Archive for the ‘Folk’ Category

Dämonen, die nicht vergehen wollen

5. Juni 2017

Rassismus und rassistische Gewalt als Thema der Roots Music in den USA

„Das Vergangene ist nicht tot; es ist nicht einmal vergangen.“
William Faulkner

So wie die Deutschen den Juden nie den Holocaust vergeben hätten, so das alte, böse Bonmot, hat wohl das weiße Amerika den Schwarzen die Sklaverei eigentlich nie vergeben. Deren Schreckensherrschaft nicht, deren Aufhebung nicht und nicht den Bürgerkrieg, der nicht ursächlich wegen ihrer Beseitigung ausgebrochen war, aber dazu beitrug.

Bob Dylan hat in einem Interview dazu einmal gesagt: „Dieses Land ist einfach zu fucked up, wenn es um die Hautfarbe geht. Die Leute gehen sich gegenseitig an die Gurgel, weil sie eine andere Hautfarbe haben. Es ist der Gipfel des Wahnsinns und würde jede Nation – sogar jede Nachbarschaft – von einer gesunden Entwicklung abhalten. Die Schwarzen wissen, dass es einige Weiße gibt, die die Sklaverei beibehalten wollten, dass sie noch immer unter dem Joch wären, wenn diese Leute die Oberhand behalten hätten…Es ist fraglich, ob Amerika dieses Stigma je abschütteln kann. Es ist nun mal ein Land, das auf dem Rücken der Sklaven aufgebaut wurde. Das ist das Grundübel. Wenn man die Sklaverei auf friedliche Art und Weise aufgegeben hätte, wäre Amerika heute bereits viel weiter.“

Abgesehen vom echten latenten Rassismus, den es nicht nur im Süden gibt, verzeiht das kollektive amerikanische Unterbewusstsein den Schwarzen die 500.000 Toten des Bürgerkriegs wohl nicht. Und so ist das Vergangene im Faulkner’schen Sinne wirklich nicht tot, sondern nicht einmal vergangen.

Der Rassismus beherrscht die US-amerikanische Gesellschaft noch immer und ebenso die Staatsgewalt. Folgende Zahlen belegen das: Junge schwarze Männer (im Alter von 15 bis 34 Jahren) werden – so ein Bericht und eine Untersuchung des britischen Guardian aus dem Jahr 2015- neunmal so oft Opfer von tödlicher Polizeigewalt wie der Durchschnitt der Bevölkerung. Auch mit Bezug auf gleichaltrige Männer sind die Unterschiede frappierend: Schwarze junge Männer werden fünfmal so oft von Polizisten erschossen wie weiße junge Männer. Schwarze und Hispanics machen 25 Prozent der Gesamtbevölkerung aus, doch sie stellen gut sechzig Prozent der Gefängnisinsassen. Die Bürgerrechtsbewegung hat die völlige Entrechtung der Schwarzen gelindert, aber die Dämonen wollen einfach nicht vergehen.

Die Wahl Trumps zum US-Präsidenten hat die Lage noch einmal verschärft. Die Zahl der rassistischen Übergriffe gegen Muslime, Schwarze und Hispanics stieg in den Monaten nach der Machtergreifung von Trumps Clique aus weißen Millionären und Milliardären noch einmal an. Und diese Clique würde die Zeit zu gerne zurückdrehen. Vor die Zeit der Bürgerrechtsbewegung und den Gesetzen zur Rassengleichheit.

Rassismus und kulturelle Befruchtung
Das menschliche Zusammenleben ist widersprüchlich. Mehrere hundert Jahre Sklaverei in den USA brachten Rassentrennung, Unterdrückung und rassistische Gewalt hervor. Gleichzeitig aber vermischten sich die Ausdrucksformen der weißen Einwanderer aus Europa und der schwarzen, eingeschleppten Menschen aus Afrika. Im Süden veränderten sich weiße und schwarze Musik und näherten sich an. Neben den „weißen“ Instrumenten Gitarre, Mandoline und Geige etablierte sich das „schwarze“ Banjo. Zusammen gingen wie in den „String Bands“ auf. Afrikanische Tänze und Gesänge mischten sich mit weißen religiösen Inhalten und musikalischen Ausdrucksformen und es entstanden sowohl religiöse Gospels, als auch die Blues- und Workingsongs. Und die Weißen adaptierten die Gospels mit der Folge, dass dasselbe Liedgut sowohl in schwarzen, als auch in weißen Kirchengemeinden gesungen wird. Und während die schwarzen Unterhaltungsmusiker nach der Sklaverei sowohl die weiße Hillbilly-Musik als auch den schwarzen Blues sangen, entstand aus der Zusammenführung beider die Countrymusik, die zwar als „Blues des weißen Mannes“ gilt, aber ihre schwarzen Wurzeln hat, die viel zu oft übersehen werden.

Von „Run, Nigger, Run“ bis „Freedom Highway“
In der Musik der Schwarzen war Rassismus und Gewalt natürlich seit jeher Thema. Eines der bekanntesten frühen Beispiel aus der amerikanischen Folkmusik ist der Song „Run, Nigger, Run“, der Mitte des 19. Jahrhunderts erstmals dokumentiert ist und von der Flucht vor den weißen „Slave Patrols“ handelt. Als die ländliche Musik des Südens in den 1920er Jahren erstmals auf Platten aufgenommen wurde, waren es eine ganze Reihe von weißen Interpreten, die dieses Lied sangen, wie Uncle Dave Macon (1925) oder Gid Tanner and the Skillet Lickers (1927). Längst hatte sich der schwarze Song ins kollektive Gedächtnis auch der weißen Südstaatler eingebrannt.

„They sellin‘ Postcards of The Hangin'“ singt Bob Dylan in seinem epischen „Desolation Row“. Was auf den ersten Blick als eine treffende böse Metapher auf den amerikanischen Verkaufsgeist daherkommt, ist in Wirklichkeit eine Reminiszenz an einen rassistischen Lynchmord in Dylans Geburtsstadt Duluth in den 1920er Jahren. Was im nördlichen Bundesstaat Minnesota eher die Ausnahme darstellte, war in den Südstaaten bis in die jüngere Vergangenheit Gang und Gebe und hat in die Populärkultur Einzug gehalten. Wir begegnen ihm beispielsweise als Versuch in Harper Lees „Wer die Nachtigall stört“.

Das abgründigste und berührendste Lied über die Lynchmorde an Schwarzen ist sicher „Strange Fruit“. Der Song wurde 1939 durch Billie Holiday weltweit bekannt. Das von Abel Meeropol komponierte und getextete Lied ist eine der stärksten künstlerischen Aussagen gegen Lynchmorde in den Südstaaten der USA. „Strange Fruit“ wurde zu einer Metapher für Lynchmorde. Eine ganze Reihe von schwarzen und weißen Musikern haben es gesungen: Josh White, Pete Seeger oder Nina Simone. Letztere hat zudem einen eigenen Song als Anklage des Rassismus in den Südstaaten legendär werden lassen: Mississippi Goddam von 1964 war ihre Antwort auf die Ermordung des schwarzen Bürgerrechtlers Medgar Evers und dem Bombenanschlag auf eine schwarze Baptistenkirche in Birmingham, Alabama.

Die weiße Jugend entdeckt das Leiden der Schwarzen
Auch in der Bürgerrechtsbewegung befruchteten sich das weiße und das schwarze Amerika. Die junge weiße Generation empfand sich Ende der 1950er/Anfang der 1960er als gegängelte Jugend, die noch dazu die Welt wegen des Ost-West-Konflikts in Kriegsgefahr sah. Man adaptierte die schwarze Leidensgeschichte und deren kulturelle Ausdrucksform für die eigene Zwecke des Aufbegehrens gegen die Elterngeneration. Man fand den Blues und sang im Folk gegen Rassismus und Gewalt. Gerade der junge Bob Dylan hatte eine ganze Reihe von antirassistischen Songs im Repertoire: „Only A Pawn In Their Game“, The Death Of Emmett Till, „The Lonesome Death Of Hattie Caroll“ oder auch „Oxford Town“.

