Archive for the ‘Country’ Category

Dämonen, die nicht vergehen wollen

5. Juni 2017

Rassismus und rassistische Gewalt als Thema der Roots Music in den USA

„Das Vergangene ist nicht tot; es ist nicht einmal vergangen.“
William Faulkner

So wie die Deutschen den Juden nie den Holocaust vergeben hätten, so das alte, böse Bonmot, hat wohl das weiße Amerika den Schwarzen die Sklaverei eigentlich nie vergeben. Deren Schreckensherrschaft nicht, deren Aufhebung nicht und nicht den Bürgerkrieg, der nicht ursächlich wegen ihrer Beseitigung ausgebrochen war, aber dazu beitrug.

Bob Dylan hat in einem Interview dazu einmal gesagt: „Dieses Land ist einfach zu fucked up, wenn es um die Hautfarbe geht. Die Leute gehen sich gegenseitig an die Gurgel, weil sie eine andere Hautfarbe haben. Es ist der Gipfel des Wahnsinns und würde jede Nation – sogar jede Nachbarschaft – von einer gesunden Entwicklung abhalten. Die Schwarzen wissen, dass es einige Weiße gibt, die die Sklaverei beibehalten wollten, dass sie noch immer unter dem Joch wären, wenn diese Leute die Oberhand behalten hätten…Es ist fraglich, ob Amerika dieses Stigma je abschütteln kann. Es ist nun mal ein Land, das auf dem Rücken der Sklaven aufgebaut wurde. Das ist das Grundübel. Wenn man die Sklaverei auf friedliche Art und Weise aufgegeben hätte, wäre Amerika heute bereits viel weiter.“

Abgesehen vom echten latenten Rassismus, den es nicht nur im Süden gibt, verzeiht das kollektive amerikanische Unterbewusstsein den Schwarzen die 500.000 Toten des Bürgerkriegs wohl nicht. Und so ist das Vergangene im Faulkner’schen Sinne wirklich nicht tot, sondern nicht einmal vergangen.

Der Rassismus beherrscht die US-amerikanische Gesellschaft noch immer und ebenso die Staatsgewalt. Folgende Zahlen belegen das: Junge schwarze Männer (im Alter von 15 bis 34 Jahren) werden – so ein Bericht und eine Untersuchung des britischen Guardian aus dem Jahr 2015- neunmal so oft Opfer von tödlicher Polizeigewalt wie der Durchschnitt der Bevölkerung. Auch mit Bezug auf gleichaltrige Männer sind die Unterschiede frappierend: Schwarze junge Männer werden fünfmal so oft von Polizisten erschossen wie weiße junge Männer. Schwarze und Hispanics machen 25 Prozent der Gesamtbevölkerung aus, doch sie stellen gut sechzig Prozent der Gefängnisinsassen. Die Bürgerrechtsbewegung hat die völlige Entrechtung der Schwarzen gelindert, aber die Dämonen wollen einfach nicht vergehen.

Die Wahl Trumps zum US-Präsidenten hat die Lage noch einmal verschärft. Die Zahl der rassistischen Übergriffe gegen Muslime, Schwarze und Hispanics stieg in den Monaten nach der Machtergreifung von Trumps Clique aus weißen Millionären und Milliardären noch einmal an. Und diese Clique würde die Zeit zu gerne zurückdrehen. Vor die Zeit der Bürgerrechtsbewegung und den Gesetzen zur Rassengleichheit.

Rassismus und kulturelle Befruchtung
Das menschliche Zusammenleben ist widersprüchlich. Mehrere hundert Jahre Sklaverei in den USA brachten Rassentrennung, Unterdrückung und rassistische Gewalt hervor. Gleichzeitig aber vermischten sich die Ausdrucksformen der weißen Einwanderer aus Europa und der schwarzen, eingeschleppten Menschen aus Afrika. Im Süden veränderten sich weiße und schwarze Musik und näherten sich an. Neben den „weißen“ Instrumenten Gitarre, Mandoline und Geige etablierte sich das „schwarze“ Banjo. Zusammen gingen wie in den „String Bands“ auf. Afrikanische Tänze und Gesänge mischten sich mit weißen religiösen Inhalten und musikalischen Ausdrucksformen und es entstanden sowohl religiöse Gospels, als auch die Blues- und Workingsongs. Und die Weißen adaptierten die Gospels mit der Folge, dass dasselbe Liedgut sowohl in schwarzen, als auch in weißen Kirchengemeinden gesungen wird. Und während die schwarzen Unterhaltungsmusiker nach der Sklaverei sowohl die weiße Hillbilly-Musik als auch den schwarzen Blues sangen, entstand aus der Zusammenführung beider die Countrymusik, die zwar als „Blues des weißen Mannes“ gilt, aber ihre schwarzen Wurzeln hat, die viel zu oft übersehen werden.

Von „Run, Nigger, Run“ bis „Freedom Highway“
In der Musik der Schwarzen war Rassismus und Gewalt natürlich seit jeher Thema. Eines der bekanntesten frühen Beispiel aus der amerikanischen Folkmusik ist der Song „Run, Nigger, Run“, der Mitte des 19. Jahrhunderts erstmals dokumentiert ist und von der Flucht vor den weißen „Slave Patrols“ handelt. Als die ländliche Musik des Südens in den 1920er Jahren erstmals auf Platten aufgenommen wurde, waren es eine ganze Reihe von weißen Interpreten, die dieses Lied sangen, wie Uncle Dave Macon (1925) oder Gid Tanner and the Skillet Lickers (1927). Längst hatte sich der schwarze Song ins kollektive Gedächtnis auch der weißen Südstaatler eingebrannt.

„They sellin‘ Postcards of The Hangin'“ singt Bob Dylan in seinem epischen „Desolation Row“. Was auf den ersten Blick als eine treffende böse Metapher auf den amerikanischen Verkaufsgeist daherkommt, ist in Wirklichkeit eine Reminiszenz an einen rassistischen Lynchmord in Dylans Geburtsstadt Duluth in den 1920er Jahren. Was im nördlichen Bundesstaat Minnesota eher die Ausnahme darstellte, war in den Südstaaten bis in die jüngere Vergangenheit Gang und Gebe und hat in die Populärkultur Einzug gehalten. Wir begegnen ihm beispielsweise als Versuch in Harper Lees „Wer die Nachtigall stört“.

Das abgründigste und berührendste Lied über die Lynchmorde an Schwarzen ist sicher „Strange Fruit“. Der Song wurde 1939 durch Billie Holiday weltweit bekannt. Das von Abel Meeropol komponierte und getextete Lied ist eine der stärksten künstlerischen Aussagen gegen Lynchmorde in den Südstaaten der USA. „Strange Fruit“ wurde zu einer Metapher für Lynchmorde. Eine ganze Reihe von schwarzen und weißen Musikern haben es gesungen: Josh White, Pete Seeger oder Nina Simone. Letztere hat zudem einen eigenen Song als Anklage des Rassismus in den Südstaaten legendär werden lassen: Mississippi Goddam von 1964 war ihre Antwort auf die Ermordung des schwarzen Bürgerrechtlers Medgar Evers und dem Bombenanschlag auf eine schwarze Baptistenkirche in Birmingham, Alabama.

