Archive for September 2017

Rückblick auf die Gospel-Phase

21. September 2017

Die nächste Ausgabe der Bootleg Series von Bob Dylan führt zurück in die späten 1970er und frühen 1980er Jahre als die Musiklegende sich ganz dem Gospel-Rock verschrieb

Bei vielen Dylan-Fans sind die religiösen Gospeljahre des Ausnahmekünstlers bis heute umstritten. Sicher, die Musik war richtig gut und die Performance des Meisters leidenschaftlich und engagiert. Aber die Inhalte – die wollten so gar nicht zu dem sonst so freigeistigen Dylan passen. Konservative Moral- und Politikansichten gepaart mit düsteren, voller alttestamentarischem Zorn aufgeladenen Predigten auf der Bühne: Dylan wurde Ende der 1970er zum wiedergeborenen Christ. Das war dann doch einigen zu viel. Umso größer war dann die Freude, dass ein Bob Dylan sich eben doch nicht über längere Zeit vom Dogmatismus gefangen nehmen lässt. Denn Anfang der 1980er war die Liaison mit dem fundamentalistischen Christentum dann schon wieder vorbei.Ausgerechnet dieser Phase widmet nun Columbia den 13. Teil der Bootleg Series. „Trouble No More“ heißt das Werk, das sowohl als 8-CD-De Luxe-Version, als auch als 2-CD-Version auf den Markt kommt und Live-Aufnahmen von 1979 – 1981 enthält.

Und tatsächlich klingt die erste Aufnahme, die auf youtube aufgetaucht ist. großartig. Und schon sind sie wieder da- die Bilder, die Klänge. „Slow Train Coming“ und „When You Gonna Wake Up“ mit ihren düsteren Aussagen. „Gotta Serve Somebody“, dessen bayerische Version „Nix Minemmma“ von Ringsgwandl mir immer noch besser gefällt als das Original. Aber auch die geilen Riffs und Licks von Mark Knopfler, der musikalisch dafür sorgte, dass „Precious Angel“ bis heute mein liebster Song aus dieser schwierigen Phase ist. Textlich konnte ich mir dabei schon was Nettes denken, denn ebenso wie auch bei „I Believe In You“ waren diese Songs immer auch doppeldeutig. Preist er hier Gott oder eine Frau? Oder ist Gott für Ihn eine Frau?: Oder zumindest manchmal? Ich jedenfalls interpretierte sie mir immer als Liebeslieder an Frauen. Diese Songs jedenfalls halfen mir, dranzubleiben in meiner frühen Dylan-Phase.

Ebenso wie das Mannheimer Konzert1981, das mein erstes Dylan-Live-Erlebnis war. Da mischte er schon wieder neue und alte Songs. Mit dieser großartigen gestenreichen Version von „Ballad Of A Thin Man“, von der auch der Schnappschuss auf dem Cover stammt. Und „Heart Of Mine“, diesem wunderschön einfachen, rumpelndem Lovesong. Und „Mr. Tambourine Man“ war wieder voll da. Und dann hatte er sich nur kurze Zeit später tatsächlich wieder ins Weltliche begeben und seine nächste Platte sollte ja dann „Infidels“ heißen.

Erst viele Jahre später habe ich noch andere interessante, hörenswerte Dinge entdeckt. Wie wunderbar er den schwarzen Gospel für sich adaptiert hat: „Pressing On“, „When He Returns“ oder „In The Garden“. Denn es war der schwarze Gospel, nicht dfer weiße Country-Gospel, den er hier für sich entdeckt hatte. So sehr, dass er in großartiger Manier das als weißen Country-Gospel von Porter Wagoner bekannte „Satisfied Mind“ am Anfang von „Saved“ in genialer Art und Weise in einen schwarzen Gospel überführte. Ein ganz starkes Stück Musik ist das, wenn er mit „Satisfied Mind“ die Spannung ansteigen lässt, und mit „Saved“ dann die Auflösung, die Befreiung, die Erlösung von der Spannung kommt. Wie in einem afroamerikanischen Gottesdienst. Fantastisch!

Und auch wenn diese Phase Dylans glücklicherweise nur kurz währte und eben nicht meine Lieblingsphase ist, so bin ich doch gespannt auf die Konzerttaufnahmen, auf die Liner Notes und auf den Film „Trouble No More“. Die Bootleg Series haben damit wieder einmal eine Lücke im offiziellen Dylan-Katalog geschlossen. Und das ist immer wieder gut, egal wie nahe einem der Dylan jener Zeit gewesen ist. Etwas Lohnendes zu entdecken gibt es für Dylan-Freunde dabei immer.

