Archive for the ‘Folk-Rock’ Category

Love Songs

9. Februar 2018

Woody Guthrie Tribute in Darmstadt

Dreimal hat nun schon ein Musikernetzwerk aus dem Rhein-Main-Gebiet mit großem Line-Up die Songs des anderen Amerika auf die Bühne gebracht. Was aus der Wut über die Präsidentschaft Donald Trumps zum ersten Mal im Januar letzten Jahres bei „Americana im Pädagog“ unter dem Titel „Love Songs Für The Other America“ so hervorragend angenommen wurde, ist in diesem Jahr beim großen Woody Guthrie-Tribute erneut im Darmstädter Pädagogkeller und mit den „Love Songs For Freedom & Equality“ im Frankfurter „Bett“ fortgeführt worden. Zweimal ausverkauftes Haus im Darmstädter TIP und ein gut gefülltes „Bett“ zeigen: Die Lieder treffen den Nerv der Menschen.

In Zeiten, in denen Autokraten und Rechtsextreme auf dem Vormarsch sind und die SPD – bzw. besser gesagt ihr Führungspersonal – die Partei inhaltlich nicht erneuern will (Absolute Ignoranz gegenüber den politischen Ansätzen von Jeremy Corby, Bernie Sanders oder den portugiesischen Sozialisten) – und sich stattdessen mit dem „Weiter so!“ mit ein paar Pflastern auf den neoliberalen Wunden in eine erneute großen Koalition flüchtet, sind die Lieder für eine andere, bessere und gerechtere Gesellschaft aktueller denn je.

Sichtlich ergriffen und bewegt lauschen die Menschen der Musik und geduldig und interessiert hören sie dann im Pädagogkeller und im Bett auch den Vorträgen zu. Wissend, dass diese Musik für etwas steht. Für eine Haltung, für eine gesellschaftliche Sichtweise, die eben auch ausgesprochen werden muss, genauso wie es sich lohnt auf die Umstände der Entstehung dieser Songs hinzuweisen. Die Linie führt von den Arbeitskämpfen der Bergarbeiter in Kentucky über die gewerkschaftliche Organisierung in den 1930er und 40er Jahren und den Songs gegen Kriegstreiberei und Rassismus aus den 1960ern bis zu den heutigen Liedern gegen Sexismus und Umweltzerstörung. Der enthemmte Kapitalismus hat für kein Problem dieser Zeit eine Lösung, denn er ist ihre Ursache.

Musikalisch sind die Konzerte vom feinsten. Da treffen „alte“ Fahrensleute von Folk und Americana in Deutschland wie Markus Rill, Wolf Schubert-K. und Helt Oncale auf Newcomer wie Brian Kenneth oder Dana Maria. Allen gemeinsam ist das Americana als ihr musikalischer Ausdruck. Country, Blues, Folk, Gospel. Harmoniegesang, Fiddle, Banjo. Fingerpicking und Gitarren-Duelle. Liebe und Respekt für alte und neue Songs. Dazu eigenes Songwriting auf höchstem Niveau. Da tut sich was in der deutschen Americana-Szene! Verbreiten wir es weiter, lassen wir nicht locker. Wir sind auf dem richtigen Weg!

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Vor 50 Jahren: Die Geburt des „Americana“

28. Dezember 2017

Bob Dylan 1967, Foto: Sony Music/ Elliott Landy

„The Basement Tapes“, „John Wesley Harding“ und „Music From Big Pink“ veränderten 1967 und ’68 die Musikgeschichte.

Wenn nun das Jahr wechselt und aus 2017 so langsam 2018 wird, dann lohnt es, sich als Musikfreund an die Zeit vor 50 Jahren zu erinnern. Denn damals wurde Musikgeschichte geschrieben. Denn wenn Ausnahmemusiker zusammenkommen und sich gegenseitig befruchten, dann entsteht sehr oft etwas Neues, so noch nie Dagewesenes. So auch im Zeitraum vom Frühjahr/Sommer 1967 bis zum Sommer 1968 als Bob Dylan und „The Band“, vormals „Levon and The Hawks“, nichts weniger als das „Americana“ erfunden haben.

Dylan findet mit „The Hawks“ eine Tourband
Während 1966 Dylan der junge Folk-Rock-Hipster mit Protestsong-Vergangenheit war, spielten die „Hawks“ vorwiegend Rhythm & Blues und Rock’n’Roll in abseitigen Clubs und Spelunken. Als Dylan dann für seine Welttournee 1966 eine Begleitband suchte, fand er die „Hawks“, ehemals Begleitkapelle des kanadischen Rockers Ronnie Hawkins. Wochenlag ließen sie sich von den Zuschauern für ihren Folk-Rock beschimpfen, dann stieg Drummer Levon Helm entnervt aus. Höhepunkt des Kampfes von Dylan mit seinem Publikum war dann der berühmte „Judas!“-Ruf in der Manchester Free Trade Hall.

Doch die Scharmützel mit seinen Fans, die Knochenmühle des Tournee-Zirkus und die vielen Mittelchen mit den versucht wurde, Kreativität und Schaffenskraft trotz der enormen Belastungen aufrecht zu erhalten, forderten ihren Tribut. Im Sommer 1966 war Dylan physisch und seelisch ein Wrack. Und sein Manager Albert Grossmann hatte schon wieder eine umfangreiche Tour zusammengestellt. Dylans Motorradunfall am 29. Juli 1966 war da die willkommene Gelegenheit, für eine Weile aus diesem Rattenrennen auszusteigen.

„The Basement Tapes“
Gut eineinhalb Jahre trat Dylan nicht mehr in der Öffentlichkeit auf. Es dauerte fast ein Dreivierteljahr bis Dylan wieder Spaß bekam regelmäßig zu musizieren. Aber dann richtig: Vom Frühjahr bis Herbst 1967 verbrachte er jeden Tag viele Stunden mit den „Hawks“ – Levon Helm war jetzt wieder mit von der Partie – und sie spielten alles was sie kannten aus Folk, Country, Blues und Rock’n’Roll. Mehr als hundert Songs schnitten sie mit. Neben der Beschäftigung mit vielen Standards begann Dylan auch wieder Songs zu schreiben. Es entstanden Klassiker wie „You Ain’t Goin‘ Nowhere“, Quinn The Eskimo“ This Wheel’s On Fire“ und natürlich „I Shall Be Released“.