Der schwarze Blues verarbeitete zwar die tägliche Diskriminierung in seinen Texten, aber Songs mit eindeutig politischer Dimension wie der von Billie Holiday waren bis Mitte des letzten Jahrhunderts eher selten. Genauso selten wie in der weißen Folkmusik vor Woody Guthrie. J.B. Lenoir bildete mit eindeutigen Songs wie „Alabama Blues“, „Down in Mississippi“ und „Vietnam Blues“ hier eher die Ausnahme. Erst die Bürgerrechtsbewegung änderte das. 1965 schrieb Pops Staples für seine Staples Singers als Reaktion auf den Marsch von Selma nach Montgomery den Song „Freedom Highway“.

Selbstredend war die die Problematisierung von Rassismus kein Thema in der weißen Countrymusik. Man sang einfach nicht darüber. Schwarze Countrymusiker wie Charley Pride und Darius Rucker bleiben die Ausnahmen, hatten und haben aber immer wieder mit rassistischen Ausfällen von Teilen des Publikums zu rechnen. Und das, obwohl Lichtgestalten der Countrymusik, wie A.P. Carter, Hank Williams oder Bill Monroe, ohne ihre schwarzen Helfer oder Lehrer gar nicht vorstellbar wären. Ausgerechnet jedoch der Ende der 1960er Jahre als Sänger der Rednecks verschriene Merle Haggard war es, der das Thema Rassismus erstmals in einem Countrysong aufgriff. „Irma Jackson“ über die Liebe zwischen einem weißen Mann und einer schwarzen Frau wollte er als Single-Nachfolger für seinen als Anti-Hippie-Spottlied verstandenen 1969er Hitsong „I’m An Okie From Muskogee“ veröffentlichen. Doch seine Plattenfirma Capitol Records ließ das nicht zu.

Immer und immer wieder Thema
Bob Dylan indes sollte auch nach Ende seiner kurzen Protestsongphase das Thema immer wieder einmal aufgreifen. So setzte er 1970 mit „George Jackson“, einem ermordeten Black Panter-Führer ebenso ein Denkmal wie 1975 mit „Hurricane“ dem schwarzen Boxer Rubin Carter, der ein Opfer der amerikanischen Rassenjustiz wurde.

Vier aktuelle Beispiele für die Thematisierung von Rassismus und rassistischer Gewalt seien hier genannt. Heartland-Rocker John Mellencamp hat auf seinem neuen Album den Song „Easy Target“ aufgenommen, der rassistische Gewalt thematisiert und die großartige Rhiannon Giddens hat nicht nur ihr jüngstes Album „Freedom Highway“ genannt und hat damit den Pops Staples-Song angemessen ins heute verfrachtet, sondern ihr Longplayer enthält mit „At The Purchaser’s Option“ auch einen der eindringlichsten Songs über die menschlichen Tragödien als Folgen des Sklavenhandels, der je geschrieben worden ist. Alynda Lee Segarra wiederum kehrt mit ihrem Bandprojekt „Hurray For The Riff Raff“ zu ihren hispanischen Wurzeln zurück und begehrt auf „The Navigator“ gegen Gentrifizierung, Homophobie und Rassismus auf. Und jüngstes Beispiel ist der Song „White Man’s World“ von Südstaaten-Roots-Rocker Jason Isbell, der überhaupt auf seinem neuen Album „The Nashville Sound“ einen scharfen Blick auf die verstörenden Entwicklungen in den USA hat.

Die amerikanische Musikszene hat seit der Wahl Trumps eine Hinwendung zu gesellschaftlichen und politischen Themen vollzogen. Man darf gespannt sein, wie sich Amerika und seine Roots Music angesichts der problematischen Herausforderung durch die Trump/ Bannon-Clique, deren jüngster Affront die Kündigung des Pariser Klimaschutzabkommens war, in nächster Zeit entwickeln werden.

Mit unbändiger Spielfreude unterwegs auf dem „Freedom Highway“

26. März 2017

Schiere Spielfreude: Rhiannon Giddens in Amsterdam 2017, Photo Credit: Thomas Waldherr


Warum ein musikalisch vielseitiger Americana-Abend mit Rhiannon Giddens auch ein politisches Statement ist/ Rhiannon Giddens präsentiert sich als lockere und temperamentvolle Teamplayerin

Programmatische politische Statements, wie sie sie im Umfeld der Veröffentlichung ihres neuen Album „Freedom Highway“ getroffen, und noch am Tag des Konzerts in Amsterdam am vergangenen Samstag in der Mittagszeit beim einem Kurzauftritt im Musikhaus Concerto geäußert hatte – „nach der Wahl haben wir das Album „Freedom Highway“ genannt“ – unterließ Rhiannon Giddens in der ausverkauften Amstelkerk. Und dennoch: die Songauswahl – Erzählungen über Schicksale von Schwarzen in der Sklavenzeit („Julie“, „Purchasers Options“), Erinnerungen an die rassistische Gewalt in den 1960ern („Birmingham Sunday“) – und die erklärenden Hinführungen zu den Songs sowie die musikalische Breite des Programms – es erklangen Folk, Blues, Country, Gospel und sogar Cajun-Musik – waren eine klare Aussage: Wir alle sind Amerika, wie lassen uns von dieser US-Regierung nicht spalten. In den 1960er und frühen 1970er Jahren, als Bürgerrechtsbewegung, Studentenunruhen und die Auseinandersetzungen um den Vietnamkrieg die Nation polarisierten, war es Johny Cash, der versuchte die Gräben zu überwinden. Heute übernimmt diese Rolle das Americana-Genre und in ihm seine derzeit bedeutendste weibliche Frauenstimme ein – Rhiannon Giddens.

Und die verstand es an diesem Abend wieder einmal das Publikum von Anfang an mitzureißen. Das war Anfang letzten Jahres genauso. Doch war es diesmal eine ganz andere Art von Performance. War das Konzert 2016 ganz auf die Frontfrau zugeschnitten und gab diese eine mitreißende, aber sehr strenge, durchgeplante Performance ab, so konnten die Zuhörer am Samstagabend eine vor Spielfreude und Lust aufs gemeinsame Musizieren mit ihren Kumpanen schier berstende Rhiannon Giddens erleben, die man selten so locker erlebt hat.

Ob es die Anwesenheit von Dirk Powell, ihrem Co-Produzenten von „Freedom Highway“ war – einem mit allen Wassern gewaschenen Multiinstrumentalisten, der mit seiner Präsenz der Frontfrau Halt und die notwendigen Spielräume gab, kann nur vermutet werden, vielleicht hat sich aber auch in der jetzigen Konstellation – neben Powell waren wieder Hubby Jenkins (Gitarre, Banjo, Mandoline) Jason Sypher (Bass) und Jamie Dick (Drums) mit dabei – einfach auch die ideale Band gefunden.

Ein sichtbarer Ausdruck von Rhiannons neuer Lockerheit war, dass es kein spezielles Bühnen-Outfit gab. Mit denselben Alltagsklamotten mit denen sie am Nachmittag gutgelaunt mit der Band an den Grachten entlangschlenderte, stürzte sie sich Hals über Kopf in ein fantastisches, berauschendes Konzert. Ihre faszinierenden Vorträge von Songs wie „Waterboy“, „Spanish Mary“ (vertont nach Lyrics von Bob Dylan), dem Patsy Cline-Hit „She’s Got You“ oder Sister Roseta Tharpes „Music In The Air“ steigert sie oftmals in stakkatohaften Scat-Gesang oder dramatische Lautstärke und Entschlossenheit und erzählt und lebt dabei voller Hingabe in Mimik und Gestik ihre Songs richtig aus.

