Archive for the ‘Literatur’ Category

Markus Berges: Die Köchin von Bob Dylan

13. März 2016

Die Köchin von Bob DylanWieder versucht ein Autor sich daran, einen fiktiven Roman mit der Figur Bob Dylan zu verknüpfen. Was bei Liaty Pisanis „Der Spion und der Rockstar“ gerade noch als bizarr durchging, bei Maik Brüggemeyers „Catfish“ als ernsthaft bemüht aber letztlich zu verkrampft zu werten ist, hinterlässt einen bei Markus Berges‘ neuem Roman „Die Köchin von Bob Dylan“ hingegen sehr positiv gestimmt.

Denn Berges führt Dylan als netten, sonderlichen alten Herrn in den Roman ein, ohne ihn der Lächerlichkeit preis zu geben. Der Respekt des Songwriters Berges vor einem Säulenheiligen seiner Zunft und viel echte Empathie für die unermüdlich tourende bald 75-jährige Musiklegende lässt Berges Schilderungen von Dylan und seinem Leben auf der Tour zu kleinen, wunderbaren Miniaturen werden, die einen guten Kontrast zum tragischen Leben von Jasmin Nickenigs Großvater Florentinius Malsam abgeben.

Berges gelingt hier das Kunststück, in einer Sprache, die in ihrer Menschlichkeit und Wärme für die Figuren an den großen Joseph Roth erinnert, das tragische Leben des deutschstämmigen Ukrainers Florentinius zwischen Stalinismus, Nazismus und Krieg so zu erzählen, dass es realistisch und berührend ist, dass es Grausamkeiten nicht ausspart, aber auch sich nicht daran weidet.

Und so ganz nebenbei gelingt ihm auch am Beispiel von Jasmin Nickenig noch eine realistische Schilderung der Generation der „thirty-somethings“ zwischen der früheren Begeisterung für „Irgendwas mit Medien“ und der späteren Ernüchterung, trotz alledem irgendwie bedeutungs- und perspektivlos in der Sackgasse gelandet zu sein.

Berges, der schon als Songschreiber einer der ungewöhnlichsten im Land ist, bestätigt das auch als Romancier. Schade, sagt man sich bei diesem Buch, dass er sich noch nicht an die ganz große Form gewagt hat. Denn die Geschichte von Florentinius Malsam und seiner Zeit schreit gerade nach einer noch ausführlicheren Behandlung. Vielleicht greift Berges ja Figur und Thema noch einmal auf. Und vielleicht braucht er dann auch Bob Dylan nicht mehr dazu.

Markus Berges, Die Köchin von Bob Dylan, Rowohlt Berlin, Gebunden, 288 Seiten, 19,95 Euro.

AustroBob

23. April 2015

AustrobobJa, auch ich hatte einmal Berührungspunkte mit dem Wiener Kreis der österreichischen Dylan-Freunde. Wobei Wiener Kreisel auch keine schlechte Bezeichnung wäre, ob der spielerischen Leichtigkeit, der Eleganz und dem Schmäh, mit dem sie ihre Dylan-Thesen zirkulieren ließen und ihre gekonnten intellektuellen Steilvorlagen stets treffsicher einnetzten.

1998 schrieb ich einen Artikel für die Zeitschrift „Parking Meter“ – auf den ich sehr stolz war und für dessen Veröffentlichung ich den „Parking Meter“-Leuten immer noch dankbar bin – und verbrachte ein Dylan-Wochenende auf der berühmten Burg Plankenstein. Mir war dort damals die permanente Beschäftigung mit Dylan, das permanente Reden über Dylan dann aber irgendwann zu viel. Ich wurde etwas mitleidig angeschaut, weil ich vorzeitig abreiste, und lieber den Meister bei Rock im Park in Nürnberg sehen und hören wollte. Aber damals fand ich einfach keine rechte Bindung zum Spiel des Wiener Dylan-Teams. Schade, aber die Zeit war wohl einfach nicht danach, man kann es nicht mehr ändern.

Nun – viele Jahre, viele Dylan-Konzerte, viele eigene Dylan-Artikel, die Erfahrung des Frankfurter Dylan-Symposiums, eine Reihe eigener Dylan-Abende, einen eigenen Blog und eine eigene Buchveröffentlichung weiter – ist nun AustroBob erschienen. Das ultimative Buch über die österreichische Dylan Rezeption. Und siehe da, die Lektüre war ein großes Vergnügen.