Die weiße Jugend entdeckt das Leiden der Schwarzen
Auch in der Bürgerrechtsbewegung befruchteten sich das weiße und das schwarze Amerika. Die junge weiße Generation empfand sich Ende der 1950er/Anfang der 1960er als gegängelte Jugend, die noch dazu die Welt wegen des Ost-West-Konflikts in Kriegsgefahr sah. Man adaptierte die schwarze Leidensgeschichte und deren kulturelle Ausdrucksform für die eigene Zwecke des Aufbegehrens gegen die Elterngeneration. Man fand den Blues und sang im Folk gegen Rassismus und Gewalt. Gerade der junge Bob Dylan hatte eine ganze Reihe von antirassistischen Songs im Repertoire: „Only A Pawn In Their Game“, The Death Of Emmett Till, „The Lonesome Death Of Hattie Caroll“ oder auch „Oxford Town“.

Der schwarze Blues verarbeitete zwar die tägliche Diskriminierung in seinen Texten, aber Songs mit eindeutig politischer Dimension wie der von Billie Holiday waren bis Mitte des letzten Jahrhunderts eher selten. Genauso selten wie in der weißen Folkmusik vor Woody Guthrie. J.B. Lenoir bildete mit eindeutigen Songs wie „Alabama Blues“, „Down in Mississippi“ und „Vietnam Blues“ hier eher die Ausnahme. Erst die Bürgerrechtsbewegung änderte das. 1965 schrieb Pops Staples für seine Staples Singers als Reaktion auf den Marsch von Selma nach Montgomery den Song „Freedom Highway“.

Selbstredend war die die Problematisierung von Rassismus kein Thema in der weißen Countrymusik. Man sang einfach nicht darüber. Schwarze Countrymusiker wie Charley Pride und Darius Rucker bleiben die Ausnahmen, hatten und haben aber immer wieder mit rassistischen Ausfällen von Teilen des Publikums zu rechnen. Und das, obwohl Lichtgestalten der Countrymusik, wie A.P. Carter, Hank Williams oder Bill Monroe, ohne ihre schwarzen Helfer oder Lehrer gar nicht vorstellbar wären. Ausgerechnet jedoch der Ende der 1960er Jahre als Sänger der Rednecks verschriene Merle Haggard war es, der das Thema Rassismus erstmals in einem Countrysong aufgriff. „Irma Jackson“ über die Liebe zwischen einem weißen Mann und einer schwarzen Frau wollte er als Single-Nachfolger für seinen als Anti-Hippie-Spottlied verstandenen 1969er Hitsong „I’m An Okie From Muskogee“ veröffentlichen. Doch seine Plattenfirma Capitol Records ließ das nicht zu.

Immer und immer wieder Thema
Bob Dylan indes sollte auch nach Ende seiner kurzen Protestsongphase das Thema immer wieder einmal aufgreifen. So setzte er 1970 mit „George Jackson“, einem ermordeten Black Panter-Führer ebenso ein Denkmal wie 1975 mit „Hurricane“ dem schwarzen Boxer Rubin Carter, der ein Opfer der amerikanischen Rassenjustiz wurde.

Vier aktuelle Beispiele für die Thematisierung von Rassismus und rassistischer Gewalt seien hier genannt. Heartland-Rocker John Mellencamp hat auf seinem neuen Album den Song „Easy Target“ aufgenommen, der rassistische Gewalt thematisiert und die großartige Rhiannon Giddens hat nicht nur ihr jüngstes Album „Freedom Highway“ genannt und hat damit den Pops Staples-Song angemessen ins heute verfrachtet, sondern ihr Longplayer enthält mit „At The Purchaser’s Option“ auch einen der eindringlichsten Songs über die menschlichen Tragödien als Folgen des Sklavenhandels, der je geschrieben worden ist. Alynda Lee Segarra wiederum kehrt mit ihrem Bandprojekt „Hurray For The Riff Raff“ zu ihren hispanischen Wurzeln zurück und begehrt auf „The Navigator“ gegen Gentrifizierung, Homophobie und Rassismus auf. Und jüngstes Beispiel ist der Song „White Man’s World“ von Südstaaten-Roots-Rocker Jason Isbell, der überhaupt auf seinem neuen Album „The Nashville Sound“ einen scharfen Blick auf die verstörenden Entwicklungen in den USA hat.

Die amerikanische Musikszene hat seit der Wahl Trumps eine Hinwendung zu gesellschaftlichen und politischen Themen vollzogen. Man darf gespannt sein, wie sich Amerika und seine Roots Music angesichts der problematischen Herausforderung durch die Trump/ Bannon-Clique, deren jüngster Affront die Kündigung des Pariser Klimaschutzabkommens war, in nächster Zeit entwickeln werden.

Mit unbändiger Spielfreude unterwegs auf dem „Freedom Highway“

26. März 2017

Schiere Spielfreude: Rhiannon Giddens in Amsterdam 2017, Photo Credit: Thomas Waldherr


Warum ein musikalisch vielseitiger Americana-Abend mit Rhiannon Giddens auch ein politisches Statement ist/ Rhiannon Giddens präsentiert sich als lockere und temperamentvolle Teamplayerin

Programmatische politische Statements, wie sie sie im Umfeld der Veröffentlichung ihres neuen Album „Freedom Highway“ getroffen, und noch am Tag des Konzerts in Amsterdam am vergangenen Samstag in der Mittagszeit beim einem Kurzauftritt im Musikhaus Concerto geäußert hatte – „nach der Wahl haben wir das Album „Freedom Highway“ genannt“ – unterließ Rhiannon Giddens in der ausverkauften Amstelkerk. Und dennoch: die Songauswahl – Erzählungen über Schicksale von Schwarzen in der Sklavenzeit („Julie“, „Purchasers Options“), Erinnerungen an die rassistische Gewalt in den 1960ern („Birmingham Sunday“) – und die erklärenden Hinführungen zu den Songs sowie die musikalische Breite des Programms – es erklangen Folk, Blues, Country, Gospel und sogar Cajun-Musik – waren eine klare Aussage: Wir alle sind Amerika, wie lassen uns von dieser US-Regierung nicht spalten. In den 1960er und frühen 1970er Jahren, als Bürgerrechtsbewegung, Studentenunruhen und die Auseinandersetzungen um den Vietnamkrieg die Nation polarisierten, war es Johny Cash, der versuchte die Gräben zu überwinden. Heute übernimmt diese Rolle das Americana-Genre und in ihm seine derzeit bedeutendste weibliche Frauenstimme ein – Rhiannon Giddens.

Und die verstand es an diesem Abend wieder einmal das Publikum von Anfang an mitzureißen. Das war Anfang letzten Jahres genauso. Doch war es diesmal eine ganz andere Art von Performance. War das Konzert 2016 ganz auf die Frontfrau zugeschnitten und gab diese eine mitreißende, aber sehr strenge, durchgeplante Performance ab, so konnten die Zuhörer am Samstagabend eine vor Spielfreude und Lust aufs gemeinsame Musizieren mit ihren Kumpanen schier berstende Rhiannon Giddens erleben, die man selten so locker erlebt hat.

Ob es die Anwesenheit von Dirk Powell, ihrem Co-Produzenten von „Freedom Highway“ war – einem mit allen Wassern gewaschenen Multiinstrumentalisten, der mit seiner Präsenz der Frontfrau Halt und die notwendigen Spielräume gab, kann nur vermutet werden, vielleicht hat sich aber auch in der jetzigen Konstellation – neben Powell waren wieder Hubby Jenkins (Gitarre, Banjo, Mandoline) Jason Sypher (Bass) und Jamie Dick (Drums) mit dabei – einfach auch die ideale Band gefunden.

