Archive for the ‘Film’ Category

Sam Shepard (1943 – 2017)

2. August 2017

Natürlich habe ich Sam Shepard über die Beschäftigung mit Bob Dylan kennengelernt. Er reiste mit Dylans-Wahnsinns-Tross 1975 durch die Neu-England-Staaten und sollte das Drehbuch für des Meisters verkanntes Filmwerk „Renaldo & Clara“ verfassen. Seine Ideen wurden nicht umgesetzt, stattdessen verfasste er das „Rolling Thunder Logbook“ und setzte damit der Tour ein literarisches Denkmal. Er schrieb mit Dylan einen der wenigen guten Dylan-Songs der 1980er Jahre: „Brownsville Girl“. Und er schrieb über Dylan das Stück „True Dylan“. Was natürlich Ironie ohne Ende war. Denn auch dieses Bühnenwerk kam dem „wahren“ Dylan so nah oder so fern, wie alle sonstigen Biographien über den Meister. Aber keiner verstand es wie Shepard, aus den Facetten der öffentlichen Figur Bob Dylan eine Bühnenfigur zu erfinden, die so viele richtige Fragen über Dylan aufwarf.

Erst danach habe ich seine Kurzgeschichten gelesen, habe ihn als Schauspieler wahrgenommen und seine Bedeutung für Wim Wenders in „Paris, Texas“ erfasst und den wunderbar selbstironischen „Don’t Come Knocking“ gesehen. Vielleicht jetzt erst habe ich seine Bedeutung für das „andere Amerikas“ richtig einzuschätzen gelernt.

In jedem Film, in jeder Rolle, in all seinen Stücken und Geschichten, arbeitete er sich an Amerika ab. An dessen Glücksversprechen, an den Hoffnungen der Menschen, es möge ihnen irgendwann besser gehen und an den unendlich vielen Situationen, in denen die Hoffnungen dieser Menschen enttäuscht werden: Von den Umständen, von den anderen Amerikanern, von Amerika. Denn genau so großzügig wie Amerika mit seinem Glücksversprechen ist, so großzügig ist es auch mit seiner Gewalt, ist es darin, dass es Menschen ins Bodenlose stürzen lassen kann, dass es Menschen um ihre Existenz bringen kann.
Shepard hat dies immer in einer unheimlichen Weite und Lakonie beschrieben. Der Weite der amerikanischen Landschaft, der Lakonie seiner Menschen, die in dieser Weite darum kämpfen müssen, wahrgenommen zu werden. Um am Ende dann oftmals zu scheitern. An den falschen Plänen, an ihren Ängsten, an ihrem Versagen oder an ihren moralischen Maßstäben.

Sam Shepard hat über die alltägliche Zerstörung des amerikanischen Traums geschrieben. Mit ihm ist nun ein weiterer unserer großen amerikanischen Träume gestorben. Rest In Peace, Sam Shepard!

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Von Buddha bis Woody

4. Januar 2016

DesireVor 40 Jahren erschien Desire. Dem Top-Album folgte eine ebenso produktive wie umstrittene Schaffensphase Dylans

Am 5. Januar 1976 erschien Bob Dylans Album „Desire“. Es ist nicht nur eines der bis heute erfolgreichsten Alben des Meisters, sondern für mich auch eines seiner Schönsten und Wichtigsten.

Den ersten Dylansong, den ich je bewusst gehört habe, war „Hurricane“. Im Schulunterricht, als es um Protestsongs ging. Ja, es waren die Siebziger. Der Song faszinierte mich: Melodie und Rhythmus waren straight nach vorne gerichtet und der Typ, der sang, war gleichzeitig unglaublich zornig und unheimlich cool.

Also kaufte ich mir „Desire“ im Kaufhof als preisgünstige israelische Pressung und es breitete sich, auch wenn ich nicht alles verstand, ein ganzes Universum vor mir aus. Denn auf dieser Platte wurden ja neben dem Boxer Rubin Carter auch noch eine „Isis“, ein „Joey“ und eine „Sara“ besungen. Und die Texte waren teilweise realistisch wie eine Reportage – „Hurricane“ und „Joey“ – und teilweise mystisch vertrackt wie „Oh Sister“ oder „Isis“. Die Songs hätten Filmdrehbücher sein können – „Romance In Durango“ und „Black Diamond Bay“ und sogar ein völlig überflüssiger trivialer Song war dabei, der mir aber stets gute Laune machte: „Mozambique“. Ein Album mit klaren Konturen und Schwerpunkten, sowie einer inneren Logik. Und dennoch in seiner Vielfalt so aufregend.