Textlich war für Dylan die surrealistische Songpoesie obsolet. Die Texte waren wieder einfacher zu rezipieren, erzählten Geschichten oder Parabeln, waren weniger bildhaft, aber dafür viel stärker aus amerikanischer Überlieferung – sowohl aus Alltags- wie aus Mythenwelt – gespeist. Da ist kein Shakespeare mehr „in the Alley“ und kein Einstein, kein Ezra Pound und kein Robin Hood. Da treten stattdessen Lastwagenfahrer auf, Trinker und Müßiggänger oder eine fette „Mrs. Henry“. Teils ist die Stimmung ausgelassen wie bei einer Vaudeville-Show, dann wieder bizarr oder pathetisch. Man erzählt sich beim Wäsche aufhängen davon, dass der Vizepräsident durchgedreht sei. Oder vergleicht die Geburt der amerikanischen Nation am 4. Juli mit der Geburt des eigenen Kindes. Dylan und The Band verorten sich zutiefst in Amerika. Indem sie schwarze und weiße Musik spielen, verorten sie sich aber auch ganz im „Americana“, der Musik des Amerikas, das an den Traum vom Land, das allen die Möglichkeit gibt, ihr Glück zu finden, glaubt. Und nicht an ein Amerika der Rassenschranken oder der Konzerne. Die Songs, die bei den Basement Tapes entstanden sind, sind allesamt amerikanische Klassiker, mögen einige auch eher Dylan’sche Nebenwerke sein wie „Odds And Ends“. Lo And Behold“ oder „Million Dollar Bash“.

Veröffentlicht wurden Songs der Basement Tapes zuerst von Dritten. Denn weder Dylan noch „The Band“ planten eine Veröffentlichung der Bänder. Schon im Oktober 1967 wurde ein Demoband mit 14 Aufnahmen zusammengestellt, über den Musikverlag Dwarf Music zum Copyright angemeldet und anderen Musikern als Demos angeboten. Die ersten, die Coversongs aus diesem Material erstellten waren Peter Paul & Mary („Too Much Of Nothing“), Manfred Mann, der aus dem eher spröden „Quinn, The Eskimo“ das schmissige „Mighty Quinn“ machte und damit einen Superhit produzierte, Julie Driscoll, Brian Auger & The Trinity, die „This Wheel’s On Fire“ einspielten, sowie die Dylan-Apologeten „The Byrds“, die nach dem „Folk-Rock“-Urknall “ „Mr. Tambourine Man“, nun mit ihrer Version von „You Ain’t Goin‘ Nowhere“ auch als Mitbegründer des Country-Rock in die Popmusikgeschichte eingingen. Erst 1975 sollten Rudimente der Basement Tapes veröffentlicht werden, 2014 erschienen dann die kompletten Basement Tapes und es wurden unter dem Titel „The New Basement Tapes: Lost On The River“ Songtexte von Dylan aus dieser Zeit von Künstlern wie Rhiannon Giddens und Marcus Mumford unter der Regie von T-Bone Burnett neu vertont.

John Wesley Harding
Dylan, der 1966 noch als Rock-Avantgardist die Rockmusik erwachsen und bedeutungsschwer gemacht hatte, erdete sich gerade ein Jahr später mit den Basement Tapes neu, indem er noch einmal ganz bewusst zurück zu den Wurzeln ging. Als er am Ende aus dem Keller wieder hoch stieg war ein anderer Künstler. Seine folgenden Platten John Wesley Harding und Nashville Skyline dokumentierten seinen Weg zurück zu Country und Folk.

Und doch war sein Comeback-Album „John Wesley Harding“, das am 27. Dezember 1967 erschien, eine andere Platte als es die Musik von den Basement Tapes erwarten ließ. Die Platte war ernster im Ton und spartanischer in der Musik, als die zum Teil sehr süffigen Songs – textlich wie musikalisch – die bei den Basement Sessions entstanden waren. Tauchten Teile der Basement-Songs hinein ins pralle Menschenleben, unterlegt mit Rhythm & Blues und Country, so waren diese Songs oftmals Parabeln mit biblischen Bezügen. Teils zornig („Dear Landlord“), teils als Antwort auf Woody Guthries Tod im Oktober zu verstehen (Drifters Escape), teils resignativ gesellschaftskritisch („All Along The Watchtower“). Die Musik dieses Albums, das nach „Blonde On Blonde“ abermals in Nashville mit Teilen der „Nashville Cats“ eingespielt worden war, bestand aus zurückhaltendem Country-Folk. Aber dennoch wäre Dylan nicht Dylan, würde er nicht einmal aus seinem selbst verordneten Rahmen ausbrechen. „I’ll Be Your Baby Tonight“ ist ein sexy Honky-Tonk-Schieber und einer der Songs, die gerade von Countrymusikern bis heute sehr gerne gecovert wird.

Music From Big Pink

The Band 1967, Foto: Sony Music/ Eliott Landy


War Dylan zusammen mit „Levon & The Hawks“ hinunter in den Keller von „Big Pink“ gestiegen, so kamen die vier Kanadier Robbie Robertson, Richard Manuel, Rick Danko, Garth Hudson sowie der Arkansas-Boy Levon Helm als „The Band“ wieder hinauf. So nannten sie sich nun selbstbewusst, als sie 1968 am 1. Juli 1968 ihr Debütalbum „Music From Big Pink“ vorlegten. Die Platte veränderte die Richtung des Rock: Den damals aktuellen Psychedelic-Klängen setzten sie eine ruhigere, aber umso kraftvollere, durch Country, Blues und Folk geerdete Art der Rockmusik entgegen. An drei Stücken war Bob Dylan als Co-Autor beteiligt: „Tears Of Rage“, „This Wheel’s On Fire“ und „I Shall Be Released“.

Obwohl es kommerziell nicht sehr erfolgreich war, gilt „Music From Big Pink“ neben dem Nachfolgealbum „The Band“ von 1969 (auch als „braunes Album“ analog dem „weißen Album“ der Beatles bekannt) heute nicht nur als bestes Album der Band, sondern auch eines der besten und einflussreichsten Rockmusik-Alben überhaupt.

Leittrack des Albums ist das bis heute ungebrochen faszinierende „The Weight“ – auch mittlerweile ein amerikanischer Klassiker. „Der Song ist pures Americana“, schreibt Peter Viney auf der Website von „The Band“. Und tatsächlich ermöglicht er auf engstem textlichem Raum allerlei amerikanische Assoziationen: Er hat biblische und religiöse Bezüge, er spielt mit Bildern des Kleinstadtlebens im Westen und dem Teufel, der quasi an jeder Ecke lauert. Er lässt Bigotterie genauso erahnen wie Liebe, Verlangen und Gewalt. Der Text ist in Panoptikum des alten, gefährlichen Amerika. Und auch seine Musik ist pures Americana. Sie eint in großartiger Weise Country, Rock, Soul und Gospel-Elemente.