Ein sichtbarer Ausdruck von Rhiannons neuer Lockerheit war, dass es kein spezielles Bühnen-Outfit gab. Mit denselben Alltagsklamotten mit denen sie am Nachmittag gutgelaunt mit der Band an den Grachten entlangschlenderte, stürzte sie sich Hals über Kopf in ein fantastisches, berauschendes Konzert. Ihre faszinierenden Vorträge von Songs wie „Waterboy“, „Spanish Mary“ (vertont nach Lyrics von Bob Dylan), dem Patsy Cline-Hit „She’s Got You“ oder Sister Roseta Tharpes „Music In The Air“ steigert sie oftmals in stakkatohaften Scat-Gesang oder dramatische Lautstärke und Entschlossenheit und erzählt und lebt dabei voller Hingabe in Mimik und Gestik ihre Songs richtig aus.

Ein weiteres Zeugnis, dass Rhiannon Giddens 2017 scheinbar endlich mit sich und in ihrer Musik vollauf zufrieden ist – wir erinnern uns an den Film zu den „New Basement Tapes“, als sie voller Selbstzweifel T Bone Burnett als freundlichen Ratgeber brauchte, um zu ihrer Version der Songs zu finden – war ihre große Fröhlichkeit, die alles andere als routiniert gespielt war. Die Kommunikation mit dem Publikum war herzlich und spontan und auch nach dem Konzert nahm sie sich Zeit für Gespräche mit den Fans.

Rhiannon Giddens: Eine Ausnahmeerscheinung, die noch weiter reifen kann, Photo Credit: Thomas Waldherr

Und wieder einmal fällt uns ein, wie großartig es ist, über Jahre verfolgen zu können, wie ein Künstler oder eine Künstlerin sich entwickelt, reift, eine Form findet und dann wieder verändert. Rhiannon Giddens ist jetzt schon großartig, eine Ausnahmeerscheinung und starke Stimme des „anderen Amerika“. Aber sie ist auch jung genug, um noch tiefer und noch reifer zu werden.

Bob Dylan, die Globalisierung und die amerikanische Arbeiterklasse

8. Februar 2017

union-sundown Bob Dylans Phase als Sänger von tagespolitischen Protestsongs endete bereits 1964. In der Folge blieb er gesellschaftspolitisch keineswegs harmlos, schließlich arbeitete er sich auch weiterhin an Autoritäten und Ausbeutung („Maggies Farm“ 1965) und dem Leben jenseits der normierten Gesellschaft („Subterranean Homesick Blues“ 1965) ab, oder fragte gar adornitisch nach einem Ausweg aus Kapitalismus und verwalteter Welt („All Along The Watchtower“ 1968).

Unterschätzt und unverstanden in breiten Teilen seines Publikums, den früheren Protestgenerationen, die ab den 1980er Jahren als Träger der neuen sozialen Bewegungen so langsam aber sicher ihren Frieden mit dem neoliberalen US-Kapitalismus gemacht hatten, und dann zum liberalen Establishment wurden, ist bis heute seine immer wieder kehrende Kritik am globalen Kapitalismus sowie seine Erinnerung und Mahnung an die Lebensverhältnisse der amerikanischen Arbeiterklasse im heutigen Rust Belt und dem Fly Over-Country des Mittleren Westens und Südens.

„The Country I Come From Is Called The Midwest“
Dylan stammt nicht von den liberalen Küsten, sondern ist im Mittleren Westen, in der Iron Range Minnesotas, groß geworden. Einem Landstrich, der vom Eisenerzabbau unter Tage lebt. Der junge Robert Zimmerman gehört zwar als Abkömmling einer jüdischen Mittelstandsfamilie sozial und kulturell nicht der dortigen Mehrheit aus Nachfahren von skandinavischen, tschechischen oder katholisch-polnischen Einwanderern an. Aber Mitgliedern seiner Familie gehörten ein Elekro-Fachgeschäft und das örtliche Kino in Hibbing. Sie wussten, wenn es den Bergarbeitern gut geht, dann geht es auch ihnen gut. Da er noch dazu als doppelter Außenseiter sich in der falschen Familie fühlte, und mit Country- und Rock’n’Roll sich für die Musik des armen ländlichen Südens begeisterte, baute Robert Zimmerman schon früh eine Empathie für die einfachen Menschen auf, die ja schließlich geradewegs zur Begeisterung für Woody Guthrie und dessen Lebensstil als Hobo führte.

„The Ballad Of Hollis Brown“ (1963)
Dylan schrieb mit „Blowin‘ In The Wind“, „A Hard Rain’s A-Gonna Fall“ sowie „The Lonesome Death Of Hattie Caroll“ Klassiker der US-amerikanischen Anti-Kriegs- und Bürgerrechtsbewegung. Doch daneben steht ein Song, der sich mit einer anderen Variante der amerikanischen Widersprüche beschäftigt. „The Ballad Of Hollis Brown“ erzählt die Geschichte einer armen Farmerfamilie aus South Dakota. Aus Armut und Verzweiflung löscht der Vater die gesamte Familie mit einem Gewehr aus. Ein Song, geschrieben zwischen „New Deal“ und „Great Society“, erzählt eigentlich eine Geschichte aus der großen Depression. Doch sie ist zeitlos wie Greil Marcus in seinem kleinen, feinen Büchlein „Three Songs/Three Singers/Three Nations“ feststellt. Und angesichts von Armut, Elend und Drogentragödie des Mittelwestens heutzutage aktueller denn je.

„The Farm Aid-Speech“ (1985)
Dylan hat diesen Song auch bei einem denkwürdigen und umstrittenen Auftritt 1985 gespielt. Denn als er am 13. Juli 1985 mit Keith Richards und Ron Wood beim Live Aid-Konzert auftrat, da legte er nicht nur einen seiner desaströsesten Live-Gigs seiner Karriere hin, sondern verärgerte auch viele und insbesondere Chef-Organisator Bob Geldof mit seiner Ansage, nachdem er „The Ballad Of Hollis Brown“ gespielt hatte. Dylan sagte: „I hope that some of the money that’s raised for the people in Africa, maybe they could just take a little bit of it, maybe … one or two million … to pay the mortgages on some of the farms.“ Geldof nannte diese Ansage „Krass, dumm und nationalistisch“ und nahm damit schon die spätere Verachtung und Ignoranz der Liberalen für die Menschen des amerikanischen Heartlands vorweg. Doch Willie Nelson, Neil Young und John Mellencamp nutzten die Steilvorlage Dylans für den Farmer-Charity-Event „Farm Aid“, bei dessen Premiere dann auch Bob Dylan auftrat. Sie alle hatten noch die Empathie für die einfachen Menschen und sie spürten, dass der Hunger in der Welt und die Nöte der amerikanischen Farmer dieselben Ursachen in der Macht der Banken und des globalen Kapitalismus haben. 1993 kamen dann Nelson und Dylan mit dem Song „Heartland“ auf das Thema der Not leidenden Farmer zurück.