Denn Dylans Meisterwerk war dessen Ausdrucksform, für alles, was ihn damals umtrieben hat. Das Ende seiner Ehe, die Empathie für gesellschaftliche Outsider, die Lust auf ein Folk-Rock-Revival und die Suche nach neuem Sinn. Und so treffen sich hier also mystische Weisheiten mit Gangsterballaden, politischer Protest mit Hippie-Theater, Commedia dell‘ arte mit Medicine Show: „Buddha meets James Cagney meets Woody Guthrie meets Hank Williams meets Allen Ginsberg“ – Dylans Gedankenwelt dieser Zeit ist in seiner Grenzenlosigkeit großartig!

Dieses Album ist nicht denkbar ohne den Impuls Dylans, zurück „On The Road“ zu gehen. Als es erscheint haben Dylan & Kollegen eine triumphalen ersten Teil der Rolling Thunder Review in kleinen Sälen im Nordosten, Dylans „Magical Mystery Tour“, hinter sich. Doch wie immer bei Dylan ist auch dieser Moment so flüchtig. Denn den Triumph von Platte und Tour folgt der Flop des zweiten Teils der Review, dem in den Stadien des mittleren Westens die Luft ausgeht. Das indian summer farbene Feuer des Gründergeistes der Neuengland-Staaten erstickt in der endlosen Weizenfeld-Monotonie des „Heartlands“. Das Tondokument „Hard Rain“ ist ein Zeugnis dafür, dass hier immer noch großartige Musik gemacht wird – Dylans Stimme ist nur noch zornig und böse, selbst in den Lovesongs nie zärtlich, sondern immer sehr viril: Bestimmend, fordernd, voller Verlangen. Die Musik dazu ist hart, krachig und nimmt teilweise den Punk vorweg. Das gleichnamige TV-Special jedoch ist konzeptlos und merkwürdig fahrig und unfokussiert gefilmt. Es spiegelt daher in keinster Weise die Energie der Auftritte wieder, auch wenn es hübsche Momente – Bobbie & Joanie! – hat.

Zu Ende geht diese Phase im Dylan’schen Schaffen dann mit zwei weiteren Filmen: Sein eigener – „Renaldo & Clara“ geht unter. Zu lange, zu kompliziert, zu künstlerisch ambitioniert und sicherlich auch zu unausgegoren, wird er mit hämischen und bösen Kommentaren nur so zugeschüttet. Der Film ist schon seit Jahrzehnten nicht mehr aufgeführt worden und ist offiziell auch nicht erhältlich. Hätte er sich darauf beschränkt, aus dem Live-Material der ersten Rolling Thunder Review mit einem guten Regisseur einen Konzertfilm zu machen, der Erfolg wäre ihm sicher gewesen.

So wie „The Last Waltz“. Robbie Robertson, der coole kalkulierende Businessman, hatte dies mit dem Abschiedskonzert von The Band so gemacht und gewonnen. Martin Scorseses Konzertfilm ist bis heute eine der Besten. Und – das passt zu Tragik Dylans in dieser Zeit – sein Auftritt im Film ist der absolute Höhepunkt auf den der Film hinsteuert. Auch hier purer Vollstoff-Rock’n’Roll.

Dylans Desire und seine Aktivitäten 1975/76 sind auch als eine Phase des Übergangs zu bewerten. Es folgten die Scheidung und finanzielle Verluste, eine erfolgreiche Welttournee 1978, die dennoch oftmals auch als Alimente-Tour und Las Vegas-Rentnernummer verspottet wurde und dann 1979 der Übertritt ins Christentum. Nichts war vorerst mehr geblieben von der oben genannten ebenso eklektischen wie grenzenlosen Gedankenwelt. Er brauchte einige Zeit, um sich aus dem engen fundamental-christlichen Dogmengebäude wieder zu befreien. Aber er schaffte es.

Dieser freigeistige, immer noch rebellische Verwirrkopf von „Desire“ hat mich damals angesprochen, als ich die Platte hörte. Ihn suche und finde ich seither immer noch in jeder Platte, in jedem Konzert und hinter jeder Maske, die er sich aufsetzt.

