Archive for the ‘Johnny Cash’ Category

Elvis & Nixon, Johnny & Tricky Dicky, Bobby & Jimmy

27. Dezember 2016

Seltsame Duos der amerikanischen Musikgeschichte

elvis-pic-2Ich muss es zugeben, Elvis war nie mein Mann. Als ich begann, bewusst Musik zu hören, da entdeckte ich das coole und rebellische in einem Dylan, der „Hurricane“ sang und zu diesem Zeitpunkt 35 Jahre alt war. Seine Performance, sein Vortrag war voller Spannung, ein einziges Versprechen des Nonkonformismus. Was ich von Elvis damals sah, war ein sehr dicker Typ im peinlichen Glitzeranzug. Und zig Imitatoren. Echt peinlich.
Erst später habe ich gelernt, ihn zu respektieren. Als wichtige Figur für den Rock’n’Roll. Dabei war er nicht mehr und nicht weniger als der von Sam Philipps lang ersehnte weiße Junge, der den schwarzen Rhythm & Blues zum Rock’n’Roll für die weiße Käuferschicht machen konnte. Wirklich erfunden hatten den Rock’n’Roll schwarze Musiker wie Sister Rosetta Tharpe oder Chuck Berry. Und der genialste weiße Rock’n’Roller, der das rebellische, widerspenstige auch wirklich lebte, war und ist Jerry Lee Lewis. Als wir dann das erste Mal im Süden unterwegs waren, haben wir uns Elvis‘ Geburtshaus in Tupelo angeschaut, uns Graceland aber gespart.

Dennoch bin ich in den Film „Elvis und Nixon“ gegangen. Weil ich mir durchaus ein paar interessante popkulturelle Dialoge zwischen den Protagonisten erhoffte. Doch was kam wer leider zu wenig, der Film blieb unter den Möglichkeiten des vorgegebenen Themas. Daher hier von mir ein paar Anmerkungen zu diesem Film über diese ungewöhnliche Begegnung im Jahr 1970 und weiteren Interaktionen zwischen US-Präsidenten und Musikstars.

Presley schmeißt sich mit Antikommunismus ran
Klar, Nixon (Jahrgang 1913), konnte mit Elvis (Jahrgang 1935) nicht viel anfangen. Neben dem Alter und dem Rock’n’Roll trennte die beiden auch sonst viel. Während Nixon Sohn kalifornischer Quäker war, die Tanzen und Spielen ablehnten, war Elvis Südstaatler und von der Assembly of God Church geprägt, einer Pfingstler-Sekte, in der Musik und ekstatische Performance im Gottesdienst eine wichtige Rolle spielten. Einige frühe Rock’n’Roller, so auch Jerry Lee Lewis, waren Pfingstler. Nixon war ein durch und durch rationaler Politiker, ein Vertreter der alten republikanischen Partei, Presley dagegen vom irrationalen Moment des Sektenglaubens des armen Südens geprägt. Sehr viel konnten sie nicht miteinander anfangen. Die Wandlung der Republikaner zu Mehrheitspartei im Süden war erst am Anfang. Noch war sie die Partei des reichen Nordens und der Küsten. Doch Nixon war klar, dass ein Foto mit Elvis ein guter PR-Gag für ihn sein würde. Nixon ging also taktisch mit Elvis um.

Der wiederum wollte wiederum auch seinen persönlichen Vorteil aus dem Treffen ziehen. Er wollte ein Abzeichen des „Büros für Narkotika und gefährliche Drogen“. Während er seine Bitte an Nixon in einem Schreiben mit allerlei reaktionärer Paranoia gegen Hippies, Black Panther und Gegenkultur sowie einem Waffengeschenk würzte, ging es ihm im Grunde nur darum, so seine Witwe Priscilla, mit dem Abzeichen die ultimative Macht zu bekommen, ganz legal in jedem Land Waffen zu tragen und alle Drogen zu nehmen, die er wollte. Wow, ganz schön abgedreht, der „King Of Rock’n’Roll“. Das ganze Thema hätte der Film aber weitaus tiefer, rasanter und virtuoser ausspielen können. Schade.

Cash kontert mit Protestsongs
Von ganz anderem Kaliber – guter Übergang! – war dagegen Johnny Cash. Der hatte bei seinem Treffen mit Richard Nixon im Juli 1972 ein klares inhaltliches Anliegen. Es ging um eine Reform des Justizvollzuges und da war für Cash, der selber schon damit in Berührung gekommen war und natürlich bekannt war für seine Gefängniskonzerte in Folsom Prison und San Quentin, die Humanisierung der Haftbedingungen ein wichtiges Thema. Doch das Treffen verlief anders als gedacht. Nixon wünschte sich zu Beginn des Gesprächs von Cash zwei Songs. Allerdings nicht dessen eigene, sondern zwei wahre Hymnen der Konservativen: Merle Haggards „Okie from Muskogee“ und Guy Drakes „Welfare Cadillac“. Songs gegen die Hippies und gegen die Integrität von Sozialhilfeempfängern.
Doch Cash verweigerte die Songs, er kenne sie nicht, er wolle lieber seine eigenen Songs spielen. Soweit so gut, doch wer jetzt „I Walk The Line“ oder „Ring Of Fire“ erwartet hatte, der täuschte sich. Denn Cash spielte drei eigene Protestsongs: „What Is Truth?“, „Man In Black“ und „The Ballad Of Ira Hayes“. Songs mit Sympathie für die kritische Jugend, Songs gegen den Krieg und für die Armen, Songs für die Indianer. US-Präsident „Tricky Dicky“ Nixon hatte im Baptistensohn aus Arkansas seinen Meister gefunden. Nixon war sichtlich angefressen und der Rest war ein höflicher Austausch von Standpunkten.

