Archive for the ‘Singer-Songwriter’ Category

Bob Dylan, die Globalisierung und die amerikanische Arbeiterklasse

8. Februar 2017

union-sundown Bob Dylans Phase als Sänger von tagespolitischen Protestsongs endete bereits 1964. In der Folge blieb er gesellschaftspolitisch keineswegs harmlos, schließlich arbeitete er sich auch weiterhin an Autoritäten und Ausbeutung („Maggies Farm“ 1965) und dem Leben jenseits der normierten Gesellschaft („Subterranean Homesick Blues“ 1965) ab, oder fragte gar adornitisch nach einem Ausweg aus Kapitalismus und verwalteter Welt („All Along The Watchtower“ 1968).

Unterschätzt und unverstanden in breiten Teilen seines Publikums, den früheren Protestgenerationen, die ab den 1980er Jahren als Träger der neuen sozialen Bewegungen so langsam aber sicher ihren Frieden mit dem neoliberalen US-Kapitalismus gemacht hatten, und dann zum liberalen Establishment wurden, ist bis heute seine immer wieder kehrende Kritik am globalen Kapitalismus sowie seine Erinnerung und Mahnung an die Lebensverhältnisse der amerikanischen Arbeiterklasse im heutigen Rust Belt und dem Fly Over-Country des Mittleren Westens und Südens.

„The Country I Come From Is Called The Midwest“
Dylan stammt nicht von den liberalen Küsten, sondern ist im Mittleren Westen, in der Iron Range Minnesotas, groß geworden. Einem Landstrich, der vom Eisenerzabbau unter Tage lebt. Der junge Robert Zimmerman gehört zwar als Abkömmling einer jüdischen Mittelstandsfamilie sozial und kulturell nicht der dortigen Mehrheit aus Nachfahren von skandinavischen, tschechischen oder katholisch-polnischen Einwanderern an. Aber Mitgliedern seiner Familie gehörten ein Elekro-Fachgeschäft und das örtliche Kino in Hibbing. Sie wussten, wenn es den Bergarbeitern gut geht, dann geht es auch ihnen gut. Da er noch dazu als doppelter Außenseiter sich in der falschen Familie fühlte, und mit Country- und Rock’n’Roll sich für die Musik des armen ländlichen Südens begeisterte, baute Robert Zimmerman schon früh eine Empathie für die einfachen Menschen auf, die ja schließlich geradewegs zur Begeisterung für Woody Guthrie und dessen Lebensstil als Hobo führte.

„The Ballad Of Hollis Brown“ (1963)
Dylan schrieb mit „Blowin‘ In The Wind“, „A Hard Rain’s A-Gonna Fall“ sowie „The Lonesome Death Of Hattie Caroll“ Klassiker der US-amerikanischen Anti-Kriegs- und Bürgerrechtsbewegung. Doch daneben steht ein Song, der sich mit einer anderen Variante der amerikanischen Widersprüche beschäftigt. „The Ballad Of Hollis Brown“ erzählt die Geschichte einer armen Farmerfamilie aus South Dakota. Aus Armut und Verzweiflung löscht der Vater die gesamte Familie mit einem Gewehr aus. Ein Song, geschrieben zwischen „New Deal“ und „Great Society“, erzählt eigentlich eine Geschichte aus der großen Depression. Doch sie ist zeitlos wie Greil Marcus in seinem kleinen, feinen Büchlein „Three Songs/Three Singers/Three Nations“ feststellt. Und angesichts von Armut, Elend und Drogentragödie des Mittelwestens heutzutage aktueller denn je.

„The Farm Aid-Speech“ (1985)
Dylan hat diesen Song auch bei einem denkwürdigen und umstrittenen Auftritt 1985 gespielt. Denn als er am 13. Juli 1985 mit Keith Richards und Ron Wood beim Live Aid-Konzert auftrat, da legte er nicht nur einen seiner desaströsesten Live-Gigs seiner Karriere hin, sondern verärgerte auch viele und insbesondere Chef-Organisator Bob Geldof mit seiner Ansage, nachdem er „The Ballad Of Hollis Brown“ gespielt hatte. Dylan sagte: „I hope that some of the money that’s raised for the people in Africa, maybe they could just take a little bit of it, maybe … one or two million … to pay the mortgages on some of the farms.“ Geldof nannte diese Ansage „Krass, dumm und nationalistisch“ und nahm damit schon die spätere Verachtung und Ignoranz der Liberalen für die Menschen des amerikanischen Heartlands vorweg. Doch Willie Nelson, Neil Young und John Mellencamp nutzten die Steilvorlage Dylans für den Farmer-Charity-Event „Farm Aid“, bei dessen Premiere dann auch Bob Dylan auftrat. Sie alle hatten noch die Empathie für die einfachen Menschen und sie spürten, dass der Hunger in der Welt und die Nöte der amerikanischen Farmer dieselben Ursachen in der Macht der Banken und des globalen Kapitalismus haben. 1993 kamen dann Nelson und Dylan mit dem Song „Heartland“ auf das Thema der Not leidenden Farmer zurück.

„Union Sundown“ (1983)
Doch Dylans Engagement für die einfachen arbeitenden Menschen in Amerika, das so gar nicht zu der inhaltlosen Rock-Show passen sollte, die als Geldsammelmaschine agierte, ohne einen Zipfel der politischen Zusammenhänge des globalen Kapitalismus herzustellen, kam nicht von ungefähr. Bereits 1983 auf „Infidels“ dem Album, das seine Rückkehr aus dem christlichen Fundamentalismus in die wirkliche Welt markierte, legte er in „Union Sundown“ eine musikalische Standortbestimmung des US-Kapitalismus zwischen Globalisierung und Niedergang der Gewerkschaften vor. Zwar kann man auch Anwandlungen von Protektionismus herauslesen, aber gleichzeitig weiß er auch um die Lage der Menschen, die in den Billiglohnländern mit den neuen Jobs ums Überleben kämpfen: „All the furniture, it says ‚Made in Brazil‘, Where a woman, she slaved for sure, Bringin’ home thirty cents a day to a family of twelve, You know, that’s a lot of money to her“, singt er in Union Sundown.