Auf kluge Art und Weise erzählt der Band die verspätete Entdeckung Dylans in Österreich. Stellt die vielen bekannte Dylan-Platte von Wolfgang Ambros in diesen Zusammenhang. Literaten, Musiker und Intellektuelle wie Michael Köhlmeier, Ilse Aichinger, Andreas Spechtl und eben Wolfgang Ambros schreiben teils in sehr persönlichen Geschichten und Beiträgen über ihre Beziehung zum Bob und dessen Bedeutung für sie. Es ist ein teilweise brillantes, teilweise anrührendes und teilweise einfach unterhaltsames Buch. Ein Muss für jeden Dylan-Freund, der sich ernsthaft mit der Wirkung und der Bedeutung des Künstlers auseinandersetzt.

Und am Ende entdeckte ich auch den Beitrag zu „Parking Meter“ und die Abbildung des Titelbilds, auf dem mein Name und mein Artikel aufgeführt war. Die Zeitung gibt es nicht mehr, aber die Protagonisten sind weiterhin aktiv. Die Wiener Traditionsmannschaft spielt also noch. Gut so, denn vielleicht kann ich ja doch nochmal irgendwann eingewechselt werden.

AustroBob, Falter Verlag Wien, 216 Seiten, EUR 29,90.

James Lee Burke

2. April 2015

Regengoetter von James Lee BurkeEr ist nicht nur einer der größten lebenden Kriminalschriftsteller. Nein, ich behaupte er ist einer der größten amerikanischen Schriftsteller überhaupt. Wie kaum ein anderer versteht es James Lee Burke, die Wunden, die Narben und die Widersprüche der USA so offen zu legen wie er. Mittels einer lakonischen Erzählweise, die stets packend, aber nie spekulativ ist, und ganz ohne die Bedienung irgendeines Gewaltvouyeurismus auskommt. Wo andere sich in der Komposition von gewalttätigen Szenarien oder besonders ausgefallenen Mordarten gefallen, bleibt er ganz stoisch. Er sucht die Gewalt nicht, er schreibt sie nicht herbei, er findet sie ganz beiläufig, denn zum Leben in Amerika gehört sie dazu.

Hackberry Holland, die Hauptfigur in Burkes Roman „Regengötter“, ist ein mehrfach traumatisierter trockener Alkoholiker. In Korea hat er in Gefangenschaft Kameraden verraten, als Politiker gekokst, gesoffen und auch sonst nichts anbrennen lassen. Dann dem allen abgeschworen und als Anwalt für eine Bürgerrechtsbewegung gearbeitet und eine Aktivistin geheiratet. Nachdem sie einer tückischen Krankheit erlegen ist, geht er ins texanisch-mexikanische Grenzland und wird Sheriff. Hier erlebt er die Schönheit des Landes und die Verzweiflung und Verrohung seiner Menschen in ihrer ungeschminktesten Form und versucht nichts anderes, als Gerechtigkeit walten zu lassen. Der amerikanische Traum zerschellt an der Wirklichkeit, aber Holland kämpft unentwegt dagegen an. Wie ein texanischer Sisyphos.

Burke hat mit Hackberry Holland im Herbst seines Schriftstellerlebens eine Figur geschaffen, die gleichsam eine Art Synthese seiner beiden früheren Figuren ist. Da ist der ebenfalls kriegstraumatisierte (von Vietnam) Alkoholiker Dave Robicheaux, der in den Swamps und Bayous von Louisiana das Recht – oder was er davon hält – durchzusetzen versucht, und da ist der Anwalt und frühere Texas Ranger Billy Bob Holland. Hackberry ist dessen Cousin. Die Lage ist hoffnungslos, aber das kümmert ihn nicht. Denn er kann nur versuchen, das war er sieht zu beeinflussen. Den großen Linien gegenüber ist auch als Sheriff genauso machtlos wie jeder andere.

Doch während die Handlung ganz beiläufig und manchmal schleppend aber nie zäh vorankommt, gelingt es Burke immer wieder mit nur wenigen Sätzen die Dilemmata und Widersprüche der amerikanischen Gesellschaft auf den Punkt zu bringen. Die Herrschaft der Industriellen, die sie auch immer wieder mit rücksichtsloser Gewalt durchsetzen, der Rassismus und der Einfluss der christlichen Fundamentalisten auf der einen und die Schönheit der Landschaft und der Musik der Carter Family und von Woody Guthrie auf der anderen Seite.

