Posts Tagged ‘Rhiannon Giddens’

Mit unbändiger Spielfreude unterwegs auf dem „Freedom Highway“

26. März 2017

Schiere Spielfreude: Rhiannon Giddens in Amsterdam 2017, Photo Credit: Thomas Waldherr


Warum ein musikalisch vielseitiger Americana-Abend mit Rhiannon Giddens auch ein politisches Statement ist/ Rhiannon Giddens präsentiert sich als lockere und temperamentvolle Teamplayerin

Programmatische politische Statements, wie sie sie im Umfeld der Veröffentlichung ihres neuen Album „Freedom Highway“ getroffen, und noch am Tag des Konzerts in Amsterdam am vergangenen Samstag in der Mittagszeit beim einem Kurzauftritt im Musikhaus Concerto geäußert hatte – „nach der Wahl haben wir das Album „Freedom Highway“ genannt“ – unterließ Rhiannon Giddens in der ausverkauften Amstelkerk. Und dennoch: die Songauswahl – Erzählungen über Schicksale von Schwarzen in der Sklavenzeit („Julie“, „Purchasers Options“), Erinnerungen an die rassistische Gewalt in den 1960ern („Birmingham Sunday“) – und die erklärenden Hinführungen zu den Songs sowie die musikalische Breite des Programms – es erklangen Folk, Blues, Country, Gospel und sogar Cajun-Musik – waren eine klare Aussage: Wir alle sind Amerika, wie lassen uns von dieser US-Regierung nicht spalten. In den 1960er und frühen 1970er Jahren, als Bürgerrechtsbewegung, Studentenunruhen und die Auseinandersetzungen um den Vietnamkrieg die Nation polarisierten, war es Johny Cash, der versuchte die Gräben zu überwinden. Heute übernimmt diese Rolle das Americana-Genre und in ihm seine derzeit bedeutendste weibliche Frauenstimme ein – Rhiannon Giddens.

Und die verstand es an diesem Abend wieder einmal das Publikum von Anfang an mitzureißen. Das war Anfang letzten Jahres genauso. Doch war es diesmal eine ganz andere Art von Performance. War das Konzert 2016 ganz auf die Frontfrau zugeschnitten und gab diese eine mitreißende, aber sehr strenge, durchgeplante Performance ab, so konnten die Zuhörer am Samstagabend eine vor Spielfreude und Lust aufs gemeinsame Musizieren mit ihren Kumpanen schier berstende Rhiannon Giddens erleben, die man selten so locker erlebt hat.

Ob es die Anwesenheit von Dirk Powell, ihrem Co-Produzenten von „Freedom Highway“ war – einem mit allen Wassern gewaschenen Multiinstrumentalisten, der mit seiner Präsenz der Frontfrau Halt und die notwendigen Spielräume gab, kann nur vermutet werden, vielleicht hat sich aber auch in der jetzigen Konstellation – neben Powell waren wieder Hubby Jenkins (Gitarre, Banjo, Mandoline) Jason Sypher (Bass) und Jamie Dick (Drums) mit dabei – einfach auch die ideale Band gefunden.

Ein sichtbarer Ausdruck von Rhiannons neuer Lockerheit war, dass es kein spezielles Bühnen-Outfit gab. Mit denselben Alltagsklamotten mit denen sie am Nachmittag gutgelaunt mit der Band an den Grachten entlangschlenderte, stürzte sie sich Hals über Kopf in ein fantastisches, berauschendes Konzert. Ihre faszinierenden Vorträge von Songs wie „Waterboy“, „Spanish Mary“ (vertont nach Lyrics von Bob Dylan), dem Patsy Cline-Hit „She’s Got You“ oder Sister Roseta Tharpes „Music In The Air“ steigert sie oftmals in stakkatohaften Scat-Gesang oder dramatische Lautstärke und Entschlossenheit und erzählt und lebt dabei voller Hingabe in Mimik und Gestik ihre Songs richtig aus.

Ein weiteres Zeugnis, dass Rhiannon Giddens 2017 scheinbar endlich mit sich und in ihrer Musik vollauf zufrieden ist – wir erinnern uns an den Film zu den „New Basement Tapes“, als sie voller Selbstzweifel T Bone Burnett als freundlichen Ratgeber brauchte, um zu ihrer Version der Songs zu finden – war ihre große Fröhlichkeit, die alles andere als routiniert gespielt war. Die Kommunikation mit dem Publikum war herzlich und spontan und auch nach dem Konzert nahm sie sich Zeit für Gespräche mit den Fans.

Rhiannon Giddens: Eine Ausnahmeerscheinung, die noch weiter reifen kann, Photo Credit: Thomas Waldherr

Und wieder einmal fällt uns ein, wie großartig es ist, über Jahre verfolgen zu können, wie ein Künstler oder eine Künstlerin sich entwickelt, reift, eine Form findet und dann wieder verändert. Rhiannon Giddens ist jetzt schon großartig, eine Ausnahmeerscheinung und starke Stimme des „anderen Amerika“. Aber sie ist auch jung genug, um noch tiefer und noch reifer zu werden.