„Bob Dylan Trouble No More – The Bootleg Series, Vol. 13 / 1979-1981“ erscheint am 3. November.

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Die Wiederentdeckung der Hinterwäldler

16. September 2017

Seit ich diesen Blog betreibe habe ich immer mal wieder betont, dass die Küstenstreifen der USA nicht typisch sind für das Land, sondern das weite Land dazwischen. Dass der Mittlere Westen (Heartland) und der Süden sowohl spannend und faszinierend aber auch erschreckend zugleich sein können. Der Süden steht für die Kulturschätze Blues, Jazz, Country, Gospel und Rock’n’Roll, aber auch für Rassismus und Gewalt. Und dort wie auch im ländlichen Raum des Mittleren Westens ist man besonders konservativ, patriotisch, anti-intellektuell und religiös.

Während über lange Jahre die liberalen Küstenautoren wie Ford, Auster oder DeLillo die Helden des amerikanischen Feuilletons waren, sind erst in den letzten Jahren Schriftsteller wie Daniel Woodrell oder Donald Ray Pollock in den Fokus gerückt, die Geschichten aus dem Leben der Hillbillys erzählen. Im Kriminalroman waren und sind es James Lee Burke, Joe R. Lansdale und James Sallis, die ihre Stories in den Bayous, den verödenden Orten und den weiten Landschaften des sogenannten „Fly Over Country“ ansiedeln.

Wer diese Bücher aufmerksam gelesen hat, der las über Gewalt, religiöse Eiferer, Elend in den Trailerparks und die Perspektivlosigkeit ganzer Landstriche. Diese latent vorhandene unheilvolle Melange hat Trump erst möglich gemacht. Nur – die liberalen Eliten der Küstenstreifen haben zu lange die Augen davor verschlossen, haben sich im Gegenteil sogar ein bisschen erhoben über die Hinterwäldler.

Nun, nachdem das Kind in den Brunnen gefallen ist, erscheinen gleich mehrere Bücher, die sich mit den Zuständen dieses Hinterlandes beschäftigen. Auf zwei wollen wir hier kurz Blicken:

Fremd in ihrem Land
Die Soziologin Arlie Russel Hochschild hat den Süden bereist und festgestellt – Achtung: das sind ja ganz nette Menschen! Sorry, scheinbar sind die Bayous von Lousiana weiter entfernt von Berkeley als von Bickenbach. Die Gastfreundschaft, die Höflichkeit und der Humor der Menschen des Südens sind legendär. Und nicht jeder weiße Südstaatler ist ein Rassist. Einmal mit den Menschen reden und man stellt fest, dass sie schon vieles verstanden haben, aber eben die objektiv falschen Schlüsse daraus ziehen. „Fremd in ihrem Land“ ist gerade wegen der Neugier und der Überraschung der Autorin so lesenswert. „Wer ihr Buch liest, versteht die Wähler Trumps, weil sie auf Augenhöhe mit ihnen und nicht über sie spricht“, heißt es in der Rezension der FAZ. Sie arbeitet dadurch heraus, dass diese einfachen, konservativen Menschen ihre Freiheit über ihre Arbeit definieren. Nur wenn sie Arbeit haben, können sie frei und unabhängig vom Establishment in Washington und der mittelmäßigen Bürokratie ihrer Nachbarschaft leben: Heiraten, Kinder kriegen, jagen, fischen, feiern. Dass sie mit der Arbeit bei den Chemo- und Petro-Konzernen, die die größten Arbeitgeber Louisianas sind, und ihrem Votum für Trump mithelfen, ihr Leben, ihre Landschaft und ihre Kultur zu zerstören, bildet eine Zwickmühle, die unentrinnbar scheint und zu einer Ausweglosigkeit führt, die die Menschen im Süden zunehmend depressiv und Teile davon auch aggressiv macht.

Die alte amerikanische Linke hatte Woody Guthrie, der bei den Menschen lebte und für sie Lieder sang. Heute scheinen viele Linke abgekoppelt von der Lebenswirklichkeit der arbeitenden Menschen. Da ist das Buch von Arlie Russel Hochschild eine wichtige Erinnerung: Die Linke muss zu den Menschen gehen!