 

Boyhood

10. Juni 2014

Boyhood_A4_Hauptplakat_4CJa, natürlich gehört Bob Dylans „Beyond The Horizon“ zum Soundtrack des Films. Und ja, natürlich spielt Dylans langjähriger Tourgitarrist Charlie Sexton eine Nebenrolle im Film. Aber das ist wirklich nicht der Grund, warum ich diesen Film des Regisseurs Richard Linklater so sehr schätze. Nein das hat andere Gründe.

Zuerst einmal die Geschichte und wie sie erzählt wird. Voller Empathie für die Protagonisten. Schnörkellos und gerade aus. Und trotz der jahrelangen Entwicklung wirkt die Erzählung bruchlos und nutzt keinerlei Hilfsmittel wie Jahrestafeln oder Zeigefinger-Szenen, die erklären wo wir uns auf der Zeitschiene gerade gefunden. Stattdessen ist der Zeithorizont immer zu spüren, läuft kontinuierlich mit, ist ganz selbstverständlicher Teil dieses Films über das Heranwachsen in den ersten Jahren dieses Jahrtausends. Linklater schildert mit viel Wärme die Entwicklung des jungen Mason (Ellar Coltrane) sowie dessen Mutter und Schwester.

Und dann ist der Film aber auch reinstes Americana. Denn er handelt von einer texanischen Mittelstandsfamilie, die ständig darum kämpfen muss, sich über Wasser zu halten. In der US-amerikanischen Spielart des Kapitalismus sind selbst Hochschullehrer und Staatsbeamte nicht mehr in der Lage ihr Hauseigentum zu finanzieren. Aber auch die US-amerikanischen Militäreinsätze, das Problem der Jugendkriminalität, der christliche Fundamentalismus und die Waffenverliebtheit der Amerikaner sowie die Wahlkämpfe zwischen den Demokaten Obamas und den Republikanern sind selbstverständlicher Teil der Handlung. Ebenso wie Texas und Austin, die liberale Hauptstadt des konservativen Staates mitsamt ihrer Musikszene (und hier kommt dann auch Charlie Sexton ins Spiel).

Es ist ein trotz der mehr fast drei Stunden sehr kurzweiliger Film. Es ist ein erstaunlicher, anrührender, lustiger, realistischer und optimistischer Film. Einer der gesellschaftliche Probleme nicht ausblendet, aber sich davor hütet in allzu dicken Schwarz-Weiß-Schubladen zu operieren. Kurzum: Es ist ein zutiefst menschlicher Film, der auch nochmal klar macht, wofür Amerika außer für NSA, Drohnenkrieg und einen als Kalter Kriegs-Präsident herum irrlichternden ehemaligen Hoffnungsträger auch stehen kann: Für den Willen, auch gegen unliebsame äußere Umstände zu bestehen, für Verantwortung gegenüber dem Nächsten, für eine optimistische Sichtweise der Dinge und dem Talent gute Geschichten sehr gut zu erzählen.

Boyhood ist ein Filmjuwel. Nicht mehr und nicht weniger.

 

Und hier der Filmtrailer:

Nebraska

15. Februar 2014

Nebraska_PosterNicht „Wolf Of Wall Street“ oder „American Hustle“ rühren uns dieser Tage an und erzählen uns Wahres aus Amerika, sondern ein schwarz-weißer Independent-Film voller karger Landschaften und alten Menschen: Alexander Paynes „Nebraska“ mit dem mittlerweile 76-jährigen Bruce Dern in der Hauptrolle.

Er spielt den alten Woody, der tatsächlich einem Reklameschreiben glaubt und denkt, dass er eine Million Dollar gewonnen hätte. Er müsse es sich nur in Lincoln, Nebraska abholen. Also macht er sich trotz Abratens seiner Frau und seiner zweier Söhne mit dem Jüngeren der beiden auf den Weg von Billings, Montana nach Lincoln, Nebraska, über Wyoming und South Dakota, und macht Zwischenstation in seinem Geburtsort Hawthorne.

Hawthorne existiert in der Wirklichkeit nicht, dient dem Regisseur aber als Kristallisationspunkt seiner Geschichte. Nebraska erzählt vordergründig vom letzten großen Traum eines alten, verbitterten Mannes. Im Hintergrund jedoch geht es auch um den Niedergang des großen Traums Amerikas. Nichts wird mehr besser und nicht jeder hat seine Chance. Das Heartland Amerikas, das Woody und sein Sohn durchfahren, ist arm und überaltert. Ein Leben lang haben diese Menschen gearbeitet, um am Ende stumpf vorm Fernsehen oder beim Flaschenbier in der öden Dorfkneipe zu sitzen. Die Jüngeren haben zu kämpfen. Wenn sie nicht einigermaßen Fuß fassen, dann können sie zu Problemfällen werden. So wie die beiden Grenzdebilen Neffen Woodys.