Beim Woody Guthrie Tribute wird „Americana“ öffentlich
Am 20. Januar 1968 treten Bob Dylan & The Band beim großen Woody Guthrie Tribute in New York auf. Ihr erster Auftritt seit anderthalb Jahren. Und erstmals lassen sie die Öffentlichkeit ihre neue gefundene musikalische Form hören. Beim Andenken an die verstorbene US-Folk-Ikone und Dylan-Vorbild Guthrie manifestiert sich die Geburt des neuen Genres. Wie hier Guthries Folksongs „I Aint’t Got No Home In This World Anymore“ oder „Grand Coulee Dam“ mit viel Rhythm & Blues & Soul unterlegt wird, darf als Paradebeispiel für das neue, alte Genregrenzen überschreitende Americana gelten.

„Americana“ ist heute lebendiger denn je
Die Karrieren der Protagonisten verliefen unterschiedlich. Bob Dylan blieb das sich noch mehrmals musikalisch häutende Chamäleon der Rockgeschichte, der bis heute auf den Konzertbühnen der Welt unterwegs ist. „The Band“ spielten 1977 ihr Abschiedskonzert – legendär verfilmt von Martin Scorsese – und lösten sich auf Betreiben vom selbst ernannten Bandleader Robbie Robertson auf. Sie gründeten sich ohne Robertson 1983 neu, dann beging Richard Manuel 1986 Selbstmord. Eine weitere, letzte Comeback-Phase begann 1992 und endete dann 1999 mit dem Tod Rick Dankos. Levon Helm veröffentlichte vor seinem Tod 2012 noch zwei erfolgreiche Solo-Alben. Letzte lebende Band-Mitglieder sind heute Robbie Robertson und Garth Hudson.

Das „Americana“-Genre aber ist heute lebendiger denn je und gerade in den Zeiten von Trump setzt es in der Auseinandersetzung mit dem heutigen Amerika neue Kräfte frei. Selten sind so viele bedeutende Americana-Alben erschienen wie 2017.

Thomas Waldherr hat gerade auf country.de seine persönlichen Americana-TOP 10-Alben vorgestellt: http://www.country.de/2017/12/23/die-americana-top-10-alben-des-jahres-2017/
In der Darmstädter Konzertreihe „Americana im Pädagog“ findet am Samstag, 13. Januar“ ein großes Woody Guthrie Tribute-Konzert statt, bei dem neben anderen auch die Songs zu hören sein werden, die Dylan & The Band beim Konzert 1968 gespielt haben: http://paedagogtheater.de/guthrie/

Bob Dylan kommt erneut nach Deutschland!

16. Dezember 2017

Und schon wieder ist er da. In schöner Regelmäßigkeit findet der Dylan-Konzert-Tross nach Deutschland. Nach seinen 5 Konzerten 2017 kommt er nun für weitere 5 Gigs im April 2018 in die Bundesrepublik
Wenn so mancher im letzten Jahr gedacht haben sollte, das war’s, „Dylan Live“, das kommt nicht mehr, der sieht sich getäuscht. Der Folk-Rock-Altmeister, Nobelpreisträger und Sinatra-Impersonator reist erneut für eine Tour quer durch die deutschen Lande. Waren es im letzten Jahr die Großstädte Hamburg, Düsseldorf, Hannover und Frankfurt (das Konzert in Lingen war ein typisch Dylan’scher Kontrapunkt), so verschlägt es ihn nun eher in die Provinz. Diesmal stehen im April fünf meist mittelgroße Städte auf dem Plan: Neu-Ulm, Leipzig, Krefeld, Bielefeld, Nürnberg und Baden-Baden heißen die Stationen.

So unterschiedlich die Regionen, so divers sind auch die Spielstätten. das Spektrum reicht von modernen Veranstaltungsarenen und Mehrzweckhallen bis hin zum extravaganten Festspielhaus in Baden-Baden. Dabei wissen natürlich die erfahrenen Dylan-Fans, dass besondere Spielorte nicht unbedingt auch die außergewöhnlichsten Konzerte garantieren. Wo den Meister letztendlich die Muse am eindringlichsten küsst, bleibt völlig ungewiss.

Gewiss ist jedoch, dass sich Dylans Shows seit einigen Jahren nun schon auf musikalisch hohem Niveau bewegen. Dafür sorgt sein Arbeitsethos und seine ungebrochene Lust am Live-Auftritt ebenso wie seine großartige Tourband rund um „Bandleader“ Tony Garnier, der die Legende nun schon seit fast dreißig Jahren begleitet, und Ex-Gitarren-Wunderkind Charlie Sexton. Zudem liefert Dylan seit dem Beginn seines Great American Songbook-Projekts seine besten Gesangsleistungen seit Jahren ab.

Was er denn letztendlich für Songs spielen wird, ob er weiter wie in diesem Jahr das Gerüst aus den Sinatra-Platten und „Tempest“ baut, oder ob er plötzlich ein neues Konzertformat entdeckt, davon müssen wir uns letztendlich wieder überraschen lassen.

Nur eines sollte allen Konzertgängern klar sein. Wer Bob Dylan so hören will, wie er vor 40 oder 50 Jahren sich angehört hat, der sollte besser draußen bleiben. Im inoffiziellen Rahmenprogramm vor der Halle kann man sich auch diesmal garantiert wieder mindestens ein Dylan-Double anhören!

Bob Dylan live 2018
12.04.2018, Neu-Ulm, Ratiopharm Arena
18.04.2018, Leipzig, Arena
19.04.2018, Krefeld, Königpalast
21.04.2018, Bielefeld, Seidensticker Halle
22.04.2018, Nürnberg, Frankenhalle
23.04.2018, Baden-Baden, Festspielhaus

Is Anybody Goin‘ To San Antone

29. November 2017

Als der Autor dieses Blogs ein Jugendlicher war, damals Ende der 1970er Jahre, da trieb er sich des Öfteren in der Fußgängerzone seiner Heimatstadt Darmstadt herum und lauschte einer Musikgruppe. Die Musik, die sie spielten, faszinierte ihn, es war Folk-Rock mit einem Schuss Country und die Truppe hieß Bernies Autobahn Band. Ein paar Jahre später wurden sie recht groß und ihre Musik gehörte zum Soundtrack der 1980er zwischen Anti-Starbahn- und Friedenbewegung und begleiteten den jungen Erwachsenen aus Darmstadt noch eine ganze Zeit lang. Ihr Chef Bernie Conrads sollte später nach Auflösung der Band 1989 ein anerkannter Songschreiber für Musiker wie Peter Maffay und Stefan Stoppok werden.