Ein weiteres Zeugnis, dass Rhiannon Giddens 2017 scheinbar endlich mit sich und in ihrer Musik vollauf zufrieden ist – wir erinnern uns an den Film zu den „New Basement Tapes“, als sie voller Selbstzweifel T Bone Burnett als freundlichen Ratgeber brauchte, um zu ihrer Version der Songs zu finden – war ihre große Fröhlichkeit, die alles andere als routiniert gespielt war. Die Kommunikation mit dem Publikum war herzlich und spontan und auch nach dem Konzert nahm sie sich Zeit für Gespräche mit den Fans.

Rhiannon Giddens: Eine Ausnahmeerscheinung, die noch weiter reifen kann, Photo Credit: Thomas Waldherr

Und wieder einmal fällt uns ein, wie großartig es ist, über Jahre verfolgen zu können, wie ein Künstler oder eine Künstlerin sich entwickelt, reift, eine Form findet und dann wieder verändert. Rhiannon Giddens ist jetzt schon großartig, eine Ausnahmeerscheinung und starke Stimme des „anderen Amerika“. Aber sie ist auch jung genug, um noch tiefer und noch reifer zu werden.

Bob Dylan, die Globalisierung und die amerikanische Arbeiterklasse

8. Februar 2017

union-sundown Bob Dylans Phase als Sänger von tagespolitischen Protestsongs endete bereits 1964. In der Folge blieb er gesellschaftspolitisch keineswegs harmlos, schließlich arbeitete er sich auch weiterhin an Autoritäten und Ausbeutung („Maggies Farm“ 1965) und dem Leben jenseits der normierten Gesellschaft („Subterranean Homesick Blues“ 1965) ab, oder fragte gar adornitisch nach einem Ausweg aus Kapitalismus und verwalteter Welt („All Along The Watchtower“ 1968).

Unterschätzt und unverstanden in breiten Teilen seines Publikums, den früheren Protestgenerationen, die ab den 1980er Jahren als Träger der neuen sozialen Bewegungen so langsam aber sicher ihren Frieden mit dem neoliberalen US-Kapitalismus gemacht hatten, und dann zum liberalen Establishment wurden, ist bis heute seine immer wieder kehrende Kritik am globalen Kapitalismus sowie seine Erinnerung und Mahnung an die Lebensverhältnisse der amerikanischen Arbeiterklasse im heutigen Rust Belt und dem Fly Over-Country des Mittleren Westens und Südens.

„The Country I Come From Is Called The Midwest“
Dylan stammt nicht von den liberalen Küsten, sondern ist im Mittleren Westen, in der Iron Range Minnesotas, groß geworden. Einem Landstrich, der vom Eisenerzabbau unter Tage lebt. Der junge Robert Zimmerman gehört zwar als Abkömmling einer jüdischen Mittelstandsfamilie sozial und kulturell nicht der dortigen Mehrheit aus Nachfahren von skandinavischen, tschechischen oder katholisch-polnischen Einwanderern an. Aber Mitgliedern seiner Familie gehörten ein Elekro-Fachgeschäft und das örtliche Kino in Hibbing. Sie wussten, wenn es den Bergarbeitern gut geht, dann geht es auch ihnen gut. Da er noch dazu als doppelter Außenseiter sich in der falschen Familie fühlte, und mit Country- und Rock’n’Roll sich für die Musik des armen ländlichen Südens begeisterte, baute Robert Zimmerman schon früh eine Empathie für die einfachen Menschen auf, die ja schließlich geradewegs zur Begeisterung für Woody Guthrie und dessen Lebensstil als Hobo führte.

„The Ballad Of Hollis Brown“ (1963)
Dylan schrieb mit „Blowin‘ In The Wind“, „A Hard Rain’s A-Gonna Fall“ sowie „The Lonesome Death Of Hattie Caroll“ Klassiker der US-amerikanischen Anti-Kriegs- und Bürgerrechtsbewegung. Doch daneben steht ein Song, der sich mit einer anderen Variante der amerikanischen Widersprüche beschäftigt. „The Ballad Of Hollis Brown“ erzählt die Geschichte einer armen Farmerfamilie aus South Dakota. Aus Armut und Verzweiflung löscht der Vater die gesamte Familie mit einem Gewehr aus. Ein Song, geschrieben zwischen „New Deal“ und „Great Society“, erzählt eigentlich eine Geschichte aus der großen Depression. Doch sie ist zeitlos wie Greil Marcus in seinem kleinen, feinen Büchlein „Three Songs/Three Singers/Three Nations“ feststellt. Und angesichts von Armut, Elend und Drogentragödie des Mittelwestens heutzutage aktueller denn je.

„The Farm Aid-Speech“ (1985)
Dylan hat diesen Song auch bei einem denkwürdigen und umstrittenen Auftritt 1985 gespielt. Denn als er am 13. Juli 1985 mit Keith Richards und Ron Wood beim Live Aid-Konzert auftrat, da legte er nicht nur einen seiner desaströsesten Live-Gigs seiner Karriere hin, sondern verärgerte auch viele und insbesondere Chef-Organisator Bob Geldof mit seiner Ansage, nachdem er „The Ballad Of Hollis Brown“ gespielt hatte. Dylan sagte: „I hope that some of the money that’s raised for the people in Africa, maybe they could just take a little bit of it, maybe … one or two million … to pay the mortgages on some of the farms.“ Geldof nannte diese Ansage „Krass, dumm und nationalistisch“ und nahm damit schon die spätere Verachtung und Ignoranz der Liberalen für die Menschen des amerikanischen Heartlands vorweg. Doch Willie Nelson, Neil Young und John Mellencamp nutzten die Steilvorlage Dylans für den Farmer-Charity-Event „Farm Aid“, bei dessen Premiere dann auch Bob Dylan auftrat. Sie alle hatten noch die Empathie für die einfachen Menschen und sie spürten, dass der Hunger in der Welt und die Nöte der amerikanischen Farmer dieselben Ursachen in der Macht der Banken und des globalen Kapitalismus haben. 1993 kamen dann Nelson und Dylan mit dem Song „Heartland“ auf das Thema der Not leidenden Farmer zurück.

„Union Sundown“ (1983)
Doch Dylans Engagement für die einfachen arbeitenden Menschen in Amerika, das so gar nicht zu der inhaltlosen Rock-Show passen sollte, die als Geldsammelmaschine agierte, ohne einen Zipfel der politischen Zusammenhänge des globalen Kapitalismus herzustellen, kam nicht von ungefähr. Bereits 1983 auf „Infidels“ dem Album, das seine Rückkehr aus dem christlichen Fundamentalismus in die wirkliche Welt markierte, legte er in „Union Sundown“ eine musikalische Standortbestimmung des US-Kapitalismus zwischen Globalisierung und Niedergang der Gewerkschaften vor. Zwar kann man auch Anwandlungen von Protektionismus herauslesen, aber gleichzeitig weiß er auch um die Lage der Menschen, die in den Billiglohnländern mit den neuen Jobs ums Überleben kämpfen: „All the furniture, it says ‚Made in Brazil‘, Where a woman, she slaved for sure, Bringin’ home thirty cents a day to a family of twelve, You know, that’s a lot of money to her“, singt er in Union Sundown.