Dylan geht auf Distanz
Während sich also Elvis an Nixon alleine wegen niedriger Beweggründe ranschmiss, und Cash ganz ernsthaft mit einem Anliegen und einer klaren Haltung dem Präsidenten gegenüber saß, so ist es typisch Dylan, dass er nie von sich aus das Treffen mit einem US-Präsidenten suchte. 1974 war es Jimmy Carter, damals noch Gouverneur von Georgia, der auf Dylans Comeback-Tour den Kontakt suchte, ihn und den Tournee-Tross zu sich nach Hause einlud, und fortan von seinem „guten Freund“ Bob Dylan sprach. Erst langsam kam die Gegenkultur beim Polit-Establishment an. Zumindest bei dem der Demokraten. Denn so blieb es dem nächsten Demokraten im Weißen Haus, dem ersten Baby-Boomer-Präsidenten, George Clinton, vorbehalten, Bob Dylan bei seiner Inaugurationsfeier spielen hören zu können und zu einer Ordensverleihung einzuladen. Doch Dylan leistete hier nicht mehr als Dienst nach Vorschrift. Keine gemeinsamen Statements, nur Spurenelemente von Small Talk.

Auch vom Obama-Hype ließ sich Dylan nicht von seiner distanzierten Umgang mit den Politgrößen abbringen. Im Gegenteil, er weigerte sich in Interviews hartnäckig Obama überschwänglich zu loben und legte den Schwerpunkt eher darauf, etwas verklausuliert, die wirkliche Macht der Präsidenten in Frage zu stellen. Dennoch sagte er Obamas deutlichen Sieg 2012 in einem Konzert voraus, spielte bei einem Konzert im Weißen Haus Protestsong-Klassiker und ließ sich auch von Obama einen Orden umhängen. Einen kurzen Diener und ein freundliches Schulterklopfen – mehr hatte er allerdings auch da nicht für Obama übrig.

Keiner will zu Donald Trump
Im Übrigen bekommt der 45. Präsident der vereinigten Staaten, Donald Trump, wenigstens die Musiker, die er wirklich verdient. Hatte er allen Ernstes Bruce Springsteen für seine Inauguriation angefragt und sich natürlich einen Korb geholt, so kristallisieren sich als Top Acts auf der Trump-Sause der Tabernakelchor der Mormonen und die Sängerin und Castingshow-Teilnehmerin, Jackie Evancho, heraus. Scheinbar wollen sich noch nicht mal seine Unterstützer Kid Rock und Ted Nugent sehen lassen.

Schade nur, dass dies nichts über die wirklichen Zuspruch von Trumps Politik in der Bevölkerung und seine Erfolgsaussichten als Präsident aussagt. Schließlich hat das Staraufgebot in Clintons Wahlkampf ihr auch nichts genutzt.

Eine erneute Selbstverständigung: Mein Sehnsuchtsort „Amerika“

13. Oktober 2015

DSC01792Angesichts der Vehemenz und Unübersichtlichkeit der aktuellen Krisenthemen „Ukraine“, „Flüchtlinge“, „Naher Osten“ und TTIP versuchen sich die Menschen wieder an einfachen Erklärungsmustern. Wahlweise sind es die Russen, die Ausländer oder die Amerikaner. Letzteres ist gerade auch unter vielen Linken eine gern verwendete Denkfigur.

Man muss die amerikanische Politik angesichts von Drohnenkrieg, global-strategischen Wirtschaftsinteressen und den aktuellen Weltkrisen kritisch sehen. Was man aber nicht darf, ist in plumpen Antiamerikanismus verfallen. Dieses Land ist groß und widersprüchlich. Und es gibt ein Amerika jenseits der engen Verflechtung zwischen Politik, Konzernen und Militär, abseits von Tea Party und christlichem Fundamentalismus. Es lohnt sich, gerade heute dieses „andere“ Amerika wieder ins Bewusstsein zu rufen.

Diesem „anderen“ Amerika haben wir Woody Guthrie, Pete Seeger, Joan Baez und Bob Dylan zu verdanken. John Steinbeck und Jack Kerouac. Bürgerrechtsbewegung, Martin Luther King, Black Panther und Angela Davis. Robert Redford, Tim Robbins und Michael Moore. Hier gab es mit dem Roosevel’tschen New Deal den ersten demokratischen Sozialstaat. „Sit- in“ und andere Protestformen der aufbegehrenden Jugend der 1960er Jahre haben hier ihren Ursprung. Und auch die deutsche Liedermacher-Bewegung wäre nicht zu denken, ohne das amerikanische Folk-Revival. Ob Thomas Mann oder Lion Feuchtwanger, Theodor Adorno, Max Horkheimer und Herbert Marcuse. Sie alle fanden hier während der Nazizeit Zuflucht und kamen mit den Befreiern 1945 zurück.

