Americana-Pop

magic-fireEin paar subjektive Gedanken darüber, was eine Platte zum perfekten Pop-Album macht

Im Zusammenhang mit „Magic Fire“ dem neuen Album des Americana-Trios „The Stray Birds“ habe ich auf country.de vom perfekten „Pop-Album“ gesprochen und geschrieben: „Es gibt Alben, in die verliebt man sich schon nach wenigen Takten und Tönen, und ist am Ende voller Seligkeit ob der Schönheit und Vollkommenheit des Gehörten. In dieser ausgeprägten Form ist mir das schon lange nicht mehr so passiert wie hier…“

In der Tat. Das letzte Album, welches das geschafft hat, war Willie Niles „American Ride“ (2013). Und vorher „Tempest“ von Bob Dylan (2012). Wie Bob Dylan und Pop? Na, ja Populärmusik macht Dylan ja schon seit 54 Jahren. Er macht eingängige Folk- und Rockmusik, die möglichst viele Leute erreichen soll. Daher veröffentlicht er seine Musik mittels Musikverlage und Tonträgerfirmen gegen Bezahlung, damit er und das Business dabei verdienen können. Das ist das Wesen der Popmusik. Sie versucht, möglichst viele Menschen zu erreichen und dabei zu verdienen. Ein Großteil der Popmusik will vor allem Herz, Bauch und Beine erreichen. Das ist Elvis gelungen, das ist den Beatles gelungen. Dylan war der erste, der auch den Kopf und den Verstand der Menschen erreichte. Dylans Musik Mitte der 60er – die Alben „Bringing It All Back Home“, „Highway 61 Revisited“ und „Blonde On Blonde“ war Pop und beides: Avantgarde und Mainstream. Weil die Avantgarde damals Mainstream war. Seine Musik war später immer populär, Pop aber war sie nicht immer.

Was macht aber ein perfektes Pop-Album aus? Nun, es übersetzt gesellschaftliche Befindlichkeiten in Musik, die viele Menschen erreicht und bewegt. Zwei meiner ersten Alben, die ich besaß waren „Desire“ von Bob Dylan (1976) und „Rumours“ von Fleetwood Mac (1977) waren perfekte Pop-Alben. Beides waren die letzten Alben des Aufbruchs der 1960er und 1970er Jahre. Dylan beschwörte mit „Desire“ und der verbundenen „Rolling Thunder Review“ noch einmal die Kraft der Gegenkultur, der Gesellschaftskritik und der Utopie einer anderen, besseren Welt herauf. „Rumours“ ist das federleichte Dokument einer Band, deren Leben hinter der Platte als Hippiekommune in Eifersucht, Besitzansprüchen und Beziehungskämpfen zu explodieren droht. 1977 trieb der gewaltsame Kampf der RAF ihrem unrühmlichen Höhepunkt zu, die Linke hatte ihre Unschuld verloren, die Zeit des gesellschaftlichen Roll-Backs brach an, nur kurz unterbrochen durch die Anti-Strauß-Wahl 1980, bevor Kohls geistig-moralische Wende ausgerufen wurde. 1977 wurde Jimmie Carter Präsident, war bemüht, integer, aber glücklos, denn dahinter wartete schon Ronald Reagan darauf, ab 1981 mit seiner neoliberalen Wende den Grundstock für Probleme zu legen, die erst heute in ihrer ganzen Dramatik deutlich werden. Bereits 1979 wurde Maggie Thatcher britische Premierministerin und zerstörte die stolze britische Arbeiterbewegung. 1977 erschien übrigens kein Bob Dylan-Album. Stattdessen kam er 1978 zurück als Entertainer im Show-Anzug und wurde danach von 1979 bis ’81 vorübergehend ein christlicher, missionarischer Eiferer.

Zweitens: Ein perfektes Pop-Album muss eingängige Melodien haben, Geschichten erzählen, die Menschen bewegen und Texte, die im Kopf bleiben. Es muss mal tiefgründig, mal leichtfüßig, mal traurig, mal froh sein. Ein perfektes Pop-Album ist im besten Falle wie das Leben, Ausnahmen bestätigen die Regel. Ein Tony Marshall-Stimmungsalbum ist daher ebenso wenig ein perfektes Pop-Album wie „The Best Of Zwölftonmusik“.