Doch Payne ist kein Dokumentarfilmer wie Michael Moore und kein Schöpfer klassenkämpferischer Sozialdramen wie Ken Loach. Payne ist ein Hollywood-Regisseur, der gute Geschichten erzählen will. Und so ist „Nebraska“ bei aller Langsamkeit nie langweilig, bei aller Kargheit kein leerer Film und bei aller Verbitterung und Verwitterung seiner Protagonisten nie ein trauriger Film. Skurrile Typen, amüsante Dialoge, starke Nebendarsteller – Woodys Frau! – und das richtige Setzen der Pointen machen Nebraska zu einem höchst unterhaltsamen Film.

Und letztendlich haben wir es ja hier doch mit Amerikanern zu tun. Auch wenn der Traum objektiv ausgeträumt ist und real gebrochen. Sie leben ihn weiter. Und so ist es Woodys wohl letzte Erfüllung, als er in dem ihm vom Sohn geschenkten Pick-Up eine Runde durch seinen Geburtsort fährt. „Ich hab’s geschafft. Ich haben meinen Traum wahr gemacht“, sagt diese Szene. Und balanciert gekonnt auf dem schmalen Grat zwischen erhaben, tragisch und lächerlich.

Aber lächerlich macht sich Payne nie über seine Figuren. Bei aller Skurrilität. Er nimmt sie ernst und zeigt Empathie. Und auch gerade deswegen wird ein kleiner Schwarz-Weiß-Film zu großem Kino!

Die Musik in den Filmen der Coen-Brüder

6. Oktober 2013

Premieren-Veranstaltung zu „Inside Llewyn Davis“ im Darmstädter Programmkino Rex am 5. Dezember

inside_llewyn_davis_xlgIn vier der wichtigsten Filmen von Joel und Ethan Coen spielt die Musik eine besondere Rolle. In „The Big Lebowski“ hat T-Bone Burnett einen Soundtrack kreiert, der in steter Interaktion zum Filmgeschehen und dessen Protagonisten steht. Er spiegelt die Person des „Dude“, sein Wesen und die Handlung perfekt wieder.

In „O Brother, Where Art Thou?“ gehen die Drei einen Schritt weiter. Die Musik – hier die Old Time, Blues, Country und Bluegrassmusik – sind Teil der Handlung, weil Sie ein Teil des Mythos des amerikanischen Südens darstellen.

In „Ladykillers“ untermalt Burnett mittels des Soundtracks ein musikalisches Panorama des (gut)-gläubigen schwarzen Südens.

Und in „Inside Llewyn Davis“ geht es um einen Künstler zur Zeit des Folkrevivals im New Yorker Greenwich Village. Dave van Ronk lieferte die Vorlage und der Dylan-Mythos viel an Stimmung für diesen Film. Burnett hat hier einen Soundtrack kreiert, der die damalige Folkmusik von van Ronk und Dylan zusammenbringt mit den heutigen Neo-Folkern wie Marcus Mumford.

Wer mehr über die Beziehung Burnetts zum filmischen Werk der Coen-Brüder erfahren will und was Bob Dylan mit alledem zu tun hat, der sollte am Donnerstag, 5. Dezember, nach Darmstadt ins Programmkino Rex kommen. Das hier nur kurz angeschnittene Thema wird vom Autor dieser Zeilen in einem Vortrag vertieft und die genialen „DoubleDylans“ spielen auf, bevor dann „Inside Llewyn Davis“ gezeigt wird.

Beginn ist 20 Uhr, der Eintritt beträgt 12 Euro, für Schüler und Studenten ermässigt 10 Euro. Karten im Vorverkauf gibt es an allen Darmstädter Kinokassen und unter http://www.kinos-darmstadt.de.

