Posts Tagged ‘Sinatra’

Zuviel desselben

1. April 2017


Warum mir Bob Dylans neues Album Respekt abnötigt, mich aber nicht begeistert

Als die Nachricht durchsickerte, Dylan würde ein Dreifach-Album mit Songs vom Great American Songbook veröffentlichen, da fand ich unter meinen Dylan-Freunden keinen, der so richtig begeistert war. Ich stellte mir eher die bange Frage „Hoffentlich ist das Lager jetzt leer?“. Denn war „Shadows in the night“ noch originell, so erschien „Fallen Angels“ eher wie eine zähe, nicht notwendige Fortsetzung. Und was ich dann bei „Triplicate“ befürchtete, trat schon beim Hören der Promo-Songauswahl ein: Es schleppt sich dahin, Dylan singt höchst respektabel, die Arrangements sind höchst respektabel, aber die Songauswahl, die Stimmung, die Themen, das Tempo ist immer gleich. So kommen die drei Silberlinge einfach nicht vom Fleck. Selten hat Dylan eine gute Idee so totgeritten.

Das Problem ist nicht, dass der „Vater des Americana“, dessen Musik auf den Roots der ruralen Populärmusik fußt, nun exzessiv den Roots der urbanen Populärmusik, dem „Great American Songbook“ frönt. Nein, er zeigt damit sein tiefes Verständnis für und seine Hingabe an alle Formen der amerikanischen Musik. Sogar zur amerikanischen klassischen Musik gibt es ja über Aaron Copland – jahrelang ließ er vor seinen Konzerten dessen „Fanfare for he common man“ spielen – einen Link.

Apropos „common man“. Im eben erschienenen exklusiven und wieder einmal überraschenden, langen Interview bezeichnet er die Lieder, der er gerade veröffentlicht hat, als Musik für die einfachen Leute. Für sie hat er tatsächlich Empathie. So sehr Bob Dylan seine Privatsphäre schützt und sich zurückzieht vor allzu viel Kontakt, so hat er dennoch eine ganz feste Beziehung zum „common man“. Anfang der 1990er wurde er mal gefragt, wen er besonders schätze. Und statt irgendeines Promi, Literaten oder sonstigen „Wichtigen“, nannte er „den Typ, der gerade mein Auto repariert hat.“ Der scheue Bob Dylan ist wahrscheinlich viel mehr im hier und jetzt geerdet, als so mancher, der ganz professionell das Bad in der Menge sucht.

Doch kommen wir zurück zu „Triplicate“. Das Problem dieser Platte ist die Stimmung der Songs. Und das ist ein grundsätzliches Problem, denn die ist ja von Dylan so gewollt. Dylans Alben mit eigenen Songs zeichnen sich in der Regel auch durch ihre gute Komposition aus. Stimmungen, Themen, Tempi wechseln. Wie im Leben halt. Bestes Beispiel ist hier für mich „Desire“. Nach dem großartig aufwühlenden, mitreißenden, aber auch verstörenden Anfang mit „Hurricane“, geht’s luftig l(s)eicht und locker an den Strand nach „Mozambique“. Dann tritt „Isis“ auf, dann befinden wir uns plötzlich auf der Flucht an der Grenze zu Mexiko und im nächsten Schritt ebenso dramatisch wie bizarr auf einer Südseeinsel, um schließlich mit dem Sänger seine Verflossene zu beweinen. Auf und ab. Lebensfroh, gefährlich, traurig – einfach meisterhaft!

„Triplicate“ ist ebenso wie seine beiden Vorgängeralben eine Reflektion im Alter über Leben, Liebe, Betrug, Verlust und Vergänglichkeit. Melancholie und Sentiment beherrschen die drei Scheiben. Es ist respektabel welche künstlerische Form Dylan für dieses, sein ihm sehr wichtiges Anliegen wählt. Aber für mich, der Dylan seit über 40 Jahren über alle Maßen schätzt und stetig intensiv verfolgt, ist es schwer, diese Platte wirklich zu mögen. Sie nötigt mir Respekt ab. Richtige Freude empfinde ich dagegen für das nächste Konzert. Dann werden diese Songs neben den von ihm ausgewählten eigenen Klassiker stehen und mit diesen als Gesamt-Performance funktionieren. Ansonsten bleibt zu hoffen, dass dies wirklich nicht das letzte Album dieses großartigen Künstlers und genialen Songwriters gewesen ist.

Advertisements

Bob Dylans Traum von Amerika

18. Oktober 2015

Sarbrücken erliegt der Magie eines amerikanischen ideellen musikalischen Gesamtkünstlers

Bob Dylan war schon frühzeitig nicht mehr der Name eines Künstlers sondern ein von Robert Zimmerman erfundenes und von ihm nach seinem Belieben immer wieder neu gestaltetes amerikanischea Kunstwerk.

