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„Indie, Woody, Country“

24. August 2017

„Americana im Pädagog“ bleibt auch im zweiten Halbjahr 2017 abwechslungsreich und vielfältig

„Americana im Pädagog“-Kurator Thomas Waldherr

Die Darmstädter Konzertreihe „Americana im Pädagog“ versucht immer wieder die große Bandbreite dieser Musik darzustellen und auszuloten. Nach dem erfolgreichen ersten Halbjahr mit fünf (!) bestens besuchten Veranstaltungen – „Lovesongs For The Other America“ (Folk- und Protestsong), „Mississippi“ mit Richie Arndt (Blues), The Lasses & Sue Ferrers (American Mountain Music & ihre schottisch-irischen Wurzeln), Sonia Rutstein (Folk & Folkrock) und „Bob Dylan: Planetenwellen“ mit Heinrich Detering und Dan Dietrich (Lesung mit Musik) wird auch im Herbst ein abwechslungsreiches und vielfältiges Programm im Theater im Pädagog geboten.

Kurator Thomas Waldherr, Musikjournalist sowie Americana- und Bob Dylan-Experte: „Die Spanne reicht diesmal von jungem Indie-Folk mit dem Duo Kenneth Minor am 28.9. über das humorvolle Americana-Programm der Lucky Wilson Band am 26.10 sowie einem Vortragsabend zur amerikanischen Folk-Ikone Woody Guthrie am 8.11. bis hin zum vorweihnachtlichen ‚Classic Country & Christmas‘-Abend mit der Texas House Band am 30.11.“ Beginn der Veranstaltungen ist jeweils 20 Uhr.
Auch TIP-Direktor Klaus Lavies ist voller Vorfreude: „Gut, dass es wieder losgeht, die Americana-Reihe ist eine wichtige Säule im Programm und erfährt durchweg einen sehr guten Zuschauerzuspruch.“

Hier die Veranstaltungen im Einzelnen:

Kenneth Minor (Donnerstag, 28. September, Eintritt 8 Euro)
Indie-Folk
Das Publikum darf sich auf ein ganz besonderes Duo-Paket voller neuer Geschichten und Folk-Songs freuen, die das Leben schreibt. Vorgetragen mit einer Gitarre und zwei Stimmen von Jörg Christiani und Athena Isabella. Mit Melodien, „die“, so der Rolling Stone, „von Mark Everett, Ray Davies oder They Might Be Giants“ stammen könnten. Die neue Platte “Phantom Pain Reliever“, zu der jüngst Jakob Friedrichs (Element of Crime) mit den Worten: „Tolle Songs, toller Sound und auch die Instrumentierung ist schön“ gratulierte, haben Kenneth Minor natürlich mit im Gepäck.

The Lucky Wilson Band (Donnerstag, 26. Oktober, Eintritt 12 Euro)
Finest Americana Music
Blues-Rock-Country-Swing der Marke LUCKY WILSON BAND ist 100% handmade, authentisch amerikanisch und für hiesige Breitengrade ziemlich unverwechselbar. „Grandpa“ Lucky Wilson (Git./Voc.) und seine vier „Geschwister“ Virginia Wilson, geb. Woolfe (Geige/Voc.), Willie Wilson (Baß/Voc.), Phil „the Kid“ Wilson (Git.) und Santa Claus Wilson (Drums) stehen für virtuose Spielfreude und vielstimmige Gesangsparts mit einem gezielten Schuß Entertainment. Unter einer Bedingung: die Sheriffs müssen draußen bleiben.

Woody Guthrie – Leben und Wirken (Mittwoch, 8. November, Eintritt 10 Euro)
Multimediavortrag von und mit Thomas Waldherr
Woody Guthrie ist eine Legende der Folkmusik und eine kulturelle Ikone der US-amerikanischen Linken. Mit „This Land Is Your Land, This Land Is My Land“ schrieb er die Hymne des „anderen Amerika“ und beeinflusste Musiker wie Pete Seeger, Joan Baez und Bob Dylan. Aus Anlass seines 50. Todestages – Guthrie verstarb am 3. Oktober 1967 im Alter von 55 Jahren an den Folgen der Nervenkrankheit Chorea Huntington – hält Thomas Waldherr im Rahmen einer Kooperationsveranstaltung der Volkshochschule Darmstadt mit „Americana im Pädagog“ einen Vortrag über Werk und Wirkung Woody Guthries vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen Entwicklungen in den USA von den 1930er bis 1960er Jahren. Der Multimediavortrag mit vielen Musikbeispielen soll einen spannenden Einblick in dieses Kapitel der amerikanischen Gesellschafts- und Kulturgeschichte geben.

TeXas House Band (Donnerstag, 30. November, 12 Euro)
Classic Country & Christmas
Das abwechslungsreiche Programm der TeXas House Band reicht von traditionellen Cajun-, Blues- und Bluegrass-Songs über kernige Country-Klassiker und Western Swing hin zu gefühlvollen Balladen und teils poppig-melodischen Eigenkompositionen von Songwriter Helt Oncale. Charakteristisch für die TeXas House Band sind eine große Spielfreude und Musikalität, ein authentischer Sound und eine lockere, entspannt amerikanische Atmosphäre, die sich automatisch auf das Publikum überträgt. Beim Darmstädter Konzert läuten sie mit Country-Klassikern und Country-Christmas-Songs kurz vor dem 1. Advent die Vorweihnachtszeit ein. Die TeXas House Band sind: Helt Oncale (Gitarre, Fiddle, Gesang), Dave Schömer (Bass, Gesang), Christian Schüssler (Drums) und Dietmar Wächtler (Pedal Steel, Gesang)

Karten für die Veranstaltungen können im Vorverkauf online unter http://www.paedagogtheater.de erworben werden. Vorbestellungen sind unter 06151 – 66 01 306 telefonisch und unter theaterimpaedagog@gmx.de per E-Mail möglich.</strong

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Dämonen, die nicht vergehen wollen

5. Juni 2017

Rassismus und rassistische Gewalt als Thema der Roots Music in den USA

„Das Vergangene ist nicht tot; es ist nicht einmal vergangen.“
William Faulkner

So wie die Deutschen den Juden nie den Holocaust vergeben hätten, so das alte, böse Bonmot, hat wohl das weiße Amerika den Schwarzen die Sklaverei eigentlich nie vergeben. Deren Schreckensherrschaft nicht, deren Aufhebung nicht und nicht den Bürgerkrieg, der nicht ursächlich wegen ihrer Beseitigung ausgebrochen war, aber dazu beitrug.

Bob Dylan hat in einem Interview dazu einmal gesagt: „Dieses Land ist einfach zu fucked up, wenn es um die Hautfarbe geht. Die Leute gehen sich gegenseitig an die Gurgel, weil sie eine andere Hautfarbe haben. Es ist der Gipfel des Wahnsinns und würde jede Nation – sogar jede Nachbarschaft – von einer gesunden Entwicklung abhalten. Die Schwarzen wissen, dass es einige Weiße gibt, die die Sklaverei beibehalten wollten, dass sie noch immer unter dem Joch wären, wenn diese Leute die Oberhand behalten hätten…Es ist fraglich, ob Amerika dieses Stigma je abschütteln kann. Es ist nun mal ein Land, das auf dem Rücken der Sklaven aufgebaut wurde. Das ist das Grundübel. Wenn man die Sklaverei auf friedliche Art und Weise aufgegeben hätte, wäre Amerika heute bereits viel weiter.“

Abgesehen vom echten latenten Rassismus, den es nicht nur im Süden gibt, verzeiht das kollektive amerikanische Unterbewusstsein den Schwarzen die 500.000 Toten des Bürgerkriegs wohl nicht. Und so ist das Vergangene im Faulkner’schen Sinne wirklich nicht tot, sondern nicht einmal vergangen.

Der Rassismus beherrscht die US-amerikanische Gesellschaft noch immer und ebenso die Staatsgewalt. Folgende Zahlen belegen das: Junge schwarze Männer (im Alter von 15 bis 34 Jahren) werden – so ein Bericht und eine Untersuchung des britischen Guardian aus dem Jahr 2015- neunmal so oft Opfer von tödlicher Polizeigewalt wie der Durchschnitt der Bevölkerung. Auch mit Bezug auf gleichaltrige Männer sind die Unterschiede frappierend: Schwarze junge Männer werden fünfmal so oft von Polizisten erschossen wie weiße junge Männer. Schwarze und Hispanics machen 25 Prozent der Gesamtbevölkerung aus, doch sie stellen gut sechzig Prozent der Gefängnisinsassen. Die Bürgerrechtsbewegung hat die völlige Entrechtung der Schwarzen gelindert, aber die Dämonen wollen einfach nicht vergehen.

Die Wahl Trumps zum US-Präsidenten hat die Lage noch einmal verschärft. Die Zahl der rassistischen Übergriffe gegen Muslime, Schwarze und Hispanics stieg in den Monaten nach der Machtergreifung von Trumps Clique aus weißen Millionären und Milliardären noch einmal an. Und diese Clique würde die Zeit zu gerne zurückdrehen. Vor die Zeit der Bürgerrechtsbewegung und den Gesetzen zur Rassengleichheit.

Rassismus und kulturelle Befruchtung
Das menschliche Zusammenleben ist widersprüchlich. Mehrere hundert Jahre Sklaverei in den USA brachten Rassentrennung, Unterdrückung und rassistische Gewalt hervor. Gleichzeitig aber vermischten sich die Ausdrucksformen der weißen Einwanderer aus Europa und der schwarzen, eingeschleppten Menschen aus Afrika. Im Süden veränderten sich weiße und schwarze Musik und näherten sich an. Neben den „weißen“ Instrumenten Gitarre, Mandoline und Geige etablierte sich das „schwarze“ Banjo. Zusammen gingen wie in den „String Bands“ auf. Afrikanische Tänze und Gesänge mischten sich mit weißen religiösen Inhalten und musikalischen Ausdrucksformen und es entstanden sowohl religiöse Gospels, als auch die Blues- und Workingsongs. Und die Weißen adaptierten die Gospels mit der Folge, dass dasselbe Liedgut sowohl in schwarzen, als auch in weißen Kirchengemeinden gesungen wird. Und während die schwarzen Unterhaltungsmusiker nach der Sklaverei sowohl die weiße Hillbilly-Musik als auch den schwarzen Blues sangen, entstand aus der Zusammenführung beider die Countrymusik, die zwar als „Blues des weißen Mannes“ gilt, aber ihre schwarzen Wurzeln hat, die viel zu oft übersehen werden.

Von „Run, Nigger, Run“ bis „Freedom Highway“
In der Musik der Schwarzen war Rassismus und Gewalt natürlich seit jeher Thema. Eines der bekanntesten frühen Beispiel aus der amerikanischen Folkmusik ist der Song „Run, Nigger, Run“, der Mitte des 19. Jahrhunderts erstmals dokumentiert ist und von der Flucht vor den weißen „Slave Patrols“ handelt. Als die ländliche Musik des Südens in den 1920er Jahren erstmals auf Platten aufgenommen wurde, waren es eine ganze Reihe von weißen Interpreten, die dieses Lied sangen, wie Uncle Dave Macon (1925) oder Gid Tanner and the Skillet Lickers (1927). Längst hatte sich der schwarze Song ins kollektive Gedächtnis auch der weißen Südstaatler eingebrannt.

