Archive for the ‘Bruce Springsteen’ Category

Elvis & Nixon, Johnny & Tricky Dicky, Bobby & Jimmy

27. Dezember 2016

Seltsame Duos der amerikanischen Musikgeschichte

elvis-pic-2Ich muss es zugeben, Elvis war nie mein Mann. Als ich begann, bewusst Musik zu hören, da entdeckte ich das coole und rebellische in einem Dylan, der „Hurricane“ sang und zu diesem Zeitpunkt 35 Jahre alt war. Seine Performance, sein Vortrag war voller Spannung, ein einziges Versprechen des Nonkonformismus. Was ich von Elvis damals sah, war ein sehr dicker Typ im peinlichen Glitzeranzug. Und zig Imitatoren. Echt peinlich.
Erst später habe ich gelernt, ihn zu respektieren. Als wichtige Figur für den Rock’n’Roll. Dabei war er nicht mehr und nicht weniger als der von Sam Philipps lang ersehnte weiße Junge, der den schwarzen Rhythm & Blues zum Rock’n’Roll für die weiße Käuferschicht machen konnte. Wirklich erfunden hatten den Rock’n’Roll schwarze Musiker wie Sister Rosetta Tharpe oder Chuck Berry. Und der genialste weiße Rock’n’Roller, der das rebellische, widerspenstige auch wirklich lebte, war und ist Jerry Lee Lewis. Als wir dann das erste Mal im Süden unterwegs waren, haben wir uns Elvis‘ Geburtshaus in Tupelo angeschaut, uns Graceland aber gespart.

Dennoch bin ich in den Film „Elvis und Nixon“ gegangen. Weil ich mir durchaus ein paar interessante popkulturelle Dialoge zwischen den Protagonisten erhoffte. Doch was kam wer leider zu wenig, der Film blieb unter den Möglichkeiten des vorgegebenen Themas. Daher hier von mir ein paar Anmerkungen zu diesem Film über diese ungewöhnliche Begegnung im Jahr 1970 und weiteren Interaktionen zwischen US-Präsidenten und Musikstars.

Presley schmeißt sich mit Antikommunismus ran
Klar, Nixon (Jahrgang 1913), konnte mit Elvis (Jahrgang 1935) nicht viel anfangen. Neben dem Alter und dem Rock’n’Roll trennte die beiden auch sonst viel. Während Nixon Sohn kalifornischer Quäker war, die Tanzen und Spielen ablehnten, war Elvis Südstaatler und von der Assembly of God Church geprägt, einer Pfingstler-Sekte, in der Musik und ekstatische Performance im Gottesdienst eine wichtige Rolle spielten. Einige frühe Rock’n’Roller, so auch Jerry Lee Lewis, waren Pfingstler. Nixon war ein durch und durch rationaler Politiker, ein Vertreter der alten republikanischen Partei, Presley dagegen vom irrationalen Moment des Sektenglaubens des armen Südens geprägt. Sehr viel konnten sie nicht miteinander anfangen. Die Wandlung der Republikaner zu Mehrheitspartei im Süden war erst am Anfang. Noch war sie die Partei des reichen Nordens und der Küsten. Doch Nixon war klar, dass ein Foto mit Elvis ein guter PR-Gag für ihn sein würde. Nixon ging also taktisch mit Elvis um.

Der wiederum wollte wiederum auch seinen persönlichen Vorteil aus dem Treffen ziehen. Er wollte ein Abzeichen des „Büros für Narkotika und gefährliche Drogen“. Während er seine Bitte an Nixon in einem Schreiben mit allerlei reaktionärer Paranoia gegen Hippies, Black Panther und Gegenkultur sowie einem Waffengeschenk würzte, ging es ihm im Grunde nur darum, so seine Witwe Priscilla, mit dem Abzeichen die ultimative Macht zu bekommen, ganz legal in jedem Land Waffen zu tragen und alle Drogen zu nehmen, die er wollte. Wow, ganz schön abgedreht, der „King Of Rock’n’Roll“. Das ganze Thema hätte der Film aber weitaus tiefer, rasanter und virtuoser ausspielen können. Schade.