Hillbilly Elegie
J.D. Vance dagegen ist ein Kind des Rust Belt. Der Rust Belt („Rostgürtel“), früher Manufacturing Belt, ist die älteste und größte Industrieregion der USA und erstreckt sich im Nordosten über mehrere Staaten: Illinois, Indiana, Michigan, Ohio, Pennsylvania, New York und New Jersey, auch West Virginia wird wegen des Bergbaus dazugezählt. Vance erzählt in „Hillbilly Elegie“ die Geschichte seiner Familie und seiner Heimatregion. Hier wurde in den Wohlstandsjahren nach dem Krieg die Arbeiterklasse zur Mittelschicht. Als dann der Niedergang der US-Industrie einsetzte, standen die Leute plötzlich massenweise vor dem Nichts. Armut führt zur Perspektivlosigkeit, führt zu Drogen, zu Apathie, zu Gewalt. Plötzlich ist der amerikanische Traum ausgeträumt. Vom stolzen Arbeiter zum Arbeitslosen, der froh ist sich mit Handlanger-Jobs über Wasser zu halten. Doch da die Demokraten seit Clinton des Spiel des Neoliberalismus mitmachen, sind diese Leute allein gelassen, völlig desparat und eben anfällig für Demagogen wie Trump.

Vance hat seinen individuellen Aus- und Aufstieg aus den prekären Verhältnissen seiner Heimat geschafft. Dass er sie uns in Erinnerung ruft ist löblich. Dass er selber an der Elite-Uni Yale studiert und heute in San Francisco als Investor genau zu dem gesellschaftlichen Establishment gehört, das die Strukturen befördert, die eine Problemlösung für diese Menschen verhindern, ist eigentlich die böse Pointe dieses lesenswerten Buchs.

Es bleibt zu hoffen, dass die amerikanischen Demokraten, die gerade von den Erinnerungen der Wahlverliererin Hillary Clinton gequält werden, sich mehrheitlich zu einer Politik á la Bernie Sanders entschließen. Trump absägen ist das eine, die Ursachen seines Aufstiegs und des irrwitzigen gesellschaftlichen Risses, der quer durch Amerika geht, zu bekämpfen ist das andere, noch Schwierigere. Aber das eine braucht das andere, will man am Traum eines demokratischen und vielfältigen Amerika noch festhalten können.

Which Side Are You On?

9. September 2017

Der Abschlußsong des neuen Longplayers „Free Spirit“ von Wolf Schubert-K., der aus vielerlei Gründen ein sehr schönes Album ist (Besprechung folgt demnächst auf country.de), lautet „Which Side Are You On?“, und ist einer der legendärsten amerikanischen Workers Songs schlechthin.

Geschrieben wurde es 1931 von Florence Reece, der Ehefrau des Gewerkschafters Sam Reece. In diesem Jahr streikten die Bergleute in Harlan County, Kentucky gegen die schlechten Arbeits-und Lebensbedingungen unter der Herrschaft der Minenbesitzer. Wie so oft in dieser Zeit kaufte die Bergbaugesellschaft sich den örtlichen Sheriff, der die Familie Reece brutal quälte. In frischer Erinnerung dieser Qualen schreibt Florence diesen Song, der seitdem zu einer festen Größe unter den amerikanischen Protestsongs geworden ist.

Er wurde bei allen großen Streikbewegungen gesungen und immer mit neuen Strophen dem aktuellen Anlass angemessen, versehen. Zudem haben ihn viele bekannte Künstler in den vergangenen Jahrzehnten gespielt: Von Pete Seeger und den Almanac Singers bis hin zu Ani DiFranco und Billy Bragg. Und auch diese haben der klassischen Version immer wieder neue Strophen hinzugefügt. Diesem klassischen Muster der Entstehung und Weiterentwicklung von Folksongs folgt auch Wolf Schubert-K. , indem er bei seiner der „Free Spirit“-Version ebenfalls eine neue Strophe hinzufügt: Gegen Hass, Gewalt und Ausgrenzung!

Apropos Folksongs und wie sie entstehen: Auch schon die Melodie des Originals entnahm Florence Reece der traditionellen Baptistenhymne „Lay the Lily Low“, die die Arbeiter aus ihren Kirchen kannten. Diesem Prinzip folgten auch Folk- und Country-Ikonen wie die Carter Family und Woody Guthrie. So basiert die Melodie von „This Land Is Your Land“ auf der Melodie des Gospels „Oh, My Loving Brother“, den die Carter Family als „When the World’s On Fire“. aufgenommen hat und dessen Melodie sie dann auch für den Song „Little Darlin’, Pal of Mine“ nutzten.

Progressive Songs entstanden so auf der Basis von Kirchenliedern oder andere populären Musikstücken. Keine schlechte Strategie, um die Massen zu erreichen. Und vom Text und seiner Fragestellung her ist „Which Side Are You On? eindeutig. Und daher in den Zeiten von Trump, dem immer größer und obszöner werdenden Gefälle von Arm und Reich, globalen Fluchtbewegungen und Atomkriegsgefahr aktueller denn je.

Die Zeiten der postmodernen Ironie ohne Haltung scheinen endgültig vorüber zu sein. Denn jetzt wird es wirklich ernst.