„They sellin‘ Postcards of The Hangin'“ singt Bob Dylan in seinem epischen „Desolation Row“. Was auf den ersten Blick als eine treffende böse Metapher auf den amerikanischen Verkaufsgeist daherkommt, ist in Wirklichkeit eine Reminiszenz an einen rassistischen Lynchmord in Dylans Geburtsstadt Duluth in den 1920er Jahren. Was im nördlichen Bundesstaat Minnesota eher die Ausnahme darstellte, war in den Südstaaten bis in die jüngere Vergangenheit Gang und Gebe und hat in die Populärkultur Einzug gehalten. Wir begegnen ihm beispielsweise als Versuch in Harper Lees „Wer die Nachtigall stört“.

Das abgründigste und berührendste Lied über die Lynchmorde an Schwarzen ist sicher „Strange Fruit“. Der Song wurde 1939 durch Billie Holiday weltweit bekannt. Das von Abel Meeropol komponierte und getextete Lied ist eine der stärksten künstlerischen Aussagen gegen Lynchmorde in den Südstaaten der USA. „Strange Fruit“ wurde zu einer Metapher für Lynchmorde. Eine ganze Reihe von schwarzen und weißen Musikern haben es gesungen: Josh White, Pete Seeger oder Nina Simone. Letztere hat zudem einen eigenen Song als Anklage des Rassismus in den Südstaaten legendär werden lassen: Mississippi Goddam von 1964 war ihre Antwort auf die Ermordung des schwarzen Bürgerrechtlers Medgar Evers und dem Bombenanschlag auf eine schwarze Baptistenkirche in Birmingham, Alabama.

Die weiße Jugend entdeckt das Leiden der Schwarzen
Auch in der Bürgerrechtsbewegung befruchteten sich das weiße und das schwarze Amerika. Die junge weiße Generation empfand sich Ende der 1950er/Anfang der 1960er als gegängelte Jugend, die noch dazu die Welt wegen des Ost-West-Konflikts in Kriegsgefahr sah. Man adaptierte die schwarze Leidensgeschichte und deren kulturelle Ausdrucksform für die eigene Zwecke des Aufbegehrens gegen die Elterngeneration. Man fand den Blues und sang im Folk gegen Rassismus und Gewalt. Gerade der junge Bob Dylan hatte eine ganze Reihe von antirassistischen Songs im Repertoire: „Only A Pawn In Their Game“, The Death Of Emmett Till, „The Lonesome Death Of Hattie Caroll“ oder auch „Oxford Town“.

Der schwarze Blues verarbeitete zwar die tägliche Diskriminierung in seinen Texten, aber Songs mit eindeutig politischer Dimension wie der von Billie Holiday waren bis Mitte des letzten Jahrhunderts eher selten. Genauso selten wie in der weißen Folkmusik vor Woody Guthrie. J.B. Lenoir bildete mit eindeutigen Songs wie „Alabama Blues“, „Down in Mississippi“ und „Vietnam Blues“ hier eher die Ausnahme. Erst die Bürgerrechtsbewegung änderte das. 1965 schrieb Pops Staples für seine Staples Singers als Reaktion auf den Marsch von Selma nach Montgomery den Song „Freedom Highway“.

Selbstredend war die die Problematisierung von Rassismus kein Thema in der weißen Countrymusik. Man sang einfach nicht darüber. Schwarze Countrymusiker wie Charley Pride und Darius Rucker bleiben die Ausnahmen, hatten und haben aber immer wieder mit rassistischen Ausfällen von Teilen des Publikums zu rechnen. Und das, obwohl Lichtgestalten der Countrymusik, wie A.P. Carter, Hank Williams oder Bill Monroe, ohne ihre schwarzen Helfer oder Lehrer gar nicht vorstellbar wären. Ausgerechnet jedoch der Ende der 1960er Jahre als Sänger der Rednecks verschriene Merle Haggard war es, der das Thema Rassismus erstmals in einem Countrysong aufgriff. „Irma Jackson“ über die Liebe zwischen einem weißen Mann und einer schwarzen Frau wollte er als Single-Nachfolger für seinen als Anti-Hippie-Spottlied verstandenen 1969er Hitsong „I’m An Okie From Muskogee“ veröffentlichen. Doch seine Plattenfirma Capitol Records ließ das nicht zu.

Immer und immer wieder Thema
Bob Dylan indes sollte auch nach Ende seiner kurzen Protestsongphase das Thema immer wieder einmal aufgreifen. So setzte er 1970 mit „George Jackson“, einem ermordeten Black Panter-Führer ebenso ein Denkmal wie 1975 mit „Hurricane“ dem schwarzen Boxer Rubin Carter, der ein Opfer der amerikanischen Rassenjustiz wurde.

Vier aktuelle Beispiele für die Thematisierung von Rassismus und rassistischer Gewalt seien hier genannt. Heartland-Rocker John Mellencamp hat auf seinem neuen Album den Song „Easy Target“ aufgenommen, der rassistische Gewalt thematisiert und die großartige Rhiannon Giddens hat nicht nur ihr jüngstes Album „Freedom Highway“ genannt und hat damit den Pops Staples-Song angemessen ins heute verfrachtet, sondern ihr Longplayer enthält mit „At The Purchaser’s Option“ auch einen der eindringlichsten Songs über die menschlichen Tragödien als Folgen des Sklavenhandels, der je geschrieben worden ist. Alynda Lee Segarra wiederum kehrt mit ihrem Bandprojekt „Hurray For The Riff Raff“ zu ihren hispanischen Wurzeln zurück und begehrt auf „The Navigator“ gegen Gentrifizierung, Homophobie und Rassismus auf. Und jüngstes Beispiel ist der Song „White Man’s World“ von Südstaaten-Roots-Rocker Jason Isbell, der überhaupt auf seinem neuen Album „The Nashville Sound“ einen scharfen Blick auf die verstörenden Entwicklungen in den USA hat.

