Archive for the ‘Literatur’ Category

Die Wiederentdeckung der Hinterwäldler

16. September 2017

Seit ich diesen Blog betreibe habe ich immer mal wieder betont, dass die Küstenstreifen der USA nicht typisch sind für das Land, sondern das weite Land dazwischen. Dass der Mittlere Westen (Heartland) und der Süden sowohl spannend und faszinierend aber auch erschreckend zugleich sein können. Der Süden steht für die Kulturschätze Blues, Jazz, Country, Gospel und Rock’n’Roll, aber auch für Rassismus und Gewalt. Und dort wie auch im ländlichen Raum des Mittleren Westens ist man besonders konservativ, patriotisch, anti-intellektuell und religiös.

Während über lange Jahre die liberalen Küstenautoren wie Ford, Auster oder DeLillo die Helden des amerikanischen Feuilletons waren, sind erst in den letzten Jahren Schriftsteller wie Daniel Woodrell oder Donald Ray Pollock in den Fokus gerückt, die Geschichten aus dem Leben der Hillbillys erzählen. Im Kriminalroman waren und sind es James Lee Burke, Joe R. Lansdale und James Sallis, die ihre Stories in den Bayous, den verödenden Orten und den weiten Landschaften des sogenannten „Fly Over Country“ ansiedeln.

Wer diese Bücher aufmerksam gelesen hat, der las über Gewalt, religiöse Eiferer, Elend in den Trailerparks und die Perspektivlosigkeit ganzer Landstriche. Diese latent vorhandene unheilvolle Melange hat Trump erst möglich gemacht. Nur – die liberalen Eliten der Küstenstreifen haben zu lange die Augen davor verschlossen, haben sich im Gegenteil sogar ein bisschen erhoben über die Hinterwäldler.

Nun, nachdem das Kind in den Brunnen gefallen ist, erscheinen gleich mehrere Bücher, die sich mit den Zuständen dieses Hinterlandes beschäftigen. Auf zwei wollen wir hier kurz Blicken:

Fremd in ihrem Land
Die Soziologin Arlie Russel Hochschild hat den Süden bereist und festgestellt – Achtung: das sind ja ganz nette Menschen! Sorry, scheinbar sind die Bayous von Lousiana weiter entfernt von Berkeley als von Bickenbach. Die Gastfreundschaft, die Höflichkeit und der Humor der Menschen des Südens sind legendär. Und nicht jeder weiße Südstaatler ist ein Rassist. Einmal mit den Menschen reden und man stellt fest, dass sie schon vieles verstanden haben, aber eben die objektiv falschen Schlüsse daraus ziehen. „Fremd in ihrem Land“ ist gerade wegen der Neugier und der Überraschung der Autorin so lesenswert. „Wer ihr Buch liest, versteht die Wähler Trumps, weil sie auf Augenhöhe mit ihnen und nicht über sie spricht“, heißt es in der Rezension der FAZ. Sie arbeitet dadurch heraus, dass diese einfachen, konservativen Menschen ihre Freiheit über ihre Arbeit definieren. Nur wenn sie Arbeit haben, können sie frei und unabhängig vom Establishment in Washington und der mittelmäßigen Bürokratie ihrer Nachbarschaft leben: Heiraten, Kinder kriegen, jagen, fischen, feiern. Dass sie mit der Arbeit bei den Chemo- und Petro-Konzernen, die die größten Arbeitgeber Louisianas sind, und ihrem Votum für Trump mithelfen, ihr Leben, ihre Landschaft und ihre Kultur zu zerstören, bildet eine Zwickmühle, die unentrinnbar scheint und zu einer Ausweglosigkeit führt, die die Menschen im Süden zunehmend depressiv und Teile davon auch aggressiv macht.

Die alte amerikanische Linke hatte Woody Guthrie, der bei den Menschen lebte und für sie Lieder sang. Heute scheinen viele Linke abgekoppelt von der Lebenswirklichkeit der arbeitenden Menschen. Da ist das Buch von Arlie Russel Hochschild eine wichtige Erinnerung: Die Linke muss zu den Menschen gehen!