Cash kontert mit Protestsongs
Von ganz anderem Kaliber – guter Übergang! – war dagegen Johnny Cash. Der hatte bei seinem Treffen mit Richard Nixon im Juli 1972 ein klares inhaltliches Anliegen. Es ging um eine Reform des Justizvollzuges und da war für Cash, der selber schon damit in Berührung gekommen war und natürlich bekannt war für seine Gefängniskonzerte in Folsom Prison und San Quentin, die Humanisierung der Haftbedingungen ein wichtiges Thema. Doch das Treffen verlief anders als gedacht. Nixon wünschte sich zu Beginn des Gesprächs von Cash zwei Songs. Allerdings nicht dessen eigene, sondern zwei wahre Hymnen der Konservativen: Merle Haggards „Okie from Muskogee“ und Guy Drakes „Welfare Cadillac“. Songs gegen die Hippies und gegen die Integrität von Sozialhilfeempfängern.
Doch Cash verweigerte die Songs, er kenne sie nicht, er wolle lieber seine eigenen Songs spielen. Soweit so gut, doch wer jetzt „I Walk The Line“ oder „Ring Of Fire“ erwartet hatte, der täuschte sich. Denn Cash spielte drei eigene Protestsongs: „What Is Truth?“, „Man In Black“ und „The Ballad Of Ira Hayes“. Songs mit Sympathie für die kritische Jugend, Songs gegen den Krieg und für die Armen, Songs für die Indianer. US-Präsident „Tricky Dicky“ Nixon hatte im Baptistensohn aus Arkansas seinen Meister gefunden. Nixon war sichtlich angefressen und der Rest war ein höflicher Austausch von Standpunkten.

Dylan geht auf Distanz
Während sich also Elvis an Nixon alleine wegen niedriger Beweggründe ranschmiss, und Cash ganz ernsthaft mit einem Anliegen und einer klaren Haltung dem Präsidenten gegenüber saß, so ist es typisch Dylan, dass er nie von sich aus das Treffen mit einem US-Präsidenten suchte. 1974 war es Jimmy Carter, damals noch Gouverneur von Georgia, der auf Dylans Comeback-Tour den Kontakt suchte, ihn und den Tournee-Tross zu sich nach Hause einlud, und fortan von seinem „guten Freund“ Bob Dylan sprach. Erst langsam kam die Gegenkultur beim Polit-Establishment an. Zumindest bei dem der Demokraten. Denn so blieb es dem nächsten Demokraten im Weißen Haus, dem ersten Baby-Boomer-Präsidenten, George Clinton, vorbehalten, Bob Dylan bei seiner Inaugurationsfeier spielen hören zu können und zu einer Ordensverleihung einzuladen. Doch Dylan leistete hier nicht mehr als Dienst nach Vorschrift. Keine gemeinsamen Statements, nur Spurenelemente von Small Talk.

Auch vom Obama-Hype ließ sich Dylan nicht von seiner distanzierten Umgang mit den Politgrößen abbringen. Im Gegenteil, er weigerte sich in Interviews hartnäckig Obama überschwänglich zu loben und legte den Schwerpunkt eher darauf, etwas verklausuliert, die wirkliche Macht der Präsidenten in Frage zu stellen. Dennoch sagte er Obamas deutlichen Sieg 2012 in einem Konzert voraus, spielte bei einem Konzert im Weißen Haus Protestsong-Klassiker und ließ sich auch von Obama einen Orden umhängen. Einen kurzen Diener und ein freundliches Schulterklopfen – mehr hatte er allerdings auch da nicht für Obama übrig.

Keiner will zu Donald Trump
Im Übrigen bekommt der 45. Präsident der vereinigten Staaten, Donald Trump, wenigstens die Musiker, die er wirklich verdient. Hatte er allen Ernstes Bruce Springsteen für seine Inauguriation angefragt und sich natürlich einen Korb geholt, so kristallisieren sich als Top Acts auf der Trump-Sause der Tabernakelchor der Mormonen und die Sängerin und Castingshow-Teilnehmerin, Jackie Evancho, heraus. Scheinbar wollen sich noch nicht mal seine Unterstützer Kid Rock und Ted Nugent sehen lassen.

Schade nur, dass dies nichts über die wirklichen Zuspruch von Trumps Politik in der Bevölkerung und seine Erfolgsaussichten als Präsident aussagt. Schließlich hat das Staraufgebot in Clintons Wahlkampf ihr auch nichts genutzt.