Die amerikanische Musikszene hat seit der Wahl Trumps eine Hinwendung zu gesellschaftlichen und politischen Themen vollzogen. Man darf gespannt sein, wie sich Amerika und seine Roots Music angesichts der problematischen Herausforderung durch die Trump/ Bannon-Clique, deren jüngster Affront die Kündigung des Pariser Klimaschutzabkommens war, in nächster Zeit entwickeln werden.

Und er ist doch ein Dichter!

15. April 2017

Heinrich Deterings neues Buch „Planetenwellen“ entdeckt den Lyriker und Textautor Bob Dylan wieder – eine lohnende Erinnerung! – Detering liest aus den Texten von Dylan am 20. April im Darmstädter Pädagogtheater

Klar, Bob Dylan ist der bedeutendste lebende Singer-Songwriter der Rock-Ära. Für seine Songpoesie hat er den Literatur-Nobelpreis bekommen. Auf diesem Feld hat er einzigartiges geleistet, als er die Tradition des amerikanischen Folksongs erst mit Tempo, Rhythmus und Bildern der Beat-Generation und dann mit Rockmusik zusammenbrachte. Doch Dylan hat auch immer wieder Gedichte und Prosagedichte veröffentlicht. Zumindest in seiner Anfangsphase. Da verstand er sich sowohl als Songwriter, als auch als Lyriker. Seinen Schallplatten gab er Lyrik und Gedichtzyklen dazu und in Zeitschriften veröffentlichte er Langgedichte. Heinrich Detering, bedeutendster Dylan-Experte hierzulande, ruft dies mit dem eben erschienenen Buch „Planetenwellen“ (Hoffmann und Campe) wieder in Erinnerung. Detering hat für dieses Werk die bislang verstreuten Texte erstmals systematisch zusammengefasst, neu übersetzt und kommentiert.

Bekanntestes frühes Langgedicht ist sicher „My Life In A Stolen Moment“, das zuerst im Programm zu seinem Konzert im Oktober 1963 in der New Yorker Carnegie Hall veröffentlicht wurde. Hier strickt er an seiner Legende und schmückt sie aus. Wäre angeblich mehrmals ausgerissen und rumgetrampt, bei den Indianern gewesen usw. Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, dass Authentizität keine künstlerische Kategorie ist, hier ist er. Dylans Poem ist unterhaltsam und mit seiner Lakonie und seinem Beat-Rhythmus eines seiner ersten Roadmovies für den Kopf. Aber der Wahrheitsgehalt verschwindend gering. Dylan mag in Hibbing, Minnesota, ein Außenseiter und Eigenbrötler gewesen sein, aber richtig auf den Weg gemacht hat er sich erst im Winter 1961.

Das Stricken an der eigenen Legende und das im Unklaren lassen, was wahr und was Fiktion ist, das behält er in seinem Werk sein ganzes Leben und seine ganze Karriere bei. Und selbst in den Werken, die am ehesten als autobiografisch eingestuft werden – die Platte „Blood On The Tracks“ und der Song „Sara“ – können nicht als eins zu eins Realitätswiedergabe angesehen werden. Wie kaum ein anderer Autor versteht es Dylan, mit Personen, Persönlichkeiten, Zeitebenen, Sichtweisen, Realitäten und Bedeutungsebenen zu spielen. Wer erzählt da jetzt? Eine Frage, die man sich oftmals stellt, schaut man sich seine Texte an.

Deshalb Obacht bei der allzu schnellen Bewertung von Dylans Texten. Und das gilt auch für seine Prosa. Die „Chronicles Vol.1“ beispielsweise lesen sich wunderbar süffig und klingen einleuchtend. Aber hat es sich wirklich so zugetragen? Und es geht hier nicht darum wie Autobiografien aufgehübscht werden können, sondern darum, dass möglicherweise Robert Zimmerman eine Biografie der Kunstfigur Bob Dylan geschrieben hat. So könnte sie passen, die Konstruktion der Frühzeit von Dylan oder der Zeit von „Oh Mercy“, die in diesem Band ausführlicher behandelt werden. Und das schmälert nicht den literarischen Rang. Authentizität? Siehe oben!

Heinrich Detering

Was uns nun Heinrich Detering in seinem kenntnisreich zusammengestellt und kommentierten Band liefert, ist ein letzter wichtiger Mosaikstein in der Betrachtung des Dylan’schen Gesamtwerks. Endlich sind Dylans Gedichte, Prosatexte, Liner-Notes und Reden in einem Band zusammengefasst. So entdeckt man den schlüpfrigen Text zur Platte „Planet Waves“ ebenso wieder wie Dylans coolen und parodistischen Liner-Notes zu „World Gone Wrong“, die tolle Wort-Bilder zeichnen und viel Wissen und Liebe zu den Songs und deren Schöpfer und Interpreten offenbaren. Aber auch eine spöttisch-negative Sicht auf die neoliberale Postmoderne. Und man kann die wirklich sensationelle „MusiCares“- Rede von Dylan nachlesen. Seine Schilderungen über Vorbilder und Zeitgenossen sind teilweise wirklich überraschend. Und wie kenntnisreich und engagiert er da ist. Und wie er scheinbar Verletzbarkeit zeigt. Trifft es ihn wirklich, wenn Kritiker schreiben, er singe wie ein Frosch?

Und doch geht das Buch über die Entdeckung solcher Schätze hinaus. Denn Detering wäre nicht Detering, wenn er nicht wieder kongenial die Zusammenhänge herstellt, die ihm seine Dylan-Deutungen möglich machen. Indem er noch einmal mit der Lupe auf den historischen Augenblick der Geburt des Künstlers und Kunstfigur Bob Dylan schaut, zeigt er die Schnittstelle, die Dylan besetzt. Dieser führt die Beat-Poety und die rurale Folkmusik, die ihm beide im Greenwich Village begegnen, zusammen. Beides sind damals Ausdrucksformen der Linken. Die eine mehr eine eskapistische antibürgerliche im Habitus, die andere eine seit Woody Guthries Zeiten politisch-strategisch orientierte, kulturelle. Dylan vereinigt zwei ganz eigene Musik- und Sprachuniversen und entwickelt damit etwas ganz neues. Bis er sich selber als Rock’n’Roll-Dandy in der Sackgasse eines immer opulenteren Sprachgestrüpps verirrt. Nachdem er sich mit seinem Motorrad auf die Straße gelegt hat, kehrt er dann mit einfacheren Songs zurück, die eher an Hank Williams als an den Beatniks orientiert sind.

Und doch bleibt Dylan bis heute in dieser surrealen Sprache und Schreibweise verbunden. Sie findet sich, so arbeitet Detering fein heraus, bis hinein in die jüngsten Veröffentlichungen. Und so ist dieses Buch allen empfohlen, die sich mit Dylan tiefer beschäftigen wollen. Und es ist eigentlich auch ein cooler, lässiger Fingerzeig in Richtung manch bräsiger Bildungsbürgernase, die meinte, sich über die Verleihung des Literaturnobelpreises echauffieren zu müssen. Für diese Leute gilt auch noch nach mehr als 50 Jahren unverändert: „Something is happening here, but you don’t know what it is, do you Mr. Jones?“.

Heinrich Detering liest aus seinem Buch am Donnerstag, 20. April, um 20 Uhr, im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Americana im Pädagog“ im Darmstädter Theater im Pädagog. Karten für die Veranstaltung können im Vorverkauf online unter http://www.paedagogtheater.de erworben werden. Vorbestellungen sind unter Telefon +49 (0) 6151 / 66 01 306 sowie per E-Mail theaterimpaedagog@gmx.de möglich.

Mit unbändiger Spielfreude unterwegs auf dem „Freedom Highway“

26. März 2017

Schiere Spielfreude: Rhiannon Giddens in Amsterdam 2017, Photo Credit: Thomas Waldherr


Warum ein musikalisch vielseitiger Americana-Abend mit Rhiannon Giddens auch ein politisches Statement ist/ Rhiannon Giddens präsentiert sich als lockere und temperamentvolle Teamplayerin

Programmatische politische Statements, wie sie sie im Umfeld der Veröffentlichung ihres neuen Album „Freedom Highway“ getroffen, und noch am Tag des Konzerts in Amsterdam am vergangenen Samstag in der Mittagszeit beim einem Kurzauftritt im Musikhaus Concerto geäußert hatte – „nach der Wahl haben wir das Album „Freedom Highway“ genannt“ – unterließ Rhiannon Giddens in der ausverkauften Amstelkerk. Und dennoch: die Songauswahl – Erzählungen über Schicksale von Schwarzen in der Sklavenzeit („Julie“, „Purchasers Options“), Erinnerungen an die rassistische Gewalt in den 1960ern („Birmingham Sunday“) – und die erklärenden Hinführungen zu den Songs sowie die musikalische Breite des Programms – es erklangen Folk, Blues, Country, Gospel und sogar Cajun-Musik – waren eine klare Aussage: Wir alle sind Amerika, wie lassen uns von dieser US-Regierung nicht spalten. In den 1960er und frühen 1970er Jahren, als Bürgerrechtsbewegung, Studentenunruhen und die Auseinandersetzungen um den Vietnamkrieg die Nation polarisierten, war es Johny Cash, der versuchte die Gräben zu überwinden. Heute übernimmt diese Rolle das Americana-Genre und in ihm seine derzeit bedeutendste weibliche Frauenstimme ein – Rhiannon Giddens.

Und die verstand es an diesem Abend wieder einmal das Publikum von Anfang an mitzureißen. Das war Anfang letzten Jahres genauso. Doch war es diesmal eine ganz andere Art von Performance. War das Konzert 2016 ganz auf die Frontfrau zugeschnitten und gab diese eine mitreißende, aber sehr strenge, durchgeplante Performance ab, so konnten die Zuhörer am Samstagabend eine vor Spielfreude und Lust aufs gemeinsame Musizieren mit ihren Kumpanen schier berstende Rhiannon Giddens erleben, die man selten so locker erlebt hat.

Ob es die Anwesenheit von Dirk Powell, ihrem Co-Produzenten von „Freedom Highway“ war – einem mit allen Wassern gewaschenen Multiinstrumentalisten, der mit seiner Präsenz der Frontfrau Halt und die notwendigen Spielräume gab, kann nur vermutet werden, vielleicht hat sich aber auch in der jetzigen Konstellation – neben Powell waren wieder Hubby Jenkins (Gitarre, Banjo, Mandoline) Jason Sypher (Bass) und Jamie Dick (Drums) mit dabei – einfach auch die ideale Band gefunden.

Ein sichtbarer Ausdruck von Rhiannons neuer Lockerheit war, dass es kein spezielles Bühnen-Outfit gab. Mit denselben Alltagsklamotten mit denen sie am Nachmittag gutgelaunt mit der Band an den Grachten entlangschlenderte, stürzte sie sich Hals über Kopf in ein fantastisches, berauschendes Konzert. Ihre faszinierenden Vorträge von Songs wie „Waterboy“, „Spanish Mary“ (vertont nach Lyrics von Bob Dylan), dem Patsy Cline-Hit „She’s Got You“ oder Sister Roseta Tharpes „Music In The Air“ steigert sie oftmals in stakkatohaften Scat-Gesang oder dramatische Lautstärke und Entschlossenheit und erzählt und lebt dabei voller Hingabe in Mimik und Gestik ihre Songs richtig aus.