Damals jedoch in den ausgehenden Siebzigern hatte der Jugendliche gerade Bob Dylan für sich entdeckt und ein Song stach immer wieder bei den Auftritten von Bernie und seinen Kumpanen heraus: „Is Anybody Goin‘ To San Antone“. Das war ein echter Ohrwurm und so wurde es mir gesagt, er sei von Bob Dylan. Leider konnte ich ihn auf keiner meiner Dylan-Platten und auch nicht auf denen von Bernies Autobahn Band entdecken. Irgendwann hörte ich auf zu suchen. Im Ohr blieb er mir aber immer noch.

Als dann vor kurzem Darmstadt und San Antonio eine Städtepartnerschaft eingingen, da kam er mir natürlich wieder verstärkt in den Sinn. Und da es heute youtube gibt, recherchierte ich und siehe da – ich wurde fündig. 1973 hatte Dylan – vielleicht noch inspiriert durch den Ausflug in die Grenzregion der USA und Mexiko mit seiner Rolle und dem Soundtrack zu Patt Garrett & Billy The Kid – mit dem Texas-Country-Rocker Doug Sahm (Sir Douglas Quintet, The Texas Tornados, The Texas Mavericks) den Song aufgenommen. Er wurde im selben Jahr als Doug Sahm-Single veröffentlicht, auf eine LP kam er erst 1984. „Doug Sahm Live“ ist allerdings eine semi-offizielle Veröffentlichung.

Erst jetzt tackerte es wieder bei mir. Wo hatte ich den Song in den letzten Jahren schon mal gehört? Charley Pride! Richtig, Charlie Pride sang ihn in der Marty Stuart Show. Ich liebe diese kitschige, sentimentale aber immer lagerübergreifende All-American-Show. Bei Marty spielen die Oak Ridge Boys, Charlie Daniels oder Doug Kershaw genauso wie Roger McGuinn, Charley Pride oder die Carolina Chocolate Drops. Da ist Marty ganz der Tradition Johnny Cashs verpflichtet, der damals in seiner Show Ende der 1960er Jahre, als Amerika ähnlich politisch polarisiert war wie heute, auch Künstler wie Bob Dylan, Pete Seeger und Neil Young auftreten ließ, die allesamt dem konservativen Country-Stammpublikum nicht geheuer waren.

Doch zurück zu Charlie Pride, ihm wird im Allgemeinen der Sog zugerechnet. Mein großer country.de-Kollege Manfred Vogel hat vor wenigen Jahren sehr schön herausgearbeitet, wie es jedoch kam, dass 1970 fast zeitgleich zwei Versionen des Songs veröffentlicht wurden. Eine von Charley Pride, ihm hatte man das Exklusivrecht zugebilligt und eine von dem Ex-Footballspieler Richard „Bake“ Turner. Grund war dass der Musikverlag der Autoren Glenn Martin und Dave Kirby gerade von einem anderen Verlag aufgekauft wurde. Das Songschreiber-Duo hatte von den Vorgängen keine Ahnung. Charley Pride murrte, als er Turner mit dem Song im Fernsehen sah, und doch nahm er den Song auf. Richtige Entscheidung, es sollte sein dritter Nr. 1-Hit und ein Millionenseller werden. Beiden gebühren die Meriten. Blke Turner hatte den Song als erster bereits im April 1969 aufgenommen, doch Charlie Pride veröffentlichte ihn als erster im Februar 1970, während Turners Version erst im März desselben Jahres erschien. Prides Aufnahme toppte, Turners Platte floppte. Dumm gelaufen für den ehemaligen Texas-Footballstar. Doch die beiden lernten sich bald darauf kennen und wurden gute Freunde.

Gute Freunde waren damals auch Bob Dylan und Doug Sahm. Bob, der Zeit seines Lebens immer neugierig war und alle möglichen musikalischen Einflüsse aufgesogen hatte, musste von dem gleichaltrigen Sahm begeistert gewesen sein. Denn der bewegte sich so sicher auf allen möglichen musikalischen Gefilden: Von Rock á la Jimi Hendrix über die klassische Countrymusik und den Western Swing bis hin zum Country- und Folk-Rock. Kein Wunder, das er den Nr. 1-Country-Hit im Repertoire hatte. So klingt dann auch die Sahm/Dylan- Version ganz entspannt und angenehm.

Es ist also streng genommen kein Dylan-Song, den die BAB damals gespielt hat. Im Gegensatz zu „Wenn es Nacht wird in der Stadt“, das ein Cover von „Just Like Tom Thumb’s Blues“ ist und Titelstück der 1978 erschienenen zweiten Platte der Band.

Von „Is Anybody Goin‘ To San Antone“ gibt es jedenfalls noch eine ganze Reihe von Coverversionen, die es im Gegensatz zum BAB-Cover auf eine Platte geschafft haben. Es gibt Versionen u.a. von Otis Willlams, Ray Price, Mel Tillis, Buck Owens, Tanya Tucker und Truck Stop.

Die Version von Bernies Autobahn Band aber habe ich auch nach 40 Jahren immer im Ohr. Eine neue Cover-Version höre ich dann morgen. Denn da spielt die „TeXas House Band“ bei „Americana im Pädagog“ und hat wegen der Städtepartnerschaft einige San Antonio-Songs im Gepäck. Unglaublich, wie sich manchmal der Kreis schließt.


„Indie, Woody, Country“

24. August 2017

„Americana im Pädagog“ bleibt auch im zweiten Halbjahr 2017 abwechslungsreich und vielfältig

„Americana im Pädagog“-Kurator Thomas Waldherr

Die Darmstädter Konzertreihe „Americana im Pädagog“ versucht immer wieder die große Bandbreite dieser Musik darzustellen und auszuloten. Nach dem erfolgreichen ersten Halbjahr mit fünf (!) bestens besuchten Veranstaltungen – „Lovesongs For The Other America“ (Folk- und Protestsong), „Mississippi“ mit Richie Arndt (Blues), The Lasses & Sue Ferrers (American Mountain Music & ihre schottisch-irischen Wurzeln), Sonia Rutstein (Folk & Folkrock) und „Bob Dylan: Planetenwellen“ mit Heinrich Detering und Dan Dietrich (Lesung mit Musik) wird auch im Herbst ein abwechslungsreiches und vielfältiges Programm im Theater im Pädagog geboten.