Bessie Smith sang nie in der Ole Opry

27. November 2014

RhiannonRhiannon Giddens steht für eine Neuentdeckung der schwarzen Wurzeln der Countrymusik

Sie ist so etwas wie die schwarze Musikerentdeckung im Amerika dieser Tage: Rhiannon Giddens. Denn sie erinnert an die schwarzen Wurzeln der Countrymusik. Singer-Songwriter, Rock und Countrymusiker sind weiß, Blues- und Soulsänger in der Regel schwarz – bei den Popstars geht’s bunter zu. Die letzte, die das in Frage stellte, war vor gut 25 Jahren die schwarze Folksängerin Tracy Chapman. Sie veröffentlicht zwar heute immer wieder mal was, aber für irgendetwas prägend zu sein, gelang ihr nicht.

Beim großen Konzert rund um die Musik zum Film „Inside Llewyn Davis“, da brachte es Impresario und Produzent T Bone Burnett fertig, nicht nur mit jungen Künstlern den Graben zwischen Folk und Country zuzuschütten, sondern mit dem denkwürdigen Auftritt von Rhiannon Giddens daran zu erinnern, dass schwarze Rootsmusik viel facettenreicher ist als gemeinhin angenommen, und nicht nur Blues und Jazz, sondern eben auch Country und Old Time umfasst. Bevor die Industrie zwecks Vermarktungsmöglichkeit die Musik in weiße und schwarze Musik aufteilte, gab es vielfältige Verbindungen und Befruchtungen zwischen den Genres und zwischen den Musikern unterschiedlicher Hautfarbe.

Und doch gebührt die Ehre des historischen Augenblicks der oftmals als Hort des konservativen Countrymainstreams verschrienen Grand Ole Opry. Als Rhiannon und ihre Mitstreiter der schwarzen Old Time Band „Carolina Chocolate Drops“ 2011 dort erstmals auf der Bühne standen, dann war das im Grunde eine Wiederaneignung. Denn obwohl der schwarze Countrystar Charley Pride 1993 sogar Member der Grand Ole Opry wurde, blieb doch die Entlassung des schwarzen Gründungsmitgliedes und Old Time Musikers DeFord Bailey 1941 so etwas wie der Verlust der Unschuld dieser Institution der ruralen amerikanischen Volksmusik. Es waren die Hochzeiten der Rassentrennung im amerikanischen Süden und das Business meinte, die Countrymusik sollte weiß sein.

Mit dem Auftritt der Carolina Chocolate Drops, die im „Brauchtumspfleger“ und „Spiritus Rector“ der Countrymusik, Marty Stuart, einen gewichtigen Mentor hatte, war eine Art „Wiedergutmachung“ geleistet worden. Endgültig war die schwarze Rückeroberung der Opry dann, als der schwarze Mainstream-Countrysänger Darius Rucker 2012 als Mitglied aufgenommen wurde. Wobei wohlweislich Rucker weder mit Musik noch mit Texten sich vom derzeitigen weißen Nashville-Sound abhebt. Alleine die Stimme lässt – im Gegensatz zu Charley Pride – ahnen, dass hier ein Afro-Amerikaner singt. Das Rucker wiederum seinen größten Erfolg mit der Adaptierung eines alten Hits der weißen Old Time Band „Old Crow Medicine-Show“, „Wagon Wheel“, hatte, die diese zusammen mit dem so manchem US-Countryfreund immer noch suspekten Bob Dylan geschrieben haben, ist dann ein besonders feiner Zug der Ironie.

Doch zurück zu Rhiannon Giddens. Sie steht in diesem Zusammenhang für nicht weniger als die Wiederentdeckung der Frauenfigur in der ruralen schwarzen Volksmusik. Sie erinnert an Bessie Smith oder Billie Holiday, die den Blues singen konnten, weil sie ihn lebten. Bessie kam aus Tennessee, Rhiannon aus North-Carolina. Beide sind Kinder des Südens. Beide sind schwarz. Und doch gibt es einen Unterschied. Während Bessie eine Instinktsängerin war, hat Rhiannon eine klassische Gesangsausbildung erfahren und sich dann der Volksmusik des Südens akademisch angenähert. Und zwar über Old Time Music-Workshops an der Uni. Doch bald hatte sie diese Musik verinnerlicht, sich in sie verliebt, und mit den Carolina Chocolate Drops eine schwarze Country- und Old Time Band gegründet, die für Furore sorgte. Denn die hat neben alten schwarzen Songs genauso auch „Jackson“ von Johnny Cash und June Carter im Programm!

Anfang nächsten Jahres veröffentlicht Rhiannon Giddens nun ihr erstes Solo-Album. Es wird „Tomorrow Is My Turn“ heißen und ist ebenfalls der Ausdruck von Rhiannons Verständnis der amerikanischen Rootsmusic. Denn es enthält Songs von Elizabeth Cotton (Shake Sugaree) und Sister Rosetta Tharpe (Up Above My Head) ebenso wie Werke von Dolly Parton (Don’t Let It Trouble Your Mind) und Hank Cochran (She’s Got You). Man darf gespannt sein auf dieses Album und auf den weiteren Verlauf von Rhiannon Giddens’ Karriere. Das sie erfolgreich sein möge, ist nicht nur ihr persönlich zu wünschen.

Und hier eine besonders schöne Performance von Rhiannon: