Posts Tagged ‘Neo-Folk’

Von der ungebrochenen Lust am Folk-Rock

16. Februar 2013

the-lumineers-the-lumineersVon „La Brass Banda“ zu „The Lumineers“

Das Album des Jahres wurde soeben bei den Grammys geehrt: „Babel“ von Mumford & Sons – ein Folk-Rock-Album. Und neben den Mumfords gibt es noch die Avett Brothers, die Felice Brothers, die Punch Brothers und unsere Freunde, die Carolina Chocolate Drops. Allesamt Leute von Mitte Zwanzig bis um die Dreißig, die eine Musik spielen, die angesichts marketingtechnisch entwickelter und industriell produzierter Plastikmusik vor einigen Jahren höchstens noch belächelt wurde.

Heute ist der anfängliche Trend zu Folk und Folk-Rock stabil. Auch hierzulande hat sich eine Popmusik entwickelt, die wieder an Folk anknüpft und mit ihren Liedern etwas sagen will. So wie ein Wader oder ein Dylan, wir hatten es hier zuletzt gerade davon. Nennen wir Max Prosa, Philipp Poisel oder Dota & die Stadtpiraten. Nennen wir grenzüberschreitend Sophie Hunger. Während aber die Mumfords in USA und UK mehr Platten verkaufen als Justin Bieber und bei entsprechenden Musikevents gefeiert werden, hinkt Deutschland mal wieder hinterher. Während „La Brass Banda Folk“ – nämlich Bayerische Blasmusik – öffnet für Pop, Punk und Ska, und eine Chance gewesen wäre, auf sehr eingängige und originelle Art beim Europäischen Songcontest Zeugnis von dieser Popmusik abzulegen, wird dies von einer ominösen Jury verhindert. Stattdessen also ein Ballermann-tauglicher Stampf-Disco-Brei. Letztendlich hat dieser Wettbewerb auch nichts anders verdient. Wirkliche Kreativität und Kunst entsteht sowieso woanders.

In den USA derzeit scheinbar an jeder Ecke. Gerade hatten wir hier „American Music“ von „The Illegitimate Sons“ als übersehene Platte des Jahres gefeiert, da müssen wir uns eingestehen, auch „The Lumineers“ übersehen zu haben. Die zwei Jungs und das Mädel aus Denver legen stimmigen Folk-Rock vor, der weniger komplex als der der Mumfords erscheint, aber mindestens genauso eingängig. Ihr „Ho-Hey“ ist ein Folk-Feger. Von wegen solche Musik könne keine Laune machen. Und wie viele Ihrer Zeitgenossen, sind diese jungen Musiker sehr traditionsbewusst und wissen, wo diese Musik herkommt. Denn schließlich war es Mr. Bob Dylan, der Mitte der 60er seinen Folk elektrifiziert hat und die damalige Folk-Welt vor den Kopf gestoßen hat. Und noch immer pflegt daher so mancher alte Folker seine Anti-Dylan-Haltung. Dabei geht es bei Folk immer darum, mit einer Haltung, einer Geschichte und einer Aussage, Menschen zu erreichen. Dazu muss der Künstler und sein Werk weder autobiographisch-authentisch gefärbt sein, sondern er sollte lieber kunstvoll komponieren und eindringlich vortragen können. Und wenn nötig, dann eben mit Strom und Schlagzeug.

Und so haben die wunderbaren Lumineers auch immer wieder alte Dylan-Pretiosen oder Songs von „The Band“ im Programm. Songs, die zwar alt sind, aber genauso eine universelle Bedeutung haben wie ein Roman von Thomas Mann oder ein Stück von Brecht oder Shakespeare. Sie spielen „Boots Of Spanish Leather“ genauso wie „Subterranean Homesick Blues“ und „The Weight“.

Hier nun Videos der Lumineers von
„Ho-Hey “ und „Subterranean Homesick Blues“:

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Jen Plater

6. November 2012

Neo-Folk heißt das Zauberwort dieser Tage. Auch hierzulande gibt es junge Musikerinnen und Musiker, die sich dieser Musik verschrieben haben. Jen Plater ist eine davon. Diese interessante Singer- Songwriterin aus Frankfurt möchte ich hier gerne einmal vorstellen.

Zuhause im Kreis der Musikfamilie
Und dann ist es da: Dieses breite Grinsen. Ein deutliches Zeichen dafür, dass Jen Plater da ist, wo es jetzt gerade am Schönsten ist: Auf der Bühne der „Frankfurt Art Bar“. Das Zuhause ihrer musikalischen Familie. Die trifft sich hier regelmäßig donnerstags abends zum Musizieren auf der Open Stage. Und Jen ist heute mal wieder zum Familientreffen gekommen. Anwesend sind erfahrene Recken und junge Talente.