Und genau in dieser globalen Empathie über Ländergrenzen hinweg, unterscheidet er sich von reaktionären und nationalistischen Countrysängern wie den „Trump-Barden“ Lee Greenwood und Toby Keith. Denn Dylan hat das Wesen des internationalen Kapitalismus in seiner oligarchischen und antidemokratischen Ausprägung verstanden. Mehr als dreißig Jahre vor dem amerikanischen politischen Erdbeben rund um Donald Trump schrieb er in „Union Sundown“ über den Niedergang der Arbeiterklasse und der Gewerkschaften in den USA und sezierte fein die politische Realität: „Democracy don’t rule the world…This world is rules by violence“ und „Was made in the USA sure was a good idea, til greed got in the way.“

„Workingman’s Blues #2“bob_dylan-political_world_s_1
Mehr als 20 Jahre später nimmt Dylan wieder zur Situation des amerikanischen Arbeiterklasse Stellung. Und zwar in seinem „Workingmans Blues #2“ vom Album „Modern Times aus dem Jahre 2006. In direkter Anspielung auf Merle Haggards Countrysong „Workingmans Blues“ erzählt er eine ganz andere Geschichte als der Countrysänger in den 60er Jahren. Konnte Haggards Workingman noch stolz darauf sein, arbeiten zu können und keine Sozialhilfe in Anspruch zu nehmen, bekommt Dylans Protagonist angesichts von Globalisierung und Konkurrenzdruck keine Arbeit mehr bzw. wenn, dann zu Dumping-Löhnen, von denen er nicht leben kann. Er lebt in tiefer Armut. Hier zeigt sich, dass bei Dylan die konkrete Zeit, in der die Songs spielen völlig nebensächlich wird: „Time Out Of Mind“, wie seine Platte 1997 hieß. Denn die Armut, die da geschildert wird, ist mit modernem ökonomischem Vokabular begründet, aber mit uralten Bluespoesie aus der Zeit der großen Depression beschrieben. Gleichzeitig träumt sich der Protagonist aus seiner Ausweglosigkeit in eine Art romantischer Wild West-Szenerie und in Seefahrer-Phantasien. Die Worte letzterer Phantasie sind nichts geringerem als Ovids Werken „Tristia“ und „Epistulae ex Ponto“ entlehnt. Dylan entlehnt sich die Werke des klassischen Altertums, die ja zum sinnstiftenden Bildungskanon des Bürgertums gehören, um die Armut zu beschreiben, die die bürgerliche Gesellschaft kraft ihrer Wirtschaftsweise weltweit schafft.

Am Ende wird dieser „Workingman“ tot sein. Schaurig, aber unaufhaltsam. Und Dylans Song wird zu einer Totenklage eines Sterbenden, in der sich Blues und Ovid, Karl Marx und Country treffen. Dylans Collagentechnik ist verblüffend, belesen und intellektuell ausgereift, aber nie zufällig willkürlich, wie es Heinrich Detering so kongenial in seiner Analyse des Spätwerks darstellt.

The Chrysler Superbowl TV-Commercial
Auch Dylans Werbefilm zum Superbowl 2014 wurde naserümpfend betrachtet. Natürlich wird ihm ewig schon vorgehalten, überhaupt Werbung zu machen. Und dann auch noch für eine Automarke. Und so nationalistisch!

Doch gerade in diesem Werbefilm, der eine Mischung aus Americana-Video, USA-Werbefilm, Dylan-Referenzen und 40er Jahre-Ambiente ist, zeigt sich wie stark Dylan kulturell und gesellschaftspolitisch vom „New Deal“ geprägt ist, wie schon Sean Wilentz in seinem Buch „Dylans Amerika“ herausgearbeitet hat. Dylans gesellschaftliche Koalition ist immer noch die „New Deal-Koalition von gewerkschaftlich organisierten Industriearbeitern, Afroamerikanern und städtischen Mittelschichten“ (Nancy Fraser, „Für eine Neue Linke!“, in: Blätter für deutsche und internationale Politik, 2/2017). Und so erklärt sich auch die gewisse Distanz zu Teilen der Protestgeneration der 1960er wie den Hippies, deren Subkultur vor allem als alternativer Lebensentwurf für die Söhne und Töchter der großbürgerlichen Eliten zu verstehen ist.

Dylan hat eine Empathie für die darbenden Autobauer und den heruntergekommenen Städten des „Rust Belt“ wie beispielsweise Detroit, denen er ihren Stolz wiedergeben will. Sicher bietet der Spot keine scharfe Analyse, und man fragt sich ob Dylan eigentlich wusste oder ob es ihm egal war, das Chrysler mittlerweile eine hundertprozentige Tochter des italienischen Fiat-Konzerns ist. Aber, und das ist Dylan wichtig, Chrysler produziert seine Fahrzeuge der traditionsträchtigen und klangvollen US-Automarken Chrysler, Dodge und Jeep weiterhin an einigen Standorten in den USA.

„We Live In A Political World“
Dylans Kritik am globalen Kapitalismus ist alles andere als kohärent oder differenziert. Er ist Künstler, kein Ökonom oder Politiker. Im Gegenteil, gern hat er in seinem Werk immer wieder mal derbe gegen Politiker ausgeteilt. Ob in „Political World“ von 1990 oder in „It’s All Good“ 2009. Die direkten Kontakte zur Politik lassen sich an einer Hand abzählen. Jimmy Carter nannte ihn seinen Freund, bei Bill Clintons erster Inauguration spielte er noch, dann war er weder bei ihm noch bei Obama bei der Amtseinführung zu sehen. Der lud ihn zwar mehrmals – mal zur Preisverleihung, mal zum musikalischen Auftritt- ins Weiße Haus ein. Doch öffentlich mochte er Obama im Gegensatz zu anderen Musikern nicht lauthals unterstützen. Er sah wohl in ihm nicht denjenigen, der die US-Gesellschaft und die Welt. grundlegend verändern und verbessern konnte. Auch hier zeigte sich Dylans Selbstverortung im alten New Deal und nicht in der auch für Obama weiterhin konstitutionellen Clinton-Koalition aus „Unternehmern, Vorortbewohnern, neuen sozialen Bewegungen und jungen Leuten“ (Nancy Fraser). Dylan widerstand dem Obama-Hype. Der nun nach der Trump-Tragödie ohnehin nur eine finale Episode zu Ende des progressiven Neoliberalismus gewesen zu sein scheint. Eine neue amerikanische Linke muss ein neues Bündnis mit den Globalisierungsverlierern zu Hause und in aller Welt schmieden.

Dass es in Bob Dylans gewaltigem Oeuvre immer wieder gewichtige Fundstellen gibt, die belegen, dass er die Grundprinzipien der Globalisierung verstanden hat, sie kritisiert und Partei für die Verlierer dieser Entwicklung ergreift, zeigt einmal mehr Dylans Bedeutung als Künstler, der sich mit den universellen Menschheitsfragen auseinandersetzt.

Dylan stand und steht nie auf der Seite der Mächtigen. Nicht umsonst ist er aus der bürgerlichen Idylle seines Elternhauses ausgebrochen, um Woody Guthrie, die Stimme des anderen Amerikas zu treffen. Auch einer, der noch Kontakt zu den einfachen, hart arbeitenden Menschen hatte. Dass das linksliberale Amerika der Küsten diesen Kontakt verloren hat, ist eine große Tragödie. Und Bob Dylan ist daher auch so etwas wie das permanente schlechte Gewissen dieser Generation, die seit Bill Clinton das liberale Amerika geführt hat.