„Union Sundown“ (1983)
Doch Dylans Engagement für die einfachen arbeitenden Menschen in Amerika, das so gar nicht zu der inhaltlosen Rock-Show passen sollte, die als Geldsammelmaschine agierte, ohne einen Zipfel der politischen Zusammenhänge des globalen Kapitalismus herzustellen, kam nicht von ungefähr. Bereits 1983 auf „Infidels“ dem Album, das seine Rückkehr aus dem christlichen Fundamentalismus in die wirkliche Welt markierte, legte er in „Union Sundown“ eine musikalische Standortbestimmung des US-Kapitalismus zwischen Globalisierung und Niedergang der Gewerkschaften vor. Zwar kann man auch Anwandlungen von Protektionismus herauslesen, aber gleichzeitig weiß er auch um die Lage der Menschen, die in den Billiglohnländern mit den neuen Jobs ums Überleben kämpfen: „All the furniture, it says ‚Made in Brazil‘, Where a woman, she slaved for sure, Bringin’ home thirty cents a day to a family of twelve, You know, that’s a lot of money to her“, singt er in Union Sundown.

Und genau in dieser globalen Empathie über Ländergrenzen hinweg, unterscheidet er sich von reaktionären und nationalistischen Countrysängern wie den „Trump-Barden“ Lee Greenwood und Toby Keith. Denn Dylan hat das Wesen des internationalen Kapitalismus in seiner oligarchischen und antidemokratischen Ausprägung verstanden. Mehr als dreißig Jahre vor dem amerikanischen politischen Erdbeben rund um Donald Trump schrieb er in „Union Sundown“ über den Niedergang der Arbeiterklasse und der Gewerkschaften in den USA und sezierte fein die politische Realität: „Democracy don’t rule the world…This world is rules by violence“ und „Was made in the USA sure was a good idea, til greed got in the way.“

„Workingman’s Blues #2“bob_dylan-political_world_s_1
Mehr als 20 Jahre später nimmt Dylan wieder zur Situation des amerikanischen Arbeiterklasse Stellung. Und zwar in seinem „Workingmans Blues #2“ vom Album „Modern Times aus dem Jahre 2006. In direkter Anspielung auf Merle Haggards Countrysong „Workingmans Blues“ erzählt er eine ganz andere Geschichte als der Countrysänger in den 60er Jahren. Konnte Haggards Workingman noch stolz darauf sein, arbeiten zu können und keine Sozialhilfe in Anspruch zu nehmen, bekommt Dylans Protagonist angesichts von Globalisierung und Konkurrenzdruck keine Arbeit mehr bzw. wenn, dann zu Dumping-Löhnen, von denen er nicht leben kann. Er lebt in tiefer Armut. Hier zeigt sich, dass bei Dylan die konkrete Zeit, in der die Songs spielen völlig nebensächlich wird: „Time Out Of Mind“, wie seine Platte 1997 hieß. Denn die Armut, die da geschildert wird, ist mit modernem ökonomischem Vokabular begründet, aber mit uralten Bluespoesie aus der Zeit der großen Depression beschrieben. Gleichzeitig träumt sich der Protagonist aus seiner Ausweglosigkeit in eine Art romantischer Wild West-Szenerie und in Seefahrer-Phantasien. Die Worte letzterer Phantasie sind nichts geringerem als Ovids Werken „Tristia“ und „Epistulae ex Ponto“ entlehnt. Dylan entlehnt sich die Werke des klassischen Altertums, die ja zum sinnstiftenden Bildungskanon des Bürgertums gehören, um die Armut zu beschreiben, die die bürgerliche Gesellschaft kraft ihrer Wirtschaftsweise weltweit schafft.

Am Ende wird dieser „Workingman“ tot sein. Schaurig, aber unaufhaltsam. Und Dylans Song wird zu einer Totenklage eines Sterbenden, in der sich Blues und Ovid, Karl Marx und Country treffen. Dylans Collagentechnik ist verblüffend, belesen und intellektuell ausgereift, aber nie zufällig willkürlich, wie es Heinrich Detering so kongenial in seiner Analyse des Spätwerks darstellt.

The Chrysler Superbowl TV-Commercial
Auch Dylans Werbefilm zum Superbowl 2014 wurde naserümpfend betrachtet. Natürlich wird ihm ewig schon vorgehalten, überhaupt Werbung zu machen. Und dann auch noch für eine Automarke. Und so nationalistisch!

Doch gerade in diesem Werbefilm, der eine Mischung aus Americana-Video, USA-Werbefilm, Dylan-Referenzen und 40er Jahre-Ambiente ist, zeigt sich wie stark Dylan kulturell und gesellschaftspolitisch vom „New Deal“ geprägt ist, wie schon Sean Wilentz in seinem Buch „Dylans Amerika“ herausgearbeitet hat. Dylans gesellschaftliche Koalition ist immer noch die „New Deal-Koalition von gewerkschaftlich organisierten Industriearbeitern, Afroamerikanern und städtischen Mittelschichten“ (Nancy Fraser, „Für eine Neue Linke!“, in: Blätter für deutsche und internationale Politik, 2/2017). Und so erklärt sich auch die gewisse Distanz zu Teilen der Protestgeneration der 1960er wie den Hippies, deren Subkultur vor allem als alternativer Lebensentwurf für die Söhne und Töchter der großbürgerlichen Eliten zu verstehen ist.

Dylan hat eine Empathie für die darbenden Autobauer und den heruntergekommenen Städten des „Rust Belt“ wie beispielsweise Detroit, denen er ihren Stolz wiedergeben will. Sicher bietet der Spot keine scharfe Analyse, und man fragt sich ob Dylan eigentlich wusste oder ob es ihm egal war, das Chrysler mittlerweile eine hundertprozentige Tochter des italienischen Fiat-Konzerns ist. Aber, und das ist Dylan wichtig, Chrysler produziert seine Fahrzeuge der traditionsträchtigen und klangvollen US-Automarken Chrysler, Dodge und Jeep weiterhin an einigen Standorten in den USA.

„We Live In A Political World“
Dylans Kritik am globalen Kapitalismus ist alles andere als kohärent oder differenziert. Er ist Künstler, kein Ökonom oder Politiker. Im Gegenteil, gern hat er in seinem Werk immer wieder mal derbe gegen Politiker ausgeteilt. Ob in „Political World“ von 1990 oder in „It’s All Good“ 2009. Die direkten Kontakte zur Politik lassen sich an einer Hand abzählen. Jimmy Carter nannte ihn seinen Freund, bei Bill Clintons erster Inauguration spielte er noch, dann war er weder bei ihm noch bei Obama bei der Amtseinführung zu sehen. Der lud ihn zwar mehrmals – mal zur Preisverleihung, mal zum musikalischen Auftritt- ins Weiße Haus ein. Doch öffentlich mochte er Obama im Gegensatz zu anderen Musikern nicht lauthals unterstützen. Er sah wohl in ihm nicht denjenigen, der die US-Gesellschaft und die Welt. grundlegend verändern und verbessern konnte. Auch hier zeigte sich Dylans Selbstverortung im alten New Deal und nicht in der auch für Obama weiterhin konstitutionellen Clinton-Koalition aus „Unternehmern, Vorortbewohnern, neuen sozialen Bewegungen und jungen Leuten“ (Nancy Fraser). Dylan widerstand dem Obama-Hype. Der nun nach der Trump-Tragödie ohnehin nur eine finale Episode zu Ende des progressiven Neoliberalismus gewesen zu sein scheint. Eine neue amerikanische Linke muss ein neues Bündnis mit den Globalisierungsverlierern zu Hause und in aller Welt schmieden.