Hillbilly Elegie
J.D. Vance dagegen ist ein Kind des Rust Belt. Der Rust Belt („Rostgürtel“), früher Manufacturing Belt, ist die älteste und größte Industrieregion der USA und erstreckt sich im Nordosten über mehrere Staaten: Illinois, Indiana, Michigan, Ohio, Pennsylvania, New York und New Jersey, auch West Virginia wird wegen des Bergbaus dazugezählt. Vance erzählt in „Hillbilly Elegie“ die Geschichte seiner Familie und seiner Heimatregion. Hier wurde in den Wohlstandsjahren nach dem Krieg die Arbeiterklasse zur Mittelschicht. Als dann der Niedergang der US-Industrie einsetzte, standen die Leute plötzlich massenweise vor dem Nichts. Armut führt zur Perspektivlosigkeit, führt zu Drogen, zu Apathie, zu Gewalt. Plötzlich ist der amerikanische Traum ausgeträumt. Vom stolzen Arbeiter zum Arbeitslosen, der froh ist sich mit Handlanger-Jobs über Wasser zu halten. Doch da die Demokraten seit Clinton des Spiel des Neoliberalismus mitmachen, sind diese Leute allein gelassen, völlig desparat und eben anfällig für Demagogen wie Trump.

Vance hat seinen individuellen Aus- und Aufstieg aus den prekären Verhältnissen seiner Heimat geschafft. Dass er sie uns in Erinnerung ruft ist löblich. Dass er selber an der Elite-Uni Yale studiert und heute in San Francisco als Investor genau zu dem gesellschaftlichen Establishment gehört, das die Strukturen befördert, die eine Problemlösung für diese Menschen verhindern, ist eigentlich die böse Pointe dieses lesenswerten Buchs.

Es bleibt zu hoffen, dass die amerikanischen Demokraten, die gerade von den Erinnerungen der Wahlverliererin Hillary Clinton gequält werden, sich mehrheitlich zu einer Politik á la Bernie Sanders entschließen. Trump absägen ist das eine, die Ursachen seines Aufstiegs und des irrwitzigen gesellschaftlichen Risses, der quer durch Amerika geht, zu bekämpfen ist das andere, noch Schwierigere. Aber das eine braucht das andere, will man am Traum eines demokratischen und vielfältigen Amerika noch festhalten können.

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Sam Shepard (1943 – 2017)

2. August 2017

Natürlich habe ich Sam Shepard über die Beschäftigung mit Bob Dylan kennengelernt. Er reiste mit Dylans-Wahnsinns-Tross 1975 durch die Neu-England-Staaten und sollte das Drehbuch für des Meisters verkanntes Filmwerk „Renaldo & Clara“ verfassen. Seine Ideen wurden nicht umgesetzt, stattdessen verfasste er das „Rolling Thunder Logbook“ und setzte damit der Tour ein literarisches Denkmal. Er schrieb mit Dylan einen der wenigen guten Dylan-Songs der 1980er Jahre: „Brownsville Girl“. Und er schrieb über Dylan das Stück „True Dylan“. Was natürlich Ironie ohne Ende war. Denn auch dieses Bühnenwerk kam dem „wahren“ Dylan so nah oder so fern, wie alle sonstigen Biographien über den Meister. Aber keiner verstand es wie Shepard, aus den Facetten der öffentlichen Figur Bob Dylan eine Bühnenfigur zu erfinden, die so viele richtige Fragen über Dylan aufwarf.

Erst danach habe ich seine Kurzgeschichten gelesen, habe ihn als Schauspieler wahrgenommen und seine Bedeutung für Wim Wenders in „Paris, Texas“ erfasst und den wunderbar selbstironischen „Don’t Come Knocking“ gesehen. Vielleicht jetzt erst habe ich seine Bedeutung für das „andere Amerikas“ richtig einzuschätzen gelernt.

In jedem Film, in jeder Rolle, in all seinen Stücken und Geschichten, arbeitete er sich an Amerika ab. An dessen Glücksversprechen, an den Hoffnungen der Menschen, es möge ihnen irgendwann besser gehen und an den unendlich vielen Situationen, in denen die Hoffnungen dieser Menschen enttäuscht werden: Von den Umständen, von den anderen Amerikanern, von Amerika. Denn genau so großzügig wie Amerika mit seinem Glücksversprechen ist, so großzügig ist es auch mit seiner Gewalt, ist es darin, dass es Menschen ins Bodenlose stürzen lassen kann, dass es Menschen um ihre Existenz bringen kann.
Shepard hat dies immer in einer unheimlichen Weite und Lakonie beschrieben. Der Weite der amerikanischen Landschaft, der Lakonie seiner Menschen, die in dieser Weite darum kämpfen müssen, wahrgenommen zu werden. Um am Ende dann oftmals zu scheitern. An den falschen Plänen, an ihren Ängsten, an ihrem Versagen oder an ihren moralischen Maßstäben.