Die amerikanische Jugendkultur war die frische Alternative zur belasteten Deutschtümelei der Nazis. Jazz, Rock’n’Roll und auch Countrymusik floss in die deutsche Alltagskultur ein. Ganz abgesehen von James Dean, Bonanza, Flipper und Lassie. Als in den 1960er Jahren Geborener ist man in der alten Bundesrepublik mit einer klaren Westbindung aufgewachsen. Auch im Protest gegen die Gefahren von Krieg und Umweltzerstörung in den 70er und 80er Jahren waren die Jugendbewegungen stets kulturell transatlantisch geprägt. So wurde damals auch bei den Jungkommunisten der SDAJ weitaus mehr Zappa gehört und gekifft, als schwermütig bei Wodka russische Weisen gesungen.

Währenddessen bleiben alle diese Musiker, ob Protestsänger oder Rocker doch bei aller Kritik an ihrem Land und dessen Regierungen stets leidenschaftliche Amerikaner. Woody war ein kommunistischer Patriot, Pete Seeger trat mit Bruce Springsteen bei Obamas Inauguration auf, und auch der kritische Filmemacher Michael Moore steht zu seinem Amerika. Bob Dylan spielte 1966 in Paris vor einem riesengroßen Sternenbanner. John Mellencamp beschwört mit Neil Young und Willie Nelson jedes Jahr bei Farm Aid den amerikanischen Geist. Steilvorlage lieferte ihnen Dylan, der beim Live Aid-Konzert für die Hungernden Afrikas schon 1985 die Globalität der die Armut schaffenden Strukturen erkannt hatte, als er um Hilfe für die amerikanischen Farmer bat. Karitative Hilfe für die Dritte Welt reicht nicht aus, wenn sie nicht von gesellschaftsverändernden Demokratisierungsprozessen überall begleitet wird.

Und alle diese Musiker – ob die Rock-Klassiker Dylan, Springsteen, Mellencamp und Young oder die heutigen Szenevertreter von den Avett Brothers und Mumford & Sons, bis zu Jack White, Gaslight Anthem und den Felice Brothers, schöpfen aus dem Reservoir der Tradition ihrer amerikanischen Musik: Folk, Blues, Gospel, Country und früher Rock’n’Roll. Robert Johnson und Jimmie Rodgers. Die Mississippi Sheiks und die Carter Family. Ernest Tubb und Muddy Waters, Hank Williams und Howlin‘ Wolf. Elvis und Chuck Berry. Ray Charles und Johnny Cash. Mavis Staples und Loretta Lynn. Sie alle und noch viel mehr machen die Vielfalt dieser amerikanischen Musik aus. Diese amerikanische Musik ist von ihrem Ursprung her die Musik des armen und des anderen Amerika. Sie steht für das alte unheimliche Amerika und für das, welches das Unrecht anhand der guten amerikanischen Werte überwinden will. Sie steht für die Klasse an sich und die Klasse für sich. Das macht sie für mich so spannend und fordert so die Beschäftigung mit ihr immer wieder aufs Neue hinaus. Von den ersten Anfängen mit Bob Dylan, der bis heute eine wichtige Konstante in meinem Leben darstellt bis heute, wenn ich nach den Verbindungen von gesellschaftlichen Veränderungen in den USA und der Weiterentwicklung des Americana forsche.

Und im CD-Spieler laufen die Neo-Western-Swinger der 90er Jahre, BR 549, mit Dylan-Sideman Donnie Herron an Geige, Mandoline und Steel-Guitar. Es gibt einfach kein Ende…

Vor 50 Jahren erschienen: Bob Dylans Highway 61 Revisited

6. September 2015

Highway 61Ja, dieses Album ist ein Meilenstein der Musikgeschichte und Bob Dylan wurde spätestens mit dieser Platte zum Giganten. Es enthält großartige Songperlen, wunderbare Poesie und „Dylan hat den Geist befreit, so wie Elvis den Körper befreit hat“ (Bruce Springsteen).

So könnte man einen Artikel über diese Platte anfangen, und sicher tun es viele auch so. Doch wenn Dylans Musik diesen Stellenwert für folgende Generationen behalten soll- und sie ist es wert, dass das so bleibt – dann muss man anders rangehen. Hier ein Versuch.

Bob Dylan war 24 Jahre alt, als Highway 61 Revisited am 30. August 1965 erschienen ist. Hinter ihm lag ein für damalige Verhältnisse – ohne Globalisierung, Internet, Social Media, Smart Phone und I-Tunes – rasender Erfolg innerhalb von vier Jahren. 1961 kam er nach New York City. 1962 erschien seine erste Platte. 1963 schaffte er den Durchbruch und wurde zum Idol der linken Jugendbewegung, 1964 begann er sich vom tagepolitischen Protestsong abzuwenden, 1965 hatte er mit „Bringing It All Back Home“ sein erstes Rockalbum vorgelegt, die Folkies in Newport verstört, den Folk-Rock erfunden. Dann erschien „Highway 61 Revisited“.

„Highway 61 Revisited“ ist zu erst einmal das Album eines jungen Mannes, der ganz bei sich und dem ist, was er als seine für ihn notwendige – nicht für andere – künstlerische Ausdrucksform ansieht. Als Dylan von seiner England-Tour 1965 zurückkam, war er frustriert. Das Publikum und das Business hatte ihm eine Darbietungsform abverlangt, die nicht mehr seine war. Er war nicht mehr der einsame Gitarrenfolkie, der politische Botschaften vertont. Dylan war zu einer seiner Wurzeln, der Rockmusik, zurückgekehrt. Und seine neuen Texte waren nicht unpolitisch, sondern zeit- und gesellschaftskritisch auf einer grundsätzlicheren Ebene, ohne ständig den Zeigefinger zu heben. Waren bildreich, anarchisch, sarkastisch, ironisch und zynisch.

Dylan spielt in seinen Songs ständig mit Perspektiven und Zeitebenen. Nein, Dylans Songs dieser Jahre (und auch später) sind vorwiegend nicht mit den Begriffen „biographisch“ oder „authentisch“ beizukommen. Auch wenn sie teilweise auf realen Konflikten oder Begebenheiten in seinem Leben begründet sein sollten – Dylan schafft es immer wieder, Masken und Bilder in seinen Songs einzuweben, die ihm Flucht- und Rückzugsmöglichkeiten bieten.

Bereits der erste Song des Albums, „Like A Rolling Stone“, ist ein Beispiel dafür. Er basiert auf einem Wutpamphlet, das sich gegen seine Situation und gewisse Personen richtet, denen er die Schuld dafür gibt. Am Ende destilliert er das Ganze zu einem sechs-Minuten-Stück, in dem ein völlig namen- und eigenschaftsloser Erzähler dem Mädchen aus gutem Hause mal so richtig die Meinung geigt und den Spiegel vorhält. Der das hohe Lied der Straße singt und das Leben mit Risiko und ohne Netz und doppelten Boden propagiert. Dylan hat mit diesem Song in einem der vielen Bereiche, in denen er die Popmusik erneuert hat, sein Meisterwerk geschaffen. Er hat den „Anti-Love-Song“, den „Hate-Song“ in die Popmusik eingeführt. „Don’t Think Twice, It’s Allright“, „It Ain’t Me Babe“ und „Positively Fourth Street“ waren die Vorgänger dieses wortgewaltigen Ausbruchs, der Rebellion verströmt, und daher auf einer Ebene mit „(I Can’t Get No) Saticfaction“ von den Stones gesehen werden muss.

Dylan war 24 Jahre alt, hatte Kerouac, Woody Guthrie, John Steinbeck, Allen Ginsberg und Rimbaud gelesen. Er war von Brecht und Shakespeare beeinflusst. Gleichzeitig waren die Country-Legende Hank Williams, der Country- und Folkstar Johnny Cash, Bluesmen wie Robert Johnson oder Muddy Waters sowie die Rock’n’Roller Little Richard, Buddy Holly und Chuck Berry seine musikalischen Säulenheiligen. Für einen amerikanischen Mittelschichtsjungen aus der weiten Leere Minnesotas war das ein so erfrischend breiter Bildungskanon, wie man ihn sich bei der heutigen amerikanischen Selbstbezogenheit gar nicht mehr vorstellen kann.

Und dieser Dylan hat Spaß daran, diesen Bildungskanon zu nutzen, um ihn in seinen Songs aufmarschieren zu lassen. So reicht das Personal von „Desolation Row“ ja bekanntermaßen von Einstein bis Robin Hood. Doch wie kein anderer versteht es Dylan, diese für einen Amerikaner erstaunlich polyglotte Weltsicht immer wieder mit den amerikanischsten Mythen zu verbinden. Der Highway 61 ist gleichsam in Süd-Nord-Richtung erst die Straße der Freiheit für die schwarzen Sklaven, dann die Straße der Wohlstandshoffnung für die schwarzen und weißen Arbeitsimmigranten, die in die industrialisierten Metropolen drängten. Und in Nord-Süd-Richtung ist sie für immer der Blues-Highway, der von Chicago, der Jazz und Rythm- und Blues-Kapitale im Norden hinunter zu den Wurzeln des Country-Blues, zum armen Mississippi-Delta im tiefen Süden führt. Dylan erhebt sie in seinem Song „Highway 61 Revisited“ gleichsam zum universellen menschlichen Schicksalsort. Ganz schön kess.

Und während er in „Desolation Row“ mit dem europäischen Bildungskanon spielt, leitet er doch den Song mit einer Szene ein, die an die ganz dunklen Seiten der amerikanischen Geschichte erinnert. „They selling postcards from the hanging“ erinnert an den Lynchmord an drei schwarzen Arbeitern eines Wanderzirkus im Minnesota der 20er Jahre und steht stellvertretend für den gewalttätigen Rassismus in den Staaten.

Highwy 61 PolizottiUnd so ist in all diesen Songs mit ihrer Musik auf dem Fundament von Rock, Folk, Blues und Country so vieles zu entdecken. Ein 24-jähriger legt die Finger in die Wunden des westlichen Kapitalismus, in dem er nicht agitatorisch deklamiert und propagiert, sondern indem er Normen, Machtverhältnisse und Kontinuitäten der bürgerlichen Gesellschaft in Frage stellt, ihnen den Spiegel vorhält und sie dem Spott aussetzt. Der Dylan jener Jahre mag für seine nähere Umgebung ziemlich zickig und nervig gewesen sein, doch sein Anliegen als Künstler ist humanistisch. Gerade, weil er sich von niemandem vereinnahmen lassen will.