Und genau in dieser globalen Empathie über Ländergrenzen hinweg, unterscheidet er sich von reaktionären und nationalistischen Countrysängern wie den „Trump-Barden“ Lee Greenwood und Toby Keith. Denn Dylan hat das Wesen des internationalen Kapitalismus in seiner oligarchischen und antidemokratischen Ausprägung verstanden. Mehr als dreißig Jahre vor dem amerikanischen politischen Erdbeben rund um Donald Trump schrieb er in „Union Sundown“ über den Niedergang der Arbeiterklasse und der Gewerkschaften in den USA und sezierte fein die politische Realität: „Democracy don’t rule the world…This world is rules by violence“ und „Was made in the USA sure was a good idea, til greed got in the way.“

„Workingman’s Blues #2“bob_dylan-political_world_s_1
Mehr als 20 Jahre später nimmt Dylan wieder zur Situation des amerikanischen Arbeiterklasse Stellung. Und zwar in seinem „Workingmans Blues #2“ vom Album „Modern Times aus dem Jahre 2006. In direkter Anspielung auf Merle Haggards Countrysong „Workingmans Blues“ erzählt er eine ganz andere Geschichte als der Countrysänger in den 60er Jahren. Konnte Haggards Workingman noch stolz darauf sein, arbeiten zu können und keine Sozialhilfe in Anspruch zu nehmen, bekommt Dylans Protagonist angesichts von Globalisierung und Konkurrenzdruck keine Arbeit mehr bzw. wenn, dann zu Dumping-Löhnen, von denen er nicht leben kann. Er lebt in tiefer Armut. Hier zeigt sich, dass bei Dylan die konkrete Zeit, in der die Songs spielen völlig nebensächlich wird: „Time Out Of Mind“, wie seine Platte 1997 hieß. Denn die Armut, die da geschildert wird, ist mit modernem ökonomischem Vokabular begründet, aber mit uralten Bluespoesie aus der Zeit der großen Depression beschrieben. Gleichzeitig träumt sich der Protagonist aus seiner Ausweglosigkeit in eine Art romantischer Wild West-Szenerie und in Seefahrer-Phantasien. Die Worte letzterer Phantasie sind nichts geringerem als Ovids Werken „Tristia“ und „Epistulae ex Ponto“ entlehnt. Dylan entlehnt sich die Werke des klassischen Altertums, die ja zum sinnstiftenden Bildungskanon des Bürgertums gehören, um die Armut zu beschreiben, die die bürgerliche Gesellschaft kraft ihrer Wirtschaftsweise weltweit schafft.

Am Ende wird dieser „Workingman“ tot sein. Schaurig, aber unaufhaltsam. Und Dylans Song wird zu einer Totenklage eines Sterbenden, in der sich Blues und Ovid, Karl Marx und Country treffen. Dylans Collagentechnik ist verblüffend, belesen und intellektuell ausgereift, aber nie zufällig willkürlich, wie es Heinrich Detering so kongenial in seiner Analyse des Spätwerks darstellt.

The Chrysler Superbowl TV-Commercial
Auch Dylans Werbefilm zum Superbowl 2014 wurde naserümpfend betrachtet. Natürlich wird ihm ewig schon vorgehalten, überhaupt Werbung zu machen. Und dann auch noch für eine Automarke. Und so nationalistisch!

Doch gerade in diesem Werbefilm, der eine Mischung aus Americana-Video, USA-Werbefilm, Dylan-Referenzen und 40er Jahre-Ambiente ist, zeigt sich wie stark Dylan kulturell und gesellschaftspolitisch vom „New Deal“ geprägt ist, wie schon Sean Wilentz in seinem Buch „Dylans Amerika“ herausgearbeitet hat. Dylans gesellschaftliche Koalition ist immer noch die „New Deal-Koalition von gewerkschaftlich organisierten Industriearbeitern, Afroamerikanern und städtischen Mittelschichten“ (Nancy Fraser, „Für eine Neue Linke!“, in: Blätter für deutsche und internationale Politik, 2/2017). Und so erklärt sich auch die gewisse Distanz zu Teilen der Protestgeneration der 1960er wie den Hippies, deren Subkultur vor allem als alternativer Lebensentwurf für die Söhne und Töchter der großbürgerlichen Eliten zu verstehen ist.

Dylan hat eine Empathie für die darbenden Autobauer und den heruntergekommenen Städten des „Rust Belt“ wie beispielsweise Detroit, denen er ihren Stolz wiedergeben will. Sicher bietet der Spot keine scharfe Analyse, und man fragt sich ob Dylan eigentlich wusste oder ob es ihm egal war, das Chrysler mittlerweile eine hundertprozentige Tochter des italienischen Fiat-Konzerns ist. Aber, und das ist Dylan wichtig, Chrysler produziert seine Fahrzeuge der traditionsträchtigen und klangvollen US-Automarken Chrysler, Dodge und Jeep weiterhin an einigen Standorten in den USA.

„We Live In A Political World“
Dylans Kritik am globalen Kapitalismus ist alles andere als kohärent oder differenziert. Er ist Künstler, kein Ökonom oder Politiker. Im Gegenteil, gern hat er in seinem Werk immer wieder mal derbe gegen Politiker ausgeteilt. Ob in „Political World“ von 1990 oder in „It’s All Good“ 2009. Die direkten Kontakte zur Politik lassen sich an einer Hand abzählen. Jimmy Carter nannte ihn seinen Freund, bei Bill Clintons erster Inauguration spielte er noch, dann war er weder bei ihm noch bei Obama bei der Amtseinführung zu sehen. Der lud ihn zwar mehrmals – mal zur Preisverleihung, mal zum musikalischen Auftritt- ins Weiße Haus ein. Doch öffentlich mochte er Obama im Gegensatz zu anderen Musikern nicht lauthals unterstützen. Er sah wohl in ihm nicht denjenigen, der die US-Gesellschaft und die Welt. grundlegend verändern und verbessern konnte. Auch hier zeigte sich Dylans Selbstverortung im alten New Deal und nicht in der auch für Obama weiterhin konstitutionellen Clinton-Koalition aus „Unternehmern, Vorortbewohnern, neuen sozialen Bewegungen und jungen Leuten“ (Nancy Fraser). Dylan widerstand dem Obama-Hype. Der nun nach der Trump-Tragödie ohnehin nur eine finale Episode zu Ende des progressiven Neoliberalismus gewesen zu sein scheint. Eine neue amerikanische Linke muss ein neues Bündnis mit den Globalisierungsverlierern zu Hause und in aller Welt schmieden.