Elvis & Nixon, Johnny & Tricky Dicky, Bobby & Jimmy

27. Dezember 2016

Seltsame Duos der amerikanischen Musikgeschichte

elvis-pic-2Ich muss es zugeben, Elvis war nie mein Mann. Als ich begann, bewusst Musik zu hören, da entdeckte ich das coole und rebellische in einem Dylan, der „Hurricane“ sang und zu diesem Zeitpunkt 35 Jahre alt war. Seine Performance, sein Vortrag war voller Spannung, ein einziges Versprechen des Nonkonformismus. Was ich von Elvis damals sah, war ein sehr dicker Typ im peinlichen Glitzeranzug. Und zig Imitatoren. Echt peinlich.
Erst später habe ich gelernt, ihn zu respektieren. Als wichtige Figur für den Rock’n’Roll. Dabei war er nicht mehr und nicht weniger als der von Sam Philipps lang ersehnte weiße Junge, der den schwarzen Rhythm & Blues zum Rock’n’Roll für die weiße Käuferschicht machen konnte. Wirklich erfunden hatten den Rock’n’Roll schwarze Musiker wie Sister Rosetta Tharpe oder Chuck Berry. Und der genialste weiße Rock’n’Roller, der das rebellische, widerspenstige auch wirklich lebte, war und ist Jerry Lee Lewis. Als wir dann das erste Mal im Süden unterwegs waren, haben wir uns Elvis‘ Geburtshaus in Tupelo angeschaut, uns Graceland aber gespart.

Dennoch bin ich in den Film „Elvis und Nixon“ gegangen. Weil ich mir durchaus ein paar interessante popkulturelle Dialoge zwischen den Protagonisten erhoffte. Doch was kam wer leider zu wenig, der Film blieb unter den Möglichkeiten des vorgegebenen Themas. Daher hier von mir ein paar Anmerkungen zu diesem Film über diese ungewöhnliche Begegnung im Jahr 1970 und weiteren Interaktionen zwischen US-Präsidenten und Musikstars.

Presley schmeißt sich mit Antikommunismus ran
Klar, Nixon (Jahrgang 1913), konnte mit Elvis (Jahrgang 1935) nicht viel anfangen. Neben dem Alter und dem Rock’n’Roll trennte die beiden auch sonst viel. Während Nixon Sohn kalifornischer Quäker war, die Tanzen und Spielen ablehnten, war Elvis Südstaatler und von der Assembly of God Church geprägt, einer Pfingstler-Sekte, in der Musik und ekstatische Performance im Gottesdienst eine wichtige Rolle spielten. Einige frühe Rock’n’Roller, so auch Jerry Lee Lewis, waren Pfingstler. Nixon war ein durch und durch rationaler Politiker, ein Vertreter der alten republikanischen Partei, Presley dagegen vom irrationalen Moment des Sektenglaubens des armen Südens geprägt. Sehr viel konnten sie nicht miteinander anfangen. Die Wandlung der Republikaner zu Mehrheitspartei im Süden war erst am Anfang. Noch war sie die Partei des reichen Nordens und der Küsten. Doch Nixon war klar, dass ein Foto mit Elvis ein guter PR-Gag für ihn sein würde. Nixon ging also taktisch mit Elvis um.

Der wiederum wollte wiederum auch seinen persönlichen Vorteil aus dem Treffen ziehen. Er wollte ein Abzeichen des „Büros für Narkotika und gefährliche Drogen“. Während er seine Bitte an Nixon in einem Schreiben mit allerlei reaktionärer Paranoia gegen Hippies, Black Panther und Gegenkultur sowie einem Waffengeschenk würzte, ging es ihm im Grunde nur darum, so seine Witwe Priscilla, mit dem Abzeichen die ultimative Macht zu bekommen, ganz legal in jedem Land Waffen zu tragen und alle Drogen zu nehmen, die er wollte. Wow, ganz schön abgedreht, der „King Of Rock’n’Roll“. Das ganze Thema hätte der Film aber weitaus tiefer, rasanter und virtuoser ausspielen können. Schade.

Cash kontert mit Protestsongs
Von ganz anderem Kaliber – guter Übergang! – war dagegen Johnny Cash. Der hatte bei seinem Treffen mit Richard Nixon im Juli 1972 ein klares inhaltliches Anliegen. Es ging um eine Reform des Justizvollzuges und da war für Cash, der selber schon damit in Berührung gekommen war und natürlich bekannt war für seine Gefängniskonzerte in Folsom Prison und San Quentin, die Humanisierung der Haftbedingungen ein wichtiges Thema. Doch das Treffen verlief anders als gedacht. Nixon wünschte sich zu Beginn des Gesprächs von Cash zwei Songs. Allerdings nicht dessen eigene, sondern zwei wahre Hymnen der Konservativen: Merle Haggards „Okie from Muskogee“ und Guy Drakes „Welfare Cadillac“. Songs gegen die Hippies und gegen die Integrität von Sozialhilfeempfängern.
Doch Cash verweigerte die Songs, er kenne sie nicht, er wolle lieber seine eigenen Songs spielen. Soweit so gut, doch wer jetzt „I Walk The Line“ oder „Ring Of Fire“ erwartet hatte, der täuschte sich. Denn Cash spielte drei eigene Protestsongs: „What Is Truth?“, „Man In Black“ und „The Ballad Of Ira Hayes“. Songs mit Sympathie für die kritische Jugend, Songs gegen den Krieg und für die Armen, Songs für die Indianer. US-Präsident „Tricky Dicky“ Nixon hatte im Baptistensohn aus Arkansas seinen Meister gefunden. Nixon war sichtlich angefressen und der Rest war ein höflicher Austausch von Standpunkten.

Dylan geht auf Distanz
Während sich also Elvis an Nixon alleine wegen niedriger Beweggründe ranschmiss, und Cash ganz ernsthaft mit einem Anliegen und einer klaren Haltung dem Präsidenten gegenüber saß, so ist es typisch Dylan, dass er nie von sich aus das Treffen mit einem US-Präsidenten suchte. 1974 war es Jimmy Carter, damals noch Gouverneur von Georgia, der auf Dylans Comeback-Tour den Kontakt suchte, ihn und den Tournee-Tross zu sich nach Hause einlud, und fortan von seinem „guten Freund“ Bob Dylan sprach. Erst langsam kam die Gegenkultur beim Polit-Establishment an. Zumindest bei dem der Demokraten. Denn so blieb es dem nächsten Demokraten im Weißen Haus, dem ersten Baby-Boomer-Präsidenten, George Clinton, vorbehalten, Bob Dylan bei seiner Inaugurationsfeier spielen hören zu können und zu einer Ordensverleihung einzuladen. Doch Dylan leistete hier nicht mehr als Dienst nach Vorschrift. Keine gemeinsamen Statements, nur Spurenelemente von Small Talk.

Auch vom Obama-Hype ließ sich Dylan nicht von seiner distanzierten Umgang mit den Politgrößen abbringen. Im Gegenteil, er weigerte sich in Interviews hartnäckig Obama überschwänglich zu loben und legte den Schwerpunkt eher darauf, etwas verklausuliert, die wirkliche Macht der Präsidenten in Frage zu stellen. Dennoch sagte er Obamas deutlichen Sieg 2012 in einem Konzert voraus, spielte bei einem Konzert im Weißen Haus Protestsong-Klassiker und ließ sich auch von Obama einen Orden umhängen. Einen kurzen Diener und ein freundliches Schulterklopfen – mehr hatte er allerdings auch da nicht für Obama übrig.

Keiner will zu Donald Trump
Im Übrigen bekommt der 45. Präsident der vereinigten Staaten, Donald Trump, wenigstens die Musiker, die er wirklich verdient. Hatte er allen Ernstes Bruce Springsteen für seine Inauguriation angefragt und sich natürlich einen Korb geholt, so kristallisieren sich als Top Acts auf der Trump-Sause der Tabernakelchor der Mormonen und die Sängerin und Castingshow-Teilnehmerin, Jackie Evancho, heraus. Scheinbar wollen sich noch nicht mal seine Unterstützer Kid Rock und Ted Nugent sehen lassen.

Schade nur, dass dies nichts über die wirklichen Zuspruch von Trumps Politik in der Bevölkerung und seine Erfolgsaussichten als Präsident aussagt. Schließlich hat das Staraufgebot in Clintons Wahlkampf ihr auch nichts genutzt.