Mit diesem Album – eigentlich aber schon mit „Subterranean Homesick Blues“ vom Vorgängeralbum „Bringing It All Back Home“ – beginnen die Sechziger. Dylan stellt sich an die Spitze der Gegenkultur, weil er genau das nicht will. Und wieder sollte es nicht lange dauern und dann wird sich Dylan auch dieser Gegenkultur entziehen. Doch das ist wieder eine andere Geschichte.

Wer mehr zum Album „Highway 61 Revisited“ erfahren möchte, dem sei Mark Polizottis Buch „Highway 61 Revisited“ empfohlen. Lesenswert!

Country, Folk und Blues aus Rhein-Main

18. August 2015

Das „Germanicana-Folkfestival“ hat am 29. August in Darmstadt PremiereGermanicana_Plakat A2_5

Der Geist von Musik-Ikonen wie Bob Dylan, Johnny Cash, Kris Kristofferson oder Townes van Zandt liegt in der Luft, wenn am Samstag, 29. August, in Darmstadt zum ersten Mal das „Germanicana Folkfestival“ stattfindet.

„Es war die Idee und Initative von Wolf Schubert-K und wir freuen uns, Geburtshelfer und Paten dieser großartigen Sache zu sein“, erklären Theater-Chef und Sommerblüten-Organisator Klaus Lavies und Thomas Waldherr, Initiator und künstlerischer Leiter der Reihe „Americana im Pädagog“, zur Premiere des „Germanicana Folkfestival“ im Rahmen der Reihe „Sommerblüten 2015“. „Country, Folk, Blues and more aus Rhein-Main“ verspricht das Line-Up dieser Veranstaltung. „Für mich war das ein lang gehegter Herzenswunsch und ich bin froh und dankbar, dass er in Darmstadt endlich in die Tat umgesetzt wird“, so Musiker und Americana-Urgestein Wolf Schubert-K.

Und es hat sich gelohnt, denn das Publikum erwartet ein Americana-Programm vom Feinsten. Mit dabei sind an diesem Tag (Beginn 17 Uhr) im Hof des Hoffart-Theaters (Lauteschlägerstraße 28) der weit über die Region hinaus bekannte Folk- und Blues-Künstler Biber Herrmann, Americana Singer-Songwriter Markus Rill, Wolf Schubert-K & The Sacred Blues Band, die Frankfurter Band „Die DoubleDylans“, sowie die Darmstädter Lokalmatadoren „Candyjane“ und Vanessa Novak. Zwischen den musikalischen Acts wird Roger Jones die Zuhörer mit Poetry unterhalten.

Die Künstler in der Kurzvorstellung

Über Biber Herrmann hat Konzertveranstalter-Legende Fritz Rau einmal gesagt, er sei „einer der authentischsten und wichtigsten Folk-Blues-Künstler in unserem Lande und darüber hinaus. Den traditionellen Blues spielt er mit einer Lebendigkeit, die Herz und Seele berührt.“

Markus Rill ist ein großartiger Storyteller. Rill hat die Gabe, die ganze breite Palette menschlicher Empfindungen in Worte und Musik zu kleiden. Mal voller Humor und Optimismus, mal nachdenklich, mal traurig. Er lernte sein Handwerk in Austin/Texas und wurde schon mit mehreren internationalen Songwriterpreisen ausgezeichnet.

Wolf Schubert-K. war bereits in den 90er Jahren als Pionier des Alternative Country unterwegs. Mit der Sacred Blues Band haben sich gestandene Musiker zusammengetan die was zu sagen haben: Folksongs, Country, Gospel und Roots-Rock Elemente bilden das Fundament für die Geschichten zwischen Zusammenbruch und Aufbruch.

Die DoubleDylans sind Deutschlands außergewöhnlichste Bob Dylan-Coverband. Seit 1999 haben sie auf stets originelle Art ohne falsche Scheu, aber dafür mit viel Sinn für grotesken Humor die Songs des Meisters in ihren Frankfurter Mikrokosmos zwischen Taunus und Ebbelwoi, Gallus und Marrakesch überführt.

Auf den Spuren amerikanischer Folk-, Blues- und Countrymusik kreieren Candyjane ihren ganz eigenen high lonesome Sound, teils mit traditionellen Songs, teils mit Eigenkompositionen, die dem Regen huldigen, sehnsüchtige Wasserschnecken besingen oder von alltäglichen Fußangeln und schwarzen Löchern handeln, von Ungeziefer und erloschener Liebe.

Angelehnt an die Americana-Folk Tradition spielt die Deutsch-Amerikanerin Vanessa Novak eine eigene Mischung aus Folk-Blues und Country. Geboren in Detroit und aufgewachsen mit der Musik von Johnny Cash und Dolly Parton ist Vanessa Novak aus Darmstadt eine der authentischsten Songwriterin der deutschen Folk und Americana-Szene.

Und zwischen den Music-Acts slammt sich Poet Roger Jones durch die Americanische Musikgeschichte: bildhaft, schnell und poetisch!