Der König von Greenwich Village

9. Mai 2013

Dave Van Ronk-Biographie liefert Vorlage für neuen Coen-Film/ Van Ronks Respekt vor Dylan

der-koenig-von-greenwich-villageWas haben die Coens schon für tolle Filme gemacht. Unser liebster – „O Brother, Where Art Thou?“ war ja auch vor allem wegen der Musik ein Meilenstein. Schließlich begründete er Anfang des Jahrtausends eine bis heute reichende Wiederentdeckung von Old-Time und Bluegrass-Musik und war auch Antriebsfeder für das damals noch junge  Americana-Genre.

Kein Wunder, dass wir uns viel vom neuesten Werk der Brüder versprechen. Schließlich spielt „Inside Llewyn Davis“ in der Folkszene in New York Anfang der 60er Jahre und irgendwie spielte unser Freund Bob Dylan da ja durchaus auch eine wichtige Rolle. Vor allem aber ist der Film an die Lebensgeschichte von Dave Van Ronk angelegt. Der zu jung war für die Alten wie Pete Seeger und Woody Guthrie und zu alt war für die Jungen wie Bob Dylan, Joan Baez und Phil Ochs.

Die Filmvorlage, Van Ronks Autobiographie „Der König von Greenwich Village“, die Elijah Wald mitgeschrieben hat, ist ein wirklich unterhaltsames Stück Zeitgeschichte. Man erfährt viel über die Szene in Greenwich und New York City in der bleiernen Eisenhower-Zeit, als man sich an Boheme und Beatniks orientierte, aber die Alte Linke noch existierte. Die in tausend Splittergruppen an den Sieg des Proletariats glaubte, während die Neue Linke bei den Kämpfen für Bürgerrechte und Frieden gerade geboren wurde. Und van Ronk legt die Finger in derer beider Wunden. Schöne Szene, als der alte Sozialist den jungen Linken sinngemäß erklärt: „Ich weiß, dass ich in ein paar Jahren immer noch Sozialist bin, während ihr dann Zahnärzte sein werdet.“ Sehr treffend.

Aber natürlich geht es in der Van Ronk-Biographie um die Musik. Um die Folkszene rund um den Washington Square, um die Clubs in Bleecker- und MacDougal-Street, in denen van Ronk seinerzeit eine bedeutende Figur war. Handelt von der Jazzszene, der alten Folkszene und vom Folkrevival, und dann taucht irgendwann auch Bob Dylan auf. Mit dem geht Van Ronk achtsam um. Zwar nimmt er kein Blatt vor den Mund bei der Angelegenheit, dass Dylan ohne ihn vorher zu fragen mit seinem Arrangement von „House Of The Rising Sun“ ins Aufnahmestudio gegangen ist, aber er schlägt hier durchaus versöhnliche Töne an. Er schätzt Dylan sehr, warnt aber stets davor, ihn zu überhöhen. Sehr ehrlich und nachvollziehbar sind dann die Schilderungen, wie er auf Distanz zum jungen, hippen Bobby geht. Der schreitet quasi als Folkprinz mit Hofstaat und Gefolge durchs Viertel und geriert sich als ziemlicher Angeber. Da will Dave nichts mit zu tun haben.

So kommt es wie so oft, wenn zwei große Egos – und das hatte Van Ronk, „Der König von Greenwich Village“, in der Tat, man spürt es in jeder Zeile – aufeinander prallen, da tut Abstand Not. Aber wie wir wissen ist das ja nur eine Seite der vielen Gesichter des Bob Dylan. Die andere, die auch immer wieder im Laufe seiner Karriere herauskommt, ist die verletzliche, schüchterne, fast zerbrechliche Seite. Man muss ich nur mal als Vergleich folgendes ansehen: Den selbstbewussten, biestigen und exzentrischen Star aus „Don’t Look Back“ 1965, den schüchternen, linkischen jungen Musiker aus der Johnny Cash-Show von 1969 und den kraftvollen Leader und Impresario der Rolling Thunder Konzerte im November 1975. Wie schrieb mal einer so treffend über Dylan: „Die menschlichste aller Stimmen, der unstimmigste aller Menschen…“

Doch Van Ronk vollzieht keinen offenen Bruch. Er trifft sich immer mal wieder mit Dylan, aber es wird nie mehr so nah sein, wie vor Dylans Durchbruch. Und verteidigt er ihn sogar gegenüber den Szene-Anfeindungen, als er angeblich keine politischen Lieder mehr singt und die E-Gitarre einstöpselt. Doch während Dylan zum Weltstar aufsteigt, bleibt Van Ronk ein Musiker, der trotz großer Fähigkeiten sich jeden Tag von neuem zur Decke strecken muss. Dass er dennoch keine Bitterkeit gegenüber Dylan aufkommen lässt, beweist seine menschliche Größe und seinen Respekt vor der künstlerischen Leistung Dylans. Ein weiterer Beweis: Bis zuletzt  – er starb 2002 – hatte er Dylan-Songs im Repertoire. Siehe unten „Buckets of Rain“ von 2001.