Love Songs For The Other America

4. Dezember 2016

Americana-Konzert mit großem Line-Up gegen Hass, Rassismus und soziale Spaltung in den USA und anderswo im Darmstädter TIP

Am Donnerstag, 19. Januar findet im Rahmen der Reihe „Americana im Pädagog“ ein ganz besonderes Konzert statt. Am Vorabend der Amtseinführung des 45. US-Präsidenten Donald Trump spielen Americana-Künstler wie Biber Herrmann, Markus Rill, Wolf Schubert-K. und Candyjane“ Lovesongs For The Other America“, Lieder des „anderen Amerika“, gegen Hass, Rassismus, soziale Spaltung und Gewalt.

„Der Trump-Sieg in den USA hat uns alle geschockt. Die Parallelen zu Deutschland und Europa sind nicht zu leugnen, der Hass gegen alles Fremde, nicht der Konformität zugehörigen, setzt sich über Grenzen hinweg. Die Gründe hierfür liegen jedoch woanders. Die Schere zwischen Arm und Reich muss geschlossen werden, die Globalisierungsverlierer und Abgehängten müssen wieder eine soziale Perspektive bekommen Politisch kann das Signal nur heißen, dass man die offene Gesellschaft verteidigt, in dem man sie endlich wieder sozial macht. Uns als Freunde der amerikanischen Musikkultur hat der Trump-Sieg natürlich umso mehr geschockt, weil der kommende 45. Präsident der USA all das ablehnt, was wir in den USA als das „andere Amerika“ stets besonders geschätzt haben“, erklären Thomas Waldherr und Wolf Schubert-K., die die Idee zu dieser Veranstaltung hatten, und sie mit Unterstützung von Klaus Lavies vom „Theater im Pädagog“ organisiert haben.

„An diesem Abend spielen wir die Songs der Bürgerrechtsbewegung und der Gewerkschaften, der LGBT-und Grassroots-Bewegungen: die Musik von Woody Guthrie, Pete Seeger, Joan Baez, Bob Dylan, Bruce Springsteen, Patti Smith, Tom Morello, Ani DiFranco oder Hurray For The Riff Raff. Zudem wollen wir aus Werken von Allen Ginsberg oder John Steinbeck lesen oder Martin Luther King und Franklin D. Roosevelt zitieren“, erläutern Waldherr und Schubert-K. das Konzept des Abends.
Mit dabei sind: Biber Herrmann, Markus Rill, Wolf Schubert-K., Candyjane, die DoubleDylans, Dan Dietrich, Vanessa Novak, Sue Ferrers & Steffen Huther, Klein & Glücklich, Jen Plater sowie als Moderator Thomas Waldherr.

Die Veranstaltung im Theater im Pädagog beginnt um 20 Uhr, der Eintritt beträgt 15 Euro. Karten können im Vorverkauf online unter http://www.paedagogtheater.de erworben werden. Vorbestellungen sind unter 06151 – 66 01 306 telefonisch und unter theaterimpaedagog@gmx.de per E-Mail möglich.

Billy Bragg & Joe Henry: Shine A Light

4. November 2016

bragg-henryDie Eisenbahn – „The Railroad“ – ist eine der großen amerikanischen Mythen. Sie verband das große, weite Land ab Mitte des 19. Jahrhunderts von Nord nach Süd, von Ost nach West. Die Arbeiter, die sie bauten wurden zur Legende. So wie der Schwarze John Henry, der an der Wette starb, schneller zu sein, als die neuen dampfgetriebenen Hämmer. Die Züge, mit den klingenden Namen „Wabash Cannonball“, „City Of New Orleans“ oder „Texas Eagle“, wurden ebenfalls legendär und oft besungen. Und untrennbar mit dieser Mythologie verbunden sind natürlich die wandernden Tagelöhner, die auf den Güterzügen fuhren, die Hobos.

Heutzutage spielt die Eisenbahn im amerikanischen Verkehrswesen nur noch eine Nebenrolle. Die Güter werden mit den Trucks von A nach B transportiert, die Menschen sitzen in den Autos oder nehmen das Flugzeug. Der britische Folksänger Billy Bragg hat sich nun zusammen mit seinem amerikanischen Kollegen Joe Henry auf eine besondere Reise zu diesem Mythos aufgemacht. Denn seit jeher ist der Railroad-Mythos auch fester Bestsandteil der amerikanischen Folkmusik. Ob Woody Guthrie, Johnny Cash oder Bob Dylan, für sie alle war die Eisenbahn stets eine Quelle der Inspiration.

Vier Tage waren Bragg und Henry im „Texas Eagle“ von Chicago nach Los Angeles unterwegs. Bei jedem Stopp schnappten sich die beiden ihre Gitarren und ihre Aufnahmegeräte und spielten die Songs neben den Gleisen und in Wartesälen ein. So entstanden atmosphärisch dichte und ganz besondere Field Recordings. Und selbstverständlich sind alle aufgenommene Stücke Klassiker der Eisenbahn-Songs. „Rock Island Line“ ist ebenso dabei wie „The Midnight Special“, „Lonesome Whistle“ und natürlich „John Henry“. Und so ist diese Platte dann nicht nur ein Tribute an die amerikanische Eisenbahn, sondern auch an die, die ihr ein Lied gesungen haben: hier Jimmie Rodgers, Hank Williams, Lead Belly oder Glen Campbell.

Es ist ein kleines feines Werk, dieses Album von Billy Bragg und Joe Henry. Ein kleines Americana-Kabinettstück über eine längst vergangene Zeit, die sich in Erinnerung zu rufen lohnt. Und das nicht nur wegen der Songs.

Und hier die Videos zum Album auf YouTube.com:

Greil Marcus: Amerika in drei Liedern

2. Oktober 2016

greil-marcus-drei-liederIch gebe es zu: Meine Vorbilder in Sachen Musikjournalismus waren der leider schon verstorbene Paul Williams, wegen dessen parteischer Begeisterung für Bob Dylan und vor allem natürlich Greil Marcus. Dessen Ansatz, Popmusik in historisch-gesellschaftlich-kultureller Dimension auf den Grund zu gehen, faszinierte mich. Klar muss Musik Spaß machen, aber mich interessiert bei der tiefergehenden Beschäftigung mit ihr vor allem der gesellschaftliche Hintergrund der Musik und weniger Verkaufszahlen, Trivialitäten und das persönliche Leben der Protagonisten, wie sie so oft im Popjournalismus im Mittelpunkt stehen.

„Lipstick Traces“, „Mystery Train“, „Dead Elvis“ und „Invisible Republic“ (über Bob Dylans Basement Tapes) waren für mich prägende Lese-Erlebnisse, die mich darin befeuerten, einen Teil meines Lebens der eindringlichen journalistischen Beschäftigung mit der Musik Bob Dylans und dem Americana zu widmen.

Kürzlich fiel mir nun ein schmales Bändchen in die Hände: „Three Songs, Three Singers, Three Nations. Amerika in drei Liedern.“ Wie Greil Marcus alleine aus der Beschäftigung mit dreimal mehr mal weniger bekannten Folk- und Bluessong Entwicklungslinien der amerikanischen Gesellschafts- und Kulturgeschichte ist genial.

Bob Dylans „Ballad Of Hollis Brown“ ist zweierlei: Ein typischer früher Bob Dylan-Song und ein Song, der zeitlos wie ein alter Folksong wirkt und bei dem man oftmals vergisst, dass der Autor ein junger Singer-Songwriter Anfang der 1960er Jahre war. Das Lied wirkt wie ein typischer „Great Depression Song“. Da aber die grundsätzlichen Probleme und Widersprüche der amerikanischen Gesellschaft noch immer dieselben sind wie in den 1930er Jahren sind, könnte er auch ein aktuelles Lied über Armut in den USA sein.