Ein Festival für die Americana-Singer-Songwriter-Szene der Region

„In Rhein-Main gibt es eine rege Americana-Singer-Songwriter-Szene. Mit dem „Germanicana-Folkfestival soll sie sich in regelmäßigen Abständen treffen. Der Charakter soll irgendwo zwischen Festival und Jam-Session angesiedelt sein, so wird ein Schwerpunkt auch darauf liegen, dass die unterschiedlichen Acts auch in verschiedenen Kombinationen auf der Bühne stehen werden. Die Musik, das Publikum und unsere gegenseitige Wertschätzung stehen für uns im Mittelpunkt“, erläutert Schubert-K. die Intentionen der Veranstaltung.

Klaus Lavies und Thomas Waldherr indes freuen sich auf einen guten Zuschauerzuspruch. „Wer hier lebt und Country, Folk und Blues mag, der darf das „Germanicana-Folkfestival“ nicht versäumen“, wünscht sich Waldherr viele Besucher aus dem gesamten Rhein-Main-Gebiet.

Tickets gibt es im Vorverkauf online unter http://www.ztix.de/ticketshop/kalender.html oder in Darmstadt im Darmstadt-Shop im Luisencenter, Luisenplatz 5, 64283 Darmstadt, Tel. 06151-134513.

„Just A Picture From Life’s Other Side“

15. März 2015

Seminar untersucht die gesellschaftlichen Hintergründe von Country, Folk & AmericanaBroschüre 1

Ein besonderes Bildungsangebot für Country & Folk-Freunde veranstaltet das Fridtjof-Nansen-Haus in Ingelheim in Zusammenarbeit mit der Atlantischen Akademie Rheinland-Pfalz e.V. und der Hessischen Landeszentrale für Politische Bildung am Freitag, 10. Juli, und Samstag, 11. Juli. Zwei Tage lang beleuchtet der Country.de-Redakteur und Bob Dylan & Americana-Experte Thomas Waldherr unter dem Titel „Just A Picture From Life’s Other Side“ die soziokulturellen und politischen Hintergründe von Folk, Country & Americana vom Ende des 19. Jahrhunderts bis in die heutige Zeit.

Wie sich die politische Entwicklung der Südstaaten nach dem Bürgerkrieg, die Politik des New Deal, der Kalte Krieg und der Aufbruch der 1960er Jahre auf die Folk- und Countrymusik ausgewirkt hat, wird dabei ebenso anhand vieler Musikbeispiele nachgezeichnet, wie ein Blick nach vorne gewagt wird, in dem auf die aktuelle Americana-Szene im Zusammenhang mit den derzeitigen gesellschaftlichen Entwicklungen in den USA eingegangen wird.

In Workshops können dann die Teilnehmer ausgewählte Songs besprechen oder selber unter der Anleitung von Country.de-Redakteur und Johnny Cash-Kenner Bernd Wolf und Elisabeth Erlemann („Sweet Chili) Folk- und Countrysongs schreiben und einüben. Am Samstagabend endet dann das Seminar mit einem Konzert von „Sweet Chili“ und Workshopteilnehmern.

Die Teilnahmegebühr beträgt für Erwachsene 55 Euro, ohne Übernachtung 35 Euro. Für Jugendliche, Referendare und Studierende 35 Euro mit Übernachtung und 20 Euro ohne Unterkunft. Die Unterbringung erfolgt in Doppelzimmern, für Einzelzimmer wird ein Zuschlag von 25 Euro berechnet. Anmeldung bei: Anmeldung bei: Stefanie Fetzer, Fridtjof-Nansen-Akademie für politische Bildung im Weiterbildungszentrum Ingelheim, Tel. (06132) 79003-16, Fax (06132) 79003-22, E-Mail fna@wbz-ingelheim.de, Internet http//www.fna-ingelheim.de/Anmeldung.

Und hier geht’s zum detaillierten Programm: http://www.atlantische-akademie.de/folk-seminar-2015

 

DeinLandMeinLand Revisited

20. April 2013

Altogether1Gelungener Performance-Abend in Frankfurt

Die Organisatoren Martin Wimmer, Andreas Gärtner und Robert Bock dürfen sich freuen. „DeinLandMeinLand“, die Veranstaltung am 16. April, die die Situationistische Internationale, die Solidarische Moderne sowie Folk und Americana zusammenbringen sollte, war ein voller Erfolg. Eine volle Ausstellungshalle in Sachsenhausen und ein Publikum, das sichtlich angetan war von Musik und Lesungen zeugten von einem gelungenen Abend.

Martin Wimmer spießte in seinen Textbeiträgen mit feinem Witz ungeahnte Parallellen und historisch-kulturelle Verbindungen zwischen Amerika, Schweden und Bayern auf, die Singer-Songwriter Markus Rill und Eva Hillered begeisterten mit ebenso gefühlvollem, wie erdig-rauhen Americana, Thomas Waldherr stellte Woody Guthrie, Hank Williams, Johnny Cash und Bob Dylan in einen historisch-politischen Zusammenhang und Andreas Gärtner erläuterte den Prozess, wie sein und Martin Wimmers Kunstwerk „DeinLandMeinLand“ entstand.

Nachdem alle zum Abschluss gemeinsam Woodys Hymne „This Land Is Your Land“ gesungen hatten, schlossen sich an das offizielle Programm noch interessante Gespräche an. Auch das war ja ein wichtiges Ziel der Veranstaltung. Jetzt bleibt nur noch zu hoffen, dass dieser Abend eine Fortsetzung erfährt. Denn ein „Salon“ mit solch einer politisch-musikalischen Ausrichtung fehlte in Frankfurt bislang.

