Großartig: Deterings dekonstruierende Dylan-Deutungen

Detering„Die Stimmen aus der Unterwelt. Bob Dylans Mysterienspiele“ stellt Dylans Spätwerk in den Mittelpunkt der Betrachtung

Kongenial! Ja, liebe Leute ich versteige mich zu diesem Begriff, kongenial! Anders kann man Heinrich Deterings intellektuell-vergnügliche Bildungsreise durch Bob Dylans Spätwerk einfach nicht bezeichnen. Mit seinem neuen Dylan-Buch „Die Stimmen aus der Unterwelt. Bob Dylans Mysterienspiele“ liefert er eine Analyse der späten Dylan’schen Songspoesie, die auf lange Zeit unerreicht sein und für alle Dylan-Deuter einen unerlässlichen Bezugsrahmen bilden wird.

Und Deterings Bildungsreise geht nicht im gemächlichen Trab, sondern im Galopp. Voller Freude am Aufspüren und Finden nimmt er uns als gutgelaunter Reiseführer mit auf die Tour durch das Dylan-Universum. Der Autor- man merkt es ihm an – ist offensichtlich begeistert von seinem Objekt des wissenschaftlichen Interesses. Und das ist nicht nur legitim, das ist auch gut so, denn es ist erkenntnisfördernd. Wie er die „geheimen“ Verbindungen von Dylans Spätwerk zu antiken Quellen Quellen wie Homer oder Ovid und zum mittelalterlichen Mysterienspiel freilegt, ist so schlüssig wie tempo- und pointenreich und absolut mitreißend.

Sicher, Dylans Songs – und deswegen ist er so ein großer Songwriter – funktionieren auch, ohne dass der Hörer weiß, aus welchem Werk der Weltliteratur dieses Zitat, oder jener Halbsatz stammt. Aber die Bedeutungsebenen und -Tiefe der Songs werden vervielfacht dadurch. Zwei Songs mögen hier als Beispiel genügen und deutlich machen, welche Horizonte Deterings Deutungen öffnen.

Da ist zum einen „Workingmans Blues #2“ vom Album „Modern Times. In direkter Anspielung auf Merle Haggards Countrysong „Workingmans Blues“ erzählt er eine ganz andere Geschichte als der Countrysänger in den 60er Jahren. Konnte Haggards Workingman noch stolz darauf sein, arbeiten zu können und keine Sozialhilfe in Anspruch zu nehmen, bekommt Dylans Protagonist angesichts von Globalisierung und Konkurrenzdruck keine Arbeit mehr bzw. wenn, dann zu Dumping-Löhnen, von denen er nicht leben kann. Er lebt in tiefer Armut. Hier zeigt sich, dass bei Dylan die konkrete Zeit, in der die Songs spielen völlig nebensächlich wird: „Time Out Of Mind“, wie seine Platte 1997 hieß. Denn die Armut, die da geschildert wird, ist mit modernem ökonomischem Vokabular begründet, aber mit uralten Bluespoesie aus der Zeit der großen Depression beschrieben. Gleichzeitig träumt sich der Protagonist aus seiner Ausweglosigkeit in eine Art romantischer Wild West-Szenerie und in Seefahrer-Phantasien. Die Worte letzterer Phantasie sind nichts geringerem als Ovids Werken „Tristia“ und „Epistulae ex Ponto“ entlehnt.

Am Ende wird dieser „Workingman“ tot sein. Schaurig, aber unaufhaltsam. Und Dylans Song wird zu einer Totenklage eines Sterbenden, in der sich Blues und Ovid, Karl Marx und Country treffen. Dylans Collagentechnik ist verblüffend, belesen und intellektuell ausgereift, aber nie zufällig willkürlich. Dylan, so zeigt es Detering auf, ist ein Großmeister der Textkomposition.

© Sony Music

© Sony Music

Zweites Beispiel ist „Roll On John“. Was beim ersten Hören als sentimentale und bildreiche Hommage an den ermordeten Weggefährten John Lennon wahrnehmbar ist, wird durch Deterings dekonstruierender Deutungstechnik als spannende tiefgründige Text-Collage wahrgenommen, die Lennon zum Odysseus ohne Wiederkehr stilisiert. Denn tatsächlich, so Detering, überblendet Dylan das Leben Dylans mit der Odyssee von Homer. Der Unterschied: Dem Seefahrer John wird die Möglichkeit, nach Hause zurückzukehren, gewaltsam genommen. Wieder ein Protagonist, der das Ende seines Liedes nicht überlebt. Und neben Lennons Leben und Homers Versen, stand auch William Blakes romantisches Poem „Tyger, tyger“ ebenso wie die vielen traurigen Geschichten gescheiterter Westernhelden wie „Billy The Kid“ ( in einer dessen Verfilmungen Dylan als „Alias“ selbst mitwirkte) Pate eines Nachruf und einer bedrückenden Totenklage für denjenigen, der zu bestimmten Zeiten auch einer der schärfsten Kritiker Dylans war.

Deterings Dylan ist ein großer Geist, der aus Liebe Diebstahl begeht, indem er älteste antike Überlieferungen wie die Odyssee und Shakespeare – „Willie, The Shake“ – ebenso plündert wie die mittelalterlichen Mysterienspiele, die Texturen des Blues, die Brecht’sche Dramatik, die Briefe des Ovid oder die Country- und Westernsongs Amerikas, um sie in aussagekräftige Songtexte collagenartig zu transformieren.

Souverän erhebt sich dieser Dylan über Raum und Zeit. Denn ihm geht es um universelle Menschheitsgeschichten. Und so wie Shakespeare und Homer bis heute ihre Bedeutung haben, weil sie universellen Menschheitsfragen auf den Grund gehen, so wird dies im besten Falle auch mit Dylan geschehen.
Warum das so sein sollte, belegt Heinrich Detering in seinem neuen Buch eindrucksvoll und – ich wiederhole mich gern – kongenial. Ein Buch, das nicht nur für Dylan-Freunde interessant ist. Auf Deterings Vorträge und Lesungen kann man sich zu Recht freuen.

Heinrich Detering, Die Stimmen aus der Unterwelt. Bob Dylans Mysterienspiele, C.H. Beck, Gebunden, 256 Seiten, 19,95 Euro.

Heinrich Detering hält am 24. Mai im Rahmen der großen Geburtstagsfeier für Bob Dylan im Darmstädter Pädagogtheater einen Vortrag zu Dylans Spätwerk. Karten kann man hier kaufen:
http://paedagogtheater.de/veranstaltungsprogramm/happydylan/

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2 Antworten to “Großartig: Deterings dekonstruierende Dylan-Deutungen”

  1. hans altena Says:

    Kommt mir Grossartig for, so Reich ist die Späte Poësie von Dylan auch wirklich, Er pflegt kein Plagiat, Er geht Beyond the Horizon.

  2. hannes schmid Says:

    Detering versteht es, dass trotz seinem Graben, die eigene Phantasie nie eingeschraenkt wird.

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