Der High-School-Rock’n’Roller und abgebrochene Kunststudent Zimmerman traf erst in der Folkszene in Cambridge dann in New York ein, als das Folk-Revival und die kritische Jugendbewegung sich anschickte, den verwässerten Limonaden-Rock wegzuspülen. Dylan war intelligent und saugte alles Mögliche an Musik, Lyrik, Belletristik, historDylanConcert2015ischen Abhandlungen und Dramatik auf, und setzte es in Folk und Bluesmusik um. Später vollzog er immer wieder historische Wendungen und eignete sich die anderen amerikanischen Roots-Musik-Stile an: Rock, Country, Gospel. Und ganz nebenbei erfand er mit „The Band“ im Keller seines Hauses das Americana.

Wenn Bob Dylan dieser Tage – wie nun an einem Herbstabend in Saarbrücken – als 74-jähriger auftritt, dann hat Songs im Gepäck, die von seiner neuesten Wendung künden. Dylan hat sein öffentliches Spektrum nun um das „Great American Songbook“ erweitert. Er hat die Grenzen der ruralen amerikanischen Volksmusik verlassen und sich dem Urban-Pop der 30er und 40er Jahre zugewandt: Cole Porter, Frank Sinatra, Bing Crosby. Seine aktuelle Tournee ist quasi der Showroom von Dylans endgültiger Metamorphose zum amerikanischen ideellen musikalischen Gesamtkünstler.

Bob Dylan croont mit großer Lässigkeit, aber dennoch voller Engagement und Hingabe diese Songs. Er streut sie in sein Programm so ein, dass Sie zusammen mit den Songs seines bedeutenden Alterswerkes „Tempest“ das Gerüst und Rückgrat seines derzeitigen Konzertformats bilden. Und so springt er von Folk zu Blues zu Country zu Swing und zurück. Hier und da ein bisschen Bluegrass und Rock’n’Roll – und fertig ist Mr. Dylans musikalische amerikanische Klanglandschaft.

Das Bühnenbild und die Mitmusiker inszenieren die Erinnerung an die dunklen Jazzclubs der amerikanischen Großstädte in den 1940ern. An diesem Abend in Saarbrücken konterkariert Dylan dies, indem er einen schmucken Cowboy-Showanzug trägt. Auch hier ist wieder klar. der alte Dylan überlässt nichts mehr dem Zufall, alles ist detailliert geplant.

So auch die Setlist, die unverändert durch Europas Hallen wandert. Inhaltlich ist Dylans Alterswerk auch als Performer auf die wesentlichen Themen fokussiert: Zeit, Liebe, Tod. Alle dargebotenen Songs variieren dies: „Things Have Changed“ und „Long And Wasted Years“, „She Belongs To Me“ und „I’m A Fool To Love You“, „Highwater Everywhere“ und „Scarlett Town“, „Tangled Up In Blue“ und „Why Try To Change Me Now“, „Autumn Leaves“ und „Love Sick“.

Dylan wirkt dabei so beseelt und ist gut bei Stimme wie selten. Auch physisch wirkt er stabiler als beispielsweise noch vor zwei Jahren. Er steht öfters ausgiebig in der Mitte der Bühne und setzt sich seltener an den Flügel. Scheint wieder besser auf den Beinen zu seinen derzeit. So entsteht ein unterhaltsames, abwechslungsreiches musikalisch hervorragendes Konzert, das nur mit einem ganz großen Hitklassiker auskommt und gerade deswegen die Größe dieses Künstlers abbildet. Denn mit diesem Programm begeistert er die Leute mit großer Leichtigkeit.

So detailliert Dylan aber an seiner Performance arbeitet, umso großzügiger versteht er sich nur noch als Meister des großen Wurfs. Mit den großen Alltagsproblemen unserer Welt beschäftigt er sich vordergründig nicht. Wer aber genau hinhört, weiß um die Botschaften, die dieser Künstler dennoch im Subtext sendet. Dylans Amerika ist das ideelle Amerika als Freiheits- und Glücksversprechen. Neu und verstärkt begründet in der Zeit, aus der auch seine neuen Lieder stammen und in der auch Dylan geboren wurde: In den USA der 1930er und 1940er Jahre, als Roosevelts New Deal vielen Amerikanern endlich die Hoffnung gab, wirklich am Reichtum des Landes partizipieren zu können. Dass dies heute weiter denn je entfernt ist von der amerikanischen Realität, ist Dylan bewusst, und so hat er schon vor Jahren Wasser in den Wein gegossen, als er nicht in den großen Obama-Hype miteinstimmte und vor allzu großen Erwartungen warnte. Die Entwicklung hat ihm Recht gegeben.

Und dennoch singt Dylan gegen Ende ein ganz aufgeräumtes, fast schon fröhlich klingendes „Blowin‘ In The Wind“. Denn irgendwo ganz versteckt, glaubt er wohl immer noch an seinen amerikanischen Traum.