Was bringt das Dylan-Jahr 2013?

17. Dezember 2012

Alle Jahre wieder der Rückblick und Ausblick. Da es unser Freund,
trotz seiner weltwDylan_backeiten Kunstausstellungen, scheinbar weiterhin nicht lassen kann, Platten aufzunehmen und auf Tour zu gehen, macht die Titelfrage immer noch Sinn und das dahinter steckende rumspekulieren immer noch Freude.

Das Jahr 2012 war für Dylan und seine Fans geprägt durch zwei Höhepunkte und einem (vermeintlichen) Kontrapunkt. Anfang des Jahres elektrisierte die Nachricht, dass Bob wieder im Studio gewesen sei, alle gleichermaßen. Das dann im September erschienene Werk „Tempest“ lohnte das Warten und ist ein fabelhaftes Alterswerk geworden. Dass es jetzt bei den Grammy-Nominierungen leer ausging, ist völlig unverständlich.

Zwischen Aufnahme und Erscheinen der Platte lag wieder eine ganze Reihe von Konzerten. Insbesondere die Sommertour durch Europa war sensationell. Wer ihn an einem lauen Sommerabend im Bad Mergentheimer Schlosshof sehen konnte, erlebte eines der besten Dylan-Konzerte überhaupt. Wie er sich den ganzen Abend nicht mehr vom Flügel lösen konnte und voller Spielfreude und Genialität wunderbare Versionen seiner Songs zum Besten gab, war einfach nur überirdisch.

Doch im Herbst der Kontrapunkt. Wieder ließ sich Dylan zu dem nicht stimmigen Doppelpack mit Mark Knopfler hinreißen. Und wieder verlor er. Denn: Ein abstrakte Werke schaffender Picasso hat auf dem Kunsthandwerkermarkt gegen den farbenfrohen Pinsler naiver Malerei kaum eine Chance. Die Folge: Schmähende Kritiken und wieder einmal die Bitte, er möge doch aufhören. Aber wenn auch die Konzerte nicht die Klasse des Sommers hatten, so wussten Ohrenzeugen doch von starken Auftritten zu berichten.

Für das kommende Jahr gibt es gerüchteweise natürlich wieder Tourpläne. Japan sei anvisiert. Und Sony wird uns wohl mit den Bootleg Series Volume 10 beglücken. Die englischen Dylan-Afficionados von ISIS spekulieren über Material von 1969/70. Das hieße dann eventuell die Cash-Sessions, die Harrison-Sessions und Material von den Self Portrait-Aufnahmen.

Ach ja, und nach dem 70. Geburtstag Dylans im Jahr 2011, und seinem 50. Jubiläum als Recording Artist in diesem Jahr, können wir 2013 ein weiteres Jubiläum feiern: Im August 1963 wurde „Blowin‘ In The Wind“ auf dem Album „The Freewheelin‘ Bob Dylan“ veröffentlicht. Ein früher Geniestreich auf den noch viele folgen sollten.

In diesem Sinne auf ein erfolgreiches Musik- und Dylan-Jahr 2013!  Und auch dieses Jahr stimmen wir uns auf die Weihnachtstage mit Bob’s etwas anderen Weihnachtsfeier ein:

Kris Kristofferson: Feeling Mortal

16. November 2012

Es wird endlich Zeit, an dieser Stelle einen Mann zu ehren, der zu den größten Singer-Songwritern unserer Zeit gehört und aus dessen Feder Klassiker stammen wie „Me And Bobby McGhee“ (Janis Joplin), „Sunday Morning Coming Down“ (Johnny Cash) oder „Help Me Make It Through The Night“ (Sammi Smith). In Deutschland sehr bekannt geworden ist auch sein Song „The Taker“ in der Version „Der Macher“ von Volker Lechtenbrink.

Photo Credits: New West Records

Die Musikgeschichte hätte ohne diese Songs und ihren charismatischen Schreiber und Sänger auskommen müssen, hätte der nicht die vorgesehene Armeekarriere an den Nagel gehängt. Von 1962 bis 65 war er als Hubschrauberpilot in Bad Kreuznach stationiert, danach hätte er eigentlich Literatur in West Point lehren sollen. Doch er zog es vor, die Army zu verlassen, um seinen Traum einer Musikkarriere zu leben und nach Nashville zu pilgern. Dort erlebte er 1966 als Studio-Hausmeister Bob Dylans Aufnahmen für „Blonde On Blonde“ mit und schaffte erst Ende der 60er/Anfang der 70er den Durchbruch als Johnny Cash sein Talent erkannte. Die beiden waren fortan bis zu Cashs Tod gute Freunde.Neben seiner musikalischen Karriere eröffnete sich ihm seit Anfang der 70er auch eine Filmkarriere. Neben Klassikern wie „Convoy“ oder „Pat Garrett jagt Billy The Kid“ hat er auch eine Reihe von B-Movies oder TV-Filmen gedreht. Zuletzt sah ich ihn in „Bloodworth“ einer sentimentalen Country-Schnulze von 2011.

