Archive for the ‘Uncategorized’ Category

Trump – und wie weiter?

22. Januar 2017

second-to-none Jetzt ist es also tatsächlich eingetreten. Am Freitag, 20. Januar, wurde Donald Trump zum 45. US-Präsident vereidigt. Und schon am nächsten Tag haben landesweit 4,2 Mio. Amerikaner gegen Trump demonstriert. Ein erstes gutes Zeichen.

Ich bin nicht der Meinung, dass man ihm jetzt erstmal Zeit geben solle und schauen, was er so in den ersten hundert Tagen macht. Warum soll man das? Dieser Mann hat keine Mehrheit unter den Wählern. Dieser Mann verstößt permanent gegen jeglichen Anstand, provoziert, lügt und schürt Hass gegen alle Andersdenkenden noch von den Stufen des Capitols hinab. Dieser Mann lügt den Menschen ins Gesicht, wenn er sagt, jetzt habe das Volk die Macht wieder. Ein Kabinett der Millionäre und Milliardäre vertritt die Interessen des Volkes? Was für eine lächerliche Farce.

Immer wieder geht er direkt die Medien an, schürt Hass gegen den Nachbarn Mexiko, ist völlig unberechenbar. Ja und er hat mit seinem Kabinett deutlich gemacht, dass Amerika nun endgültig eine Oligarchie ist. Darum versteht er sich auch so gut mit Putin. Machos und Chauvinisten unter sich. Aber wir wissen ja: Pack schlägt sich und verträgt sich. Wenn man die Regeln einer zivilisierten, geregelten, demokratischen Gesellschaft ablehnt, dann versteht man sich natürlich für den Augenblick ganz gut. Doch wehe man meint zu sehen, das man im Schwanzvergleich unterliegt. Dann gib‘ ihm, ohne Rücksicht auf Verluste.

Nein, Amerika hat auch ohne Trump seit 2001 ständig Krieg geführt. Doch wer soll dies nun überhaupt noch bändigen? Möglich, dass sich Trumps Amerika aus der einen oder kriegerischen Auseinandersetzung zurückzieht, doch wer mag sich die kriegerischen Konflikte ausmalen, die neu losgetreten werden, wenn sich die Oligarchen-USA in ihren wirtschaftlichen Interessen bedroht sehen?

Trump drückt gerade den Reset-Knopf und Amerika ist wieder zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Wirtschaftsliberalismus im nationalstaatlichen Rahmen. Außen- und Innenpolitisch. Doch die Trump-Politik wird den Menschen im Rust Belt, im Heartland, im Süden nicht helfen. In den Zeiten des globalen Kapitalismus ist es eine Lüge zu erzählen, man könne eine Wirtschaft autark von der Welt machen und Mauern bauen. Da werden schon alleine Teile des US-Kapitals nicht mitmachen. Und die Interessen der abhängig Beschäftigten im globalen Kapitalismus lassen sich nicht damit lösen, dass man seine Mechanismen ignoriert und die Uhren zurückdrehen will. Nur eine gut durchdachte Mischung aus nationalen Maßnahmen des New Deal mit einer internationalen Strategie zur weltweiten Anhebung der sozialen Standards und der Regulierung und Kontrolle des Kapitals können eine Wende für die Lebensbedingungen aller Menschen der dritten Welt bringen. Ob sie nun in einer Textilwerkstatt in Bangladesh unter menschenunwürdigen Bedingungen arbeiten, oder arbeitslos irgendwo in Iowa im Trailerpark voller Heroin und Alkohol vor sich hin siechen.