Ein weiteres Zeugnis, dass Rhiannon Giddens 2017 scheinbar endlich mit sich und in ihrer Musik vollauf zufrieden ist – wir erinnern uns an den Film zu den „New Basement Tapes“, als sie voller Selbstzweifel T Bone Burnett als freundlichen Ratgeber brauchte, um zu ihrer Version der Songs zu finden – war ihre große Fröhlichkeit, die alles andere als routiniert gespielt war. Die Kommunikation mit dem Publikum war herzlich und spontan und auch nach dem Konzert nahm sie sich Zeit für Gespräche mit den Fans.

Rhiannon Giddens: Eine Ausnahmeerscheinung, die noch weiter reifen kann, Photo Credit: Thomas Waldherr

Und wieder einmal fällt uns ein, wie großartig es ist, über Jahre verfolgen zu können, wie ein Künstler oder eine Künstlerin sich entwickelt, reift, eine Form findet und dann wieder verändert. Rhiannon Giddens ist jetzt schon großartig, eine Ausnahmeerscheinung und starke Stimme des „anderen Amerika“. Aber sie ist auch jung genug, um noch tiefer und noch reifer zu werden.

Musik aus der Region im Geist von Bob Dylan und Neil Young

31. Juli 2016

Germanicana-Folkfestival gastiert am 13 August erneut in Darmstadt

Wenn am 13. August das Germanicana-Folkfestival erneut Station in Darmstadt macht, dann spielen dort zwar Musiker aus der Rhein-Main-Region, aber überxGermanicana 2-2016_Plakat A2 - 3 allen Darbietungen schwebt der Geist der großen amerikanischen Singer-Songwriter wie Bob Dylan, Neil Young, Hank Williams oder Woody Guthrie. Ideengeber und Initiator Wolf Schubert-K. – mit seiner „Sacred Blues Band“ auch Teil des Programms – drückt es so aus: „Die amerikanische Musik speist sich aus dem, was die Einwanderer mitgebracht haben, nun kommen die amerikanischen Einflüsse zurück über den Teich.“

Nach der gelungenen Premiere im vergangenen Jahr mit einem stimmungsvollen Abend in der schönen Atmosphäre des Hofs vor dem Hoffart-Theater, hoffen die Macher heuer auf eine ähnlich gelungene Neuauflage. „Wir möchten nach Americana im Pädagog das zweite Rootsmusik-Format in Darmstadt fest etablieren“, erklärt Thomas Waldherr die Zielrichtung für das Sommer-Open Air. Waldherr, der im Theater im Pädagog die Americana-Konzertreihe aus der Taufe gehoben hat, bildet mit Schubert-K., Klaus Lavies vom TIP sowie dem Team des Hoffart-Theaters um Andreas Waldschmitt die Organisationscombo des Freilicht-Abends.
Auf dem Programm stehen neben dem schon besagten „Wolf Schubert-K. & The Sacred Bues Band“ aus Frankfurt und Umgebung, „Candyjane“ und „Delta Danny“ aus Darmstadt sowie ein noch nicht namentlich benannter Newcomer-Act. Es verspricht ein sehr vielseitiger Abend zu werden: Delta Danny bringt den Mississippi-Blues an den Woog, sie hat den Blues im Blut und in der Stimme. Die Gitarristin blättert in der frühen Blues-Geschichte:Von den Roots des Country-Blues zu den traditionellen Blues-Songs zwischen Memphis und Chicago.

Auf den Spuren amerikanischer Folk-, Blues- und Countrymusik kreieren Candyjane ihren ganz eigenen high lonesome Sound. Westerngitarre, Gesang, Lapsteel-Gitarre, Kontrabass und Cajon erzeugen sehnsuchtsvolle Schwingungen, die lakonischen Songtexte tun ihr übriges. So changieren sie mit ihrem Country-Soul in bemerkenswerter Weise zwischen Hank Williams und Southern Gothic.

Frisch aus Kanada zurück kommt Wolf Schubert-K. dieses Mal zum Festival. In British Columbia spielte er diesen Sommer ein paar erlesene Soloshows. Folk, Country und Roots Elemente bilden immer noch das Fundament für den Sound seiner Sacred Blues Band. Die Songs dokumentieren jetzt mehr denn je einen leidenschaftlichen Aufbruch und sind ein Appell an die Freiheit. Ganz im Geiste der Vorbilder Bob Dylan und Neil Young.

Und bildhaft, schnell und poetisch slammt und shoutet Roger Jones sich auch dieses Jahr wieder durch die Amerikanische Musikgeschichte.
Beginn ist 18 Uhr, der Eintritt beträgt 20,- Euro, bzw. 18,- Euro im Vorverkauf. Kartenverkauf und Vorbestellungen: Ticketshop im Luisencenter, telefonisch unter 06151/ 4 92 30 14 oder auch online unter: http://www.ztix.de/ticketshop/kalender.html

„Just A Picture From Life’s Other Side“

15. März 2015

Seminar untersucht die gesellschaftlichen Hintergründe von Country, Folk & AmericanaBroschüre 1

Ein besonderes Bildungsangebot für Country & Folk-Freunde veranstaltet das Fridtjof-Nansen-Haus in Ingelheim in Zusammenarbeit mit der Atlantischen Akademie Rheinland-Pfalz e.V. und der Hessischen Landeszentrale für Politische Bildung am Freitag, 10. Juli, und Samstag, 11. Juli. Zwei Tage lang beleuchtet der Country.de-Redakteur und Bob Dylan & Americana-Experte Thomas Waldherr unter dem Titel „Just A Picture From Life’s Other Side“ die soziokulturellen und politischen Hintergründe von Folk, Country & Americana vom Ende des 19. Jahrhunderts bis in die heutige Zeit.

Wie sich die politische Entwicklung der Südstaaten nach dem Bürgerkrieg, die Politik des New Deal, der Kalte Krieg und der Aufbruch der 1960er Jahre auf die Folk- und Countrymusik ausgewirkt hat, wird dabei ebenso anhand vieler Musikbeispiele nachgezeichnet, wie ein Blick nach vorne gewagt wird, in dem auf die aktuelle Americana-Szene im Zusammenhang mit den derzeitigen gesellschaftlichen Entwicklungen in den USA eingegangen wird.