Dass es in Bob Dylans gewaltigem Oeuvre immer wieder gewichtige Fundstellen gibt, die belegen, dass er die Grundprinzipien der Globalisierung verstanden hat, sie kritisiert und Partei für die Verlierer dieser Entwicklung ergreift, zeigt einmal mehr Dylans Bedeutung als Künstler, der sich mit den universellen Menschheitsfragen auseinandersetzt.

Dylan stand und steht nie auf der Seite der Mächtigen. Nicht umsonst ist er aus der bürgerlichen Idylle seines Elternhauses ausgebrochen, um Woody Guthrie, die Stimme des anderen Amerikas zu treffen. Auch einer, der noch Kontakt zu den einfachen, hart arbeitenden Menschen hatte. Dass das linksliberale Amerika der Küsten diesen Kontakt verloren hat, ist eine große Tragödie. Und Bob Dylan ist daher auch so etwas wie das permanente schlechte Gewissen dieser Generation, die seit Bill Clinton das liberale Amerika geführt hat.

Elvis & Nixon, Johnny & Tricky Dicky, Bobby & Jimmy

27. Dezember 2016

Seltsame Duos der amerikanischen Musikgeschichte

elvis-pic-2Ich muss es zugeben, Elvis war nie mein Mann. Als ich begann, bewusst Musik zu hören, da entdeckte ich das coole und rebellische in einem Dylan, der „Hurricane“ sang und zu diesem Zeitpunkt 35 Jahre alt war. Seine Performance, sein Vortrag war voller Spannung, ein einziges Versprechen des Nonkonformismus. Was ich von Elvis damals sah, war ein sehr dicker Typ im peinlichen Glitzeranzug. Und zig Imitatoren. Echt peinlich.
Erst später habe ich gelernt, ihn zu respektieren. Als wichtige Figur für den Rock’n’Roll. Dabei war er nicht mehr und nicht weniger als der von Sam Philipps lang ersehnte weiße Junge, der den schwarzen Rhythm & Blues zum Rock’n’Roll für die weiße Käuferschicht machen konnte. Wirklich erfunden hatten den Rock’n’Roll schwarze Musiker wie Sister Rosetta Tharpe oder Chuck Berry. Und der genialste weiße Rock’n’Roller, der das rebellische, widerspenstige auch wirklich lebte, war und ist Jerry Lee Lewis. Als wir dann das erste Mal im Süden unterwegs waren, haben wir uns Elvis‘ Geburtshaus in Tupelo angeschaut, uns Graceland aber gespart.

Dennoch bin ich in den Film „Elvis und Nixon“ gegangen. Weil ich mir durchaus ein paar interessante popkulturelle Dialoge zwischen den Protagonisten erhoffte. Doch was kam wer leider zu wenig, der Film blieb unter den Möglichkeiten des vorgegebenen Themas. Daher hier von mir ein paar Anmerkungen zu diesem Film über diese ungewöhnliche Begegnung im Jahr 1970 und weiteren Interaktionen zwischen US-Präsidenten und Musikstars.

Presley schmeißt sich mit Antikommunismus ran
Klar, Nixon (Jahrgang 1913), konnte mit Elvis (Jahrgang 1935) nicht viel anfangen. Neben dem Alter und dem Rock’n’Roll trennte die beiden auch sonst viel. Während Nixon Sohn kalifornischer Quäker war, die Tanzen und Spielen ablehnten, war Elvis Südstaatler und von der Assembly of God Church geprägt, einer Pfingstler-Sekte, in der Musik und ekstatische Performance im Gottesdienst eine wichtige Rolle spielten. Einige frühe Rock’n’Roller, so auch Jerry Lee Lewis, waren Pfingstler. Nixon war ein durch und durch rationaler Politiker, ein Vertreter der alten republikanischen Partei, Presley dagegen vom irrationalen Moment des Sektenglaubens des armen Südens geprägt. Sehr viel konnten sie nicht miteinander anfangen. Die Wandlung der Republikaner zu Mehrheitspartei im Süden war erst am Anfang. Noch war sie die Partei des reichen Nordens und der Küsten. Doch Nixon war klar, dass ein Foto mit Elvis ein guter PR-Gag für ihn sein würde. Nixon ging also taktisch mit Elvis um.

Der wiederum wollte wiederum auch seinen persönlichen Vorteil aus dem Treffen ziehen. Er wollte ein Abzeichen des „Büros für Narkotika und gefährliche Drogen“. Während er seine Bitte an Nixon in einem Schreiben mit allerlei reaktionärer Paranoia gegen Hippies, Black Panther und Gegenkultur sowie einem Waffengeschenk würzte, ging es ihm im Grunde nur darum, so seine Witwe Priscilla, mit dem Abzeichen die ultimative Macht zu bekommen, ganz legal in jedem Land Waffen zu tragen und alle Drogen zu nehmen, die er wollte. Wow, ganz schön abgedreht, der „King Of Rock’n’Roll“. Das ganze Thema hätte der Film aber weitaus tiefer, rasanter und virtuoser ausspielen können. Schade.

Cash kontert mit Protestsongs
Von ganz anderem Kaliber – guter Übergang! – war dagegen Johnny Cash. Der hatte bei seinem Treffen mit Richard Nixon im Juli 1972 ein klares inhaltliches Anliegen. Es ging um eine Reform des Justizvollzuges und da war für Cash, der selber schon damit in Berührung gekommen war und natürlich bekannt war für seine Gefängniskonzerte in Folsom Prison und San Quentin, die Humanisierung der Haftbedingungen ein wichtiges Thema. Doch das Treffen verlief anders als gedacht. Nixon wünschte sich zu Beginn des Gesprächs von Cash zwei Songs. Allerdings nicht dessen eigene, sondern zwei wahre Hymnen der Konservativen: Merle Haggards „Okie from Muskogee“ und Guy Drakes „Welfare Cadillac“. Songs gegen die Hippies und gegen die Integrität von Sozialhilfeempfängern.
Doch Cash verweigerte die Songs, er kenne sie nicht, er wolle lieber seine eigenen Songs spielen. Soweit so gut, doch wer jetzt „I Walk The Line“ oder „Ring Of Fire“ erwartet hatte, der täuschte sich. Denn Cash spielte drei eigene Protestsongs: „What Is Truth?“, „Man In Black“ und „The Ballad Of Ira Hayes“. Songs mit Sympathie für die kritische Jugend, Songs gegen den Krieg und für die Armen, Songs für die Indianer. US-Präsident „Tricky Dicky“ Nixon hatte im Baptistensohn aus Arkansas seinen Meister gefunden. Nixon war sichtlich angefressen und der Rest war ein höflicher Austausch von Standpunkten.