Die Veranstaltungen rund um die Inauguration des Autokraten haben Mut gemacht. Seien es so kleine wie die „Love Songs For The Other America“ in Darmstadt oder die Proteste, der über 4 Millionen in den USA. Wichtig ist, dass die fortschrittlichen Kräfte ihre richtigen Lehren aus dem Verhängnis Trump ziehen. An die liberalen Eliten gerichtet: Es gibt keine offene Gesellschaft, wenn sie nicht sozial ist. Abgehängte sind anfällig für autoritäre Lösungen. 1933 wie 2017. Für die Sozialdemokratie: Als Liberaldemokraten mit Arbeitnehmerflügel braucht die SPD keiner. Nach der Agenda 2010 hat sich die Partei in ihren Wahlergebnissen halbiert. Die AfD ist nicht nur ein Problem der Konservativen. Werdet endlich wieder sozialdemokratisch! Und an die Linken: Es gibt keine Haupt- und Nebenwidersprüche. Der globale ungebändigte Kapitalismus ruiniert Lebensverhältnisse und -perspektiven der abhängig Beschäftigten und das Ökosystem gleichermaßen, und die Geschlechterfreiheit, die Rechte der Frauen, sowie der Schwulen- und Lesben, der verschiedenen Ethnien, Religionen und Kulturen, sprich die Bürgerechte, benutzt er ohnehin rein taktisch.

Also brauchen wir eine Vernetzung der fortschrittlichen Kräfte in den progressiven, sozialdemokratischen und linken Parteien der USA und Europas mit NGOs, Grassroots-Bewegungen und Gewerkschaften. Keiner wird es alleine schaffen, die drohende autoritäre Zeitenwende abzuwenden und umzukehren.

Also dann an die Arbeit. Wenn wir klug und leidenschaftlich, cool und empathisch, tolerant sind und Haltung zeigen – ja, dann können wir es schaffen!

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Woody Guthrie: Old Man Trump

4. August 2016

woody-guthrieAusgerechnet der Heilsbringer der weißen amerikanischen Arbeiterklasse – der „Klasse an sich“, nicht der „Klasse für sich“, hier unterscheidet Marx sehr fein – ist einer, der seinen Reichtum geerbt hat. Donald Trump: Nichts geleistet, nichts geschafft, nur geerbt, spekuliert, gekauft, verkauft und immer mal wieder was gewonnen. Und das meist auf dem Rücken von Arbeitern. Und da ist Donald ganz sein Vater. Der hatte mit Hilfe öffentlicher Gelder Mietshäuser gebaut, in denen er keine Schwarzen wohnen ließ.

Woody Guthrie bemerkte dies zu spät und wohnte eine Zeit lang in einem der Häuser Trumps. Und hat darum einen Song voller Wut über den rassistischen „Old Man Trump“ geschrieben. Ryan Harvey, Tom Morello und Ani DiFranco haben Woodys Text kongenial vertont. Anhören, teilen und teilen und teilen. Denn eines muss uns klar sein. Ein Präsident Donald Trump wird alles daran setzen, ein Herrscher zu werden, dem Demokratie, Gewaltenteilung, Rechtssicherheit und Gerechtigkeit genauso wenig bedeuten wie Erdogan, Orban, LePen und den Leuten von der AFD. Daher gilt es, Trump zu verhindern. Und das geht nur, indem Hillary Clinton Präsidentin wird. Alleine, um die Möglichkeit zu erhalten, die Gesellschaft wieder fortschrittlicher und gerechter zu machen. Unter einem Absolutisten Trump wird es diese Möglichkeit kaum geben. Denn der wird gnadenlos regieren. Also Schluss mit der Angewohnheit der europäischen Linken, Trump als Witzfigur zu sehen. Sein Vater war schon keine.

Forever Willie!

22. Juni 2016

willie_headshot2„Forever wi – ah- ah – ah – ah – ah – ah – ah -ild, Forever wild!“, tönt es seit Tagen aus meinem Lautsprechern und ich tanze durchs Zimmer. Ja, Wille meldet sich zurück und es ist schön wie immer. Die Songs klingen wie immer wohlbekannt und doch ganz neu und frisch. Die Lyrics sind so einfach wie genial, also einfach genial. Der Mann und seine Musik machen einfach gute Laune und ich erinnere mich an ein Konzert von ihm im Frankfurter „Nachtleben“, da haben wir stundenlang durchgetanzt.

Er hat Haltung, keine Attitüde, und verbindet Folk-Rock mit Ramones, The Clash und Tom Petty, vereint in sich Dylan, Springsteen und Lou Reed. Also das Beste, was die schon oftmals totgesagte Rockmusik zu bieten hat. Denn Willie lebt die Ideale des Rock, ist Humanist und besitzt Selbstironie. Da schenken wir uns die Nörgelei am komischen Albumtitel „World War Willie“ samt Cover und erfreuen uns am schon erwähnten „Forever Wild“, der Hymne „Let’s All Come Together“, „When Levon Sings“, dem Song für Levon Helm, dem Herz und der Seele von The Band, und überhaupt allen Songs und tanzen und singen und summen und tanzen und singen und…..