In Workshops können dann die Teilnehmer ausgewählte Songs besprechen oder selber unter der Anleitung von Country.de-Redakteur und Johnny Cash-Kenner Bernd Wolf und Elisabeth Erlemann („Sweet Chili) Folk- und Countrysongs schreiben und einüben. Am Samstagabend endet dann das Seminar mit einem Konzert von „Sweet Chili“ und Workshopteilnehmern.

Die Teilnahmegebühr beträgt für Erwachsene 55 Euro, ohne Übernachtung 35 Euro. Für Jugendliche, Referendare und Studierende 35 Euro mit Übernachtung und 20 Euro ohne Unterkunft. Die Unterbringung erfolgt in Doppelzimmern, für Einzelzimmer wird ein Zuschlag von 25 Euro berechnet. Anmeldung bei: Anmeldung bei: Stefanie Fetzer, Fridtjof-Nansen-Akademie für politische Bildung im Weiterbildungszentrum Ingelheim, Tel. (06132) 79003-16, Fax (06132) 79003-22, E-Mail fna@wbz-ingelheim.de, Internet http//www.fna-ingelheim.de/Anmeldung.

Und hier geht’s zum detaillierten Programm: http://www.atlantische-akademie.de/folk-seminar-2015

 

On the Road again

2. November 2014
Nashville, Tennessee, Broadway

Nashville, Tennessee, Broadway

Nächstes Jahr ist es dann endlich wieder soweit. Wir machen uns wieder auf die Reise. Wir komplettieren unseren musikalischen Südstaaten-Trip. Nach Memphis (Rock’n’Roll), Mississippi-Delta (Blues), Nashville (Country-Kapitale und „Music City USA“), New Orleans (Jazz und Cajun) und Austin (Texas-Country und „Live-Music Capital of the world“) werden wir uns diesmal in den Appalachen an die Geburtsstätten der Mountain Music in Virginia begeben und Bristol, Tennessee, besuchen, wo 1927 mit der Entdeckung von Jimmie Rodgers und der Carter Family der Big Bang der Countrymusik stattfand. Dann werden wir natürlich noch ein paar Tage in Nashville sein, wo es immer noch neues zu entdecken gibt. Und dann über Montgomery, Alabama, wo sowohl Hillbilly-Shakespeare Hand Williams, als auch die Bürgerrechtskämpferin Rosa L. Parks lebten, und Atlanta nach Charlotte, North Carolina, fahren. Von dort aus fliegen wir dann zurück.

Es ist einfach uramerikanisch das große Land zu bereisen. Die Pioniere taten es, die Opfer der Sandstürme in den 1930er Jahren taten es, die Hobos taten es, Woody Guthrie tat es und Bob Dylan tut es noch heute. Auch der große John Steinbeck, der mit „Früchte des Zorns“ den von Natur- und Kapitalgewalt gleichermaßen Deklassierten ein Denkmal setzte, bereiste das Land. 1960 mit seinem treuen Hund Charley an der Seite. Mehr als 50 Jahre später machte sich Geert Mak auf exakt denselben Weg. Und fand ein völlig verändertes Land vor. Amerika ist gespalten: Wirtschaftlich, sozial, politisch, ethnisch, religiös. Diese nicht so neue Diagnose – gerade wiesen wir an dieser Stelle auf George Packers „Die Abwicklung“ hin – wird von Mak aber unter verschiedenen Blickwinkeln und literarisch sehr unterhaltsam vorgetragen. Wir erfahren viel über John Steinbeck, erlangen nicht nur politisch-historische, sondern auch mentalitäts- und religionsgeschichtliche Einblicke in die Entwicklung der Vereinigten Staaten. Geert Maks „Amerika!“ ist das Buch eines verzweifelten Amerika-Liebhabers. Die Perspektive kennen wir nur zu gut.

Wenn wir nächstes Jahr in die USA fahren, dann interessiert uns die Welt der einfachen Menschen. Uns interessieren nicht die reichen Rentner in Florida oder Disneyworld. Wir brauchen keinen Grand Canyon-Nationalpark und keine Harley-Träume auf der Route 66. Dorfkneipen, Honky-Tonks und Tanzböden im armen Süden vermitteln einen guten Eindruck über dieses Land. Und die Musik: Folk, Country und Americana als Musik des armen und des anderen Amerika. Country als Musik der Klasse an sich und Folk und Americana als Musik der Klasse für sich. Darum ist jede unserer Reisen durch die USA auch ein bisschen eine politische Bildungsreise.

In den nächsten Wochen wird also recherchiert, Routen geplant, Stationen und Stopps gecheckt. Und die Vorfreude wächst. So kommt man durch den Alltag.

Und hier ein bisschen Musik für unterwegs:

„Things Have Changed“ & „Observations Of A Crow“

4. Oktober 2014
Bob & Marty, Photo Credits: flickr.com, Bob Edwards

Bob & Marty, Photo Credits: flickr.com, Bob Edwards

Vor einiger Zeit hatte ich hier an der Stelle über die Beziehung von Bob Dylan zu Marty Stuart, dem „Spiritus Rector“ der Countrymusik, geschrieben. Ein Aspekt war damals die große Ähnlichkeit von Bobs „Things have Changed“ zu Martys „Observations Of A Crow“. Manche in den Verschwörungstiefen des Internets waren damals schnell an der Hand, Bob des Diebstahls zu bezichtigen.