Kürzlich las ich „Knockemstiff“ von Donald Ray Pollock. Und es war wie ein nie enden wollender monströser Albtraum ohne jede Hoffnung. Jede Geschichte steigerte Abgründe und Perversionen noch ein bisschen mehr. Und auch wenn ich Gefahr laufe unfair zu sein: Während Donald Ray Pollock Trash-Chic für Redakteure konservativer Blätter liefert, ist James Lee Burke wirklich der Chronist des gefährlichen Amerika. Sowohl des alten, als auch des jetzigen. Denn am gefährlichsten ist die Gefahr nicht in der Überzeichnung, sondern in der Andeutung. In der Vorahnung ist die Angst am Größten.

Und dennoch sind James Lee Burkes Romanfiguren Amerikaner. Sie leben einfach weiter, ihre Hoffnung scheint nie enden zu wollen. Möge kommen was wolle.

Und wohl auch nicht zu verstehen ist.

„Catfish“ – ein Bob Dylan-Roman

9. März 2015

CatfishWas soll man dazu sagen? Mal keine Biographie, keine Textexegese, kein Songbuch und keine dylanologischen Betrachtungen und Reflexionen über Dylans Werk aus musiksoziologischer, gesellschaftspolitischer oder religiöser Sichtweise. Nein, hier geht es um eine ganz subjektive Suche eines Fans nach der Person Bob Dylan. Der Rolling Stone-Autor Maik Brüggemeyer (Jahrgang 1976) hat darüber ein Buch geschrieben. Und das ist gut so. Ist es doch – bei aller Kritik, die wir daran haben und die wir noch äußern werden – ein lobenswertes Unterfangen, eine neue Herangehensweise für eine neue Generation von Dylan-Fans zu proben.

War Dylan in den 90ern noch ein „Has Been“, dessen Konzerte hauptsächlich von langjährigen Hardcore-Fans getragen wurden, ist seit seinem Comeback in den Jahren 1997 – 2006 eine neue jüngere Fangemeinde nachgewachsen. Vorbei die Zeiten, als Dylan im März 1995 die damalige Unterfrankenhalle in Aschaffenburg gerade einmal zur Hälfte füllen konnte. Brüggemeyer ist auf Konzertreise mit Dylan seit Sommer 1995, nachdem er ihm ein paar Jahre vorher in der Kolpingjugend nahegebracht wurde. Einer der älteren Jugendgruppenleiter erzählte von Bob als Catfish. Catfish als Synonym für den Gambler und Trickser, dem Dieb aus Liebe.

Und Brüggemeyer verehrt diesen Catfish/ Dylan so sehr, dass er in seinem Roman sogar wörtlich auf die Suche geht. Er sucht ihn in New York. Das ist naheliegend, doch allzu eindimensional. Man kann Dylan genauso gut suchen und nicht finden in den Highlands (das ist angeblich sein Herz), in Nashville, in Malibu, in Minnesota, in Memphis, Tennessee oder Mobile, Alabama. Gerade im Süden – Birthplace of American Music und Heimat des Catfish, dem Wels als Grundnahrungsmittel dieses Landstrichs – wäre vielleicht mindestens genauso lohnend gewesen.

Die Struktur des Roman ist einfach: Der Autor trifft die verschiedensten Personen, allesamt dylanesk bis er schließlich den wahren Bob findet und mit ihm auf Zirkus-Tour (oder ist es die Rolling Thunder-Review?) geht.

Mit Bob spricht er viel. Dabei ist Bob im wahren Leben gar nicht so gesprächig. Und der Autor ist als großer Dylan-Freund auch ein guter Kenner. Seitenlang gießt er Songtexte, Interviewpassagen und sonstige Dylan-Zitate in Dialogform. Was am Anfang noch interessant, vielversprechend und frisch wirkt, wird mit der Zeit überstrapaziert. Dylan-Fans kennen diese Zitate, andere nicht. Die wundern sich nur. Und die Dialoge sind nur selten lebendig, am Ende wirken sie durchaus auch mitunter gezwungen und ermüdend, hat der Autor den Bogen überspannt.