Dylan geht auf Distanz
Während sich also Elvis an Nixon alleine wegen niedriger Beweggründe ranschmiss, und Cash ganz ernsthaft mit einem Anliegen und einer klaren Haltung dem Präsidenten gegenüber saß, so ist es typisch Dylan, dass er nie von sich aus das Treffen mit einem US-Präsidenten suchte. 1974 war es Jimmy Carter, damals noch Gouverneur von Georgia, der auf Dylans Comeback-Tour den Kontakt suchte, ihn und den Tournee-Tross zu sich nach Hause einlud, und fortan von seinem „guten Freund“ Bob Dylan sprach. Erst langsam kam die Gegenkultur beim Polit-Establishment an. Zumindest bei dem der Demokraten. Denn so blieb es dem nächsten Demokraten im Weißen Haus, dem ersten Baby-Boomer-Präsidenten, George Clinton, vorbehalten, Bob Dylan bei seiner Inaugurationsfeier spielen hören zu können und zu einer Ordensverleihung einzuladen. Doch Dylan leistete hier nicht mehr als Dienst nach Vorschrift. Keine gemeinsamen Statements, nur Spurenelemente von Small Talk.

Auch vom Obama-Hype ließ sich Dylan nicht von seiner distanzierten Umgang mit den Politgrößen abbringen. Im Gegenteil, er weigerte sich in Interviews hartnäckig Obama überschwänglich zu loben und legte den Schwerpunkt eher darauf, etwas verklausuliert, die wirkliche Macht der Präsidenten in Frage zu stellen. Dennoch sagte er Obamas deutlichen Sieg 2012 in einem Konzert voraus, spielte bei einem Konzert im Weißen Haus Protestsong-Klassiker und ließ sich auch von Obama einen Orden umhängen. Einen kurzen Diener und ein freundliches Schulterklopfen – mehr hatte er allerdings auch da nicht für Obama übrig.

Keiner will zu Donald Trump
Im Übrigen bekommt der 45. Präsident der vereinigten Staaten, Donald Trump, wenigstens die Musiker, die er wirklich verdient. Hatte er allen Ernstes Bruce Springsteen für seine Inauguriation angefragt und sich natürlich einen Korb geholt, so kristallisieren sich als Top Acts auf der Trump-Sause der Tabernakelchor der Mormonen und die Sängerin und Castingshow-Teilnehmerin, Jackie Evancho, heraus. Scheinbar wollen sich noch nicht mal seine Unterstützer Kid Rock und Ted Nugent sehen lassen.

Schade nur, dass dies nichts über die wirklichen Zuspruch von Trumps Politik in der Bevölkerung und seine Erfolgsaussichten als Präsident aussagt. Schließlich hat das Staraufgebot in Clintons Wahlkampf ihr auch nichts genutzt.

Musik aus der Region im Geist von Bob Dylan und Neil Young

31. Juli 2016

Germanicana-Folkfestival gastiert am 13 August erneut in Darmstadt

Wenn am 13. August das Germanicana-Folkfestival erneut Station in Darmstadt macht, dann spielen dort zwar Musiker aus der Rhein-Main-Region, aber überxGermanicana 2-2016_Plakat A2 - 3 allen Darbietungen schwebt der Geist der großen amerikanischen Singer-Songwriter wie Bob Dylan, Neil Young, Hank Williams oder Woody Guthrie. Ideengeber und Initiator Wolf Schubert-K. – mit seiner „Sacred Blues Band“ auch Teil des Programms – drückt es so aus: „Die amerikanische Musik speist sich aus dem, was die Einwanderer mitgebracht haben, nun kommen die amerikanischen Einflüsse zurück über den Teich.“

Nach der gelungenen Premiere im vergangenen Jahr mit einem stimmungsvollen Abend in der schönen Atmosphäre des Hofs vor dem Hoffart-Theater, hoffen die Macher heuer auf eine ähnlich gelungene Neuauflage. „Wir möchten nach Americana im Pädagog das zweite Rootsmusik-Format in Darmstadt fest etablieren“, erklärt Thomas Waldherr die Zielrichtung für das Sommer-Open Air. Waldherr, der im Theater im Pädagog die Americana-Konzertreihe aus der Taufe gehoben hat, bildet mit Schubert-K., Klaus Lavies vom TIP sowie dem Team des Hoffart-Theaters um Andreas Waldschmitt die Organisationscombo des Freilicht-Abends.
Auf dem Programm stehen neben dem schon besagten „Wolf Schubert-K. & The Sacred Bues Band“ aus Frankfurt und Umgebung, „Candyjane“ und „Delta Danny“ aus Darmstadt sowie ein noch nicht namentlich benannter Newcomer-Act. Es verspricht ein sehr vielseitiger Abend zu werden: Delta Danny bringt den Mississippi-Blues an den Woog, sie hat den Blues im Blut und in der Stimme. Die Gitarristin blättert in der frühen Blues-Geschichte:Von den Roots des Country-Blues zu den traditionellen Blues-Songs zwischen Memphis und Chicago.

Auf den Spuren amerikanischer Folk-, Blues- und Countrymusik kreieren Candyjane ihren ganz eigenen high lonesome Sound. Westerngitarre, Gesang, Lapsteel-Gitarre, Kontrabass und Cajon erzeugen sehnsuchtsvolle Schwingungen, die lakonischen Songtexte tun ihr übriges. So changieren sie mit ihrem Country-Soul in bemerkenswerter Weise zwischen Hank Williams und Southern Gothic.

Frisch aus Kanada zurück kommt Wolf Schubert-K. dieses Mal zum Festival. In British Columbia spielte er diesen Sommer ein paar erlesene Soloshows. Folk, Country und Roots Elemente bilden immer noch das Fundament für den Sound seiner Sacred Blues Band. Die Songs dokumentieren jetzt mehr denn je einen leidenschaftlichen Aufbruch und sind ein Appell an die Freiheit. Ganz im Geiste der Vorbilder Bob Dylan und Neil Young.

Und bildhaft, schnell und poetisch slammt und shoutet Roger Jones sich auch dieses Jahr wieder durch die Amerikanische Musikgeschichte.
Beginn ist 18 Uhr, der Eintritt beträgt 20,- Euro, bzw. 18,- Euro im Vorverkauf. Kartenverkauf und Vorbestellungen: Ticketshop im Luisencenter, telefonisch unter 06151/ 4 92 30 14 oder auch online unter: http://www.ztix.de/ticketshop/kalender.html

Neu: Die „Dylan-Hour“ bei Radio Darmstadt

30. Januar 2016
Photo Credits: Sony Music, William Claxton

Photo Credits: Sony Music, William Claxton

Anlässlich des 75. Geburtstages von Bob Dylan in diesem Jahr haben sich die beiden Darmstädter Dylan-Enthusiasten Marco Demel und Thomas Waldherr etwas Besonderes einfallen lassen: Im Vorfeld der großen Darmstädter Dylan-Geburtstagsfeier am 24. Mai im Theater im Pädagog werden sie ab dem 18. Februar jeden dritten Donnerstag im Monat von 21 – 23 Uhr bei Radio Darmstadt die „Dylan-Hour“ über den Äther schicken.

In der Dylan-Hour – die ganz dylanesk zwei Stunden beträgt – steht in jeder Sendung eine Schaffensperiode der Musiklegende im Mittelpunkt. Los geht es im Februar mit den Basement Tapes, am 17. März folgt die Epsiode „Von Desire zu Hard Rain“, am 21. April fachsimpeln die beiden langjährigen Bobfans über Dylan, Sinatra und das „Great American Songbook“ und am 19. Mai soll sich alles um das Spätwerk des US-Barden mit den Alben „Love And Theft“, „Modern Times“ und „Tempest“ drehen.

Aber auch nach Dylans Geburtstag möchten die beiden ihr Werk fortsetzen. Ideen gibt es genug, die Planungen laufen auch hierfür schon in Kürze an.