Kurator Thomas Waldherr, Musikjournalist sowie Americana- und Bob Dylan-Experte: „Die Spanne reicht diesmal von jungem Indie-Folk mit dem Duo Kenneth Minor am 28.9. über das humorvolle Americana-Programm der Lucky Wilson Band am 26.10 sowie einem Vortragsabend zur amerikanischen Folk-Ikone Woody Guthrie am 8.11. bis hin zum vorweihnachtlichen ‚Classic Country & Christmas‘-Abend mit der Texas House Band am 30.11.“ Beginn der Veranstaltungen ist jeweils 20 Uhr.
Auch TIP-Direktor Klaus Lavies ist voller Vorfreude: „Gut, dass es wieder losgeht, die Americana-Reihe ist eine wichtige Säule im Programm und erfährt durchweg einen sehr guten Zuschauerzuspruch.“

Hier die Veranstaltungen im Einzelnen:

Kenneth Minor (Donnerstag, 28. September, Eintritt 8 Euro)
Indie-Folk
Das Publikum darf sich auf ein ganz besonderes Duo-Paket voller neuer Geschichten und Folk-Songs freuen, die das Leben schreibt. Vorgetragen mit einer Gitarre und zwei Stimmen von Jörg Christiani und Athena Isabella. Mit Melodien, „die“, so der Rolling Stone, „von Mark Everett, Ray Davies oder They Might Be Giants“ stammen könnten. Die neue Platte “Phantom Pain Reliever“, zu der jüngst Jakob Friedrichs (Element of Crime) mit den Worten: „Tolle Songs, toller Sound und auch die Instrumentierung ist schön“ gratulierte, haben Kenneth Minor natürlich mit im Gepäck.

The Lucky Wilson Band (Donnerstag, 26. Oktober, Eintritt 12 Euro)
Finest Americana Music
Blues-Rock-Country-Swing der Marke LUCKY WILSON BAND ist 100% handmade, authentisch amerikanisch und für hiesige Breitengrade ziemlich unverwechselbar. „Grandpa“ Lucky Wilson (Git./Voc.) und seine vier „Geschwister“ Virginia Wilson, geb. Woolfe (Geige/Voc.), Willie Wilson (Baß/Voc.), Phil „the Kid“ Wilson (Git.) und Santa Claus Wilson (Drums) stehen für virtuose Spielfreude und vielstimmige Gesangsparts mit einem gezielten Schuß Entertainment. Unter einer Bedingung: die Sheriffs müssen draußen bleiben.

Woody Guthrie – Leben und Wirken (Mittwoch, 8. November, Eintritt 10 Euro)
Multimediavortrag von und mit Thomas Waldherr
Woody Guthrie ist eine Legende der Folkmusik und eine kulturelle Ikone der US-amerikanischen Linken. Mit „This Land Is Your Land, This Land Is My Land“ schrieb er die Hymne des „anderen Amerika“ und beeinflusste Musiker wie Pete Seeger, Joan Baez und Bob Dylan. Aus Anlass seines 50. Todestages – Guthrie verstarb am 3. Oktober 1967 im Alter von 55 Jahren an den Folgen der Nervenkrankheit Chorea Huntington – hält Thomas Waldherr im Rahmen einer Kooperationsveranstaltung der Volkshochschule Darmstadt mit „Americana im Pädagog“ einen Vortrag über Werk und Wirkung Woody Guthries vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen Entwicklungen in den USA von den 1930er bis 1960er Jahren. Der Multimediavortrag mit vielen Musikbeispielen soll einen spannenden Einblick in dieses Kapitel der amerikanischen Gesellschafts- und Kulturgeschichte geben.

TeXas House Band (Donnerstag, 30. November, 12 Euro)
Classic Country & Christmas
Das abwechslungsreiche Programm der TeXas House Band reicht von traditionellen Cajun-, Blues- und Bluegrass-Songs über kernige Country-Klassiker und Western Swing hin zu gefühlvollen Balladen und teils poppig-melodischen Eigenkompositionen von Songwriter Helt Oncale. Charakteristisch für die TeXas House Band sind eine große Spielfreude und Musikalität, ein authentischer Sound und eine lockere, entspannt amerikanische Atmosphäre, die sich automatisch auf das Publikum überträgt. Beim Darmstädter Konzert läuten sie mit Country-Klassikern und Country-Christmas-Songs kurz vor dem 1. Advent die Vorweihnachtszeit ein. Die TeXas House Band sind: Helt Oncale (Gitarre, Fiddle, Gesang), Dave Schömer (Bass, Gesang), Christian Schüssler (Drums) und Dietmar Wächtler (Pedal Steel, Gesang)

Karten für die Veranstaltungen können im Vorverkauf online unter http://www.paedagogtheater.de erworben werden. Vorbestellungen sind unter 06151 – 66 01 306 telefonisch und unter theaterimpaedagog@gmx.de per E-Mail möglich.</strong

Conor Oberst und die Felice Brothers

16. August 2017

Es war ein inspiriertes, energiegeladenes, kraftvolles Konzert, das Conor Oberst da gestern Abend in der Frankfurter Batschkapp gegeben hat. Der Künstler, nicht immer berechenbar in Laune, Zustand und Tagesform zeigte sich wach und spielfreudig. Mit dabei in der Backing Band waren auch zwei Felice Brothers, James Felice an den Tasteninstrumenten und Greg Farley an der Geige. Zwei, die selber Teil einer erfolgreichen Band sind, fügen sich hier ein, um Conors musikalische Begleiter zu sein. Unprätentiös sind die Jungs und die Musikerschar auf der Bühne wirkt da fast schon familiär. Kein Wunder, kennen sich die Felice Brothers und Conor Oberst nun auch schon zehn Jahre, seit sie Vorgruppe seiner Bright Eyes waren.

Vielleicht ist es genau das, was das einstige Wunderkind, der in den letzten Jahren immer wieder großartige Musik mit mal divenhaftem, mal verpeilten Gehabe gemischt hat, braucht. Nicht mehr die Fanfare, der Leuchtturm, das Wunderkind zu sein, sondern Teil einer musikalischen Freundeskreises.
Und so erleben wir ein perfektes Americana-Folk-Rock-Konzert mit viel Akustik-Gitarre, Geige, Akkordeon und Mundharmonika plus E-Gitarre und Schlagzeug. Oberst spielt viele seiner Klassiker wie „Four Winds“ von den Bright Eyes und vieles vom neuen Album wie den Schunkel-Abräumer „Afterthought“ und das großartige „Barbary Coast“.