Sicher, dieser Roman gibt nicht vor, Dylan zu finden. Er stellt nur eine Möglichkeit der Suche dar. Damit bringt Brüggemeyer sicher den einen oder anderen neueren Dylan-Fan zum Nachdenken über das Objekt seiner Obsession und sich selbst. Die Flamme muss schließlich weitergetragen werden.

Viele Dylan-Fans werden den Roman kaufen, weil sie ohnehin alles über Dylan kaufen. Und letztendlich dann ebenso – wie der Verfasser dieser Zeilen trotz aller Kritik – zufrieden sein: Auch dieses Buch belegt – es geht weiter, immer weiter: „Keep on keeping on!“

Maik Brüggemeyer, „Catfish. Ein Bob Dylan-Roman“, Metrolit-Verlag, 22 Euro.

On the Road again

2. November 2014
Nashville, Tennessee, Broadway

Nashville, Tennessee, Broadway

Nächstes Jahr ist es dann endlich wieder soweit. Wir machen uns wieder auf die Reise. Wir komplettieren unseren musikalischen Südstaaten-Trip. Nach Memphis (Rock’n’Roll), Mississippi-Delta (Blues), Nashville (Country-Kapitale und „Music City USA“), New Orleans (Jazz und Cajun) und Austin (Texas-Country und „Live-Music Capital of the world“) werden wir uns diesmal in den Appalachen an die Geburtsstätten der Mountain Music in Virginia begeben und Bristol, Tennessee, besuchen, wo 1927 mit der Entdeckung von Jimmie Rodgers und der Carter Family der Big Bang der Countrymusik stattfand. Dann werden wir natürlich noch ein paar Tage in Nashville sein, wo es immer noch neues zu entdecken gibt. Und dann über Montgomery, Alabama, wo sowohl Hillbilly-Shakespeare Hand Williams, als auch die Bürgerrechtskämpferin Rosa L. Parks lebten, und Atlanta nach Charlotte, North Carolina, fahren. Von dort aus fliegen wir dann zurück.

Es ist einfach uramerikanisch das große Land zu bereisen. Die Pioniere taten es, die Opfer der Sandstürme in den 1930er Jahren taten es, die Hobos taten es, Woody Guthrie tat es und Bob Dylan tut es noch heute. Auch der große John Steinbeck, der mit „Früchte des Zorns“ den von Natur- und Kapitalgewalt gleichermaßen Deklassierten ein Denkmal setzte, bereiste das Land. 1960 mit seinem treuen Hund Charley an der Seite. Mehr als 50 Jahre später machte sich Geert Mak auf exakt denselben Weg. Und fand ein völlig verändertes Land vor. Amerika ist gespalten: Wirtschaftlich, sozial, politisch, ethnisch, religiös. Diese nicht so neue Diagnose – gerade wiesen wir an dieser Stelle auf George Packers „Die Abwicklung“ hin – wird von Mak aber unter verschiedenen Blickwinkeln und literarisch sehr unterhaltsam vorgetragen. Wir erfahren viel über John Steinbeck, erlangen nicht nur politisch-historische, sondern auch mentalitäts- und religionsgeschichtliche Einblicke in die Entwicklung der Vereinigten Staaten. Geert Maks „Amerika!“ ist das Buch eines verzweifelten Amerika-Liebhabers. Die Perspektive kennen wir nur zu gut.

Wenn wir nächstes Jahr in die USA fahren, dann interessiert uns die Welt der einfachen Menschen. Uns interessieren nicht die reichen Rentner in Florida oder Disneyworld. Wir brauchen keinen Grand Canyon-Nationalpark und keine Harley-Träume auf der Route 66. Dorfkneipen, Honky-Tonks und Tanzböden im armen Süden vermitteln einen guten Eindruck über dieses Land. Und die Musik: Folk, Country und Americana als Musik des armen und des anderen Amerika. Country als Musik der Klasse an sich und Folk und Americana als Musik der Klasse für sich. Darum ist jede unserer Reisen durch die USA auch ein bisschen eine politische Bildungsreise.

In den nächsten Wochen wird also recherchiert, Routen geplant, Stationen und Stopps gecheckt. Und die Vorfreude wächst. So kommt man durch den Alltag.

Und hier ein bisschen Musik für unterwegs:

Die Abwicklung

19. September 2014

Die AbwicklungJa, sie können es, die Amis! Erzählen! Schnörkellos, präzise und gefällig. George Packer beweist dies einmal mehr und hat mit seinem Buch „Die Abwicklung“ noch dazu ein Werk geschaffen, das mit journalistischer Sorgfalt, politischer Haltung und großer Empathie für die Menschen sehr deutlich macht was im „“land of the free and the home of the brave” seit Ronald Reagan so alles schief läuft. Die Reaganomics zerstörten die seit dem New Deal einigermaßen gehaltene soziale Balance, höhlten die dafür zuständigen Institutionen, Verbände und Gewerkschaften aus und nahmen den Menschen die reale Möglichkeit, den gleichsam immer noch propagierten amerikanischen Traum überhaupt noch annähernd zu leben.

In Folge immer wahnwitzigerem Reichtums, immer elenderer Armut und immer größerem religiösen Fundamentalismus bricht Amerika auseinander – der amerikanische Traum wird abgewickelt. Packer erzählt anhand der Lebensläufe verschiedener Protagonisten aus allen Schichten: Die Arbeiterin, der Lobbyist und Politikberater, der Silicon Valley-Milliadär, der Unternehmer usw. Es entsteht eine packende Collage von Amerika und den Amerikanern.

Eine der großen amerikanischen Erzählungen unserer Zeit!

Eggers und Sullivan

6. September 2013

EggersGanz banausig teile ich mal schnell die zeitgenössische amerikanische Literatur in drei Lager. Da haben wir einmal die Fords, Austers und De Lillo mit ihrer Ostküsten-Establishment-Perspektive auf Anwälte, Banker oder Hochschullehrer. Dann haben wir die Irvings und Boyles mit ihren abgedrehten Typen und Geschichten, die ich allgemein zu bemüht und zu verschwurbelt finde. Und dann gibt es die jungen, interessanten Typen, die Geschichten über das heutige Amerika, das zerrissene, entsolidarisierte, weltpolitisch und wirtschaftlich im Abstieg befindliche Amerika schreiben. Und von wirklichen Menschen und von wirklichen Geschehnissen etwas zu sagen haben.

Beispielhaft hierfür sind Dave Eggers und John Jeremiah Sullivan. Eggers hat mit „Zeitoun“ und „Ein Hologramm für den König“ zwei hervorragenden Bücher über Amerikas Rolle in der globalen Welt und dessen Abwehrkampf innen wie außen geschrieben. Dem syrisch-stämmigen Zeitoun hilft die Überanpassung an den amerikanischen Geist – Unternehmer sein, fleißig sein, gute Nachbarschaft leben – überhaupt nichts, als die amerikanischen Ordnungskräfte mit den Folgen des Hurrikans Katrina umgehen, als seien sie im Anti-Terror-Krieg. Weil er Araber ist, wird er interniert. Dem US-Manager Alan Clay verzweifelt im „Hologramm“ in der islamischen Gesellschaft Saudi-Arabiens am Niedergang der amerikanischen Industrie und dem Aufstieg Chinas als konkurrierende Weltmacht.

John Jeremiah Sullivans Pulphead-Reportagen berichten aus dem Innern einer beschädigten Nation. Ob christliches Rockfestival, Disneyworld oder „Guns N‘ Roses“-Frontmann Axl Rose. Sullivans Miniaturen zeigen die Absurdität des verlebten amerikanischen Traums. Sullivan schreibt süffig, ironisch und plastisch ohne jede überflüssige Wende oder Drehung.

War Eggers Debütroman noch einer von der geschwätzigeren Sorte, hat er mit den Jahren gelernt, seine Prosa durch Reduktion zur Entfaltung zu bringen. „Zeitoun“ ist dokumentarisch und doch spannend wie Fiktion. „Ein Hologramm für den König“ ist Fiktion und liest sich doch fast wie eine nüchterne Bestandsaufnahme des Scheiterns. Das individuelle Scheitern des Alan Clay als Parabel auf das Scheitern Amerikas.Sullivan

Es stimmt zuversichtlich, dass dieses Land solche Autoren hervorzubringen vermag. Ihre Literatur und ihr gesellschaftliches Engagement in Selbsthilfeprojekten und NGOs zeigt aber auch, dass auf die Politik in den USA kein Pfifferling mehr gesetzt wird. Die Syrien-Politik des Friedensnobelpreisträgers Obama ist das neueste Zeichen dafür, dass die politische Klasse Amerikas abgewirtschaftet ist. Ohne Idee, ohne Moral, ohne Koordinatenkreuz. Hau-Drauf-Politik anstatt wirklicher humanitärer Verantwortung. Am Ende seiner Amtszeit erweist sich der Hoffnungsträger Obama als hoffnungslos ins System verstrickter Scheinriese. Traurig.

Paul Williams (1948 – 2013)

29. März 2013

Am vergangenen Mittwoch ist der Musikjournalist und Buchautor Paul Williams verstorben. Er litt nach einem durch einen Fahrradunfall ausgelösten Schädel-Hirn-Trauma seit einigen Jahren schon an frühzeitigem Alzheimer und war zum Pflegefall geworden.

Wir haben Paul Williams nur einmal gesehen und ihn nie mehr vergessen. Im Oktober 1995 las er im schon lange nicht mehr existierenden Tutti Bookie-Buchladen in Darmstadt aus seinem Buch „Forever Young. Die Musik  von Bob Dylan 1974 – 1986“. Es gab Zwiebelkuchen und ein Akustik-Duo mit einer guten Sängerin gab ein paar Dylan-Lieder zum Besten.

Doch Williams las nicht nur vor. Nein, sein Vortrag war eine Art Performance. Aus jedem gesprochenen Wort, ebenso wie aus jeder geschriebenen Zeile, floss seine echte und tiefe Begeisterung für Bob Dylan und sein Werk. Und damit steckte er an und weckte die Begeisterung bei anderen.

Seine Bücher über Dylan waren so geschrieben, dass man – einmal darin versunken – gar nicht mehr auftauchen wollte oder konnte. Dabei hatte er sicher hier und da Schwierigkeiten, noch eine kritische Distanz zu Dylan zu finden, aber das waren Marginalien gegen die Stringenz seines Ansatzes, die Schärfe seiner Beobachtungen, die Klugheit seiner Analysen und die Kühnheit seiner Schlüsse, die immer wieder geistreich, verblüffend und stets unterhaltsam waren.

Paul Williams hat mich wie nur wenige  – John Bauldie, Günter Amendt und Greil Marcus  – in der Art und Weise beeinflusst, mich mit Dylan zu beschäftigen und über ihn zu schreiben. Letztendlich war er eine der Triebfedern dafür, dass ich Ende des Jahres 1995 wagte, erstmals Texte über Dylan in Zeitschriften zu veröffentlichen.

Dafür und für sein Lebenswerk danke ich ihm. Und auch dafür, dass wir auf seiner Lesung eine Freundin kennen gelernt haben, die uns heute noch sehr nahe steht und uns sehr wichtig ist.

Rest in Peace, Paul Williams!

Alternative Country goes Literature

11. Mai 2012

 Beachtenswertes Buch-Debüt von Simone Felice

Dass Musiker auch mal schriftstellern ist so außergewöhnlich nicht. Und Bob Dylans Buch „Chronicles Vol.1“ war ja auch mehr bestechende, phantasie- und schwungvolle Prosa, als das Versprechen auf die einzig wahre Lebensgeschichte des Robert Zimmerman.

Interessant ist dagegen die zeitliche Nähe von zwei Erstlingen anerkannter Alternative Conutry/Americana-Künstlern. Letztes Jahr hatte Steve Earle sein „I’ll Never Get Out Of This World Alive” vorgelegt. Nun hat auch der “Felice-Brother” Simone sein Romandebüt mit „Black Jesus“ gegeben.

Beides muss auch vor dem Hintergrund gesehen werden, dass verstärkt auch die Verelendung Amerikas und die Perspektivlosigkeit des „White Trash“ Thema der Literatur wird. An anderer Stelle in diesem Blog habe ich schon darauf hingewiesen, dass die Autoren der beiden „Küsten“, sei es ein Roth, ein Ford, ein Franzen oder ein Boyle wenig über den Gemütszustand und die Lebensumstände weiter Bevölkerungsteile sagen und daher nur einen kleinen Ausschnitt der Wirklichkeit wiedergeben können. Romane wie „Winters Bone“ haben hier eine Trendwende eingeleitet.