Dass es in Bob Dylans gewaltigem Oeuvre immer wieder gewichtige Fundstellen gibt, die belegen, dass er die Grundprinzipien der Globalisierung verstanden hat, sie kritisiert und Partei für die Verlierer dieser Entwicklung ergreift, zeigt einmal mehr Dylans Bedeutung als Künstler, der sich mit den universellen Menschheitsfragen auseinandersetzt.

Dylan stand und steht nie auf der Seite der Mächtigen. Nicht umsonst ist er aus der bürgerlichen Idylle seines Elternhauses ausgebrochen, um Woody Guthrie, die Stimme des anderen Amerikas zu treffen. Auch einer, der noch Kontakt zu den einfachen, hart arbeitenden Menschen hatte. Dass das linksliberale Amerika der Küsten diesen Kontakt verloren hat, ist eine große Tragödie. Und Bob Dylan ist daher auch so etwas wie das permanente schlechte Gewissen dieser Generation, die seit Bill Clinton das liberale Amerika geführt hat.

Love Songs For The Other America

4. Dezember 2016

Americana-Konzert mit großem Line-Up gegen Hass, Rassismus und soziale Spaltung in den USA und anderswo im Darmstädter TIP

Am Donnerstag, 19. Januar findet im Rahmen der Reihe „Americana im Pädagog“ ein ganz besonderes Konzert statt. Am Vorabend der Amtseinführung des 45. US-Präsidenten Donald Trump spielen Americana-Künstler wie Biber Herrmann, Markus Rill, Wolf Schubert-K. und Candyjane“ Lovesongs For The Other America“, Lieder des „anderen Amerika“, gegen Hass, Rassismus, soziale Spaltung und Gewalt.

„Der Trump-Sieg in den USA hat uns alle geschockt. Die Parallelen zu Deutschland und Europa sind nicht zu leugnen, der Hass gegen alles Fremde, nicht der Konformität zugehörigen, setzt sich über Grenzen hinweg. Die Gründe hierfür liegen jedoch woanders. Die Schere zwischen Arm und Reich muss geschlossen werden, die Globalisierungsverlierer und Abgehängten müssen wieder eine soziale Perspektive bekommen Politisch kann das Signal nur heißen, dass man die offene Gesellschaft verteidigt, in dem man sie endlich wieder sozial macht. Uns als Freunde der amerikanischen Musikkultur hat der Trump-Sieg natürlich umso mehr geschockt, weil der kommende 45. Präsident der USA all das ablehnt, was wir in den USA als das „andere Amerika“ stets besonders geschätzt haben“, erklären Thomas Waldherr und Wolf Schubert-K., die die Idee zu dieser Veranstaltung hatten, und sie mit Unterstützung von Klaus Lavies vom „Theater im Pädagog“ organisiert haben.

„An diesem Abend spielen wir die Songs der Bürgerrechtsbewegung und der Gewerkschaften, der LGBT-und Grassroots-Bewegungen: die Musik von Woody Guthrie, Pete Seeger, Joan Baez, Bob Dylan, Bruce Springsteen, Patti Smith, Tom Morello, Ani DiFranco oder Hurray For The Riff Raff. Zudem wollen wir aus Werken von Allen Ginsberg oder John Steinbeck lesen oder Martin Luther King und Franklin D. Roosevelt zitieren“, erläutern Waldherr und Schubert-K. das Konzept des Abends.
Mit dabei sind: Biber Herrmann, Markus Rill, Wolf Schubert-K., Candyjane, die DoubleDylans, Dan Dietrich, Vanessa Novak, Sue Ferrers & Steffen Huther, Klein & Glücklich, Jen Plater sowie als Moderator Thomas Waldherr.

Die Veranstaltung im Theater im Pädagog beginnt um 20 Uhr, der Eintritt beträgt 15 Euro. Karten können im Vorverkauf online unter http://www.paedagogtheater.de erworben werden. Vorbestellungen sind unter 06151 – 66 01 306 telefonisch und unter theaterimpaedagog@gmx.de per E-Mail möglich.

Billy Bragg & Joe Henry: Shine A Light

4. November 2016

bragg-henryDie Eisenbahn – „The Railroad“ – ist eine der großen amerikanischen Mythen. Sie verband das große, weite Land ab Mitte des 19. Jahrhunderts von Nord nach Süd, von Ost nach West. Die Arbeiter, die sie bauten wurden zur Legende. So wie der Schwarze John Henry, der an der Wette starb, schneller zu sein, als die neuen dampfgetriebenen Hämmer. Die Züge, mit den klingenden Namen „Wabash Cannonball“, „City Of New Orleans“ oder „Texas Eagle“, wurden ebenfalls legendär und oft besungen. Und untrennbar mit dieser Mythologie verbunden sind natürlich die wandernden Tagelöhner, die auf den Güterzügen fuhren, die Hobos.

Heutzutage spielt die Eisenbahn im amerikanischen Verkehrswesen nur noch eine Nebenrolle. Die Güter werden mit den Trucks von A nach B transportiert, die Menschen sitzen in den Autos oder nehmen das Flugzeug. Der britische Folksänger Billy Bragg hat sich nun zusammen mit seinem amerikanischen Kollegen Joe Henry auf eine besondere Reise zu diesem Mythos aufgemacht. Denn seit jeher ist der Railroad-Mythos auch fester Bestsandteil der amerikanischen Folkmusik. Ob Woody Guthrie, Johnny Cash oder Bob Dylan, für sie alle war die Eisenbahn stets eine Quelle der Inspiration.

Vier Tage waren Bragg und Henry im „Texas Eagle“ von Chicago nach Los Angeles unterwegs. Bei jedem Stopp schnappten sich die beiden ihre Gitarren und ihre Aufnahmegeräte und spielten die Songs neben den Gleisen und in Wartesälen ein. So entstanden atmosphärisch dichte und ganz besondere Field Recordings. Und selbstverständlich sind alle aufgenommene Stücke Klassiker der Eisenbahn-Songs. „Rock Island Line“ ist ebenso dabei wie „The Midnight Special“, „Lonesome Whistle“ und natürlich „John Henry“. Und so ist diese Platte dann nicht nur ein Tribute an die amerikanische Eisenbahn, sondern auch an die, die ihr ein Lied gesungen haben: hier Jimmie Rodgers, Hank Williams, Lead Belly oder Glen Campbell.