Fanfare, Leuchtturm, Wunderkind – all das spielt keine Rolle an diesem wunderschönen Konzertabend. Vielleicht ein Zeichen dafür, dass Conor Oberst diese ewigen Bürden hinter sich lässt und weiter befreit aufspielt.

Photo Credit: Conor Oberst, Twitter

Elvis & Nixon, Johnny & Tricky Dicky, Bobby & Jimmy

27. Dezember 2016

Seltsame Duos der amerikanischen Musikgeschichte

elvis-pic-2Ich muss es zugeben, Elvis war nie mein Mann. Als ich begann, bewusst Musik zu hören, da entdeckte ich das coole und rebellische in einem Dylan, der „Hurricane“ sang und zu diesem Zeitpunkt 35 Jahre alt war. Seine Performance, sein Vortrag war voller Spannung, ein einziges Versprechen des Nonkonformismus. Was ich von Elvis damals sah, war ein sehr dicker Typ im peinlichen Glitzeranzug. Und zig Imitatoren. Echt peinlich.
Erst später habe ich gelernt, ihn zu respektieren. Als wichtige Figur für den Rock’n’Roll. Dabei war er nicht mehr und nicht weniger als der von Sam Philipps lang ersehnte weiße Junge, der den schwarzen Rhythm & Blues zum Rock’n’Roll für die weiße Käuferschicht machen konnte. Wirklich erfunden hatten den Rock’n’Roll schwarze Musiker wie Sister Rosetta Tharpe oder Chuck Berry. Und der genialste weiße Rock’n’Roller, der das rebellische, widerspenstige auch wirklich lebte, war und ist Jerry Lee Lewis. Als wir dann das erste Mal im Süden unterwegs waren, haben wir uns Elvis‘ Geburtshaus in Tupelo angeschaut, uns Graceland aber gespart.

Dennoch bin ich in den Film „Elvis und Nixon“ gegangen. Weil ich mir durchaus ein paar interessante popkulturelle Dialoge zwischen den Protagonisten erhoffte. Doch was kam wer leider zu wenig, der Film blieb unter den Möglichkeiten des vorgegebenen Themas. Daher hier von mir ein paar Anmerkungen zu diesem Film über diese ungewöhnliche Begegnung im Jahr 1970 und weiteren Interaktionen zwischen US-Präsidenten und Musikstars.

Presley schmeißt sich mit Antikommunismus ran
Klar, Nixon (Jahrgang 1913), konnte mit Elvis (Jahrgang 1935) nicht viel anfangen. Neben dem Alter und dem Rock’n’Roll trennte die beiden auch sonst viel. Während Nixon Sohn kalifornischer Quäker war, die Tanzen und Spielen ablehnten, war Elvis Südstaatler und von der Assembly of God Church geprägt, einer Pfingstler-Sekte, in der Musik und ekstatische Performance im Gottesdienst eine wichtige Rolle spielten. Einige frühe Rock’n’Roller, so auch Jerry Lee Lewis, waren Pfingstler. Nixon war ein durch und durch rationaler Politiker, ein Vertreter der alten republikanischen Partei, Presley dagegen vom irrationalen Moment des Sektenglaubens des armen Südens geprägt. Sehr viel konnten sie nicht miteinander anfangen. Die Wandlung der Republikaner zu Mehrheitspartei im Süden war erst am Anfang. Noch war sie die Partei des reichen Nordens und der Küsten. Doch Nixon war klar, dass ein Foto mit Elvis ein guter PR-Gag für ihn sein würde. Nixon ging also taktisch mit Elvis um.

Der wiederum wollte wiederum auch seinen persönlichen Vorteil aus dem Treffen ziehen. Er wollte ein Abzeichen des „Büros für Narkotika und gefährliche Drogen“. Während er seine Bitte an Nixon in einem Schreiben mit allerlei reaktionärer Paranoia gegen Hippies, Black Panther und Gegenkultur sowie einem Waffengeschenk würzte, ging es ihm im Grunde nur darum, so seine Witwe Priscilla, mit dem Abzeichen die ultimative Macht zu bekommen, ganz legal in jedem Land Waffen zu tragen und alle Drogen zu nehmen, die er wollte. Wow, ganz schön abgedreht, der „King Of Rock’n’Roll“. Das ganze Thema hätte der Film aber weitaus tiefer, rasanter und virtuoser ausspielen können. Schade.

Cash kontert mit Protestsongs
Von ganz anderem Kaliber – guter Übergang! – war dagegen Johnny Cash. Der hatte bei seinem Treffen mit Richard Nixon im Juli 1972 ein klares inhaltliches Anliegen. Es ging um eine Reform des Justizvollzuges und da war für Cash, der selber schon damit in Berührung gekommen war und natürlich bekannt war für seine Gefängniskonzerte in Folsom Prison und San Quentin, die Humanisierung der Haftbedingungen ein wichtiges Thema. Doch das Treffen verlief anders als gedacht. Nixon wünschte sich zu Beginn des Gesprächs von Cash zwei Songs. Allerdings nicht dessen eigene, sondern zwei wahre Hymnen der Konservativen: Merle Haggards „Okie from Muskogee“ und Guy Drakes „Welfare Cadillac“. Songs gegen die Hippies und gegen die Integrität von Sozialhilfeempfängern.
Doch Cash verweigerte die Songs, er kenne sie nicht, er wolle lieber seine eigenen Songs spielen. Soweit so gut, doch wer jetzt „I Walk The Line“ oder „Ring Of Fire“ erwartet hatte, der täuschte sich. Denn Cash spielte drei eigene Protestsongs: „What Is Truth?“, „Man In Black“ und „The Ballad Of Ira Hayes“. Songs mit Sympathie für die kritische Jugend, Songs gegen den Krieg und für die Armen, Songs für die Indianer. US-Präsident „Tricky Dicky“ Nixon hatte im Baptistensohn aus Arkansas seinen Meister gefunden. Nixon war sichtlich angefressen und der Rest war ein höflicher Austausch von Standpunkten.