Sam Shepard hat über die alltägliche Zerstörung des amerikanischen Traums geschrieben. Mit ihm ist nun ein weiterer unserer großen amerikanischen Träume gestorben. Rest In Peace, Sam Shepard!

Gegen individuelle und historische Demenz

23. Juli 2017

J. Paul Hendersons „Letzter Bus nach Coffeeville“ zeichnet auch Amerikas Geschichte des 20. Jahrhunderts nach

Immer mal wieder bespreche ich in meinem Blog Bücher, die für mich echtes „Americana“ sind. Schon vor geraumer Zeit – weit vor dem Trump-Desaster – habe ich hierbei darauf hingewiesen, dass mir die Autoren, die in kritischer Sympathie und echter Empathie für die Menschen aus dem Heartland über deren Leben und Probleme schreiben, mir näher sind, als die liberal-elitäre Nabelschau der Großschriftsteller von den Küstenstreifen.

Während meines Urlaubs waren es die Bücher von zwei Schriftstellern, die sich mit dem besagten „inneren Amerika“ beschäftigen, die mich gefesselt haben. Zum einen die Hackberry Holland-Saga des hier bereits ausführlich erwähnten James Lee Burke, zum anderen „Letzter Bus nach Coffeville“.

Letzteres war so ein typischer „kurz vor dem Urlaub-Kauf“. In der Bahnhofsbuchhandlung gesehen, und als wohl recht unterhaltsam eingestuft, entpuppte es sich am Ende als riesengroße positive Überraschung. Denn beim Modethema „Demenz“ kann man sich natürlich auch ganz dem Generationenthema hingeben, kann sich ganz auf ein belletristisches, humorvolles Gegenstück zur überbordenden Ratgeberliteratur beschränken. Doch genau das wollte Henderson nicht.

Zwar war der Antrieb für diesen Roman die Alzheimererkrankung der Mutter des Autoren, doch mit der in der Luft liegenden Mutter-Sohn-Geschichte beschäftigt sich Henderson überhaupt nicht. Was er stattdessen schafft, ist ein zutiefst menschliches Panorama der amerikanischen Geschichte des 20. Jahrhunderts von einem eindeutig fortschrittlichen Standpunkt aus. Die individuelle Demenz einer der Hauptpersonen des Romans ist nur der Anlass, die Geschichten der Protagonisten so zu erzählen, dass das Buch zum Mittel gegen die historische Demenz Amerikas, gegen das Vergessen der Geschichte des fortschrittlichen Amerikas wird.

Mittels einer linearen Geschichte, sowie durch Rückblenden, um die Geschichte der zueinanderfindenden Charaktere zu erzählen, erzählt Henderson vom ungewöhnlichen Personal eines aberwitzigen Road-Trips, der dazu dient, um den letzten Wunsch der an Alzheimer erkrankten Nancy zu erfüllen. Auf beiden Erzählebenen erfahren wir nicht mehr und nicht weniger als wichtige Geschichten und Zusammenhänge aus der Historie des anderen Amerika. Von den Streikbewegungen der Bergarbeiter in Kentucky und der schwarzen Bürgerrechtsbewegung über die Anti-Vietnam-Kriegsbewegung bis hin zu subkulturellen Entwicklungen der 1970er Jahre.

Auf beste amerikanische, nämlich unterhaltsame Art, übt Henderson immer wieder Kritik an den Mächtigen und deren Organisationen und beschreibt den lebenslangen Kampf des Individuums, um unter den herrschenden Verhältnissen einigermaßen den Kopf über Wasser halten zu können.

Dabei zeichnet er natürlich auch ein Panorama der amerikanischen Populärkultur und ihrer Chiffren und Mythen, die hier u.a. Hersheys Schokolade, Waltons Mountain, Nashville oder Memphis heißen. Nebenbei spielt der typisch amerikanische religiöse Fundamentalismus genauso eine Rolle wie der US-Militarismus oder das modische esoterische New Age-Hipstertum des neuen Bürgertums.

Und so entsteht aus all diesen Ingredienzen ein außerordentlich intelligentes, anrührendes Buch, das allem Unbill zum Trotz, den Leser mit Hoffnung erfüllt. Individuelle und gesellschaftliche.

J. Paul Henderson, Letzter Bus nach Coffeeville, Diogenes-Verlag, 13 Euro.

Markus Berges: Die Köchin von Bob Dylan

13. März 2016

Die Köchin von Bob DylanWieder versucht ein Autor sich daran, einen fiktiven Roman mit der Figur Bob Dylan zu verknüpfen. Was bei Liaty Pisanis „Der Spion und der Rockstar“ gerade noch als bizarr durchging, bei Maik Brüggemeyers „Catfish“ als ernsthaft bemüht aber letztlich zu verkrampft zu werten ist, hinterlässt einen bei Markus Berges‘ neuem Roman „Die Köchin von Bob Dylan“ hingegen sehr positiv gestimmt.

Denn Berges führt Dylan als netten, sonderlichen alten Herrn in den Roman ein, ohne ihn der Lächerlichkeit preis zu geben. Der Respekt des Songwriters Berges vor einem Säulenheiligen seiner Zunft und viel echte Empathie für die unermüdlich tourende bald 75-jährige Musiklegende lässt Berges Schilderungen von Dylan und seinem Leben auf der Tour zu kleinen, wunderbaren Miniaturen werden, die einen guten Kontrast zum tragischen Leben von Jasmin Nickenigs Großvater Florentinius Malsam abgeben.

Berges gelingt hier das Kunststück, in einer Sprache, die in ihrer Menschlichkeit und Wärme für die Figuren an den großen Joseph Roth erinnert, das tragische Leben des deutschstämmigen Ukrainers Florentinius zwischen Stalinismus, Nazismus und Krieg so zu erzählen, dass es realistisch und berührend ist, dass es Grausamkeiten nicht ausspart, aber auch sich nicht daran weidet.

Und so ganz nebenbei gelingt ihm auch am Beispiel von Jasmin Nickenig noch eine realistische Schilderung der Generation der „thirty-somethings“ zwischen der früheren Begeisterung für „Irgendwas mit Medien“ und der späteren Ernüchterung, trotz alledem irgendwie bedeutungs- und perspektivlos in der Sackgasse gelandet zu sein.

Berges, der schon als Songschreiber einer der ungewöhnlichsten im Land ist, bestätigt das auch als Romancier. Schade, sagt man sich bei diesem Buch, dass er sich noch nicht an die ganz große Form gewagt hat. Denn die Geschichte von Florentinius Malsam und seiner Zeit schreit gerade nach einer noch ausführlicheren Behandlung. Vielleicht greift Berges ja Figur und Thema noch einmal auf. Und vielleicht braucht er dann auch Bob Dylan nicht mehr dazu.

Markus Berges, Die Köchin von Bob Dylan, Rowohlt Berlin, Gebunden, 288 Seiten, 19,95 Euro.

AustroBob

23. April 2015

AustrobobJa, auch ich hatte einmal Berührungspunkte mit dem Wiener Kreis der österreichischen Dylan-Freunde. Wobei Wiener Kreisel auch keine schlechte Bezeichnung wäre, ob der spielerischen Leichtigkeit, der Eleganz und dem Schmäh, mit dem sie ihre Dylan-Thesen zirkulieren ließen und ihre gekonnten intellektuellen Steilvorlagen stets treffsicher einnetzten.

1998 schrieb ich einen Artikel für die Zeitschrift „Parking Meter“ – auf den ich sehr stolz war und für dessen Veröffentlichung ich den „Parking Meter“-Leuten immer noch dankbar bin – und verbrachte ein Dylan-Wochenende auf der berühmten Burg Plankenstein. Mir war dort damals die permanente Beschäftigung mit Dylan, das permanente Reden über Dylan dann aber irgendwann zu viel. Ich wurde etwas mitleidig angeschaut, weil ich vorzeitig abreiste, und lieber den Meister bei Rock im Park in Nürnberg sehen und hören wollte. Aber damals fand ich einfach keine rechte Bindung zum Spiel des Wiener Dylan-Teams. Schade, aber die Zeit war wohl einfach nicht danach, man kann es nicht mehr ändern.

Nun – viele Jahre, viele Dylan-Konzerte, viele eigene Dylan-Artikel, die Erfahrung des Frankfurter Dylan-Symposiums, eine Reihe eigener Dylan-Abende, einen eigenen Blog und eine eigene Buchveröffentlichung weiter – ist nun AustroBob erschienen. Das ultimative Buch über die österreichische Dylan Rezeption. Und siehe da, die Lektüre war ein großes Vergnügen.