Vom Coen-Brüder-Film haben wir nur ein paar Sequenzen im Trailer (siehe unten) gesehen und wollen noch kein Urteil über ihn abgeben. Aber auch wenn dieses Buch nur sehr frei als Vorlage für „Inside Llewyn Davis“ gedient haben sollte: Für alle, die sich für die Folkszene und ihre Protagonisten interessieren, ist „Der König von Greenwich Village“ eine wahre Fundgrube. (Heyne-Taschenbuch/ 9,99 Euro).

Bombay Beach

8. Dezember 2012

Bombay_Beach-544882338-mainAmerikanische Verlierer am See

Bombay Beach ist eine der bemerkenswertesten Dokumentationen, die ich zuletzt gesehen habe. Die Auseinandersetzung mit dem „White Trash“, den Verlierern des wildgewordenen amerikanischen Neoliberalismus finden zuletzt ja immer häufiger Einzug in Literatur, Reportage oder Film. Man denke nur an die Woodrell-Verfilmung von Winter’s Bone oder die Pulphead-Reportagen von John Jeremiah Sullivan. Aber dieser Film ist etwas Ungewöhnliches.

Bombay Beach, der Ort am Saltonsee in Südkalifornien, war einstmals ein Prestigeobjekt für Wohlsituierte. Heute wohnen hier am umgekippten See die Gestrandeten, die Verlierer Amerikas. Die Parishs mit ihrem Sohn Bennie, der wegen ADHS mit Medikamenten vollgestopft wird und von dem zu befürchten ist, dass er in dieser Welt nichts erreichen wird. So wie sein Vater und seine Mutter, die eine zeitlang wegen verbotener Militärspiele als Beinahe-Terroristen aus dem Verkehr gezogen worden sind.

Red, der alte Hobo, hat den Großteil seines Lebens schon hinter sich, begeistert aber inmitten der trostlosen Siedlung mit seinem lakonischen Charme die Frauenwelt ab Sechzig. Ein Sympathieträger des Films. Um so entäuschender, als er sich als Rassist outet.

Die einzige Person, die Hoffnung verströmt, ist der schwarze CeeJay. Er versucht der Ödnis zu entfliehen. Mittels Football und Schulbildung versucht er seine Chance zu ergreifen, und mit seiner Freundin ein besseres Leben zu finden.

Regisseurin Alma Har’el, die aus der Welt der Video- und Werbeclips kommt, hat die Protagonisten begleitet und nur sanft ins Geschehen eingegriffen, alleine die Tanzszenen scheinen sorgsam inszeniert. Aufgrund der Zusammenarbeit in anderen Projekten mit Bob-Sohn und Regisseurskollegen Jesse Dylan sowie mit Bob Dylans Manager Jeff Rosen gelang es ihr, einige Bob Dylan-Songs für den Soundtrack benutzen zu dürfen. Denn  „Series Of Dreams“, ein mysteriöser Song und  Outtake von Dylans „Oh Mercy“, begleitete Sie nach ihrer Aussage durch den Dreh. So war es logisch, dass die Musik von Dylan und der ihr nahe stehenden Band Beirut die Szenen musikalisch unterlegen.

Bombay Beach ist ein ungewöhnlicher Film. Zu erst eine Art Sozialreportage ohne wertenden Kommentar. Alleine die Protagonisten kommen zu Wort. Dann ein Landschaftsfilm über einen sterbenden See und seine öde Umgebung. Und dann noch ein dritter, ganz leiser, poetischer Film, der aufzeigt wie zärtlich und froh tanzende Menschen miteinander umgehen. Und das – so der verblüffende Kunstgriff – ist der härtest mögliche Kontrast zum Elend der Menschen rund um den See in der Wüste. Ein See, der weniger Oase, als Friedhof für gescheiterte Existenzen ist.

Ein Film, der über die Lügen des neoliberalen Amerikas ohne gesellschaftlichen Zusammenhalt mehr aussagt, als manche ausgeklügelte Polit-Analyse. Ein bewegender Film.