Dylan geht auf Distanz
Während sich also Elvis an Nixon alleine wegen niedriger Beweggründe ranschmiss, und Cash ganz ernsthaft mit einem Anliegen und einer klaren Haltung dem Präsidenten gegenüber saß, so ist es typisch Dylan, dass er nie von sich aus das Treffen mit einem US-Präsidenten suchte. 1974 war es Jimmy Carter, damals noch Gouverneur von Georgia, der auf Dylans Comeback-Tour den Kontakt suchte, ihn und den Tournee-Tross zu sich nach Hause einlud, und fortan von seinem „guten Freund“ Bob Dylan sprach. Erst langsam kam die Gegenkultur beim Polit-Establishment an. Zumindest bei dem der Demokraten. Denn so blieb es dem nächsten Demokraten im Weißen Haus, dem ersten Baby-Boomer-Präsidenten, George Clinton, vorbehalten, Bob Dylan bei seiner Inaugurationsfeier spielen hören zu können und zu einer Ordensverleihung einzuladen. Doch Dylan leistete hier nicht mehr als Dienst nach Vorschrift. Keine gemeinsamen Statements, nur Spurenelemente von Small Talk.

Auch vom Obama-Hype ließ sich Dylan nicht von seiner distanzierten Umgang mit den Politgrößen abbringen. Im Gegenteil, er weigerte sich in Interviews hartnäckig Obama überschwänglich zu loben und legte den Schwerpunkt eher darauf, etwas verklausuliert, die wirkliche Macht der Präsidenten in Frage zu stellen. Dennoch sagte er Obamas deutlichen Sieg 2012 in einem Konzert voraus, spielte bei einem Konzert im Weißen Haus Protestsong-Klassiker und ließ sich auch von Obama einen Orden umhängen. Einen kurzen Diener und ein freundliches Schulterklopfen – mehr hatte er allerdings auch da nicht für Obama übrig.

Keiner will zu Donald Trump
Im Übrigen bekommt der 45. Präsident der vereinigten Staaten, Donald Trump, wenigstens die Musiker, die er wirklich verdient. Hatte er allen Ernstes Bruce Springsteen für seine Inauguriation angefragt und sich natürlich einen Korb geholt, so kristallisieren sich als Top Acts auf der Trump-Sause der Tabernakelchor der Mormonen und die Sängerin und Castingshow-Teilnehmerin, Jackie Evancho, heraus. Scheinbar wollen sich noch nicht mal seine Unterstützer Kid Rock und Ted Nugent sehen lassen.

Schade nur, dass dies nichts über die wirklichen Zuspruch von Trumps Politik in der Bevölkerung und seine Erfolgsaussichten als Präsident aussagt. Schließlich hat das Staraufgebot in Clintons Wahlkampf ihr auch nichts genutzt.

Love Songs For The Other America

4. Dezember 2016

Americana-Konzert mit großem Line-Up gegen Hass, Rassismus und soziale Spaltung in den USA und anderswo im Darmstädter TIP

Am Donnerstag, 19. Januar findet im Rahmen der Reihe „Americana im Pädagog“ ein ganz besonderes Konzert statt. Am Vorabend der Amtseinführung des 45. US-Präsidenten Donald Trump spielen Americana-Künstler wie Biber Herrmann, Markus Rill, Wolf Schubert-K. und Candyjane“ Lovesongs For The Other America“, Lieder des „anderen Amerika“, gegen Hass, Rassismus, soziale Spaltung und Gewalt.

„Der Trump-Sieg in den USA hat uns alle geschockt. Die Parallelen zu Deutschland und Europa sind nicht zu leugnen, der Hass gegen alles Fremde, nicht der Konformität zugehörigen, setzt sich über Grenzen hinweg. Die Gründe hierfür liegen jedoch woanders. Die Schere zwischen Arm und Reich muss geschlossen werden, die Globalisierungsverlierer und Abgehängten müssen wieder eine soziale Perspektive bekommen Politisch kann das Signal nur heißen, dass man die offene Gesellschaft verteidigt, in dem man sie endlich wieder sozial macht. Uns als Freunde der amerikanischen Musikkultur hat der Trump-Sieg natürlich umso mehr geschockt, weil der kommende 45. Präsident der USA all das ablehnt, was wir in den USA als das „andere Amerika“ stets besonders geschätzt haben“, erklären Thomas Waldherr und Wolf Schubert-K., die die Idee zu dieser Veranstaltung hatten, und sie mit Unterstützung von Klaus Lavies vom „Theater im Pädagog“ organisiert haben.

„An diesem Abend spielen wir die Songs der Bürgerrechtsbewegung und der Gewerkschaften, der LGBT-und Grassroots-Bewegungen: die Musik von Woody Guthrie, Pete Seeger, Joan Baez, Bob Dylan, Bruce Springsteen, Patti Smith, Tom Morello, Ani DiFranco oder Hurray For The Riff Raff. Zudem wollen wir aus Werken von Allen Ginsberg oder John Steinbeck lesen oder Martin Luther King und Franklin D. Roosevelt zitieren“, erläutern Waldherr und Schubert-K. das Konzept des Abends.
Mit dabei sind: Biber Herrmann, Markus Rill, Wolf Schubert-K., Candyjane, die DoubleDylans, Dan Dietrich, Vanessa Novak, Sue Ferrers & Steffen Huther, Klein & Glücklich, Jen Plater sowie als Moderator Thomas Waldherr.

Die Veranstaltung im Theater im Pädagog beginnt um 20 Uhr, der Eintritt beträgt 15 Euro. Karten können im Vorverkauf online unter http://www.paedagogtheater.de erworben werden. Vorbestellungen sind unter 06151 – 66 01 306 telefonisch und unter theaterimpaedagog@gmx.de per E-Mail möglich.

Warum ich mich weiter mit „Americana“ beschäftigen werde – jetzt erst recht!

12. November 2016

Der Wadsc01558hlsieg Trumps hat mich geschockt. Ich hatte gehofft, dass man mit einem blauen Auge und dem kleineren Übel davon kommen werde. Damit die Rechtssicherheit, die Gewaltenteilung, der Schutz von Minderheitenrechten und die Versammlungsfreiheit erhalten bleibt, damit ein in zentralen Bereichen auch gegen eine Präsidentin Clinton auftretendes amerikanisches demokratisches linkes Projekt unter Bernie Sanders überhaupt die Möglichkeit hat, sich zu formieren. Das wissen wir nun so nicht. Die USA sind in Aufruhr und Trump gibt ambivalente Zeichen. Aber wenn man sich die Männer und Frauen ansieht mit denen er sich umgibt, dann darf man sich keine allzu großen Illusionen machen. Amerika hat seinen Erdogan, seinen Putin gefunden. Dort kann man sehen wie mit einer kritischen Öffentlichkeit und oppositionellen Kräften umgegangen wird.