Auf kluge Art und Weise erzählt der Band die verspätete Entdeckung Dylans in Österreich. Stellt die vielen bekannte Dylan-Platte von Wolfgang Ambros in diesen Zusammenhang. Literaten, Musiker und Intellektuelle wie Michael Köhlmeier, Ilse Aichinger, Andreas Spechtl und eben Wolfgang Ambros schreiben teils in sehr persönlichen Geschichten und Beiträgen über ihre Beziehung zum Bob und dessen Bedeutung für sie. Es ist ein teilweise brillantes, teilweise anrührendes und teilweise einfach unterhaltsames Buch. Ein Muss für jeden Dylan-Freund, der sich ernsthaft mit der Wirkung und der Bedeutung des Künstlers auseinandersetzt.

Und am Ende entdeckte ich auch den Beitrag zu „Parking Meter“ und die Abbildung des Titelbilds, auf dem mein Name und mein Artikel aufgeführt war. Die Zeitung gibt es nicht mehr, aber die Protagonisten sind weiterhin aktiv. Die Wiener Traditionsmannschaft spielt also noch. Gut so, denn vielleicht kann ich ja doch nochmal irgendwann eingewechselt werden.

AustroBob, Falter Verlag Wien, 216 Seiten, EUR 29,90.

James Lee Burke

2. April 2015

Regengoetter von James Lee BurkeEr ist nicht nur einer der größten lebenden Kriminalschriftsteller. Nein, ich behaupte er ist einer der größten amerikanischen Schriftsteller überhaupt. Wie kaum ein anderer versteht es James Lee Burke, die Wunden, die Narben und die Widersprüche der USA so offen zu legen wie er. Mittels einer lakonischen Erzählweise, die stets packend, aber nie spekulativ ist, und ganz ohne die Bedienung irgendeines Gewaltvouyeurismus auskommt. Wo andere sich in der Komposition von gewalttätigen Szenarien oder besonders ausgefallenen Mordarten gefallen, bleibt er ganz stoisch. Er sucht die Gewalt nicht, er schreibt sie nicht herbei, er findet sie ganz beiläufig, denn zum Leben in Amerika gehört sie dazu.

Hackberry Holland, die Hauptfigur in Burkes Roman „Regengötter“, ist ein mehrfach traumatisierter trockener Alkoholiker. In Korea hat er in Gefangenschaft Kameraden verraten, als Politiker gekokst, gesoffen und auch sonst nichts anbrennen lassen. Dann dem allen abgeschworen und als Anwalt für eine Bürgerrechtsbewegung gearbeitet und eine Aktivistin geheiratet. Nachdem sie einer tückischen Krankheit erlegen ist, geht er ins texanisch-mexikanische Grenzland und wird Sheriff. Hier erlebt er die Schönheit des Landes und die Verzweiflung und Verrohung seiner Menschen in ihrer ungeschminktesten Form und versucht nichts anderes, als Gerechtigkeit walten zu lassen. Der amerikanische Traum zerschellt an der Wirklichkeit, aber Holland kämpft unentwegt dagegen an. Wie ein texanischer Sisyphos.

Burke hat mit Hackberry Holland im Herbst seines Schriftstellerlebens eine Figur geschaffen, die gleichsam eine Art Synthese seiner beiden früheren Figuren ist. Da ist der ebenfalls kriegstraumatisierte (von Vietnam) Alkoholiker Dave Robicheaux, der in den Swamps und Bayous von Louisiana das Recht – oder was er davon hält – durchzusetzen versucht, und da ist der Anwalt und frühere Texas Ranger Billy Bob Holland. Hackberry ist dessen Cousin. Die Lage ist hoffnungslos, aber das kümmert ihn nicht. Denn er kann nur versuchen, das war er sieht zu beeinflussen. Den großen Linien gegenüber ist auch als Sheriff genauso machtlos wie jeder andere.

Doch während die Handlung ganz beiläufig und manchmal schleppend aber nie zäh vorankommt, gelingt es Burke immer wieder mit nur wenigen Sätzen die Dilemmata und Widersprüche der amerikanischen Gesellschaft auf den Punkt zu bringen. Die Herrschaft der Industriellen, die sie auch immer wieder mit rücksichtsloser Gewalt durchsetzen, der Rassismus und der Einfluss der christlichen Fundamentalisten auf der einen und die Schönheit der Landschaft und der Musik der Carter Family und von Woody Guthrie auf der anderen Seite.

