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Die Wiederentdeckung der Hinterwäldler

16. September 2017

Seit ich diesen Blog betreibe habe ich immer mal wieder betont, dass die Küstenstreifen der USA nicht typisch sind für das Land, sondern das weite Land dazwischen. Dass der Mittlere Westen (Heartland) und der Süden sowohl spannend und faszinierend aber auch erschreckend zugleich sein können. Der Süden steht für die Kulturschätze Blues, Jazz, Country, Gospel und Rock’n’Roll, aber auch für Rassismus und Gewalt. Und dort wie auch im ländlichen Raum des Mittleren Westens ist man besonders konservativ, patriotisch, anti-intellektuell und religiös.

Während über lange Jahre die liberalen Küstenautoren wie Ford, Auster oder DeLillo die Helden des amerikanischen Feuilletons waren, sind erst in den letzten Jahren Schriftsteller wie Daniel Woodrell oder Donald Ray Pollock in den Fokus gerückt, die Geschichten aus dem Leben der Hillbillys erzählen. Im Kriminalroman waren und sind es James Lee Burke, Joe R. Lansdale und James Sallis, die ihre Stories in den Bayous, den verödenden Orten und den weiten Landschaften des sogenannten „Fly Over Country“ ansiedeln.

Wer diese Bücher aufmerksam gelesen hat, der las über Gewalt, religiöse Eiferer, Elend in den Trailerparks und die Perspektivlosigkeit ganzer Landstriche. Diese latent vorhandene unheilvolle Melange hat Trump erst möglich gemacht. Nur – die liberalen Eliten der Küstenstreifen haben zu lange die Augen davor verschlossen, haben sich im Gegenteil sogar ein bisschen erhoben über die Hinterwäldler.

Nun, nachdem das Kind in den Brunnen gefallen ist, erscheinen gleich mehrere Bücher, die sich mit den Zuständen dieses Hinterlandes beschäftigen. Auf zwei wollen wir hier kurz Blicken:

Fremd in ihrem Land
Die Soziologin Arlie Russel Hochschild hat den Süden bereist und festgestellt – Achtung: das sind ja ganz nette Menschen! Sorry, scheinbar sind die Bayous von Lousiana weiter entfernt von Berkeley als von Bickenbach. Die Gastfreundschaft, die Höflichkeit und der Humor der Menschen des Südens sind legendär. Und nicht jeder weiße Südstaatler ist ein Rassist. Einmal mit den Menschen reden und man stellt fest, dass sie schon vieles verstanden haben, aber eben die objektiv falschen Schlüsse daraus ziehen. „Fremd in ihrem Land“ ist gerade wegen der Neugier und der Überraschung der Autorin so lesenswert. „Wer ihr Buch liest, versteht die Wähler Trumps, weil sie auf Augenhöhe mit ihnen und nicht über sie spricht“, heißt es in der Rezension der FAZ. Sie arbeitet dadurch heraus, dass diese einfachen, konservativen Menschen ihre Freiheit über ihre Arbeit definieren. Nur wenn sie Arbeit haben, können sie frei und unabhängig vom Establishment in Washington und der mittelmäßigen Bürokratie ihrer Nachbarschaft leben: Heiraten, Kinder kriegen, jagen, fischen, feiern. Dass sie mit der Arbeit bei den Chemo- und Petro-Konzernen, die die größten Arbeitgeber Louisianas sind, und ihrem Votum für Trump mithelfen, ihr Leben, ihre Landschaft und ihre Kultur zu zerstören, bildet eine Zwickmühle, die unentrinnbar scheint und zu einer Ausweglosigkeit führt, die die Menschen im Süden zunehmend depressiv und Teile davon auch aggressiv macht.

Die alte amerikanische Linke hatte Woody Guthrie, der bei den Menschen lebte und für sie Lieder sang. Heute scheinen viele Linke abgekoppelt von der Lebenswirklichkeit der arbeitenden Menschen. Da ist das Buch von Arlie Russel Hochschild eine wichtige Erinnerung: Die Linke muss zu den Menschen gehen!

Hillbilly Elegie
J.D. Vance dagegen ist ein Kind des Rust Belt. Der Rust Belt („Rostgürtel“), früher Manufacturing Belt, ist die älteste und größte Industrieregion der USA und erstreckt sich im Nordosten über mehrere Staaten: Illinois, Indiana, Michigan, Ohio, Pennsylvania, New York und New Jersey, auch West Virginia wird wegen des Bergbaus dazugezählt. Vance erzählt in „Hillbilly Elegie“ die Geschichte seiner Familie und seiner Heimatregion. Hier wurde in den Wohlstandsjahren nach dem Krieg die Arbeiterklasse zur Mittelschicht. Als dann der Niedergang der US-Industrie einsetzte, standen die Leute plötzlich massenweise vor dem Nichts. Armut führt zur Perspektivlosigkeit, führt zu Drogen, zu Apathie, zu Gewalt. Plötzlich ist der amerikanische Traum ausgeträumt. Vom stolzen Arbeiter zum Arbeitslosen, der froh ist sich mit Handlanger-Jobs über Wasser zu halten. Doch da die Demokraten seit Clinton des Spiel des Neoliberalismus mitmachen, sind diese Leute allein gelassen, völlig desparat und eben anfällig für Demagogen wie Trump.