Großartig: Deterings dekonstruierende Dylan-Deutungen

20. März 2016

Detering„Die Stimmen aus der Unterwelt. Bob Dylans Mysterienspiele“ stellt Dylans Spätwerk in den Mittelpunkt der Betrachtung

Kongenial! Ja, liebe Leute ich versteige mich zu diesem Begriff, kongenial! Anders kann man Heinrich Deterings intellektuell-vergnügliche Bildungsreise durch Bob Dylans Spätwerk einfach nicht bezeichnen. Mit seinem neuen Dylan-Buch „Die Stimmen aus der Unterwelt. Bob Dylans Mysterienspiele“ liefert er eine Analyse der späten Dylan’schen Songspoesie, die auf lange Zeit unerreicht sein und für alle Dylan-Deuter einen unerlässlichen Bezugsrahmen bilden wird.

Und Deterings Bildungsreise geht nicht im gemächlichen Trab, sondern im Galopp. Voller Freude am Aufspüren und Finden nimmt er uns als gutgelaunter Reiseführer mit auf die Tour durch das Dylan-Universum. Der Autor- man merkt es ihm an – ist offensichtlich begeistert von seinem Objekt des wissenschaftlichen Interesses. Und das ist nicht nur legitim, das ist auch gut so, denn es ist erkenntnisfördernd. Wie er die „geheimen“ Verbindungen von Dylans Spätwerk zu antiken Quellen Quellen wie Homer oder Ovid und zum mittelalterlichen Mysterienspiel freilegt, ist so schlüssig wie tempo- und pointenreich und absolut mitreißend.

Sicher, Dylans Songs – und deswegen ist er so ein großer Songwriter – funktionieren auch, ohne dass der Hörer weiß, aus welchem Werk der Weltliteratur dieses Zitat, oder jener Halbsatz stammt. Aber die Bedeutungsebenen und -Tiefe der Songs werden vervielfacht dadurch. Zwei Songs mögen hier als Beispiel genügen und deutlich machen, welche Horizonte Deterings Deutungen öffnen.

Da ist zum einen „Workingmans Blues #2“ vom Album „Modern Times. In direkter Anspielung auf Merle Haggards Countrysong „Workingmans Blues“ erzählt er eine ganz andere Geschichte als der Countrysänger in den 60er Jahren. Konnte Haggards Workingman noch stolz darauf sein, arbeiten zu können und keine Sozialhilfe in Anspruch zu nehmen, bekommt Dylans Protagonist angesichts von Globalisierung und Konkurrenzdruck keine Arbeit mehr bzw. wenn, dann zu Dumping-Löhnen, von denen er nicht leben kann. Er lebt in tiefer Armut. Hier zeigt sich, dass bei Dylan die konkrete Zeit, in der die Songs spielen völlig nebensächlich wird: „Time Out Of Mind“, wie seine Platte 1997 hieß. Denn die Armut, die da geschildert wird, ist mit modernem ökonomischem Vokabular begründet, aber mit uralten Bluespoesie aus der Zeit der großen Depression beschrieben. Gleichzeitig träumt sich der Protagonist aus seiner Ausweglosigkeit in eine Art romantischer Wild West-Szenerie und in Seefahrer-Phantasien. Die Worte letzterer Phantasie sind nichts geringerem als Ovids Werken „Tristia“ und „Epistulae ex Ponto“ entlehnt.

Am Ende wird dieser „Workingman“ tot sein. Schaurig, aber unaufhaltsam. Und Dylans Song wird zu einer Totenklage eines Sterbenden, in der sich Blues und Ovid, Karl Marx und Country treffen. Dylans Collagentechnik ist verblüffend, belesen und intellektuell ausgereift, aber nie zufällig willkürlich. Dylan, so zeigt es Detering auf, ist ein Großmeister der Textkomposition.