Drei Leben
Jen ist in Magdeburg geboren und groß geworden. Aus einer sportlichen Familie stammend, begann sie sehr früh mit dem Schwimmsport und wurde eine erfolgreiche Jugendschwimmerin. Doch den Schwimmsport gab sie mit sechzehn zugunsten des Fußballs auf. Nachdem sie unterdessen nach Frankfurt gekommen war, endete aber auch diese Sportkarriere abrupt. Eine Verletzung stoppte sie mit 22 Jahren. Der Startschuss für die Musik…

Über Menschen und Situationen erzählen
Jen wäre nicht Jen, wenn ihr ein geregeltes bürgerliches Berufsleben reichen würde. Sie suchte nach neuen Herausforderungen. „Nach dem Sport war da eine Leerstelle“, sagt sie dazu. Jen füllte sie mit Musik. Beziehungen, Liebe und Verlust sind dabei ebenso Themen ihrer Songs wie gesellschaftliche Probleme. „Ich blicke auf die Welt. Auf Menschen, auf Gesellschaft und auf das, was wir tun. Wir lieben oder führen Kriege. Auch über die Ängste davor schreibe und singe ich.“

Wollte sie im Sport Erfolg haben, so sieht sie die Musik als Ventil für anderes: „Meine Musik hat für mich mehr mit Selbstverwirklichung als mit Erfolgsgeilheit zu tun“, stellt sie klar.

Applaus ist wichtig – aber!
Eher ist im Job der Erfolg das Maß der Dinge. In der Musik kommt es auf andere Dinge an: „Applaus ist schön, aber wichtiger ist für mich, das ich mir selbst treu bleibe und zu mir selbst stehen kann“, erklärt sie entschieden. Daher will sie auch weder aufgehübscht produziert, noch massentauglich trainiert oder gecastet werden. Folk ist und bleibt ihre Musik. „Danny Kelly, Daniel Kahn und Mumford & Sons sind meine Vorbilder und der Film „Once“ war wie eine Initialzündung“. Sie findet ihn romantisch und er trifft sich mit ihrem Schwarm für die Iren.

Professionalisierung ist notwendig
Doch bei allem Idealismus, hat sie aber dennoch den Drang voranzukommen, möchte professioneller werden, ihre Musik mehr Menschen bekannt machen. „Wir arbeiten an einer EP, die man großflächiger an Musikredaktionen von Print, Online und Radio schicken kann.“

Eine, die es wirklich schaffen kann
Jen hat wie alle anderen Künstler beim der „Open Stage“ nur drei Songs. Aber in die steckt sie alles. So wie sie bei jedem Auftritt alles gibt. Ob im rappelvollen Ponyhof oder im Kreis der „Familie“ in der „Frankfurt Art Bar“. Am Ende singt sie natürlich ihren Ohrwurm „When Tears Begin To Dry“ Und die Familie singt und klatscht begeistert mit. Denn so mancher alter Musikrecke spürt: „Hier ist eine von uns, eine, die es wirklich schaffen kann!“ Und Jen? Die grinst zufrieden.

Jen Plater: When Tears Begin To Dry

Mehr als ein paar neue Bärte: The Decemberists

30. März 2011

Neo-Folkbands sind schon seit einiger Zeit schwer im Kommen. Mit Bärten und ernsten Weisen verlangen uns Künstler wie „Iron & Wine“ oder „The Low Anthem“ einiges ab. An anderer Stelle auf diesem Blog habe ich schon beschrieben warum ich die „Felice Brothers“ oder Justin Townes Earle“ höher einschätze als die strebsamen Folk-Studenten. Auch hätte ich mir meine Favoriten als Partner bei Dylans Folk-Hommage im Rahmen der Grammy-Verleihung natürlich lieber gewünscht als die steifen britischen Mumford & Sons und die zu vertüftelten Avett Brothers.

Der Neo-Folk der von mir genannten Bands ist zu sehr auf dem Weg zum Kunstlied. Immer nur langsam, sehr oft sphärisch, mit viel Aufwand in Arrangement und Instrumentierung. Da lob ich mir die Instinktmusiker mit „street credibility“ wie eben die Felice Brothers oder Steve Earles Sohn. Packende Themen, nicht nur Nabelschau, Musik die mal langsam, mal schnell aber immer eingängig und –Achtung welch böses Wort! – unterhaltsam ist.

Also war ich auch bei den Decemberists erstmal skeptisch. „Wieder ein paar neue Bärte“, dachte ich und siehe da, der ungläubige Thomas wurde mit „The King Is Dead“ eines besseren belehrt. Der erste Song Don’t Carry I All“ groovt scheppernd und schleppend, der zweite Song Calamity Song rockt und der dritte, „Rise To Me“ erinnert musikalisch an Dylans Lay, Lady , Lay oder „Simple Twist Of Fate“ und so geht es auf dem Album munter weiter.

Die Truppe aus Portland, Oregon hat mir noch einmal die Hoffnung in den Neo-Folk zurückgegeben. Die Indie-Rocker unter britischem Folk-Einfluß sind einfach gute Musiker und haben hier das Americana – Folk, Country, Blues – vortrefflich für ihre Zwecke adaptiert. Hörenswert!