Anhand von „Last Kinda Words Blues“ von Geeshie Wiley erzählt Marcus nicht mehr und nicht weniger als eine kleine Sozialgeschichte der amerikanischen weiblichen Bluesmusik. Die Bluessängerinnen mussten sich sowohl dem Rassismus der Weißen, als auch dem Machismos der schwarzen Männer und dem sozialen Elend der Schwarzen in den Südstaaten erwehren. Ihr Leben war oftmals geprägt von unglücklichen Beziehungen, von Gewalt, Alkohol und Drogen. Auch Geeshie Wiley geht es so, bis sich ihre Spur verliert. Doch Marcus schreibt einfach voll überbordender Phantasie ihre Lebensgeschichte fort, entwickelt aus ihr einen weiblichen schwarzen Forrest-Gump-Charakter, der an den entscheidenden Orten der Musikgeschichte mit dabei ist. Somit stößt Marcus das Tor auf zur Bedeutung, die Sängerinnen wie Wiley, Bessie Smith oder Sister Rosetta Tharpe für die Entwicklung von Blues und Rock’n’Roll ‚hatten. Lange vor Elvis Presley oder Chuck Berry.

Bascam Lamar Lunsfords „I Wish A Was A Mole In The Ground“ zeigt schließlich auf, wie ein scheinbar kindlich-naiven Folk-Bluessong in Wahrheit nichts anderes ist, als der Wunsch nach Veränderung, nach Freiheit, der Wunsch nach der Abwesenheit von Armut, Gewalt und Rassismus. Auch er ein zutiefst aktueller Song obwohl er schon 1928 das Licht der Welt erblickt hat.

Armut, Rassismus und Gewalt sowie die Utopie eines besseren Lebens, das amerikanische Glücksversprechen – vier Grundkonstante Amerikas, die Marcus hier in drei Songs entdeckt. Ein höchst politisches Buch, das 2015 in der Originalausgabe erschien und nun bei uns im Jahr der bedeutenden amerikanischen Richtungswahl erscheint. Aber vor allem ist es ein großes intellektuelles Lesevergnügen!

Americana-Pop

19. September 2016

magic-fireEin paar subjektive Gedanken darüber, was eine Platte zum perfekten Pop-Album macht

Im Zusammenhang mit „Magic Fire“ dem neuen Album des Americana-Trios „The Stray Birds“ habe ich auf country.de vom perfekten „Pop-Album“ gesprochen und geschrieben: „Es gibt Alben, in die verliebt man sich schon nach wenigen Takten und Tönen, und ist am Ende voller Seligkeit ob der Schönheit und Vollkommenheit des Gehörten. In dieser ausgeprägten Form ist mir das schon lange nicht mehr so passiert wie hier…“

In der Tat. Das letzte Album, welches das geschafft hat, war Willie Niles „American Ride“ (2013). Und vorher „Tempest“ von Bob Dylan (2012). Wie Bob Dylan und Pop? Na, ja Populärmusik macht Dylan ja schon seit 54 Jahren. Er macht eingängige Folk- und Rockmusik, die möglichst viele Leute erreichen soll. Daher veröffentlicht er seine Musik mittels Musikverlage und Tonträgerfirmen gegen Bezahlung, damit er und das Business dabei verdienen können. Das ist das Wesen der Popmusik. Sie versucht, möglichst viele Menschen zu erreichen und dabei zu verdienen. Ein Großteil der Popmusik will vor allem Herz, Bauch und Beine erreichen. Das ist Elvis gelungen, das ist den Beatles gelungen. Dylan war der erste, der auch den Kopf und den Verstand der Menschen erreichte. Dylans Musik Mitte der 60er – die Alben „Bringing It All Back Home“, „Highway 61 Revisited“ und „Blonde On Blonde“ war Pop und beides: Avantgarde und Mainstream. Weil die Avantgarde damals Mainstream war. Seine Musik war später immer populär, Pop aber war sie nicht immer.

Was macht aber ein perfektes Pop-Album aus? Nun, es übersetzt gesellschaftliche Befindlichkeiten in Musik, die viele Menschen erreicht und bewegt. Zwei meiner ersten Alben, die ich besaß waren „Desire“ von Bob Dylan (1976) und „Rumours“ von Fleetwood Mac (1977) waren perfekte Pop-Alben. Beides waren die letzten Alben des Aufbruchs der 1960er und 1970er Jahre. Dylan beschwörte mit „Desire“ und der verbundenen „Rolling Thunder Review“ noch einmal die Kraft der Gegenkultur, der Gesellschaftskritik und der Utopie einer anderen, besseren Welt herauf. „Rumours“ ist das federleichte Dokument einer Band, deren Leben hinter der Platte als Hippiekommune in Eifersucht, Besitzansprüchen und Beziehungskämpfen zu explodieren droht. 1977 trieb der gewaltsame Kampf der RAF ihrem unrühmlichen Höhepunkt zu, die Linke hatte ihre Unschuld verloren, die Zeit des gesellschaftlichen Roll-Backs brach an, nur kurz unterbrochen durch die Anti-Strauß-Wahl 1980, bevor Kohls geistig-moralische Wende ausgerufen wurde. 1977 wurde Jimmie Carter Präsident, war bemüht, integer, aber glücklos, denn dahinter wartete schon Ronald Reagan darauf, ab 1981 mit seiner neoliberalen Wende den Grundstock für Probleme zu legen, die erst heute in ihrer ganzen Dramatik deutlich werden. Bereits 1979 wurde Maggie Thatcher britische Premierministerin und zerstörte die stolze britische Arbeiterbewegung. 1977 erschien übrigens kein Bob Dylan-Album. Stattdessen kam er 1978 zurück als Entertainer im Show-Anzug und wurde danach von 1979 bis ’81 vorübergehend ein christlicher, missionarischer Eiferer.

Zweitens: Ein perfektes Pop-Album muss eingängige Melodien haben, Geschichten erzählen, die Menschen bewegen und Texte, die im Kopf bleiben. Es muss mal tiefgründig, mal leichtfüßig, mal traurig, mal froh sein. Ein perfektes Pop-Album ist im besten Falle wie das Leben, Ausnahmen bestätigen die Regel. Ein Tony Marshall-Stimmungsalbum ist daher ebenso wenig ein perfektes Pop-Album wie „The Best Of Zwölftonmusik“.

Nicht entscheidend für ein perfektes Pop-Album ist allerdings sein kommerzieller Erfolg. Mit den gesellschaftlichen Veränderungen seit Ende der 1970er Jahre hat sich auch die Musik wieder verändert. Mit dem Folk- und Bluesrevival und dem durch Dylan hervorgerufenen Erfolg der Singer-Songwriter-Kultur waren die alten kommerziell konstruierten Pop-Schlager und ihre Schöpfer ins Hintertreffen geraten. Erst als der Kraft des gesellschaftlichen Aufbruchs die Luft ausging kamen neue Musik-Konfektionierer ans Werk, die erst Disco und dann den 80er Jahre Plastik-Pop schufen. Nur absolute Superstars wie Springsteen, die Stones oder eben Dylan waren noch in der Lage, als freigeistige, einigermaßen unabhängige selbst Künstler auch kommerziell erfolgreich zu sein. Kommerziell erfolgreiche Musik entsteht heute in ihrem weitaus größten Teil auf dem Reißbrett. Großartige kreative Musiker und Singer-Songwriter bleiben Geheimtipps und spielen auf Kleinkunstbühnen und in Kneipen und leben von Konzerten und Direktvertrieb per Internet, weil es in Radio und Fernsehen keine Sendeplätze mehr für ihre Musik mehr gibt. Heute würde kein Dylan, kein Jagger und Lennon mehr zum Superstar. Es gibt daher wunderbare Alben, die die Verhältnisse, die Befindlichkeiten und den Zeitgeist perfekt treffen und dennoch im Grunde die Massen nicht erreichen, weil ihnen die entsprechenden Vertriebswege fehlen.