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Love Songs For The Other America

4. Dezember 2016

Americana-Konzert mit großem Line-Up gegen Hass, Rassismus und soziale Spaltung in den USA und anderswo im Darmstädter TIP

Am Donnerstag, 19. Januar findet im Rahmen der Reihe „Americana im Pädagog“ ein ganz besonderes Konzert statt. Am Vorabend der Amtseinführung des 45. US-Präsidenten Donald Trump spielen Americana-Künstler wie Biber Herrmann, Markus Rill, Wolf Schubert-K. und Candyjane“ Lovesongs For The Other America“, Lieder des „anderen Amerika“, gegen Hass, Rassismus, soziale Spaltung und Gewalt.

„Der Trump-Sieg in den USA hat uns alle geschockt. Die Parallelen zu Deutschland und Europa sind nicht zu leugnen, der Hass gegen alles Fremde, nicht der Konformität zugehörigen, setzt sich über Grenzen hinweg. Die Gründe hierfür liegen jedoch woanders. Die Schere zwischen Arm und Reich muss geschlossen werden, die Globalisierungsverlierer und Abgehängten müssen wieder eine soziale Perspektive bekommen Politisch kann das Signal nur heißen, dass man die offene Gesellschaft verteidigt, in dem man sie endlich wieder sozial macht. Uns als Freunde der amerikanischen Musikkultur hat der Trump-Sieg natürlich umso mehr geschockt, weil der kommende 45. Präsident der USA all das ablehnt, was wir in den USA als das „andere Amerika“ stets besonders geschätzt haben“, erklären Thomas Waldherr und Wolf Schubert-K., die die Idee zu dieser Veranstaltung hatten, und sie mit Unterstützung von Klaus Lavies vom „Theater im Pädagog“ organisiert haben.

„An diesem Abend spielen wir die Songs der Bürgerrechtsbewegung und der Gewerkschaften, der LGBT-und Grassroots-Bewegungen: die Musik von Woody Guthrie, Pete Seeger, Joan Baez, Bob Dylan, Bruce Springsteen, Patti Smith, Tom Morello, Ani DiFranco oder Hurray For The Riff Raff. Zudem wollen wir aus Werken von Allen Ginsberg oder John Steinbeck lesen oder Martin Luther King und Franklin D. Roosevelt zitieren“, erläutern Waldherr und Schubert-K. das Konzept des Abends.
Mit dabei sind: Biber Herrmann, Markus Rill, Wolf Schubert-K., Candyjane, die DoubleDylans, Dan Dietrich, Vanessa Novak, Sue Ferrers & Steffen Huther, Klein & Glücklich, Jen Plater sowie als Moderator Thomas Waldherr.

Die Veranstaltung im Theater im Pädagog beginnt um 20 Uhr, der Eintritt beträgt 15 Euro. Karten können im Vorverkauf online unter http://www.paedagogtheater.de erworben werden. Vorbestellungen sind unter 06151 – 66 01 306 telefonisch und unter theaterimpaedagog@gmx.de per E-Mail möglich.

Eine erneute Selbstverständigung: Mein Sehnsuchtsort „Amerika“

13. Oktober 2015

DSC01792Angesichts der Vehemenz und Unübersichtlichkeit der aktuellen Krisenthemen „Ukraine“, „Flüchtlinge“, „Naher Osten“ und TTIP versuchen sich die Menschen wieder an einfachen Erklärungsmustern. Wahlweise sind es die Russen, die Ausländer oder die Amerikaner. Letzteres ist gerade auch unter vielen Linken eine gern verwendete Denkfigur.

Man muss die amerikanische Politik angesichts von Drohnenkrieg, global-strategischen Wirtschaftsinteressen und den aktuellen Weltkrisen kritisch sehen. Was man aber nicht darf, ist in plumpen Antiamerikanismus verfallen. Dieses Land ist groß und widersprüchlich. Und es gibt ein Amerika jenseits der engen Verflechtung zwischen Politik, Konzernen und Militär, abseits von Tea Party und christlichem Fundamentalismus. Es lohnt sich, gerade heute dieses „andere“ Amerika wieder ins Bewusstsein zu rufen.