Kürzlich las ich „Knockemstiff“ von Donald Ray Pollock. Und es war wie ein nie enden wollender monströser Albtraum ohne jede Hoffnung. Jede Geschichte steigerte Abgründe und Perversionen noch ein bisschen mehr. Und auch wenn ich Gefahr laufe unfair zu sein: Während Donald Ray Pollock Trash-Chic für Redakteure konservativer Blätter liefert, ist James Lee Burke wirklich der Chronist des gefährlichen Amerika. Sowohl des alten, als auch des jetzigen. Denn am gefährlichsten ist die Gefahr nicht in der Überzeichnung, sondern in der Andeutung. In der Vorahnung ist die Angst am Größten.

Und dennoch sind James Lee Burkes Romanfiguren Amerikaner. Sie leben einfach weiter, ihre Hoffnung scheint nie enden zu wollen. Möge kommen was wolle.

Und wohl auch nicht zu verstehen ist.

„Catfish“ – ein Bob Dylan-Roman

9. März 2015

CatfishWas soll man dazu sagen? Mal keine Biographie, keine Textexegese, kein Songbuch und keine dylanologischen Betrachtungen und Reflexionen über Dylans Werk aus musiksoziologischer, gesellschaftspolitischer oder religiöser Sichtweise. Nein, hier geht es um eine ganz subjektive Suche eines Fans nach der Person Bob Dylan. Der Rolling Stone-Autor Maik Brüggemeyer (Jahrgang 1976) hat darüber ein Buch geschrieben. Und das ist gut so. Ist es doch – bei aller Kritik, die wir daran haben und die wir noch äußern werden – ein lobenswertes Unterfangen, eine neue Herangehensweise für eine neue Generation von Dylan-Fans zu proben.

War Dylan in den 90ern noch ein „Has Been“, dessen Konzerte hauptsächlich von langjährigen Hardcore-Fans getragen wurden, ist seit seinem Comeback in den Jahren 1997 – 2006 eine neue jüngere Fangemeinde nachgewachsen. Vorbei die Zeiten, als Dylan im März 1995 die damalige Unterfrankenhalle in Aschaffenburg gerade einmal zur Hälfte füllen konnte. Brüggemeyer ist auf Konzertreise mit Dylan seit Sommer 1995, nachdem er ihm ein paar Jahre vorher in der Kolpingjugend nahegebracht wurde. Einer der älteren Jugendgruppenleiter erzählte von Bob als Catfish. Catfish als Synonym für den Gambler und Trickser, dem Dieb aus Liebe.

Und Brüggemeyer verehrt diesen Catfish/ Dylan so sehr, dass er in seinem Roman sogar wörtlich auf die Suche geht. Er sucht ihn in New York. Das ist naheliegend, doch allzu eindimensional. Man kann Dylan genauso gut suchen und nicht finden in den Highlands (das ist angeblich sein Herz), in Nashville, in Malibu, in Minnesota, in Memphis, Tennessee oder Mobile, Alabama. Gerade im Süden – Birthplace of American Music und Heimat des Catfish, dem Wels als Grundnahrungsmittel dieses Landstrichs – wäre vielleicht mindestens genauso lohnend gewesen.

Die Struktur des Roman ist einfach: Der Autor trifft die verschiedensten Personen, allesamt dylanesk bis er schließlich den wahren Bob findet und mit ihm auf Zirkus-Tour (oder ist es die Rolling Thunder-Review?) geht.

Mit Bob spricht er viel. Dabei ist Bob im wahren Leben gar nicht so gesprächig. Und der Autor ist als großer Dylan-Freund auch ein guter Kenner. Seitenlang gießt er Songtexte, Interviewpassagen und sonstige Dylan-Zitate in Dialogform. Was am Anfang noch interessant, vielversprechend und frisch wirkt, wird mit der Zeit überstrapaziert. Dylan-Fans kennen diese Zitate, andere nicht. Die wundern sich nur. Und die Dialoge sind nur selten lebendig, am Ende wirken sie durchaus auch mitunter gezwungen und ermüdend, hat der Autor den Bogen überspannt.

Sicher, dieser Roman gibt nicht vor, Dylan zu finden. Er stellt nur eine Möglichkeit der Suche dar. Damit bringt Brüggemeyer sicher den einen oder anderen neueren Dylan-Fan zum Nachdenken über das Objekt seiner Obsession und sich selbst. Die Flamme muss schließlich weitergetragen werden.