© Sony Music

© Sony Music

Zweites Beispiel ist „Roll On John“. Was beim ersten Hören als sentimentale und bildreiche Hommage an den ermordeten Weggefährten John Lennon wahrnehmbar ist, wird durch Deterings dekonstruierender Deutungstechnik als spannende tiefgründige Text-Collage wahrgenommen, die Lennon zum Odysseus ohne Wiederkehr stilisiert. Denn tatsächlich, so Detering, überblendet Dylan das Leben Dylans mit der Odyssee von Homer. Der Unterschied: Dem Seefahrer John wird die Möglichkeit, nach Hause zurückzukehren, gewaltsam genommen. Wieder ein Protagonist, der das Ende seines Liedes nicht überlebt. Und neben Lennons Leben und Homers Versen, stand auch William Blakes romantisches Poem „Tyger, tyger“ ebenso wie die vielen traurigen Geschichten gescheiterter Westernhelden wie „Billy The Kid“ ( in einer dessen Verfilmungen Dylan als „Alias“ selbst mitwirkte) Pate eines Nachruf und einer bedrückenden Totenklage für denjenigen, der zu bestimmten Zeiten auch einer der schärfsten Kritiker Dylans war.

Deterings Dylan ist ein großer Geist, der aus Liebe Diebstahl begeht, indem er älteste antike Überlieferungen wie die Odyssee und Shakespeare – „Willie, The Shake“ – ebenso plündert wie die mittelalterlichen Mysterienspiele, die Texturen des Blues, die Brecht’sche Dramatik, die Briefe des Ovid oder die Country- und Westernsongs Amerikas, um sie in aussagekräftige Songtexte collagenartig zu transformieren.

Souverän erhebt sich dieser Dylan über Raum und Zeit. Denn ihm geht es um universelle Menschheitsgeschichten. Und so wie Shakespeare und Homer bis heute ihre Bedeutung haben, weil sie universellen Menschheitsfragen auf den Grund gehen, so wird dies im besten Falle auch mit Dylan geschehen.
Warum das so sein sollte, belegt Heinrich Detering in seinem neuen Buch eindrucksvoll und – ich wiederhole mich gern – kongenial. Ein Buch, das nicht nur für Dylan-Freunde interessant ist. Auf Deterings Vorträge und Lesungen kann man sich zu Recht freuen.

Heinrich Detering, Die Stimmen aus der Unterwelt. Bob Dylans Mysterienspiele, C.H. Beck, Gebunden, 256 Seiten, 19,95 Euro.

Heinrich Detering hält am 24. Mai im Rahmen der großen Geburtstagsfeier für Bob Dylan im Darmstädter Pädagogtheater einen Vortrag zu Dylans Spätwerk. Karten kann man hier kaufen:
http://paedagogtheater.de/veranstaltungsprogramm/happydylan/

Endlich wieder Bewegung

21. Juni 2015

DylanConcert2015Nachdem Bob Dylan fast zwei Jahre jeden Abend das gleiche gespielt hat, mischt er nun in Mainz kräftig durch

Es beginnt wie es seit langem immer beginnt. Die Setlist ist wohlbekannt und so manchem weitgereisten Dylan-Fan entfährt ein Seufzen. Na gut, dann halt wieder das. Aber dann kommt es ab Song Nummer acht knüppeldick. „Full Moon And Empty Arms“ – Livepremiere! „To Ramona“ trägt als neues Kleid ein schönes Latino-Gewand. Dann ist Rätselstunde. Dylan singt einen wunderschönen Countrysong… ja „Sad Songs And Waltzes“ von Willie Nelson ist es! Und als er dann das skurrile „Tweedle Dum and Tweedle Dee“ auch noch in einem angemessen kinderliedhaften Arrangement zum Besten gibt, haben wir alle mal wieder die Gewissheit, dass dieser Mr. Dylan nie Moos ansetzen wird. Noch wissen wir nicht, wie sich die Setlist im Laufe dieser Europatour verändern wird. Aber die bleierne Setlist-Zeit der letzten beiden Jahre scheint vorüber.

Zweite gute Nachricht. Die Wiederkehr der Überraschungen geht einher mit einer gleichbleibend starken Performance. Allen Liedern, die er spielt, bringt er die gleiche Aufmerksamkeit entgegen. Vorbei die Zeiten des nuscheligen Krächzens. Der Bühnenkünstler Bob Dylan dieser Tage deklamiert seine Texte deutlich wie beim Diktat. Seine Stimme stark und belastbar wie schon seit vielen Jahren nicht mehr. Bob Dylan ist mit nun 74 Jahren auf einem erneuten Höhepunkt seines Schaffens!

