Archive for Oktober 2016

Nobel-Bob

15. Oktober 2016

Der Literatur-Nobelpreis für Bob Dylan ist auch eine Auszeichnung für das „andere Amerika“

Photo Credits: Sony Music, William Claxton

Photo Credits: Sony Music, William Claxton

Das Stockholmer Nobelpreis-Komitee hat in der Begründung für die Vergabe des Literaturnobelpreises gesagt, Dylan habe „neue poetische Ausdrucksformen innerhalb der großen amerikanischen Song-Tradition“ geschaffen. Das ist richtig so und in meinem Artikel für country.de habe ich mich damit auch ausführlich beschäftigt. Doch im zweiten Gedanken reifte bei mir die Überlegung, dass diese Auszeichnung auch ein politisches Statement gewesen sein könnte.
Denn dass 23 Jahre nach Toni Morrison erstmals wieder ein US-Amerikaner bedacht wird, kann kein Zufall sein. Denn im Schicksalswahljahr 2016 ist jede Ehrung eines US-Literaten ein Statement gegen Donald Trump. Denn ob Don DeLillo, Philipp Roth oder Richard Ford – allesamt sind sie politisch und moralisch Lichtjahre vom autokratischen Fiesling Trump entfernt. Dass nun Bob Dylan diesen Preis erhält, ist umso passender, da er der amerikanische Künstler mit der weltweit größten Wirkung ist.

Bob Dylan begann als Stimme des „anderen Amerika“. Dem Amerika, das gegen Krieg, Rassismus und Unterdrückung aufstand. Und als Dylan sich von tagepolitischen Songs abwandte, da spiegelten seine Songs immer noch Themen wie Freiheit und Ohnmacht des Individuums in der verwalteten Welt – „It’s Alright Ma (I’m Only Bleeding)“ – oder die scheinbare Ausweglosigkeit des Spätkapitalismus wie in „All Along The Watchtower“. Sein Alterswerk stellt dagegen die universellen Menschheitsthemen auf der Grundlage einer humanistischen Sichtweise in den Fokus. Dylan ist der Anti-Trump. Denn dieser steht für, Ausbeutung, brutales Gewinnstreben, Sexismus und Rassismus.

Also muss sich ein Bob Dylan auch gar nicht öffentlich zum Wahlkampf äußern. Fünfeinhalb Jahrzehnte umspannt seine Karriere, die eindrucksvoll seine freie Geisteshaltung belegt. Wenn ein Sänger aus der mehrheitlich konservativ verorteten Country-Szene sich gegen Trump ausspricht, dann ist das eine Meldung. „Dylan gegen Trump“ dagegen wäre wie „Hund beißt Mann“.

Also ist diese Auszeichnung auch eine Auszeichnung für das „andere Amerika“. Ein Amerika, das mit einem Erfolg von Hillary Clinton die Gefahr eines autokratischen, rechtsfreien, gewalttätigen Herrschaftssystems vorerst gebannt und den Status Quo für grundlegende gesellschaftliche Veränderungen in den USA erhalten hätte. Denn der Kampf gegen die Spaltung der Gesellschaft in Arme und Super-Reiche, die Beschneidung der Macht der Öl- und Rüstungskonzerne (und deren Einfluss auf die US-Außenpolitik), der Banken und des Silicon Valley, steht dann weiterhin auf der Tagesordnung. Dringender denn je.

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Greil Marcus: Amerika in drei Liedern

2. Oktober 2016

greil-marcus-drei-liederIch gebe es zu: Meine Vorbilder in Sachen Musikjournalismus waren der leider schon verstorbene Paul Williams, wegen dessen parteischer Begeisterung für Bob Dylan und vor allem natürlich Greil Marcus. Dessen Ansatz, Popmusik in historisch-gesellschaftlich-kultureller Dimension auf den Grund zu gehen, faszinierte mich. Klar muss Musik Spaß machen, aber mich interessiert bei der tiefergehenden Beschäftigung mit ihr vor allem der gesellschaftliche Hintergrund der Musik und weniger Verkaufszahlen, Trivialitäten und das persönliche Leben der Protagonisten, wie sie so oft im Popjournalismus im Mittelpunkt stehen.

„Lipstick Traces“, „Mystery Train“, „Dead Elvis“ und „Invisible Republic“ (über Bob Dylans Basement Tapes) waren für mich prägende Lese-Erlebnisse, die mich darin befeuerten, einen Teil meines Lebens der eindringlichen journalistischen Beschäftigung mit der Musik Bob Dylans und dem Americana zu widmen.

Kürzlich fiel mir nun ein schmales Bändchen in die Hände: „Three Songs, Three Singers, Three Nations. Amerika in drei Liedern.“ Wie Greil Marcus alleine aus der Beschäftigung mit dreimal mehr mal weniger bekannten Folk- und Bluessong Entwicklungslinien der amerikanischen Gesellschafts- und Kulturgeschichte ist genial.

Bob Dylans „Ballad Of Hollis Brown“ ist zweierlei: Ein typischer früher Bob Dylan-Song und ein Song, der zeitlos wie ein alter Folksong wirkt und bei dem man oftmals vergisst, dass der Autor ein junger Singer-Songwriter Anfang der 1960er Jahre war. Das Lied wirkt wie ein typischer „Great Depression Song“. Da aber die grundsätzlichen Probleme und Widersprüche der amerikanischen Gesellschaft noch immer dieselben sind wie in den 1930er Jahren sind, könnte er auch ein aktuelles Lied über Armut in den USA sein.

Anhand von „Last Kinda Words Blues“ von Geeshie Wiley erzählt Marcus nicht mehr und nicht weniger als eine kleine Sozialgeschichte der amerikanischen weiblichen Bluesmusik. Die Bluessängerinnen mussten sich sowohl dem Rassismus der Weißen, als auch dem Machismos der schwarzen Männer und dem sozialen Elend der Schwarzen in den Südstaaten erwehren. Ihr Leben war oftmals geprägt von unglücklichen Beziehungen, von Gewalt, Alkohol und Drogen. Auch Geeshie Wiley geht es so, bis sich ihre Spur verliert. Doch Marcus schreibt einfach voll überbordender Phantasie ihre Lebensgeschichte fort, entwickelt aus ihr einen weiblichen schwarzen Forrest-Gump-Charakter, der an den entscheidenden Orten der Musikgeschichte mit dabei ist. Somit stößt Marcus das Tor auf zur Bedeutung, die Sängerinnen wie Wiley, Bessie Smith oder Sister Rosetta Tharpe für die Entwicklung von Blues und Rock’n’Roll ‚hatten. Lange vor Elvis Presley oder Chuck Berry.

Bascam Lamar Lunsfords „I Wish A Was A Mole In The Ground“ zeigt schließlich auf, wie ein scheinbar kindlich-naiven Folk-Bluessong in Wahrheit nichts anderes ist, als der Wunsch nach Veränderung, nach Freiheit, der Wunsch nach der Abwesenheit von Armut, Gewalt und Rassismus. Auch er ein zutiefst aktueller Song obwohl er schon 1928 das Licht der Welt erblickt hat.

Armut, Rassismus und Gewalt sowie die Utopie eines besseren Lebens, das amerikanische Glücksversprechen – vier Grundkonstante Amerikas, die Marcus hier in drei Songs entdeckt. Ein höchst politisches Buch, das 2015 in der Originalausgabe erschien und nun bei uns im Jahr der bedeutenden amerikanischen Richtungswahl erscheint. Aber vor allem ist es ein großes intellektuelles Lesevergnügen!