Viele Dylan-Fans werden den Roman kaufen, weil sie ohnehin alles über Dylan kaufen. Und letztendlich dann ebenso – wie der Verfasser dieser Zeilen trotz aller Kritik – zufrieden sein: Auch dieses Buch belegt – es geht weiter, immer weiter: „Keep on keeping on!“

Maik Brüggemeyer, „Catfish. Ein Bob Dylan-Roman“, Metrolit-Verlag, 22 Euro.

On the Road again

2. November 2014
Nashville, Tennessee, Broadway

Nashville, Tennessee, Broadway

Nächstes Jahr ist es dann endlich wieder soweit. Wir machen uns wieder auf die Reise. Wir komplettieren unseren musikalischen Südstaaten-Trip. Nach Memphis (Rock’n’Roll), Mississippi-Delta (Blues), Nashville (Country-Kapitale und „Music City USA“), New Orleans (Jazz und Cajun) und Austin (Texas-Country und „Live-Music Capital of the world“) werden wir uns diesmal in den Appalachen an die Geburtsstätten der Mountain Music in Virginia begeben und Bristol, Tennessee, besuchen, wo 1927 mit der Entdeckung von Jimmie Rodgers und der Carter Family der Big Bang der Countrymusik stattfand. Dann werden wir natürlich noch ein paar Tage in Nashville sein, wo es immer noch neues zu entdecken gibt. Und dann über Montgomery, Alabama, wo sowohl Hillbilly-Shakespeare Hand Williams, als auch die Bürgerrechtskämpferin Rosa L. Parks lebten, und Atlanta nach Charlotte, North Carolina, fahren. Von dort aus fliegen wir dann zurück.

Es ist einfach uramerikanisch das große Land zu bereisen. Die Pioniere taten es, die Opfer der Sandstürme in den 1930er Jahren taten es, die Hobos taten es, Woody Guthrie tat es und Bob Dylan tut es noch heute. Auch der große John Steinbeck, der mit „Früchte des Zorns“ den von Natur- und Kapitalgewalt gleichermaßen Deklassierten ein Denkmal setzte, bereiste das Land. 1960 mit seinem treuen Hund Charley an der Seite. Mehr als 50 Jahre später machte sich Geert Mak auf exakt denselben Weg. Und fand ein völlig verändertes Land vor. Amerika ist gespalten: Wirtschaftlich, sozial, politisch, ethnisch, religiös. Diese nicht so neue Diagnose – gerade wiesen wir an dieser Stelle auf George Packers „Die Abwicklung“ hin – wird von Mak aber unter verschiedenen Blickwinkeln und literarisch sehr unterhaltsam vorgetragen. Wir erfahren viel über John Steinbeck, erlangen nicht nur politisch-historische, sondern auch mentalitäts- und religionsgeschichtliche Einblicke in die Entwicklung der Vereinigten Staaten. Geert Maks „Amerika!“ ist das Buch eines verzweifelten Amerika-Liebhabers. Die Perspektive kennen wir nur zu gut.

Wenn wir nächstes Jahr in die USA fahren, dann interessiert uns die Welt der einfachen Menschen. Uns interessieren nicht die reichen Rentner in Florida oder Disneyworld. Wir brauchen keinen Grand Canyon-Nationalpark und keine Harley-Träume auf der Route 66. Dorfkneipen, Honky-Tonks und Tanzböden im armen Süden vermitteln einen guten Eindruck über dieses Land. Und die Musik: Folk, Country und Americana als Musik des armen und des anderen Amerika. Country als Musik der Klasse an sich und Folk und Americana als Musik der Klasse für sich. Darum ist jede unserer Reisen durch die USA auch ein bisschen eine politische Bildungsreise.

In den nächsten Wochen wird also recherchiert, Routen geplant, Stationen und Stopps gecheckt. Und die Vorfreude wächst. So kommt man durch den Alltag.

Und hier ein bisschen Musik für unterwegs:

Die Abwicklung

19. September 2014

Die AbwicklungJa, sie können es, die Amis! Erzählen! Schnörkellos, präzise und gefällig. George Packer beweist dies einmal mehr und hat mit seinem Buch „Die Abwicklung“ noch dazu ein Werk geschaffen, das mit journalistischer Sorgfalt, politischer Haltung und großer Empathie für die Menschen sehr deutlich macht was im „“land of the free and the home of the brave” seit Ronald Reagan so alles schief läuft. Die Reaganomics zerstörten die seit dem New Deal einigermaßen gehaltene soziale Balance, höhlten die dafür zuständigen Institutionen, Verbände und Gewerkschaften aus und nahmen den Menschen die reale Möglichkeit, den gleichsam immer noch propagierten amerikanischen Traum überhaupt noch annähernd zu leben.