Vance hat seinen individuellen Aus- und Aufstieg aus den prekären Verhältnissen seiner Heimat geschafft. Dass er sie uns in Erinnerung ruft ist löblich. Dass er selber an der Elite-Uni Yale studiert und heute in San Francisco als Investor genau zu dem gesellschaftlichen Establishment gehört, das die Strukturen befördert, die eine Problemlösung für diese Menschen verhindern, ist eigentlich die böse Pointe dieses lesenswerten Buchs.

Es bleibt zu hoffen, dass die amerikanischen Demokraten, die gerade von den Erinnerungen der Wahlverliererin Hillary Clinton gequält werden, sich mehrheitlich zu einer Politik á la Bernie Sanders entschließen. Trump absägen ist das eine, die Ursachen seines Aufstiegs und des irrwitzigen gesellschaftlichen Risses, der quer durch Amerika geht, zu bekämpfen ist das andere, noch Schwierigere. Aber das eine braucht das andere, will man am Traum eines demokratischen und vielfältigen Amerika noch festhalten können.

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Vorfreude auf Cajun-Country

30. März 2010

Cajun Roosters begeistern in Rüsselsheim – Kulturabend unter Folk-Senioren

Cajun Roosters, copyright: Cajun RoostersQuasi als Vorbereitung auf unsere Mississippi-Musik-Rundreise im Herbst haben wir am vergangenen Wochenende ein Konzert der Cajun Roosters besucht. Der Rüsselsheimer Folkverein „Dorflinde“ hatte die führende europäische Cajun-Formation eingeladen und die durften in einem prall gefüllten Festungskeller spielen.

Cajun ist bekanntermaßen die Volksmusik der Franko-Kanadier, die nach dem britisch-französischen Krieg in der Mitte des 18. Jahrhunderts aus der ostkanadischen Region Akadien fliehen mussten. Viele Akadier siedelten sich in Louisiana an. Dieses war damals gerade aus französischem Besitz zu Spanien gekommen, hatte aber den französischen Gouverneur behalten. Gesungen wird altfranzösisch, die Musik ist eigentlich vor allem Tanzmusik, die von Akkordeon und Geigenklängen dominiert wird. Kombiniert mit schwarzen kreolischen und afro-amerikanischen Einflüssen ist das verwandte Zydeco entstanden.

Mit beiden Spielarten warteten die Cajun Roosters im Rüsselsheimer Festungskeller auf, beeindruckten mit ihrer Authenzität, dem Gespür für die Seele der Musik und ihrer Kunstfertigkeit an den Instrumenten. Insbesondere Frontmann und Akkordeonspieler Chris Hall ist für das hohe künstlerische Niveau der Gruppe zuständig. Cajun ist wie schon bemerkt vor allem Tanzmusik und daher in seiner Ursprungsform schwer auf die Konzertform zu übertragen. Zu wenig variantenreich sind oftmals die Melodielinien und die langen Instrumentalstücke machen es einem mitunter nicht eben einfach, dranzubleiben. Beim Tanzabend steht denn auch die Band im Gegensatz zum Konzert nicht im Mittelpunkt, da tanzt man und wenn man nicht mag, dann wird erzählt und getrunken. Das wusste auch Bassist Michael Bentele zu berichten. Doch wenn man trotzdem die Konzertform wählt, sollte man auch entschiedener das Lied in den Mittelpunkt stellen. Songs im Cajun- und Zydecorythmus, das wäre sicher noch besser.

Dennoch: Es war ein sehr schöner und mitreißender Abend – und dann noch Van Morrisons „Precious Time“ als letzte Zugabe! Die Musik bereitete Vorfreude auf Louisiana im kommenden Herbst.

Es war aber auch aus anderen Gründen ein sehr interessanter Abend. Als Mittvierziger senkten wir den Altersdurchschnitt doch erheblich. Denn zu unserer großen Verblüffung waren fast alle Köpfe im Auditorium grau. Die Generation 60 plus war eindeutig in der Mehrheit. Und vom Habitus eindeutig dem linken Spektrum, also dem klassischen Publikum des politischen Folk zuzuordnen. Das war also die Anhängerschaft des Folkclubs „Dorflinde“. Zusammen mit dem Mobiliar des Festungskellers, das wohl aus dem Essensraum einer Altentagesstätte entliehen war, und den hier und da etwas zu volkshochschulmäßig ausufernden Ansagen von Michael Bentele, ergab das zeitweise die Anmutung eines Kulturabends unter Polit-Senioren.

Aber die Stimmung der Alten war gut – die sind eh in vielerlei Hinsicht jünger als die karrieregeilen Mittdreißiger der Generation Westerwelle – das Konzert rief große Begeisterung hervor und am Ende waren wir alle glücklich – vielen Dank an die Cajun Roosters!