Diesem „anderen“ Amerika haben wir Woody Guthrie, Pete Seeger, Joan Baez und Bob Dylan zu verdanken. John Steinbeck und Jack Kerouac. Bürgerrechtsbewegung, Martin Luther King, Black Panther und Angela Davis. Robert Redford, Tim Robbins und Michael Moore. Hier gab es mit dem Roosevel’tschen New Deal den ersten demokratischen Sozialstaat. „Sit- in“ und andere Protestformen der aufbegehrenden Jugend der 1960er Jahre haben hier ihren Ursprung. Und auch die deutsche Liedermacher-Bewegung wäre nicht zu denken, ohne das amerikanische Folk-Revival. Ob Thomas Mann oder Lion Feuchtwanger, Theodor Adorno, Max Horkheimer und Herbert Marcuse. Sie alle fanden hier während der Nazizeit Zuflucht und kamen mit den Befreiern 1945 zurück.

Die amerikanische Jugendkultur war die frische Alternative zur belasteten Deutschtümelei der Nazis. Jazz, Rock’n’Roll und auch Countrymusik floss in die deutsche Alltagskultur ein. Ganz abgesehen von James Dean, Bonanza, Flipper und Lassie. Als in den 1960er Jahren Geborener ist man in der alten Bundesrepublik mit einer klaren Westbindung aufgewachsen. Auch im Protest gegen die Gefahren von Krieg und Umweltzerstörung in den 70er und 80er Jahren waren die Jugendbewegungen stets kulturell transatlantisch geprägt. So wurde damals auch bei den Jungkommunisten der SDAJ weitaus mehr Zappa gehört und gekifft, als schwermütig bei Wodka russische Weisen gesungen.

Währenddessen bleiben alle diese Musiker, ob Protestsänger oder Rocker doch bei aller Kritik an ihrem Land und dessen Regierungen stets leidenschaftliche Amerikaner. Woody war ein kommunistischer Patriot, Pete Seeger trat mit Bruce Springsteen bei Obamas Inauguration auf, und auch der kritische Filmemacher Michael Moore steht zu seinem Amerika. Bob Dylan spielte 1966 in Paris vor einem riesengroßen Sternenbanner. John Mellencamp beschwört mit Neil Young und Willie Nelson jedes Jahr bei Farm Aid den amerikanischen Geist. Steilvorlage lieferte ihnen Dylan, der beim Live Aid-Konzert für die Hungernden Afrikas schon 1985 die Globalität der die Armut schaffenden Strukturen erkannt hatte, als er um Hilfe für die amerikanischen Farmer bat. Karitative Hilfe für die Dritte Welt reicht nicht aus, wenn sie nicht von gesellschaftsverändernden Demokratisierungsprozessen überall begleitet wird.

Und alle diese Musiker – ob die Rock-Klassiker Dylan, Springsteen, Mellencamp und Young oder die heutigen Szenevertreter von den Avett Brothers und Mumford & Sons, bis zu Jack White, Gaslight Anthem und den Felice Brothers, schöpfen aus dem Reservoir der Tradition ihrer amerikanischen Musik: Folk, Blues, Gospel, Country und früher Rock’n’Roll. Robert Johnson und Jimmie Rodgers. Die Mississippi Sheiks und die Carter Family. Ernest Tubb und Muddy Waters, Hank Williams und Howlin‘ Wolf. Elvis und Chuck Berry. Ray Charles und Johnny Cash. Mavis Staples und Loretta Lynn. Sie alle und noch viel mehr machen die Vielfalt dieser amerikanischen Musik aus. Diese amerikanische Musik ist von ihrem Ursprung her die Musik des armen und des anderen Amerika. Sie steht für das alte unheimliche Amerika und für das, welches das Unrecht anhand der guten amerikanischen Werte überwinden will. Sie steht für die Klasse an sich und die Klasse für sich. Das macht sie für mich so spannend und fordert so die Beschäftigung mit ihr immer wieder aufs Neue hinaus. Von den ersten Anfängen mit Bob Dylan, der bis heute eine wichtige Konstante in meinem Leben darstellt bis heute, wenn ich nach den Verbindungen von gesellschaftlichen Veränderungen in den USA und der Weiterentwicklung des Americana forsche.

Und im CD-Spieler laufen die Neo-Western-Swinger der 90er Jahre, BR 549, mit Dylan-Sideman Donnie Herron an Geige, Mandoline und Steel-Guitar. Es gibt einfach kein Ende…

Bob’n’Bruce’n’Neil

9. Juni 2012

Die alten Helden graben gerne nach den Wurzeln und singen die alten, bösen Lieder

Anlässlich des neuen Album von Neil Young habe ich auf www.country.de einen kurzen Vergleich der „Folk-Revival-Alben“ von Dylan, Springsteen und Young gezogen. Diesen Gedanken möchte ich hier noch ein wenig weiter ausführen.