Nicht entscheidend für ein perfektes Pop-Album ist allerdings sein kommerzieller Erfolg. Mit den gesellschaftlichen Veränderungen seit Ende der 1970er Jahre hat sich auch die Musik wieder verändert. Mit dem Folk- und Bluesrevival und dem durch Dylan hervorgerufenen Erfolg der Singer-Songwriter-Kultur waren die alten kommerziell konstruierten Pop-Schlager und ihre Schöpfer ins Hintertreffen geraten. Erst als der Kraft des gesellschaftlichen Aufbruchs die Luft ausging kamen neue Musik-Konfektionierer ans Werk, die erst Disco und dann den 80er Jahre Plastik-Pop schufen. Nur absolute Superstars wie Springsteen, die Stones oder eben Dylan waren noch in der Lage, als freigeistige, einigermaßen unabhängige selbst Künstler auch kommerziell erfolgreich zu sein. Kommerziell erfolgreiche Musik entsteht heute in ihrem weitaus größten Teil auf dem Reißbrett. Großartige kreative Musiker und Singer-Songwriter bleiben Geheimtipps und spielen auf Kleinkunstbühnen und in Kneipen und leben von Konzerten und Direktvertrieb per Internet, weil es in Radio und Fernsehen keine Sendeplätze mehr für ihre Musik mehr gibt. Heute würde kein Dylan, kein Jagger und Lennon mehr zum Superstar. Es gibt daher wunderbare Alben, die die Verhältnisse, die Befindlichkeiten und den Zeitgeist perfekt treffen und dennoch im Grunde die Massen nicht erreichen, weil ihnen die entsprechenden Vertriebswege fehlen.

Und warum waren „Tempest“, „American Ride“ perfekte Pop-Alben, warum ist „Magic Fire“ ein solches? „Tempest“ war, wie alle Spätwerke Dylans auch ein kommerzieller Erfolg. Das liegt auch daran, dass das Dylan-Publikum durchaus ein wohlhabendes ist, das sich auch noch mehrere Editionen desselben Werks gönnt. „American Ride“ war nicht kommerziell erfolgreich, „Magic Fire“ wird hier sicher ein bisschen besser abschneiden.

Dylans „Tempest“ ist auch das Zeugnis des Alterungsprozesses eines Künstlers. Es geht Viralität, Potenz, Unglück Liebe und Gewalt, es geht um unglückliche Liebe und gewalttätige Liebe. Die Themen werden mit solch einer Erzählfreude, Text- und Musikkompositionskunst und in einem Bilderreichtum behandelt, dass es den mitgealterten Fans die Erinnerung an den jungen Dylan wieder gibt und den Jüngeren das Besondere an dem knorrigen alten Kerl verdeutlicht. Und sicher sind die Themen, die archaischen Bilder und die Roots Music genau das, was die Ü40er, die zu einem Großteil das Dylan-Publikum stellen, erreicht. Darüber hinaus zeigt es Dylans Können als Komponist, Arrangeur und Produzent. Das Album hat genau die richtige Mischung aus schnelleren und langsameren Stücken, deren Melodien und Arrangements und Genres deutlich unterscheidbar sind. Jeder Song ist ein Unikat und genau in dieser Reihenfolge machen sie zusammen ein großes Album aus „Tempest“. Auch wenn es aufgrund seiner vorherrschenden Grundstimmung durchaus die Ausnahme zur oben genannten Regel darstellt.

Willie Niles „American Ride“ ist das perfekte Beispiel für ein Album, das in einer besseren Welt überall im Radio zu hören wäre, aber im Format-Dudelfunk nicht stattfindet. Dabei sind Tempovariabilität, Themenmischung, Melodieneingängigkeit und Bildsprache einfach perfekt. Willie Nile ist ein perfekter Rock-Solokünstler auf einer Höhe mit Dylan, Springsteen oder Tom Petty. Nur leider ein zu spät gekommener, der noch dazu Probleme mit den Plattenfirmen hatte.
Und jetzt also „Magic Fire“ von „The Stray Birds“. „Mitreißende, eingängige Musik, eine Band mit Charisma, eine perfekte Produktion und Themen und Lyrics, die bewegen und ergreifen, ohne konstruiert oder bemüht zu wirken“, habe ich auf country.de geschrieben. Und tatsächlich, es trifft den Zeitgeist. Die Themen sind Veränderungen – gesellschaftlich und individuell – die Religion als politische Waffe oder menschliche Schicksale. Und das stets sehr bildreich. Vieles wird angerissen, aber nicht explicit ausgeführt, so dass es der Phantasie des Hörers überlassen wird, die Dinge zusammenzuführen oder zu weiterzudenken. Es zeigt aber auch wie weit entfernt die Leute, die diese Musik machen und die, die sie hören von dem zu sein scheinen, was momentan sich in den USA politisch abspielen. Das ist so und doch nicht. Denn die Musiker sind keine Eskapisten, ihr Menschenbild ist nur meilenweit von dem Hass entfernt, den Trump predigt. Ein perfektes Pop-Album kann natürlich politisch sein. Dieses hier ist es indirekt, weil das alles fehlt, wofür Trump und die Republikaner stehen.

Perfekte Americana-Popalben atmen stets den Geist des amerikanischen Glücksversprechens. Auch wenn dieses Versprechen schon zigmal gebrochen wurde. Dieses Glücksversprechen lohnt sich hochzuhalten, denn es macht keinen Unterschied zwischen Rassen und Religionen. Und es kennt keine Zäune und Mauern.

Und so stimmt immer noch, was ich schon vor Jahren schrieb: Americana ist das Musikgenre, das wie kein anderes die Wurzeln, die Träume und den Zusammenhalt der amerikanischen Gesellschaft beschwört.

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