Und, was angesichts der neuen Arrangements alter Songs auch wieder einmal betont werden muss: Bob Dylan ist als Arrangeur völlig unterschätzt. Spätestens seit 1978, als er seine teilweise spröden Songs in sattem Big Band-Sound kleidete, bringt er uns immer wieder zum Staunen. „To Ramona“ war eben noch ein schräger Country-Walzer. Da aber dieses Kleid nun von „Waiting For You“ getragen wird, hat er „Ramona“ eben mal in eine hübsche Latin-Rock-Hülle geschneidert. „Workingmans Blues #2“ mutiert musikalisch vom seligen Kinder- zum bösen Albtraum. Und „All Along The Watchtower“ – dieses Mal einzige und letzte Zugabe – kommt nun nicht mehr krachig, sondern eher verhalten und furchtsam daher, ist nun seinem Original wieder näher als der Fassung von Hendrix.

Ein Abend, der irgendwie eine Befreiung war, Dylans Einzigartigkeit deutlich unterstrichen hat, und einem nun die folgende Tour mit viel größerer Spannung beobachten lässt als befürchtet!

Rubin „Hurricane“ Carter (1937 – 2014)

21. April 2014

Den ersten Bob Dylan-Song, den ich je bewusst gehört habe, war „Hurricane“. Im Herbst 1976 muss das gewesen sein, im Deutschunterricht (ja, so war das damals in den 70ern!). Der Song über denhurricane zu Unrecht wegen Mordes verurteilten Profiboxer faszinierte mich. Klasse Ohrwurm-Musik und dazu diese Haltung und dieser Gesang von Dylan: Voller Zorn, Anklage und einem Schuss Bitterkeit.

Es folgte die LP „Desire“ (Erschienen 1976/ mit Leadtrack „Hurricane“!) beim Kaufhof in Darmstadt in einer preisgünstigen israelischen Pressung, die Greatest Hits-MC als Weihnachtsgeschenk, der Dylan Konzertfilm von 1976 zu Prime Time in der ARD ausgestrahlt (ja, so war das damals in den 70ern!) und später „Renaldo & Clara“ und „The Last Waltz“. Meine Dylan-Anfangsjahre gaben mir so viel faszinierende Musik.

Darunter eben „Hurricane“. Einer der wenigen Songs, die auch heute noch in der Dylan-Originalfassung hin und wieder im Radio gespielt werden. Als wäre dieser Kerl mit seiner Musik immer noch zu verstörend fürs breite Publikum.

Verstörend war allerdings dieser Song „Hurrricane“ schon. Weil Dylan, der angebliche Meister der wagen und unverbindlichen Songpoesie, hier es geschafft hatte, zu wohlklingender Musik einen Text zu schreiben, der mit genauester journalistischer Recherche aufzeigt, wie das Lügengeflecht und die Justiz- und Polizei-Intrigen gegen Rubin Carter gesponnen werden.

Rubin „Hurricane“ Carters Kampf gegen diese Justizwillkür sollte viele Jahre dauern. Dylan hatte das Lied gemacht, und ein Konzert im Madison Square Garden „The Night Of The Hurricane“ organisiert, bei dem auch Muhammad Ali für Carter eintrat. Doch es nutzte nichts, 1976 wurde die Revision abgelehnt.

Wie dieser Mann die Jahre in seiner kleinen Zelle überlebte, ohne zu verzweifeln, zu verbittern oder zu verrohen ist legendär und faszinierend. Erst 1985 wurde er – fast zwanzig Jahre nach dem Fehlurteil von 1967 – frei gesprochen. Immer wieder kam man dann mit Rubin Carter in Berührung. Er setzte sich nun selber wiederum für zu Unrecht verurteilte Menschen ein.

2000 erschien dann ein Hollywood-Film mit Denzel Washington als „Hurricane“ in dem natürlich auch die Dylan-Geschichte und der Song vorkommen.