Es ist ein kleines feines Werk, dieses Album von Billy Bragg und Joe Henry. Ein kleines Americana-Kabinettstück über eine längst vergangene Zeit, die sich in Erinnerung zu rufen lohnt. Und das nicht nur wegen der Songs.

Und hier die Videos zum Album auf YouTube.com:

Dan Dietrich: Behind The Music/ Dan Plays Dylan

2. November 2016

Foto: Daniela Hillbricht

Foto: Daniela Hillbricht

Am 11. März diesen Jahres erfüllte sich der Darmstädter Dan Dietrich, seines Zeichen Songwriter und Dylan-Apologet, einen lang gehegten Wunsch. Im Hoffart-Theater lud er zu einem Abend der besonderen Art. Im ersten Teil stand er im Mittelpunkt einer Art Late-Night-Show, die so ziemlich alles umfasste aber auch persiflierte, was zu einer Late-Night-Show gehört. Das absolut unterhaltsame Format ging dann in ein besonderes Konzert über. Einem Live-Special von Dietrichs Programm „Dan Play Dylan“, mit der er im Herbst 2015 auf Solotour gegangen und Ende Februar auch zu Gast bei „Americana im Pädagog“ gewesen war. Der Clou: Hier trat er mit einer illustren Begleitgruppe auf, den Darmstädter-Kult-Balkan-Folk-Rocker „Besidos“.

Von diesem denkwürdigen Abend hat Dan nun eine Live-CD „Dylan plays Dylan“ sowie ein 2 DVD-Set veröffentlicht, das den gesamten Abend festhält. Das DVD-Set ist absolut sehenswert, aber hier möchte ich explicit für Dans Dylan-Interpretationen werben. Im November 2015 hatte ich an dieser Stelle geschrieben: „Selten habe ich Dylan-Titel in letzter Zeit so nah am Original und trotzdem ganz anders gehört wie bei dem Songwriter aus Südhessen. Seine Arrangements sind raffiniert einfach und eindringlich, seine Stimme ist voller Wärme, sein Gesang ausdrucksvoll. Da singt einer voller Überzeugung und ohne Überhöhung, mit Respekt aber ohne falsche Ehrfurcht die Songs seines berühmten Songwriterkollegen.“ Und die Live-Aufnahmen belegen dies erneut.

Dietrichs ist immer Dietrich. er schafft es, Dylan auf seine Weise zu spielen. Er gibt den Songs einen musikalischen Drive, der sie sicher für den einen oder andere zugänglicher macht, ohne dass das dem Wesen der Songs entgegenläuft. Und die Auswahl seiner Live-Band verstärkt dies noch einmal. Deren musikalische Basis passt bestens zu den Dylan-Songs. Die musikalischen Arrangements von Klassikern wie „I Want You“, „I Shall Be Released“ oder dem Meisterwerk „Man In The Long Black Coat“ erinnern manchmal an Dylans „Desire“-Phase und entwickeln einen unbeschreiblichen Sog, erfassen den ganzen Körper. So sehr, dass am Ende des Konzerts im März alle Gäste zu Bob Dylans/Dan Dietrichs/Besidos‘ Musik tanzten.

„Dan plays Dylan“ ist für mich eines der schönsten und gelungensten Dylan-Cover-Projekte der letzten Jahre. Möge Dan Dietrich in der Zukunft immer mal wieder darauf zurückkommen und es weiter entwickeln. Denn Dan Dietrich ist hierzulande einer der wichtigsten zeitgenössischen Bob Dylan-Interpreten.

Dan Dietrich ist auf facebook: https://www.facebook.com/dan.dietrich.186?fref=hovercard
Hier kann man auch mit ihm wegen CD und DVD Kontakt aufnehmen.

Einen Einblick in „Behind The Music/ Dan plays Dylan“ gibt es hier:

Dan Dietrich

23. November 2015
Copyright: Dan Dietrich

Copyright: Dan Dietrich

Es bleibt dabei. Wer sich mit Songwriting und Folk beschäftigt, kommt an Bob Dylan nicht vorbei. Und selbst wenn man mit seinen Songs oder seiner Person nichts anfangen kann, so bleibt er doch als Referenzobjekt gegenwärtig. Wie man Dylan gleichzeitig schätzen und trotzdem respektlos begegnen kann, zeigen bereits seit einigen Jahren die Frankfurter „DoubleDylans“ beispielhaft.

Und das schöne ist, die frischen jungen Songwriter, die sich nicht am überlebensgroßen Vorbild pseudo-politisch abarbeiten müssen, sondern sich ganz selbstverständlich wissenskundig seine Songs und seine Lyrik aneignen, wachsen immer wieder nach. Dan Dietrich aus Darmstadt ist einer von Ihnen. Selten habe ich Dylan-Titel in letzter Zeit so nah am Original und trotzdem ganz anders gehört wie bei dem Songwriter aus Südhessen. Seine Arrangements sind raffiniert einfach und eindringlich, seine Stimme ist voller Wärme, sein Gesang ausdrucksvoll. Da singt einer voller Überzeugung und ohne Überhöhung, mit Respekt aber ohne falsche Ehrfurcht die Songs seines berühmten Songwriterkollegen.

Und Dietrich wandelt nicht auf eingetrampelten Pfaden. Natürlich hat er auch „Blowin‘ In The Wind“ im Live-Programm, aber auch weniger bekannte Songs wie „Sweetheart Like You“ („Infidels“ 1983) oder „Nobody ‚Cept You“ („Desire“-Outtake 1975). Letzteres hat er auch auf seine schöne EP „Dan plays Dylan“ genommen. Ebenfalls drauf sind „Moonshiner“, das Dylan 1963 aufgenommen und erst 1991 veröffentlicht hat und „A Couple Of More Years“, das Dylan in seinem Film-Fiasko „Hearts Of Fire“ zum Besten gegeben hat. Dazu kommen die Klassiker „A Hard Rain’s Gonna Fall“ – hier sehr nah am Original, live spielt er eine sehr schöne, „freiere“ Fassung – „Masters Of War“ in einer rhythmisch raffinierten Version, das als Duett mit Joan Baez bekannt gewordene „Mama You’ve Been On My Mind“, sowie – Uffbasse! – als Hidden Track die Endzeit-Parabel „All Along The Watchtower“.

Dan Dietrich ist 33 Jahre alt und führt neue Generationen an Dylan heran. Unaufgeregt, bescheiden, künstlerisch stark und völlig unprätentiös. Gut so!

Wer Dan Dietrich live erleben will, kann das am Donnerstag, 25. Februar, in Darmstadt bei „Americana im Pädagog“ im Doppelkonzert mit Delta Danny.

Mehr Infos und Hörbeispiele: http://www.dandietrich.net

Bob Dylans Traum von Amerika

18. Oktober 2015

Sarbrücken erliegt der Magie eines amerikanischen ideellen musikalischen Gesamtkünstlers

Bob Dylan war schon frühzeitig nicht mehr der Name eines Künstlers sondern ein von Robert Zimmerman erfundenes und von ihm nach seinem Belieben immer wieder neu gestaltetes amerikanischea Kunstwerk.

Der High-School-Rock’n’Roller und abgebrochene Kunststudent Zimmerman traf erst in der Folkszene in Cambridge dann in New York ein, als das Folk-Revival und die kritische Jugendbewegung sich anschickte, den verwässerten Limonaden-Rock wegzuspülen. Dylan war intelligent und saugte alles Mögliche an Musik, Lyrik, Belletristik, historDylanConcert2015ischen Abhandlungen und Dramatik auf, und setzte es in Folk und Bluesmusik um. Später vollzog er immer wieder historische Wendungen und eignete sich die anderen amerikanischen Roots-Musik-Stile an: Rock, Country, Gospel. Und ganz nebenbei erfand er mit „The Band“ im Keller seines Hauses das Americana.

Wenn Bob Dylan dieser Tage – wie nun an einem Herbstabend in Saarbrücken – als 74-jähriger auftritt, dann hat Songs im Gepäck, die von seiner neuesten Wendung künden. Dylan hat sein öffentliches Spektrum nun um das „Great American Songbook“ erweitert. Er hat die Grenzen der ruralen amerikanischen Volksmusik verlassen und sich dem Urban-Pop der 30er und 40er Jahre zugewandt: Cole Porter, Frank Sinatra, Bing Crosby. Seine aktuelle Tournee ist quasi der Showroom von Dylans endgültiger Metamorphose zum amerikanischen ideellen musikalischen Gesamtkünstler.

Bob Dylan croont mit großer Lässigkeit, aber dennoch voller Engagement und Hingabe diese Songs. Er streut sie in sein Programm so ein, dass Sie zusammen mit den Songs seines bedeutenden Alterswerkes „Tempest“ das Gerüst und Rückgrat seines derzeitigen Konzertformats bilden. Und so springt er von Folk zu Blues zu Country zu Swing und zurück. Hier und da ein bisschen Bluegrass und Rock’n’Roll – und fertig ist Mr. Dylans musikalische amerikanische Klanglandschaft.

Das Bühnenbild und die Mitmusiker inszenieren die Erinnerung an die dunklen Jazzclubs der amerikanischen Großstädte in den 1940ern. An diesem Abend in Saarbrücken konterkariert Dylan dies, indem er einen schmucken Cowboy-Showanzug trägt. Auch hier ist wieder klar. der alte Dylan überlässt nichts mehr dem Zufall, alles ist detailliert geplant.

So auch die Setlist, die unverändert durch Europas Hallen wandert. Inhaltlich ist Dylans Alterswerk auch als Performer auf die wesentlichen Themen fokussiert: Zeit, Liebe, Tod. Alle dargebotenen Songs variieren dies: „Things Have Changed“ und „Long And Wasted Years“, „She Belongs To Me“ und „I’m A Fool To Love You“, „Highwater Everywhere“ und „Scarlett Town“, „Tangled Up In Blue“ und „Why Try To Change Me Now“, „Autumn Leaves“ und „Love Sick“.

Dylan wirkt dabei so beseelt und ist gut bei Stimme wie selten. Auch physisch wirkt er stabiler als beispielsweise noch vor zwei Jahren. Er steht öfters ausgiebig in der Mitte der Bühne und setzt sich seltener an den Flügel. Scheint wieder besser auf den Beinen zu seinen derzeit. So entsteht ein unterhaltsames, abwechslungsreiches musikalisch hervorragendes Konzert, das nur mit einem ganz großen Hitklassiker auskommt und gerade deswegen die Größe dieses Künstlers abbildet. Denn mit diesem Programm begeistert er die Leute mit großer Leichtigkeit.

So detailliert Dylan aber an seiner Performance arbeitet, umso großzügiger versteht er sich nur noch als Meister des großen Wurfs. Mit den großen Alltagsproblemen unserer Welt beschäftigt er sich vordergründig nicht. Wer aber genau hinhört, weiß um die Botschaften, die dieser Künstler dennoch im Subtext sendet. Dylans Amerika ist das ideelle Amerika als Freiheits- und Glücksversprechen. Neu und verstärkt begründet in der Zeit, aus der auch seine neuen Lieder stammen und in der auch Dylan geboren wurde: In den USA der 1930er und 1940er Jahre, als Roosevelts New Deal vielen Amerikanern endlich die Hoffnung gab, wirklich am Reichtum des Landes partizipieren zu können. Dass dies heute weiter denn je entfernt ist von der amerikanischen Realität, ist Dylan bewusst, und so hat er schon vor Jahren Wasser in den Wein gegossen, als er nicht in den großen Obama-Hype miteinstimmte und vor allzu großen Erwartungen warnte. Die Entwicklung hat ihm Recht gegeben.

Und dennoch singt Dylan gegen Ende ein ganz aufgeräumtes, fast schon fröhlich klingendes „Blowin‘ In The Wind“. Denn irgendwo ganz versteckt, glaubt er wohl immer noch an seinen amerikanischen Traum.

Eine erneute Selbstverständigung: Mein Sehnsuchtsort „Amerika“

13. Oktober 2015

DSC01792Angesichts der Vehemenz und Unübersichtlichkeit der aktuellen Krisenthemen „Ukraine“, „Flüchtlinge“, „Naher Osten“ und TTIP versuchen sich die Menschen wieder an einfachen Erklärungsmustern. Wahlweise sind es die Russen, die Ausländer oder die Amerikaner. Letzteres ist gerade auch unter vielen Linken eine gern verwendete Denkfigur.

Man muss die amerikanische Politik angesichts von Drohnenkrieg, global-strategischen Wirtschaftsinteressen und den aktuellen Weltkrisen kritisch sehen. Was man aber nicht darf, ist in plumpen Antiamerikanismus verfallen. Dieses Land ist groß und widersprüchlich. Und es gibt ein Amerika jenseits der engen Verflechtung zwischen Politik, Konzernen und Militär, abseits von Tea Party und christlichem Fundamentalismus. Es lohnt sich, gerade heute dieses „andere“ Amerika wieder ins Bewusstsein zu rufen.