 Bob Dylan nutzte sein Album „Good As I Been To You“ 1992 dazu, sich auf sich selbst und seine musikalischen Wurzeln zu besinnen. Nachdem Dylan sich während der Psychedelic-Welle in den 60ern, während Bombast-Rock, Punk und Disco in den 70ern mit seiner in Folk, CountryRock und Blues gut geerdeten Musik gut behaupten konnte, führten ihn die 80er Jahre mit Reagan, Thatcher und Kohl, mit Plastik-Pop, New Wave und Stadion-Rock, mit Madonna, Michael Jackson und Phil Collins, ins künstlerische Nirvana. Seine „Neverending-Tour“ war eine persönliche und performative Antwort auf die Krise. Die Musik, die dort gespielt wurde war desaströs, um sie neu aufzubauen bedurfte es dieses Albums. Dylan entdeckt die alten Lieder neu, die Mörderballaden, die Songs über traurige Liebe, die Kinderlieder. Und er entdeckt sein Gitarrenspiel wieder. Er kann es, wenn er will. Und so entstand eine puristische Folk-Platte. Eine die wenn überhaupt wahrgenommen – die Ausnahme ist Karl Bruckmaiers glanzvolle, prophetische Rezension im Spiegel – mit höflichem Respekt rezensiert. Keiner merkt, dass inmitten des Neu-Entstehens von Americana (Uncle Tupelo waren Initiatoren) sein geistiger und tatsächlicher Vater sich an die Spitze der Bewegung stellt.

Springsteen bringt 2006 die Seeger Sessions heraus. Der ehrliche Stadion-Rocker aus New Jersey, der mit „Born In The USA“ irrtümlicher und unfreiwilligerweise der Reagan-Politik eine Hymne gab und sich seitdem umso mehr zur amerikanischen Linken bekennt, ehrt auf seine Weise den letzten lebenden Mentor des klassischen amerikanischen Folk und Protestsongs der 30 er und 40er Jahre. Denn davon und vom Amerika des New Deal, dem erst Ronald Reagan den wirklichen Todesstoß versetzte, sind sie alle geprägt. Der 71jährige Dylan genauso wie der zehn Jahre jüngere Springsteen und der in der Mitte liegende 66 Jahre alte Young. „The Seeger Session“ ist daher aber auch ein Album, das das Ende der Bush-Ära einläutet. George W. ist angeschlagen und der fortschrittliche Teil Amerikas hofft auf einen Wandel durch die Demokraten. Und zwei Jahre später sollte ja tatsächlich Barack Obama mit Unterstützung der fortschrittlichen Musiker, Schauspieler und Schriftsteller (Springsteen natürlich mit dabei!) als großer Hoffungsträger gewählt werden.

Neil Young ist da – ähnlich wie Dylan – weniger begeisterungsfähig als „The Boss“. Und doch legt er jetzt kurz vor dem Wahlkampf ein Album mit uralten Songs vor, die aber, solange Amerika sich nicht wieder neu erfindet, auf ewig aktuell sind. Songs über Arbeitslosigkeit, unglückliche Liebe, Mord und Totschlag. Amerika ist groß und leuchtend, doch es hat auch immer mehr Verlierer. Der Rost und Verfall und das menschliche Elend ist längst nicht mehr hinter den Fassaden versteckt. Die USA bräuchten einen neuen „New Deal“, doch der Präsident ist weder stark noch konsequent genug und die Gegner sind laut, gut vernetzt und zu mächtig, als dass es Anlass zur Hoffnung gibt. Amerika zerstört sich von innen. Durch kapitalistische Gier, politischer Agonie und wahnwitzigem religiösen Fundamentalismus. Young bastelt an umweltgerechten Autos in Kalifornien und singt dagegen an.

Alle drei vereint das Bewusstsein über ihre musikalischen Wurzeln. Und alle drei machen sich nichts vor über den Zustand „ihres“ Amerikas. Dass sie die alten, bösen Lieder benutzen sagt alles und ist reinste Subversion. Und einfach gute Musik.