In Folge immer wahnwitzigerem Reichtums, immer elenderer Armut und immer größerem religiösen Fundamentalismus bricht Amerika auseinander – der amerikanische Traum wird abgewickelt. Packer erzählt anhand der Lebensläufe verschiedener Protagonisten aus allen Schichten: Die Arbeiterin, der Lobbyist und Politikberater, der Silicon Valley-Milliadär, der Unternehmer usw. Es entsteht eine packende Collage von Amerika und den Amerikanern.

Eine der großen amerikanischen Erzählungen unserer Zeit!

Eggers und Sullivan

6. September 2013

EggersGanz banausig teile ich mal schnell die zeitgenössische amerikanische Literatur in drei Lager. Da haben wir einmal die Fords, Austers und De Lillo mit ihrer Ostküsten-Establishment-Perspektive auf Anwälte, Banker oder Hochschullehrer. Dann haben wir die Irvings und Boyles mit ihren abgedrehten Typen und Geschichten, die ich allgemein zu bemüht und zu verschwurbelt finde. Und dann gibt es die jungen, interessanten Typen, die Geschichten über das heutige Amerika, das zerrissene, entsolidarisierte, weltpolitisch und wirtschaftlich im Abstieg befindliche Amerika schreiben. Und von wirklichen Menschen und von wirklichen Geschehnissen etwas zu sagen haben.

Beispielhaft hierfür sind Dave Eggers und John Jeremiah Sullivan. Eggers hat mit „Zeitoun“ und „Ein Hologramm für den König“ zwei hervorragenden Bücher über Amerikas Rolle in der globalen Welt und dessen Abwehrkampf innen wie außen geschrieben. Dem syrisch-stämmigen Zeitoun hilft die Überanpassung an den amerikanischen Geist – Unternehmer sein, fleißig sein, gute Nachbarschaft leben – überhaupt nichts, als die amerikanischen Ordnungskräfte mit den Folgen des Hurrikans Katrina umgehen, als seien sie im Anti-Terror-Krieg. Weil er Araber ist, wird er interniert. Dem US-Manager Alan Clay verzweifelt im „Hologramm“ in der islamischen Gesellschaft Saudi-Arabiens am Niedergang der amerikanischen Industrie und dem Aufstieg Chinas als konkurrierende Weltmacht.

John Jeremiah Sullivans Pulphead-Reportagen berichten aus dem Innern einer beschädigten Nation. Ob christliches Rockfestival, Disneyworld oder „Guns N‘ Roses“-Frontmann Axl Rose. Sullivans Miniaturen zeigen die Absurdität des verlebten amerikanischen Traums. Sullivan schreibt süffig, ironisch und plastisch ohne jede überflüssige Wende oder Drehung.

War Eggers Debütroman noch einer von der geschwätzigeren Sorte, hat er mit den Jahren gelernt, seine Prosa durch Reduktion zur Entfaltung zu bringen. „Zeitoun“ ist dokumentarisch und doch spannend wie Fiktion. „Ein Hologramm für den König“ ist Fiktion und liest sich doch fast wie eine nüchterne Bestandsaufnahme des Scheiterns. Das individuelle Scheitern des Alan Clay als Parabel auf das Scheitern Amerikas.Sullivan

Es stimmt zuversichtlich, dass dieses Land solche Autoren hervorzubringen vermag. Ihre Literatur und ihr gesellschaftliches Engagement in Selbsthilfeprojekten und NGOs zeigt aber auch, dass auf die Politik in den USA kein Pfifferling mehr gesetzt wird. Die Syrien-Politik des Friedensnobelpreisträgers Obama ist das neueste Zeichen dafür, dass die politische Klasse Amerikas abgewirtschaftet ist. Ohne Idee, ohne Moral, ohne Koordinatenkreuz. Hau-Drauf-Politik anstatt wirklicher humanitärer Verantwortung. Am Ende seiner Amtszeit erweist sich der Hoffnungsträger Obama als hoffnungslos ins System verstrickter Scheinriese. Traurig.