Diesem „anderen“ Amerika haben wir Woody Guthrie, Pete Seeger, Joan Baez und Bob Dylan zu verdanken. John Steinbeck und Jack Kerouac. Bürgerrechtsbewegung, Martin Luther King, Black Panther und Angela Davis. Robert Redford, Tim Robbins und Michael Moore. Hier gab es mit dem Roosevel’tschen New Deal den ersten demokratischen Sozialstaat. „Sit- in“ und andere Protestformen der aufbegehrenden Jugend der 1960er Jahre haben hier ihren Ursprung. Und auch die deutsche Liedermacher-Bewegung wäre nicht zu denken, ohne das amerikanische Folk-Revival. Ob Thomas Mann oder Lion Feuchtwanger, Theodor Adorno, Max Horkheimer und Herbert Marcuse. Sie alle fanden hier während der Nazizeit Zuflucht und kamen mit den Befreiern 1945 zurück.

Die amerikanische Jugendkultur war die frische Alternative zur belasteten Deutschtümelei der Nazis. Jazz, Rock’n’Roll und auch Countrymusik floss in die deutsche Alltagskultur ein. Ganz abgesehen von James Dean, Bonanza, Flipper und Lassie. Als in den 1960er Jahren Geborener ist man in der alten Bundesrepublik mit einer klaren Westbindung aufgewachsen. Auch im Protest gegen die Gefahren von Krieg und Umweltzerstörung in den 70er und 80er Jahren waren die Jugendbewegungen stets kulturell transatlantisch geprägt. So wurde damals auch bei den Jungkommunisten der SDAJ weitaus mehr Zappa gehört und gekifft, als schwermütig bei Wodka russische Weisen gesungen.

Währenddessen bleiben alle diese Musiker, ob Protestsänger oder Rocker doch bei aller Kritik an ihrem Land und dessen Regierungen stets leidenschaftliche Amerikaner. Woody war ein kommunistischer Patriot, Pete Seeger trat mit Bruce Springsteen bei Obamas Inauguration auf, und auch der kritische Filmemacher Michael Moore steht zu seinem Amerika. Bob Dylan spielte 1966 in Paris vor einem riesengroßen Sternenbanner. John Mellencamp beschwört mit Neil Young und Willie Nelson jedes Jahr bei Farm Aid den amerikanischen Geist. Steilvorlage lieferte ihnen Dylan, der beim Live Aid-Konzert für die Hungernden Afrikas schon 1985 die Globalität der die Armut schaffenden Strukturen erkannt hatte, als er um Hilfe für die amerikanischen Farmer bat. Karitative Hilfe für die Dritte Welt reicht nicht aus, wenn sie nicht von gesellschaftsverändernden Demokratisierungsprozessen überall begleitet wird.

Und alle diese Musiker – ob die Rock-Klassiker Dylan, Springsteen, Mellencamp und Young oder die heutigen Szenevertreter von den Avett Brothers und Mumford & Sons, bis zu Jack White, Gaslight Anthem und den Felice Brothers, schöpfen aus dem Reservoir der Tradition ihrer amerikanischen Musik: Folk, Blues, Gospel, Country und früher Rock’n’Roll. Robert Johnson und Jimmie Rodgers. Die Mississippi Sheiks und die Carter Family. Ernest Tubb und Muddy Waters, Hank Williams und Howlin‘ Wolf. Elvis und Chuck Berry. Ray Charles und Johnny Cash. Mavis Staples und Loretta Lynn. Sie alle und noch viel mehr machen die Vielfalt dieser amerikanischen Musik aus. Diese amerikanische Musik ist von ihrem Ursprung her die Musik des armen und des anderen Amerika. Sie steht für das alte unheimliche Amerika und für das, welches das Unrecht anhand der guten amerikanischen Werte überwinden will. Sie steht für die Klasse an sich und die Klasse für sich. Das macht sie für mich so spannend und fordert so die Beschäftigung mit ihr immer wieder aufs Neue hinaus. Von den ersten Anfängen mit Bob Dylan, der bis heute eine wichtige Konstante in meinem Leben darstellt bis heute, wenn ich nach den Verbindungen von gesellschaftlichen Veränderungen in den USA und der Weiterentwicklung des Americana forsche.

Und im CD-Spieler laufen die Neo-Western-Swinger der 90er Jahre, BR 549, mit Dylan-Sideman Donnie Herron an Geige, Mandoline und Steel-Guitar. Es gibt einfach kein Ende…

„The Cutting Edge“ – Die Transformation des Folkies zum Rockpoeten

26. September 2015

Cutting EdgeNa klar. Die muss ein Dylan-Fan haben. „The Cutting Edge – The Bootleg Series Vol. 12“ wird einen atemberaubender Einblick in eine der wichtigsten Phasen in der Geschichte der populären Musik geben. Wir erleben die Transformation des Folksängers und Songwriters Bob Dylan zum Rockpoeten, Performer und Superstar. Ohne die drei Alben „Bringing It All Back Home“, „Highway 61 Revisited“ und „Blonde On Blonde“ wäre Dylan sicher ein anerkannter Songwriter geblieben und als wackerer Folksänger heute zumeist in Gemeindesälen, kleinen Hallen und auf Kleinkunstbühnen unterwegs. Doch mit diesen drei Alben zeigte sich Dylans Ausnahmestellung. Vier gute Gründe dafür:

  1. Die Risikobereitschaft. Er hat Erfolg, er hat sein Publikum. Die anderen folgen ihm. 1965 ist die Protestsongwelle auf dem Höhepunkt: Barry McGuires „Eve Of Destruction“ und Donovans Version von „Universal Soldier“ wären ohne Dylan gar nicht denkbar. Doch Dylan verlässt die eingetrampelten Pfade und verstört seine Fans. Dies sollte bei ihm ein durchgängiges Karriereprinzip werden.
  2. Die Songpoesie. Themen und Bilder der Songs dieser Zeit liegen förmlich auf der Straße. Dylan absorbiert die unruhige Atmosphäre und die offenen Widersprüche der westlichen Welt wie keiner vor und nach ihm. Subterranean Homesick Blues, Mr. Tambourine Man, Ballad Of A Thin Man, It’s Alright Ma, Desolation Row – Allesamt geniale Werke, die sowohl einen aktuellen Bezug, als auch eine universelle Bedeutung besitzen. Mit stimmigen Bildern wird der Kampf des Individuums um Autonomie im Kapitalismus beschrieben. Ein Kapitalismus, der sich heute längst zur globalen Macht aufgeschwungen hat und in seiner neoliberalen Form zur Gefahr für Frieden, Umwelt und Demokratie geworden ist. Denn die Gewinner des Neoliberalismus wollen ihre Pfründe und ihre Art des Wirtschaftens erhalten und nehmen keine Rücksicht auf Demokratie und der notwendigen sozialen Gerechtigkeit und die Verlierer der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklungen sowohl in den Zentren, als auch an der Peripherie agieren desparat, irrwitzig oder gewalttätig und suchen wieder einmal Zuflucht in falschen Heilslehren und bei obskuren Führern. Den einen oder anderen damaligen Song von Dylan heute neu gelesen, lässt einen erschaudern, so aktuell klingt er.
  3. Die Musik. Der quecksilbrige Klang. Die Verschmelzung von folkorientierter Songaufbau mit rockorientierter Instrumentierung und Performance. Und Dylans, wie ich meine, bis heute unterschätzte Begabung, Melodien zu schreiben, die im Ohr bleiben. „Like A Rolling Stone“, „I Want You“, „Just Like A Woman“, „Mr. Tambourine Man“ zeichnen sich durch prägnante Melodien aus, die wiedererkennbar sind. Auch dies ist ein Grund für Dylans Erfolg.
  4. Das Bewusstsein für die eigene Musiktradition. Dylan war 1965 und 1966 eindeutig Avantgarde. Durch die Verschmelzung verschiedener amerikanischer Musiktraditionen – weißem Country und schwarzem Blues aus dem Süden, Folk von der Ostküste – und seiner Songpoesie, seinen Themen und seiner exaltiert-arroganten Haltung schuf er etwas bis dahin nicht dagewesenes. Er war die Sonne, um die die Planeten kreisten und rieb sich mit einem anderen Avantgardisten – Andy Warhol. Doch Dylans Musik ist nicht nur nach vorne gewandt, sie ist auch geerdet, hat Wurzeln. Jimmie Rodgers und Robert Johnson, Woody Guthrie und Hank Williams, Pete Seeger und Muddy Waters – ihr Echo hallt in dieser Musik nach. Doch das bemerken damals nur wenige. Umso verwunderter sind sie daher später darüber, welche Musik Dylan dann ab 1967 spielt.

„The Cutting Edge“ wird es in drei Versionen geben. Als „Essential“ auf zwei Scheiben. Als „Best Of“ auf sechs Silberlingen und als „Complete“ auf 16 Discs. Da ist dann quasi jeder Ton, der im Studio aufgefangen wurde, zu hören.

Ich bin gespannt. Natürlich sind viele der Aufnahmen in der Dylan-Welt schon lange bekannt. Aber so eine offizielle Veröffentlichung ist immer noch was anderes. Und doch würde ich mir nun nach den vielen Bootleg-Series Veröffentlichungen aus den 60ern nun auch mal was aus anderen Schaffensperioden des Meisters wünschen. Aus den 70ern, 80ern und 90ern gibt es noch recht viele Schätze zu heben. Voraussetzung der Meister macht das mit.

Biber Herrmann

6. September 2015

Biber_Cover_1523Es gibt Künstler deren Namen hat man schon so lange und schon so oft gehört. Hat immer mal wieder mit Interesse über sie gelesen. Man hat schon gewusst, dass sie gut und wichtig sind, aber aus irgendeinem Grund hat man bislang nicht zu ihnen finden können.

Biber Herrmann war bis Samstag, 29. August 2015, so einer für mich. Natürlich hatte ich die Lesungen von Fritz Rau mitbekommen, bei denen Biber für die musikalische Begleitung sorgte. Aber obwohl oder gerade weil ich Fritz Rau kurz vor seinem 80. Geburtstag interviewen durfte, schaffte ich es nicht auf eine seiner Lesungen. Heute weiß ich, dass ich nicht nur seine großartigen Erzählungen versäumt habe, sondern auch die Auftritte eines der „wichtigsten und authentischsten deutschen Folk- und Blueskünstler“, so Rau über Biber.

Beim Germanicana-Folkfestival in Darmstadt war es aber dann soweit. Biber, weit über die Rhein-Main-Region hinaus bekannt, war unser Headliner. Und was für einer. Ein sympathischer Künstler und Mensch. Und ein fantastischer Musiker. Ein großartiger Instrumentalist und feiner Songwriter.

Ein gutes Beispiel dafür ist seine aktuelles Album „Grounded“. Da stehen eigene Songs lässig neben Coverversionen von Songs aus der Feder von Robert Johnson, Leadbelly oder Bob Dylan. Denn Biber unterzieht sie seiner fürsorglichen, respektvollen Anpassung an seinen eigenen Stil. Musikalisch virtuos interpretiert, mit einer eigenen Lässigkeit und Lakonie gesungen, behalten sie ihre Seele und ihre Aussage. Denn Biber ist keiner, der das alte Bluesschema überstrapaziert. Er lehnt sich an, geht aber eigenständige Wege.

Wie kein anderer versteht es Biber, als Solokünstler Melodieführung, Umspielen der Melodielinie und Rhythmusbegleitung auf nur einem Instrument miteinander so stimmig zu vereinbaren, dass es einen in den Bann zieht. Ich möchte nur einen Song von diesem wunderbaren Album hervorheben, weil er beispielhaft für Bibers Werk ist.

Biber Herrmanns Version von Bob Dylans „Maggies Farm“. Dem alten Mitsechziger Klassiker, der Dylans Rebellentum unterstreicht. Nein, er möchte kein Lohnsklave für irgendjemand sein. Dylan hat seinen Song wie es ihm eben eigen ist, im Laufe seiner Karriere immer wieder in neue Arrangements gesteckt. Tuckerte das Original noch recht solide herum, war die 1976er Rolling Thunder viel entschiedener und lauter in der Ansage, war die 1978er Budokan-Version eine Breitwand-Rockfassung mit japanischen Verzierungen, während die 1984er Version wieder eher konventionell straight nach vorne gespielt war.