Es wird aber Trump nicht so einfach gelingen, sein Volk zu domestizieren, wie das dem neuen Sultan und dem neuen Zaren gelungen ist. Trump hat bei den Wahlen keine Mehrheit der abgegebenen Stimmen erhalten. Er hat stattdessen die Mehrheit der Wahlmänner- und Frauen bekommen. Die Opposition ist in der Mehrheit. Aber ist sie auch strategisch in der Lage, geeint zu sein? Und zieht sie aus diesem Desaster auch die richtigen Schlüsse? Schließlich ist das ja das Ergebnis von 35 Jahren Neoliberaler Herrschaft, der sich ja auch die Demokraten seit Bill Clinton ergeben haben, indem sie die soziale Frage, die Verteilungsgerechtigkeit und die Besitzverhältnisse in keinster Weise mehr als zentrale Fragestellungen verfolgten. Ziehen sie also die richtigen Schlüsse? All das wissen wir im Moment nicht.

Was einem aber hilft, ist das Wissen, dass Amerika ja schon immer nicht nur das Land von Konzernen, Football, Hamburger und Coca-Cola war und ein Projekt des Konsums war, sondern dass es schon immer starke progressive Bewegungen hatte. Die alte linke Arbeiterbewegung, die zu den Zeiten des Roosevelt’schen New Deal einen vorher wie nachher nie dagewesenen gesellschaftlich-kulturellen Einfluss hatte, die Bürgerrechtsbewegung, die kritische Jugendbewegung und die Anti-Vietnam-Bewegung der 1960er, die LGBT-Bewegung und die ökologischen und konsumkritischen Grassroots-Bewegungen.

Diese alte und die neue Linke, „das andere Amerika“, hat einen kulturellen Überbau geschaffen, der auch über den Atlantik geschwappt hat und uns alle heute noch beeinflusst. Von der Musik der Klassiker wie Woody Guthrie, Pete Seeger, Joan Baez und Bob Dylan über Patti Smith und Bruce Springsteen bis hin zu Tom Morello, Ani di Franco, Rhiannon Giddens oder „Hurray For The Riff Raff“. Oder die Literatur von Ginsberg, Steinbeck und Kerouac, oder die Filme von Robert Redford und den Coen-Brüdern und die Dokumentationen von Michael Moore. Das ist mein Amerika. Das ist mein „Americana“. Und dabei bleibe ich.

Dieses Amerika kämpft derzeit und ist noch nicht untergegangen. So wie wir jetzt verstärkt gegen die Le Pens, Petrys und Wilders‘ kämpfen müssen. Und so wie ich politisch kämpfen werde, so werde ich mich auch weiterhin voller Enthusiasmus mit der Kultur des „anderen Amerika“ weiter beschäftigen. Jetzt erst Recht!

Dan Dietrich: Behind The Music/ Dan Plays Dylan

2. November 2016

Foto: Daniela Hillbricht

Foto: Daniela Hillbricht

Am 11. März diesen Jahres erfüllte sich der Darmstädter Dan Dietrich, seines Zeichen Songwriter und Dylan-Apologet, einen lang gehegten Wunsch. Im Hoffart-Theater lud er zu einem Abend der besonderen Art. Im ersten Teil stand er im Mittelpunkt einer Art Late-Night-Show, die so ziemlich alles umfasste aber auch persiflierte, was zu einer Late-Night-Show gehört. Das absolut unterhaltsame Format ging dann in ein besonderes Konzert über. Einem Live-Special von Dietrichs Programm „Dan Play Dylan“, mit der er im Herbst 2015 auf Solotour gegangen und Ende Februar auch zu Gast bei „Americana im Pädagog“ gewesen war. Der Clou: Hier trat er mit einer illustren Begleitgruppe auf, den Darmstädter-Kult-Balkan-Folk-Rocker „Besidos“.

Von diesem denkwürdigen Abend hat Dan nun eine Live-CD „Dylan plays Dylan“ sowie ein 2 DVD-Set veröffentlicht, das den gesamten Abend festhält. Das DVD-Set ist absolut sehenswert, aber hier möchte ich explicit für Dans Dylan-Interpretationen werben. Im November 2015 hatte ich an dieser Stelle geschrieben: „Selten habe ich Dylan-Titel in letzter Zeit so nah am Original und trotzdem ganz anders gehört wie bei dem Songwriter aus Südhessen. Seine Arrangements sind raffiniert einfach und eindringlich, seine Stimme ist voller Wärme, sein Gesang ausdrucksvoll. Da singt einer voller Überzeugung und ohne Überhöhung, mit Respekt aber ohne falsche Ehrfurcht die Songs seines berühmten Songwriterkollegen.“ Und die Live-Aufnahmen belegen dies erneut.

Dietrichs ist immer Dietrich. er schafft es, Dylan auf seine Weise zu spielen. Er gibt den Songs einen musikalischen Drive, der sie sicher für den einen oder andere zugänglicher macht, ohne dass das dem Wesen der Songs entgegenläuft. Und die Auswahl seiner Live-Band verstärkt dies noch einmal. Deren musikalische Basis passt bestens zu den Dylan-Songs. Die musikalischen Arrangements von Klassikern wie „I Want You“, „I Shall Be Released“ oder dem Meisterwerk „Man In The Long Black Coat“ erinnern manchmal an Dylans „Desire“-Phase und entwickeln einen unbeschreiblichen Sog, erfassen den ganzen Körper. So sehr, dass am Ende des Konzerts im März alle Gäste zu Bob Dylans/Dan Dietrichs/Besidos‘ Musik tanzten.

„Dan plays Dylan“ ist für mich eines der schönsten und gelungensten Dylan-Cover-Projekte der letzten Jahre. Möge Dan Dietrich in der Zukunft immer mal wieder darauf zurückkommen und es weiter entwickeln. Denn Dan Dietrich ist hierzulande einer der wichtigsten zeitgenössischen Bob Dylan-Interpreten.

Dan Dietrich ist auf facebook: https://www.facebook.com/dan.dietrich.186?fref=hovercard
Hier kann man auch mit ihm wegen CD und DVD Kontakt aufnehmen.

Einen Einblick in „Behind The Music/ Dan plays Dylan“ gibt es hier: