues #2“ dann der erste absolute Höhepunkt des Abends. Drei Ebenen des Kampfes gegen die Ungerechtigkeit, den „struggle“, umfasst der Song. Der Kampf der Menschheit gegen das Unheil der Geschichte, der des Proletariats gegen Ausbeutung und Verarmung und der persönliche Kampf gegen die Unbill des Lebens. Bei der gegenwärtigen Version des Songs zeigt sich auch wieder einmal welch großartiger Arrangeur er ist. Dylan deklamiert hier wie eine Art Traumerzählung, die sich im Laufe des Liedes vom hoffnungsvollen Kindertraum in den Albtraum verändert. Unheilvoll und schlingernd wirken die beiden Instrumentalpassagen zwischen der gesungenen Erzählung. Gänsehaut entsteht da, wie sie nur große Kunst erzeugen kann.

Nächster Höhepunkt ist dann „Pay In Blood“. Leidet der Songs auf dem Album noch darunter, dass Dylan – besonders zu Beginn – mehr faucht als singt – gewinnt  er hier durch His Bobness‘ starke Gesangsleistung. Wieder ein Song, der beweist: Lasst Euch nicht täuschen, dass die Lautstärke der Konzerte sanfter und der Künstler älter geworden ist – Dylan war, ist und bleibt der Meister des zornigen Songs. Er mag abgeklärter, hier und da auch routinierter, vor allem auch altersweise geworden sein. Ein altersmilder netter Onkel wird er in diesem Leben aber nicht mehr werden.

Nächster großer Höhepunkt nach der Pause: Die schönste Version von „Simple Twist Of Fate“ an die ich mich erinnern kann. Leichtfüßig, zärtlich und romantisch kommt sie daher. Ganz bittersüße Rückschau des 73-jährigen. Ein Klassiker über das alte Thema wie aus einer zufälligen Begegnung für eine Nacht eine lebenslange unerfüllte Erinnerung werden kann.

Unaufhaltbar strebt das Konzert nun seinem großen Finale entgegen. Dem großartigen doppelbödigen „Soon After Midnight“ folgt die bitterböse Lebensrückschau zweier, die sich erst geliebt, dann eher gemeinsam arrangiert und dann vor allem gemeinsam viel Leid erfahren haben. Mit grimmiger Entschlossenheit und spöttischer Schärfe steuert er auf die bitterböse Lebensbilanz zu: „Long And Wasted Years“. Tusch und Schluss. Ein faszinierender Song, der im Konzert ein markantes Ausrufezeichen setzt.

Diesmal wirken die beiden Zugaben auch nicht dran geklebt. Mit „All Along The Watchtower“ variiert er nochmals das Thema des Kampfes gegen die bedrohlichen Mächte und dem richtigen Weg aus dem falschen Leben, eher er „Blowin In The Wind“ so spielt wie nur es kann. Distanziert und trotzdem bewegend und notwendigerweise verspielt, um dem Song das jugendliche Pathos zu nehmen, ohne die Grundaussage in Frage stellen zu wollen. Genau hier schließt sich der Kreis. Wir leben nicht in der besten aller Welten. Die Sehnsucht nach einer besseren Welt darf man nicht verlieren, den naiven Glauben daran schon.

Während das Konzert endet, zieht draußen das Gewitter auf. Wieder einmal hat uns Bob Dylan „Zuflucht vor dem Sturm“ gegeben. Mit großer Poesie und gewaltiger Erzählkunst ist es ihm diesmal gelungen uns in den Bann zu ziehen. Mal schauen, wie es beim nächsten Mal sein wird.

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