Marty hat nun dem Online-Magazin „American Songwriter“ erklärt, wie normal so etwas in der Roots Music ist und wie es wirklich war. “Ich lud ihn in mein Lagerhaus ein, damit er all meine Countrymusik-Schätze sehen konnte. Da sagte Bob: „Hey, ich mag diesen ‚Crow-Song‘. Vielleicht leih ich mir von dem Mal was aus“. „Klar, sagte ich, möglicherweise habe ich es ja von Dir zuerst ausgeliehen, mach nur!“

Wo die Musik auf drei Akkorden und den Wurzeln aus Folk, Country und Blues basiert, da kommt es notwendigerweise ständig zum sich aneignen vorhandenen Materials. Songs wandern von Künstler zu Künstler. Stuart schickte eine Zeit lang dem bekannten Nashville-Songwriter Harlan Howard sogar jedes Jahr im Januar 100 Dollar. „Für alles was ich von ihm gestohlen habe. Es war ein ‚Running Joke‘ zwischen uns.“

Und Stuart geht sogar noch weiter: „Die Fülle der Songs, die hier (Nashville) geschrieben wurden und werden. Wie kann man es da vermeiden, immer wieder in die Fußstapfen des anderen zu treten, so wie wir es tun?“

„Love And Theft“ hieß Dylans Album von 2001. Eines der Grundsätze des American Folk ist damit treffend beschrieben. Diebstahl aus Liebe und keiner regt sich auf. Denn ohne dieses Prinzip kann es schlichtweg keine Folkmusik geben. Allzu schnell Empörten sei dies ins Stammbuch geschrieben.

Bob Dylan und Pete Seeger

5. Februar 2014

Leider spät erst komme ich dazu, hier ein paar Zeilen zu Pete Seegers Tod zu schreiben. Auf sein Ableben und seine Bedeutung für die Musik bin ich ja schon an anderer Stele eingegangen. Nun aber noch ein paar Worte zum Verhältnis von Dylan zu Seeger.

Ich denke, beide wussten um die Bedeutung des anderen, auch wenn sie sich künstlerisch so sehr voneinander entfernt hatten. Dylan steht für große Songpoesie, für Doppelbödigkeit und Fiktion, für Perspektivenwechsel, für das Spiel mit Erwartungen und Mythen. Seeger steht für das politisch engagierte Lied, für Authentizität, für den Künstler, der sich mit dem Publikum eins macht. Beide Konzepte sind legitim, sind notwendig und können Großes entstehen lassen.

Allerdings ist Dylan dadurch, dass er die Kanäle und Mechanismen des Musikbusiness nutzt, der mit der größeren Reichweite. Aber er ist auch der in diesem Musikbusiness, der die größte Autonomie und die größten Freiräume besitzt. Weil er sich nie – oder nur ganz selten – den Erwartungen von Plattenfirmen und Publikum beugte. Dylan ist der autonome Freigeist, der den Widerspruchsgeist beflügelt. Seeger war der musikalische Aktivist, der mit den Menschen gegen Unrecht kämpfte.

Beide waren und sind Stachel im Fleisch der Unterhaltungsindustrie. Hört man sich einfach mal die Formatradiosender an: Kein Dylan, kein Seeger weit und breit. Wenn sie gespielt werden, dann in unterirdischen Coverversionen von Peter Maffay oder Chris de Burgh. Denn Dylan und Seeger – so unterschiedlich sie auch sind – im Freigeist und im Widerstand gegen die herrschenden Verhältnisse – bleiben sie, auch wenn sie Teil davon sind, immer auch Sand im Getriebe der Unterhaltungsindustrie.

Und deswegen sind Sie beide auch große Künstler: Weil sie verstören.

Mein kurzer Nachruf auf Country.de:

http://www.country.de/2014/01/28/pete-seeger-ist-tot/

Die Musik in den Filmen der Coen-Brüder

6. Oktober 2013

Premieren-Veranstaltung zu „Inside Llewyn Davis“ im Darmstädter Programmkino Rex am 5. Dezember

inside_llewyn_davis_xlgIn vier der wichtigsten Filmen von Joel und Ethan Coen spielt die Musik eine besondere Rolle. In „The Big Lebowski“ hat T-Bone Burnett einen Soundtrack kreiert, der in steter Interaktion zum Filmgeschehen und dessen Protagonisten steht. Er spiegelt die Person des „Dude“, sein Wesen und die Handlung perfekt wieder.

In „O Brother, Where Art Thou?“ gehen die Drei einen Schritt weiter. Die Musik – hier die Old Time, Blues, Country und Bluegrassmusik – sind Teil der Handlung, weil Sie ein Teil des Mythos des amerikanischen Südens darstellen.

In „Ladykillers“ untermalt Burnett mittels des Soundtracks ein musikalisches Panorama des (gut)-gläubigen schwarzen Südens.

Und in „Inside Llewyn Davis“ geht es um einen Künstler zur Zeit des Folkrevivals im New Yorker Greenwich Village. Dave van Ronk lieferte die Vorlage und der Dylan-Mythos viel an Stimmung für diesen Film. Burnett hat hier einen Soundtrack kreiert, der die damalige Folkmusik von van Ronk und Dylan zusammenbringt mit den heutigen Neo-Folkern wie Marcus Mumford.

Wer mehr über die Beziehung Burnetts zum filmischen Werk der Coen-Brüder erfahren will und was Bob Dylan mit alledem zu tun hat, der sollte am Donnerstag, 5. Dezember, nach Darmstadt ins Programmkino Rex kommen. Das hier nur kurz angeschnittene Thema wird vom Autor dieser Zeilen in einem Vortrag vertieft und die genialen „DoubleDylans“ spielen auf, bevor dann „Inside Llewyn Davis“ gezeigt wird.

Beginn ist 20 Uhr, der Eintritt beträgt 12 Euro, für Schüler und Studenten ermässigt 10 Euro. Karten im Vorverkauf gibt es an allen Darmstädter Kinokassen und unter http://www.kinos-darmstadt.de.