Den Song hat Dylan seit der „Night Of The Hurricane“ nie mehr gesungen. Und doch ist dieser Song unsterblich, ebenso wie der Mann, dessen Geschichte er erzählt.

Rubin „Hurricane“ Carter hat uns nun verlassen. In unseren Herzen und in unseren Gedanken wird er immer weiter leben. Rest In Peace, Hurricane!

Bob Dylan, „Hurricane“, live 1975:

Long And Wasted Years

18. Oktober 2013

Bob Dylans startet seine Europa-Tour bemerkenswert

DylanconcertBlicken wird doch zuerst einmal auf die Setlist der ersten Konzerte in Skandinavien. Denn schon da macht sich Dylan-typischer Humor breit. Die Konzerte beginnen mit „Things have changed“ der klaren Ansage, dass sein früher Klassiker „The Times They Are A Changin'“ schon seine unumstößliche Wahrheit hat, wenn auch anders als gedacht. Denn die Gesellschaft hat die Menschen verändert und nicht umgekehrt.

Und sie enden mit „Long And Wasted Years“! Also alle Jahre sinnlos verschwendet? Für Dylan trifft das vielleicht gerade einmal auf eines der fünf Jahrzehnte seiner Karriere zu, nämlich den 1980ern. Und so spielt er denn auch derzeit konsequent Songs aus den 60ern, den 70ern, den 90ern, den 2000ern und ganz viele seiner neuen Platte. Alleine die genialen Ausnahmen „Blind Willie McTell“  und „What Good Am I?“ finden den Weg aus dem von Ronald Reagan und Michael Jackson geprägten Jahrzehnt.

Kein Künstler dieser Bedeutung würde zudem es wagen, ein Konzert ohne seine größten Hits zu bestreiten und den Fokus auf das Alterswerk zu legen. Normalerweise wird das immer im ersten Teil des Konzerts erledigt, bei Dylan ist es umgekehrt, er reiht wie auf einer Schnur alleine drei Songs seines letzten Albums am Ende des zweiten Teils des Konzerts auf. Kein „Tambourine Man“, kein „Like A Rolling Stone“, kein „Times They Are A Changin'“, kein „Knockin‘ On Heaven’s Door“. Erst bei den Zugaben hat er ein Einsehen. „All Along The Watchtower“ und „Blowin In The Wind“, letzteres in seiner seit einigen Jahren gespielten Gospel-Soul-Version.

Das bemerkenswerteste ist aber, und damit kommen wir wieder zum Beginn, ist die zentrale Bedeutung von „Long And Wasted Years“ im Konzert. Er war zwar einer meiner Favoriten auf „Tempest“, doch in der öffentlichen Wahrnehmung lag er hinter dem Titelsong, der John Lennon-Hommage „Roll On, John“ und „Duquesne Whistle“ klar zurück.

Und doch entfaltet sich hier Dylans Erzählkunst in ganz großer Weise. Wie er schonungslos negativ er ein Leben bilanziert ist ergreifend und demoralisierend zugleich. Liebe gab es in der Beziehung der Protagonisten nur damals ganz kurz am Anfang. Ansonsten eine einzige Folge von materiellen und immateriellen Verlusten. Und dann wacht man eines Tages auf und muss zusammen heulen wegen dieses elenden, verschwendeten Lebens. Grauslig. Dylans Gesangskunst (!) ist auf der Platte schon großartig. In der Bühnenperformance steigert sie sich nochmal in einen dramatischen Abgesang. Und wirkt als perfekter Verfremdungseffekt. Denn dieses kreative und geniale Künstlerleben – so stellen seine faszinierenden Konzerte wieder unter Beweis – war alles andere als „long and wasted“. Wir hoffen, es erfährt noch eine lange Fortsetzung.

Long And Wasted Years, Stockholm 2013:

Dale Watson spielt zum Tanz auf

20. Oktober 2012

Wie aus einem unscheinbaren Club ein echter Honky-Tonk wird

Man hätte sich ja besser informieren können. Dale Watson war bei mir als derjenige auf dem Schirm, der soeben als Reminiszenz an Cashs Sun Studio Recordings eine ganze Platte in diesem Stil heraus gebracht hat.  Und überhaupt, so erfuhr ich durch die Recherche, ist er einer der interessanten Country & Americana-Künstler aus Texas. Um so  mehr freute ich mich, dass er in Austin spielt, während wir dort sind.