Radio Darmstadt: 103,4 MHZ oder Webradio auf http://www.radiodarmstadt.de .

Happy Birthday, Steve Earle!

17. Januar 2016

Steve_Earle_070Steve Earle hier vorstellen zu wollen, hieße wirklich Eulen nach Athen zu tragen. Vor gar nicht allzu langer Zeit war er wieder auf Deutschland-Tour und da er ein unheimlich produktiver Querdenker ist, gibt es auch immer wieder etwas zu vermelden. Wie jüngst auch seinen Song, der offensiv den Staat Mississippi auffordert, die konföderierte Kriegsflagge als Bestandteil der Landesfahne zu entfernen.

Dieser Tage (17. Januar) wurde der Rebell der Countrymusik, der nicht nur wegen seines persönlichen Freiheitsdranges sich gegen den Mainstream stellt, sondern auch, weil er klare politische und gesellschaftliche Ansichten hat, 61 Jahre alt. Und wer ihn in diesen Tagen im Konzert erleben durfte, der hat einen Mann gesehen, der vor Energie und Kreativität nur so strotzt, und der noch dazu auch als Person selten so aufgeräumt wirkte wie heute.

Steve Earles Stern ging Mitte der 1980er Jahre auf. Er war einer der – neben Dwight Yoakam oder Lyle Lovett – die Country mit Rock-Attitüde verbanden, und als große Hoffnungen gefeiert wurden. Sein Debüt-Album „Guitar Town“ von 1986 war ein beachtlicher Einstand und „Copperhead Road“ von 1988 wurde ein großer Erfolg. Doch Earle war wohl vom Lebensstil derjenige, der wirklich am meisten Rock’n’Roll war. Denn der Absturz folgte jäh.

Alkohol- und Heroinsucht brachten ihn in Todesnähe. Doch Earle ging nicht den tragischen Weg anderer großer Musiker wie Hank Williams, Brian Jones oder Janis Joplin. Earle besitzt ein Überlebensgen. ob er seine Dämonen besiegt hat, wissen wir nicht. Er hat sie zumindest im Griff.

Im Gegensatz zu seinem guten Freund Townes van Zandt, der viel zu früh wegen ihnen verstorben ist. Nach ihm hat er seinen Sohn Justin Townes genannt und für ihn wollte er einmal in seinen Cowboystiefeln auf Bob Dylans Kaffeetisch steigen und ihn als „den größten Songwriter der ganzen Welt“ anpreisen. Wobei dieser Großmaul-Attitüde zum Trotz, er auch Bob Dylan seine ganze Karriere immer wieder gewürdigt hat und Dylans Songs ganz selbstverständlich zu seinem Live-Repertoire gehören.

Seit Ende der 1990er Jahre bringt Steve Earle regelmäßig großartige Platten heraus und hat sich in dieser Zeit deutlich politisiert, er definiert sich als Sozialisten und kritisiert die negativen Entwicklungen der US-Gesellschaft scharf. Seine Musik findet Anklang bei Kritik und Publikum gleichermaßen, und er erhielt bereits zweimal einen Grammy für das „Best Contemporary Folk Album“.

Auch auf seiner Deutschland-Tour hat er sich offensiv zum linken demokratischen Präsidentschaftsbewerber Bernie Sanders bekannt. Die Clintons sind für ihn schon zu sehr ein Teil des amerikanischen Problems und nicht dessen Lösung. Dass Steve aber meilenweit von einem wohlfeilen, aber folgenlosen „radical chic“ entfernt ist, sondern mit wirklicher Empathie und Mitgefühl für die Beladenen ausgestattet ist, beweist auch sein Benefizkonzert Ende letzten Jahres, als er zusammen mit Jackson Browne, Justin Townes Earle und „The Mastersons“ zugunsten der McCarton School auftrat, die eine Spezialeinrichtung für autistische Kinder und Jugendliche ist. Steve Earles 5-jähriger Sohn John Henry ist Autist und besucht diese Schule.

So bleibt dieser Steve Earle auch weiterhin ein amerikanisches Phänomen: Musikalisch verortet in der Countrymusik, politisch bei der Linken beheimatet, meint es das Schicksal trotz überstandener Drogenprobleme auch weiterhin nicht immer gut mit ihm. Doch auch die Krankheit seines Sohnes zeigt noch einmal auf: Steve Earle ist ein großer Kämpfer und ein großer amerikanischer Humanist. Happy Birthday, Steve Earle!

Dylan-Day am 24. Mai 2016 in Darmstadt

29. November 2015
© Sony Music

© Sony Music

Der 75. Geburtstag von „His Bobness“ wird in Rhein-Main im Darmstädter Theater im Pädagog gefeiert

Die ultimative Feier im Rhein-Main-Gebiet zu Bob Dylans 75. Geburtstag findet am 24. Mai 2016 in Darmstadt statt. Im Rahmen der Darmstädter Konzertreihe „Americana im Pädagog“ wird es einen spannenden Mix aus viel Musik, Vorträgen und Diskussionen geben. Fest zugesagt haben bereits der deutsche Dylan-Kenner und Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, Heinrich Detering, sowie die Frankfurter „DoubleDylans“ und der Darmstädter Singer-Songwriter Dan Dietrich.

Die Reihe „Americana im Pädagog“ gibt es seit 2014 und hat die Absicht im Rhein-Main-Gebiet Künstlern aus den Bereichen Folk, Country, Blues und Roots Rock ein Podium zu geben und in der Region eine Anlaufstelle für alle an dieser Musik Interessierten zu bieten.

Fünf von Sechs!

19. November 2015

AmericanaDie Reclam Musik Edition zeigt viele Stärken, ein paar Schwächen und bestätigt Bob Dylans Ausnahmestellung

Seit einiger Zeit schon gibt es die CDs mit gelbem Cover der Reclam Musik Edition. Die kleinen gelben Reclam-Heftchen waren ja immer das Manna des bildungsbürgerlichen Nachwuchses und selbst ich als Kind eines kleinen Angestellten und einer Hausfrau, der es als erster seiner Familie aufs Gymnasium geschafft hatte, bekam ja seit der Mittelstufe Zugang zu den sorgsam editierten Klassiker-Volksausgaben für das kleine Geld. Shakespeares „Julius Caesar“ oder Shaws „Pygmalion“ begleiteten mich durch den Englisch-Unterricht, und noch waren die Dylan-Texte, die damals auch bereits Gegenstand der gymnasialen Bildung waren, nur als billige Zettel-Kopien als Unterrichtsmaterial erhältlich.

Umso größer mein Erstaunen über die günstigen CDs mit Best Of Kompilationen in der bekannten puristischen gelben Reclam-Optik. Denn die entpuppten die sich beispielsweise bei Bob Dylan als bereits längst vorhandene Kompilation, die von Sony einfach unter neuer Flagge zweitverwertet wurden. Selbst für Reclam zu billig, dachte ich mir und irgendwie an der Grenze zum unfreiwilligen Humor.

Aber dann fielen meine Augen kürzlich auf die sechs „All About“-Kompilationen. Und siehe da – es geht doch! Den Themen Americana, Singer-Songwriter, Acoutic Vibes, Revolution, Flower Power und Epic Rock gewidmet, lassen sie keine Wünsche offen. Gut zusammengestellt, mit kundigen Liner Notes versehen von Ernst Hofacker, einer Koryphäe des Musikjournalismus, gibt die Reihe einen sehr guten ersten Überblick über die Genres.