Und warum waren „Tempest“, „American Ride“ perfekte Pop-Alben, warum ist „Magic Fire“ ein solches? „Tempest“ war, wie alle Spätwerke Dylans auch ein kommerzieller Erfolg. Das liegt auch daran, dass das Dylan-Publikum durchaus ein wohlhabendes ist, das sich auch noch mehrere Editionen desselben Werks gönnt. „American Ride“ war nicht kommerziell erfolgreich, „Magic Fire“ wird hier sicher ein bisschen besser abschneiden.

Dylans „Tempest“ ist auch das Zeugnis des Alterungsprozesses eines Künstlers. Es geht Viralität, Potenz, Unglück Liebe und Gewalt, es geht um unglückliche Liebe und gewalttätige Liebe. Die Themen werden mit solch einer Erzählfreude, Text- und Musikkompositionskunst und in einem Bilderreichtum behandelt, dass es den mitgealterten Fans die Erinnerung an den jungen Dylan wieder gibt und den Jüngeren das Besondere an dem knorrigen alten Kerl verdeutlicht. Und sicher sind die Themen, die archaischen Bilder und die Roots Music genau das, was die Ü40er, die zu einem Großteil das Dylan-Publikum stellen, erreicht. Darüber hinaus zeigt es Dylans Können als Komponist, Arrangeur und Produzent. Das Album hat genau die richtige Mischung aus schnelleren und langsameren Stücken, deren Melodien und Arrangements und Genres deutlich unterscheidbar sind. Jeder Song ist ein Unikat und genau in dieser Reihenfolge machen sie zusammen ein großes Album aus „Tempest“. Auch wenn es aufgrund seiner vorherrschenden Grundstimmung durchaus die Ausnahme zur oben genannten Regel darstellt.

Willie Niles „American Ride“ ist das perfekte Beispiel für ein Album, das in einer besseren Welt überall im Radio zu hören wäre, aber im Format-Dudelfunk nicht stattfindet. Dabei sind Tempovariabilität, Themenmischung, Melodieneingängigkeit und Bildsprache einfach perfekt. Willie Nile ist ein perfekter Rock-Solokünstler auf einer Höhe mit Dylan, Springsteen oder Tom Petty. Nur leider ein zu spät gekommener, der noch dazu Probleme mit den Plattenfirmen hatte.
Und jetzt also „Magic Fire“ von „The Stray Birds“. „Mitreißende, eingängige Musik, eine Band mit Charisma, eine perfekte Produktion und Themen und Lyrics, die bewegen und ergreifen, ohne konstruiert oder bemüht zu wirken“, habe ich auf country.de geschrieben. Und tatsächlich, es trifft den Zeitgeist. Die Themen sind Veränderungen – gesellschaftlich und individuell – die Religion als politische Waffe oder menschliche Schicksale. Und das stets sehr bildreich. Vieles wird angerissen, aber nicht explicit ausgeführt, so dass es der Phantasie des Hörers überlassen wird, die Dinge zusammenzuführen oder zu weiterzudenken. Es zeigt aber auch wie weit entfernt die Leute, die diese Musik machen und die, die sie hören von dem zu sein scheinen, was momentan sich in den USA politisch abspielen. Das ist so und doch nicht. Denn die Musiker sind keine Eskapisten, ihr Menschenbild ist nur meilenweit von dem Hass entfernt, den Trump predigt. Ein perfektes Pop-Album kann natürlich politisch sein. Dieses hier ist es indirekt, weil das alles fehlt, wofür Trump und die Republikaner stehen.

Perfekte Americana-Popalben atmen stets den Geist des amerikanischen Glücksversprechens. Auch wenn dieses Versprechen schon zigmal gebrochen wurde. Dieses Glücksversprechen lohnt sich hochzuhalten, denn es macht keinen Unterschied zwischen Rassen und Religionen. Und es kennt keine Zäune und Mauern.

Und so stimmt immer noch, was ich schon vor Jahren schrieb: Americana ist das Musikgenre, das wie kein anderes die Wurzeln, die Träume und den Zusammenhalt der amerikanischen Gesellschaft beschwört.

SONiA Rutstein

1. April 2016

SONiA1Phil Ochs ist ihr Vorbild, sie ist die Cousine von Bob Dylan und ihre Live-Auftritte sind mitreißend

Ich kann mich noch gut erinnern an ihren ersten Auftritt bei „Americana im Pädagog“ im letzten Jahr. Das Echo hatte im Vorfeld einen großen Artikel über sie veröffentlicht, sie als tolle Songwriterin und Cousine von Bob Dylan gewürdigt und auf ihre Vorliebe für die Songs von Phil Ochs hingewiesen. Der Boden war bereitet.

Doch ihr Konzert hätte mehr Zuschauer verdient gehabt, denn es war der erste schöne, laue Frühlingsabend 2015 und die Leute zog es nicht in Massen den Keller hinunter. Die Berichterstatterin des Echos schrieb dennoch eine fabelhafte Konzertkritik, denn wer nicht da gewesen war, der hatte wirklich etwas verpasst.

Mit wie viel Energie und Temperament diese kleine, zierliche Frau die Bühne einnimmt, ist mitreißend. Sie singt Folkmusik mit Rock- und Pop-Appeal und ihre Lieder handeln von der Liebe und von der Menschlichkeit und wenden sich gegen Homophobie, Rassismus und Krieg. Ihre Musik ist lyrisch und packend – vital und sensibel zugleich – ihre klare Stimme mal zart, mal kraftvoll.

Sie ist eine bemerkenswerte Künstlerin, der die ganz große Karriere verwehrt blieb, aber sich dabei stets treu geblieben ist. Und sie ist ein wunderbarer Mensch auf den ich mich einfach sehr freue. Am nächsten Donnerstag, 7. April (20 Uhr/Eintritt 10 Euro), spielt sie erneut im Pädagog. Welcome back, SONiA!

Karten zum Konzert von SONiA können im Vorverkauf online unter http://www.paedagogtheater.de erworben werden. Vorbestellungen sind unter + 49 (0) 6151 – 66 01 306 telefonisch und unter theaterimpaedagog@gmx.de per E-Mail möglich.

Und hier eine kleine Video-Playlist von SONiA:

Neu: Die „Dylan-Hour“ bei Radio Darmstadt

30. Januar 2016
Photo Credits: Sony Music, William Claxton

Photo Credits: Sony Music, William Claxton

Anlässlich des 75. Geburtstages von Bob Dylan in diesem Jahr haben sich die beiden Darmstädter Dylan-Enthusiasten Marco Demel und Thomas Waldherr etwas Besonderes einfallen lassen: Im Vorfeld der großen Darmstädter Dylan-Geburtstagsfeier am 24. Mai im Theater im Pädagog werden sie ab dem 18. Februar jeden dritten Donnerstag im Monat von 21 – 23 Uhr bei Radio Darmstadt die „Dylan-Hour“ über den Äther schicken.

In der Dylan-Hour – die ganz dylanesk zwei Stunden beträgt – steht in jeder Sendung eine Schaffensperiode der Musiklegende im Mittelpunkt. Los geht es im Februar mit den Basement Tapes, am 17. März folgt die Epsiode „Von Desire zu Hard Rain“, am 21. April fachsimpeln die beiden langjährigen Bobfans über Dylan, Sinatra und das „Great American Songbook“ und am 19. Mai soll sich alles um das Spätwerk des US-Barden mit den Alben „Love And Theft“, „Modern Times“ und „Tempest“ drehen.

Aber auch nach Dylans Geburtstag möchten die beiden ihr Werk fortsetzen. Ideen gibt es genug, die Planungen laufen auch hierfür schon in Kürze an.

Radio Darmstadt: 103,4 MHZ oder Webradio auf http://www.radiodarmstadt.de .