Und beide Romane, sowohl der von Earle, als auch der von Felice, nehmen sich der Verlierer an. Seit Steinbecks „Straße der Ölsardinen“ kennt man das Sujet, aber Earle nimmt ihm jeden unverbindlichen Charme, jede Schönung und jeden Ausweg. Man sieht das böse Ende des heruntergekommenen Arztes bei den Junkies im amerikanisch-mexikanischen Grenzgebiet von Anfang an kommen. Das ist weder überraschend noch spannend. Warum Earle sein Buch nicht heute, sondern vor fünfzig Jahren spielen lässt, erschließt sich auch nicht, da das Grundmotiv mit Hank Williams’ Geist überhaupt nicht schlüssig ausgearbeitet wird. Für mich war das Buch schon etwas enttäuschend.

Ganz anders dagegen Simone Felice. Ein verwundeter Soldat aus dem Irak-Krieg heimgekommen, eine Mutter als Trödeltante in der verkommenen Trailersiedlung, ein Mädchen, geflüchtet vor einem brutalen, zynischen Rockkritiker aus reichem Haus – Archetypen, die aber jederzeit stimmig sind. Das Milieu ist treffend beschrieben, die Figuren vom Autor nie verraten. Selten wurde das amerikanische Elend so drastisch, ernsthaft und dennoch kurzweilig beschrieben. Und am Ende bleibt doch ein Funken Hoffnung. Ganz lässt sich Felice seinen amerikanischen Traum dann doch nicht nehmen. Dem Singer-Songwriter ist da ein großer Wurf gelungen. Er schreibt packend, aber oftmals fast schon zärtlich fabulierend. Wie einer, der selber beobachtet, wie sich die Dinge entwickeln und staunend, fast ungläubig erzählt. Sehr lesenwert.

 Bleibt zu Earles Ehrenrettung noch zu sagen, dass seine gleichnamige Platte weitaus besser als das Buch ist, während Felice gleichzeitig erschienenes Soloalbum zwar schön ist, aber nicht mit der Wucht des Buchs mithalten kann. Verdammt wichtige amerikanische Künstler und Freigeister sind sie beide.

Lesereise gut gestartet

11. März 2012

Viel Interesse in Alsbach und Darmstadt

Thomas Waldherr und Sigrid Zabel, Foto: HölzlEinen guten Start hingelegt hat die Lesereise zum Buch „I’m in a Cowboy Band“. Im Alsbacher Restaurant Hellas konnten die Buchhandlung Zabel und der Autor rund dreißig Gäste begrüßen, im Bayrischen Hof in Darmstadt waren 45 Zuhörerinnen und Zuhörer anwesend. In Alsbach bedankte sich der Autor bei der Buchhandlung Zabel und dem Team des Restaurant Hellas für die Ermöglichung der Veranstaltung.

Thomas Waldherr nahm die Gäste mit auf eine musikalische Reise in die weniger bekannten Gefilde des Mikrokosmos Bob Dylan, legte die Wurzeln Dylans in der amerikanischen Volksmusik frei, zeichnete Dylans lebenslange Beschäftigung mit der Country-Musik nach und erklärte, warum Dylan als „Vater des Americana“ bezeichnet werden darf. Der Vortrag erhielt eine positive Resonanz, traf den Nerv und das Interesse des Publikums. Gebanntes Zuhören und ein kräftiger, lang anhaltender Abschlussapplaus waren der Beweis an beiden Abenden. An den gut einstündigen Vortrag schloss sich bei beiden Veranstaltungen noch manches Gespräch im kleinen Kreis an.

Unter wehmütigen Vorzeichen stand indes der Vortrag im BayrischenVortrag im Bayrischen Hof, Foto: Goldschmidt Hof. Es war die letzte Veranstaltung in Michael Steins Lokal. Und so hatte auch so mancher Stammgast die Gelegenheit genutzt, sich persönlich von Michael Stein zu verabschieden. Ebenso wie der Autor, der zu Beginn der Veranstaltung Peter Schmidt und der Buchhandlung am Markt für die Unterstützung dankte und Michael Stein zum Abschied eine Hängematte für die nun anstehenden wohlverdienten Ruhestunden überreichte.

Letzte Station der Lesereise wird nun die Fahrt am 31. März mit dem Ebbelwoi-Express in Frankfurt sein. Diese Veranstaltung ist bereits ausgebucht, es gibt nur noch eine Warteliste.