Auf fünf der sechs Sampler ist His Bobness sowohl mit eigenen Aufnahmen, als auch als Songwriter vertreten. Das bestätigt wieder einmal seine Ausnahmestellung in der populären Musik. Nur einmal – wen wundert’s – muss er passen. Ein Epic-Rock-Werk ist im Kanon des Meisters nun wirklich nicht zu finden.

Bob Dylan in der „All About“-Reihe:

Americana: Als Interpret eigener Songs mit „This Wheel’s On Fire“ (mit The Band) und „Heartland“ ( bmit Willie Nelson) sowie als Songwriter mit „You Ain’t Goin‘ Nowhere“ von den Byrds.

Singer/Songwriter: Als Interpret eigener Songs mit „It’s All Over Now Baby Blue“.

Acoustic Vibes: Als Songwriter mit „Knockin On Heaven’s Door“ in der Interpretation von Avril Lavigne.

Revolution: Als Interpret eigener Songs mit „Maggies Farm“

Flower Power: Als Interpret eigener Songs mit „Subterranean Homesick Blues“

Alle Titel sind passend ausgewählt. Nur beim letzteren finde ich das Love & Peace & Drogen-Motiv wenn überhaupt bei Dylan – Hofacker schreibt ja richtigerweise, dass Dylan nie ein Hippie war – dann eher bei Mr. Tambourine Man angesiedelt. Denn „Tambourine Man“ ist wirklich der Song zum friedlichen Trip, während ich „Subterranean“ dafür immer viel zu aufwühlend und als unterschwellig aggressiv und verstörend empfand. Das klingt eher nach Straßenkampf und nicht umsonst hat eine militante linke Gruppe in den USA aus diesem Song ihren Namen „Weathermen“ entliehen.

Doch ich bleibe dabei. Sony/Reclam sind sehr schöne Zusammenstellungen gelungen. Für kleines Geld eine gute Einführung in die Welt von Folk, Rock und Country. Und Reclam hat bei mir seinen Ruf wieder gerettet.

Bob Dylans Traum von Amerika

18. Oktober 2015

Sarbrücken erliegt der Magie eines amerikanischen ideellen musikalischen Gesamtkünstlers

Bob Dylan war schon frühzeitig nicht mehr der Name eines Künstlers sondern ein von Robert Zimmerman erfundenes und von ihm nach seinem Belieben immer wieder neu gestaltetes amerikanischea Kunstwerk.

Der High-School-Rock’n’Roller und abgebrochene Kunststudent Zimmerman traf erst in der Folkszene in Cambridge dann in New York ein, als das Folk-Revival und die kritische Jugendbewegung sich anschickte, den verwässerten Limonaden-Rock wegzuspülen. Dylan war intelligent und saugte alles Mögliche an Musik, Lyrik, Belletristik, historDylanConcert2015ischen Abhandlungen und Dramatik auf, und setzte es in Folk und Bluesmusik um. Später vollzog er immer wieder historische Wendungen und eignete sich die anderen amerikanischen Roots-Musik-Stile an: Rock, Country, Gospel. Und ganz nebenbei erfand er mit „The Band“ im Keller seines Hauses das Americana.

Wenn Bob Dylan dieser Tage – wie nun an einem Herbstabend in Saarbrücken – als 74-jähriger auftritt, dann hat Songs im Gepäck, die von seiner neuesten Wendung künden. Dylan hat sein öffentliches Spektrum nun um das „Great American Songbook“ erweitert. Er hat die Grenzen der ruralen amerikanischen Volksmusik verlassen und sich dem Urban-Pop der 30er und 40er Jahre zugewandt: Cole Porter, Frank Sinatra, Bing Crosby. Seine aktuelle Tournee ist quasi der Showroom von Dylans endgültiger Metamorphose zum amerikanischen ideellen musikalischen Gesamtkünstler.

Bob Dylan croont mit großer Lässigkeit, aber dennoch voller Engagement und Hingabe diese Songs. Er streut sie in sein Programm so ein, dass Sie zusammen mit den Songs seines bedeutenden Alterswerkes „Tempest“ das Gerüst und Rückgrat seines derzeitigen Konzertformats bilden. Und so springt er von Folk zu Blues zu Country zu Swing und zurück. Hier und da ein bisschen Bluegrass und Rock’n’Roll – und fertig ist Mr. Dylans musikalische amerikanische Klanglandschaft.

Das Bühnenbild und die Mitmusiker inszenieren die Erinnerung an die dunklen Jazzclubs der amerikanischen Großstädte in den 1940ern. An diesem Abend in Saarbrücken konterkariert Dylan dies, indem er einen schmucken Cowboy-Showanzug trägt. Auch hier ist wieder klar. der alte Dylan überlässt nichts mehr dem Zufall, alles ist detailliert geplant.

So auch die Setlist, die unverändert durch Europas Hallen wandert. Inhaltlich ist Dylans Alterswerk auch als Performer auf die wesentlichen Themen fokussiert: Zeit, Liebe, Tod. Alle dargebotenen Songs variieren dies: „Things Have Changed“ und „Long And Wasted Years“, „She Belongs To Me“ und „I’m A Fool To Love You“, „Highwater Everywhere“ und „Scarlett Town“, „Tangled Up In Blue“ und „Why Try To Change Me Now“, „Autumn Leaves“ und „Love Sick“.

Dylan wirkt dabei so beseelt und ist gut bei Stimme wie selten. Auch physisch wirkt er stabiler als beispielsweise noch vor zwei Jahren. Er steht öfters ausgiebig in der Mitte der Bühne und setzt sich seltener an den Flügel. Scheint wieder besser auf den Beinen zu seinen derzeit. So entsteht ein unterhaltsames, abwechslungsreiches musikalisch hervorragendes Konzert, das nur mit einem ganz großen Hitklassiker auskommt und gerade deswegen die Größe dieses Künstlers abbildet. Denn mit diesem Programm begeistert er die Leute mit großer Leichtigkeit.

So detailliert Dylan aber an seiner Performance arbeitet, umso großzügiger versteht er sich nur noch als Meister des großen Wurfs. Mit den großen Alltagsproblemen unserer Welt beschäftigt er sich vordergründig nicht. Wer aber genau hinhört, weiß um die Botschaften, die dieser Künstler dennoch im Subtext sendet. Dylans Amerika ist das ideelle Amerika als Freiheits- und Glücksversprechen. Neu und verstärkt begründet in der Zeit, aus der auch seine neuen Lieder stammen und in der auch Dylan geboren wurde: In den USA der 1930er und 1940er Jahre, als Roosevelts New Deal vielen Amerikanern endlich die Hoffnung gab, wirklich am Reichtum des Landes partizipieren zu können. Dass dies heute weiter denn je entfernt ist von der amerikanischen Realität, ist Dylan bewusst, und so hat er schon vor Jahren Wasser in den Wein gegossen, als er nicht in den großen Obama-Hype miteinstimmte und vor allzu großen Erwartungen warnte. Die Entwicklung hat ihm Recht gegeben.

Und dennoch singt Dylan gegen Ende ein ganz aufgeräumtes, fast schon fröhlich klingendes „Blowin‘ In The Wind“. Denn irgendwo ganz versteckt, glaubt er wohl immer noch an seinen amerikanischen Traum.