Dass er aber dort aber jeden Montag mehr als drei Stunden zum Tanz aufspielt, das hatte ich schlichtweg übersehen. Um so überraschter waren wir dann auch, als die Tanzfläche schon nach wenigen Takten voll war. Dale Watson und seine „Lone Stars“ rockten den Continental Club in Austin, Texas. Mit Country, Roots und Honky-Tonk vom Feinsten. Dabei immer originell und voller Spielfreude. Watson entpuppt sich im Laufe des Abends als wahre „Rampensau“. Unermüdlich spielen er und seine Jungs, holten immer mal wieder ein paar Gastmusiker auf die Bühne. So wie den Engländer aus Liverpool, zu dessen Ehren sie dann auch ein Stück der Beatles ins Programm aufnehmen. Dazwischen wird immer mal wieder ein ironisches Werbejingle gespielt und Watson preist mit Zahnpastalächeln die Vorzüge von „Lone Star Beer“ an. Und das bleibt nicht die einzige Alkoholika auf der Bühne. Immer wieder bekommen die Jungs Tabletts mit Drinks gereicht. Wobei wir davon ausgehen, dass da auch mal Wasser statt Wodka und Apfelsaft statt Whisky eingeschenkt wird.

Schade, dass wir da nicht mittanzen können, denken wir bei uns, als wir die volle Tanzfläche sehen.  Es ist ein geiles Konzert,  aber nach fast drei Stunden strecken wir die Waffen und begeben uns zur Nachtbushaltestelle.  Dale Watson bringt das Parkett zum Schwingen. Auch das wird uns unvergesslich bleiben.

Anbei eine kleine Impression von Dales Auftritt im Continental Club:

Fort Worth/ Dallas, Texas

12. Oktober 2012

Jetzt heisst es wieder Abschied nehmen. Viel gute und ein wenig nicht so gute Musik, interessante Landschaften und spannende Begegnungen liegen hinter uns. Austin war eine sehr gute Wahl. Ein Ort voller Weltoffenheit, Kunst, Musik und Liberalitaet und zu alledem sehr texanisch. Schoene Mischung.

In Fort Worth haben wir noch etwas Cowboyluft geschnuppert und gestern Abend die Vizepraesidentendebatte verfolgt. Die Republikaner sind scheinbar im Aufwind, so wird die Wahl eine wirklich enge Sache.

Wir freuen uns, nun auch wieder zurueckzukommen. Nashville und Austin aber werden wir sicherlich wieder einmal bereisen. Und zu Hause warten mit den Carolina Chocolate Drops und Kris Kristofferson schon wieder richtige Konzer-Highlights auf uns.

Good bye Texas!

Von Leland, Mississippi nach Austin, Texas

9. Oktober 2012

Jetzt sitzt er als politisches Statement in unserem Autofenster. Der „Big Bird“ aus der Sesame Street, den wir als Bibo kennen. Romney wollte in der Debatte bei den Ausgaben fuer das oeffentliche Fernsehen kuerzen, obwohl er doch „ein Fan“ vom Big Bird sei. Bei einem Staatsdefizit bei gleichzeitigen Riesen-Steuerschluepfloechern fuer Reiche den Angriff nicht auf die Wall Street, sondern auf die Sesame Street zu wagen, brachte Romney Hohn und Spott seitens der Demokraten ein, in den wir gerne einstimmen.

Geholt haben wir Bibo im Muppet-Museum in Leland. Einem armen Mississippi-Oertchen, dass ausser dem Gedenken an Jim Henson noch ein Bluesmuseum besitzt. Wir sahen noch dazu die High School-Homecoming-Parade zum Schuljahresbeginn. der Nachbarort Greenville hatte uns dagegen nichts zu bieten. Das Hotel nicht ueberzeugend und das Musikerpaerchen im oertlichen Club eine Katastrophe.

Nun sind wir in Austin und haben dort gstern Abend einen tollen Honky-Tonk-Abend mit dem Country-Roots-Rocker Dale Watson erlebt. Austin ist jung, studentisch, alternativ und trotzdem ganz schoen texanisch. Eine spannende Mischung und der erhoffte zweite Hoehepunkt der Reise.