Bibers Version ist Blues in seiner besten Form. Leid mischt sich mit Protest, die Musik treibend und wandernd. Denn wer nicht auf Maggies Farm arbeiten will, der muss das Weite suchen. So wie die Schwarzen, die nicht mehr irgendeinem Herren dienen wollten, sich auf den Highway nach Norden begaben.

Biber Herrmanns Version von Maggies Farm – eine der schönsten, die ich kenne – ist es alleine schon Wert, dieses Album in seiner Sammlung zu haben. Aber auch die dreizehn anderen Stücke wie „Angels In The Rain“, „Going Up The Country“ (ebenfalls großartig!), oder „Sweet Nun“ verführen zum bewussten Musik hören. Also: Platte besorgen, CD in den Player und auf Endlosschleife laufen lassen. Endlos schön!

Country, Folk und Blues aus Rhein-Main

18. August 2015

Das „Germanicana-Folkfestival“ hat am 29. August in Darmstadt PremiereGermanicana_Plakat A2_5

Der Geist von Musik-Ikonen wie Bob Dylan, Johnny Cash, Kris Kristofferson oder Townes van Zandt liegt in der Luft, wenn am Samstag, 29. August, in Darmstadt zum ersten Mal das „Germanicana Folkfestival“ stattfindet.

„Es war die Idee und Initative von Wolf Schubert-K und wir freuen uns, Geburtshelfer und Paten dieser großartigen Sache zu sein“, erklären Theater-Chef und Sommerblüten-Organisator Klaus Lavies und Thomas Waldherr, Initiator und künstlerischer Leiter der Reihe „Americana im Pädagog“, zur Premiere des „Germanicana Folkfestival“ im Rahmen der Reihe „Sommerblüten 2015“. „Country, Folk, Blues and more aus Rhein-Main“ verspricht das Line-Up dieser Veranstaltung. „Für mich war das ein lang gehegter Herzenswunsch und ich bin froh und dankbar, dass er in Darmstadt endlich in die Tat umgesetzt wird“, so Musiker und Americana-Urgestein Wolf Schubert-K.

Und es hat sich gelohnt, denn das Publikum erwartet ein Americana-Programm vom Feinsten. Mit dabei sind an diesem Tag (Beginn 17 Uhr) im Hof des Hoffart-Theaters (Lauteschlägerstraße 28) der weit über die Region hinaus bekannte Folk- und Blues-Künstler Biber Herrmann, Americana Singer-Songwriter Markus Rill, Wolf Schubert-K & The Sacred Blues Band, die Frankfurter Band „Die DoubleDylans“, sowie die Darmstädter Lokalmatadoren „Candyjane“ und Vanessa Novak. Zwischen den musikalischen Acts wird Roger Jones die Zuhörer mit Poetry unterhalten.

Die Künstler in der Kurzvorstellung

Über Biber Herrmann hat Konzertveranstalter-Legende Fritz Rau einmal gesagt, er sei „einer der authentischsten und wichtigsten Folk-Blues-Künstler in unserem Lande und darüber hinaus. Den traditionellen Blues spielt er mit einer Lebendigkeit, die Herz und Seele berührt.“

Markus Rill ist ein großartiger Storyteller. Rill hat die Gabe, die ganze breite Palette menschlicher Empfindungen in Worte und Musik zu kleiden. Mal voller Humor und Optimismus, mal nachdenklich, mal traurig. Er lernte sein Handwerk in Austin/Texas und wurde schon mit mehreren internationalen Songwriterpreisen ausgezeichnet.

Wolf Schubert-K. war bereits in den 90er Jahren als Pionier des Alternative Country unterwegs. Mit der Sacred Blues Band haben sich gestandene Musiker zusammengetan die was zu sagen haben: Folksongs, Country, Gospel und Roots-Rock Elemente bilden das Fundament für die Geschichten zwischen Zusammenbruch und Aufbruch.

Die DoubleDylans sind Deutschlands außergewöhnlichste Bob Dylan-Coverband. Seit 1999 haben sie auf stets originelle Art ohne falsche Scheu, aber dafür mit viel Sinn für grotesken Humor die Songs des Meisters in ihren Frankfurter Mikrokosmos zwischen Taunus und Ebbelwoi, Gallus und Marrakesch überführt.

Auf den Spuren amerikanischer Folk-, Blues- und Countrymusik kreieren Candyjane ihren ganz eigenen high lonesome Sound, teils mit traditionellen Songs, teils mit Eigenkompositionen, die dem Regen huldigen, sehnsüchtige Wasserschnecken besingen oder von alltäglichen Fußangeln und schwarzen Löchern handeln, von Ungeziefer und erloschener Liebe.

Angelehnt an die Americana-Folk Tradition spielt die Deutsch-Amerikanerin Vanessa Novak eine eigene Mischung aus Folk-Blues und Country. Geboren in Detroit und aufgewachsen mit der Musik von Johnny Cash und Dolly Parton ist Vanessa Novak aus Darmstadt eine der authentischsten Songwriterin der deutschen Folk und Americana-Szene.

Und zwischen den Music-Acts slammt sich Poet Roger Jones durch die Americanische Musikgeschichte: bildhaft, schnell und poetisch!

Ein Festival für die Americana-Singer-Songwriter-Szene der Region

„In Rhein-Main gibt es eine rege Americana-Singer-Songwriter-Szene. Mit dem „Germanicana-Folkfestival soll sie sich in regelmäßigen Abständen treffen. Der Charakter soll irgendwo zwischen Festival und Jam-Session angesiedelt sein, so wird ein Schwerpunkt auch darauf liegen, dass die unterschiedlichen Acts auch in verschiedenen Kombinationen auf der Bühne stehen werden. Die Musik, das Publikum und unsere gegenseitige Wertschätzung stehen für uns im Mittelpunkt“, erläutert Schubert-K. die Intentionen der Veranstaltung.

Klaus Lavies und Thomas Waldherr indes freuen sich auf einen guten Zuschauerzuspruch. „Wer hier lebt und Country, Folk und Blues mag, der darf das „Germanicana-Folkfestival“ nicht versäumen“, wünscht sich Waldherr viele Besucher aus dem gesamten Rhein-Main-Gebiet.

Tickets gibt es im Vorverkauf online unter http://www.ztix.de/ticketshop/kalender.html oder in Darmstadt im Darmstadt-Shop im Luisencenter, Luisenplatz 5, 64283 Darmstadt, Tel. 06151-134513.