Nun hat der 76-jährige, der mit seinen Freunden Cash, Willie Nelson und Waylon Jennings die legendären „Highwaymen“ bildete, mit „Feeling Mortal“ ein weiteres Alterswerk vorgelegt. Immer brüchiger wird die Stimme, immer dahingehauchter die Songs. Aber was sind da für feine Songpretiosen dabei! Neben „Feeling Mortal“, der Beschäftigung mit seiner eigenen Sterblichkeit, möchte ich noch „Mama Stewart“ nennen, der die glückliche Welt einer 94-jährigen blinden Frau besingt und den Schlusstrack „Ramblin‘ Jack“, der in seinem Leben nichts ausgelassen hat und bei allen Fehltritten, Niederlagen und Verzweiflungstaten, doch immer eines war: ein wirklich guter Freund.

Diese Themen bezeugen, dass dieser Kristofferson längst die wichtigen von den unwichtigen Seiten des Lebens unterscheiden kann. Daher ist dieses Album auch trotz seines Titels oder seiner gedämpften Musik, ein absolut lebensbejahendes, optimistisches und gelassenes Album. Dieser Kristofferson scheint mit sich im Reinen. Und hat noch so viel Kluges zu sagen.

Am 28. November werden wir in der Frankfurter Jahrhunderthalle an seinen Lippen hängen. Ihn das erste und vielleicht auch das letzte Mal live erleben. Die Gänsehaut stellt sich schon beim Schreiben dieser Zeilen ein. Verbeugung vor einem ganz Großen!

Und hier Johnny Cash und Kris Kristofferson im Duett:

Dyess, Arkansas

2. Oktober 2012

„Come in!“, ruft es aus dem Inneren, als wir verhalten an der Tuer klopfen. Das Gebaeude ist ein Trailer, eine dieser schlichten amerikanischen Flachbauten, den man auch leicht zu einem rollenden Zuhause machen kann. Ueber der Tuer steht „McCrory’s General Store since 1953. Souvenirs of Johnny Cash and Gene Williams“. Wegen Cash sind wir hier im amerikanischen Nowhere gelandet.

Als wir das Drugstore betreten, haben wir Muehe – es ist dunkel und mit randvoll mit allerlei Kram – den kleinen alten Mann hinter der Theke zu finden. Freundlich erzaehlt er  – er mag schon 90 sein – dass er Gene Williams noch persoenlich gekannt habe. „Cash?“ Ja klar, den auch, aber Williams scheint ihm wichtiger zu sein. Williams war auch ein Countrystar wissen wir nun. Aber fuer uns wiederum nicht so bedeutend wie Cash.

Dyess wurde in den 30er Jahren als Projekt des New Deal gegruendet. Es gab vielen armen Familien eine neue Existenz. Auch der von Johnny Cash. Vielleicht war es dieses Wissen in die Moeglichkeiten staatlicher Daseinsfuersorge, die Cash zeitlebens davon abhielten einfachen konservativen „Wahrheiten“ zu folgen.

Wir kaufen ein Cash-T-Shirt und der alte Mann schenkt uns ein Bild von Gene Williams. Der ist ihm wichtiger, wie gesagt.

Wir fahren weiter nach Memphis und Nashville. Und folgen fuer einen Teil der Reise Cashs Weg aus der Armut Dyess‘ ueber die ersten Plattenaufnahmen in Memphis hin zum Superstar der Countrymusik in Nashville. Schade, dass es in diesen Zeiten in Amerika keinen mehr wie Johnny gibt.

Into the south again!

24. September 2012

Wieder zieht es uns in den Süden. Wieder werden wir uns in Memphis, Nashville und im Mississippi-Delta auf die Spuren des Americana begeben, Country und Blues erleben. Erweitert wird die Reise diesmal um Texas. In Dallas werden wir Wanda Jackson, die 74-jährige  „Queen of Rockabilly“ sehen, die jüngst wieder von den jungen Produzenten Jack White und Justin Townes Earle beflügelt wurde. Im Vorort Arlington besuchen wir ein Konzert von Marty Stuart, dem „Spiritus Rektor“ der Countryszene. In Nashville steht dann wieder die Grand Ole Opry auf dem Programm. Mit dabei ist Darius Rucker, der derzeit einzige große schwarze Mainstream-Countrystar. Und in Austin werden wir uns in einige der vielen, vielen Livemusik-Clubs begeben, hier weckt der Americana-Künstler Dale Watson unser Interesse.

Daneben werden wir aber einfach auch Landschaft, Städte und Menschen auf uns wirken lassen. Sind gespannt darauf, wie sich der US-Wahlkampf im Alltag niederschlägt. Werden Dyess, Arkansas, besuchen, wo Johnny Cash seine Kindheit verbracht hat. Und werden Museen besuchen – das JFK-Museum in Dallas, das Civil Rights-Museum in Memphis, das Bluegrass-Museum in Owensboro, Kentucky, und das… ähem… Muppet-Museum in Leland, Mississippi!

Zumindest aus den großen Städten werde ich ein bisschen was an dieser Stelle berichten. Immer mal wieder hier reinschauen, lohnt sich also!

Als kleine musikalische Illustrationen: Wanda Jackson und Jack White mit dem Video zum Bob Dylan-Song „Thunder on the mountain“ sowie die Preview des neuen Albums von Wanda Jackson mit Justin Townes Earle.